Jonathan Ive, der Design-Magier der schönen Technik
Purer Luxus ist das Design der Apple-Geräte fürs Auge. Aber Luxus, der einerseits immer eine Funktion und andererseits seit Jahren einen Namen hat: Jonathan Ive ist der mit Auszeichnungen überschüttete Chefdesigner des Computer-Herstellers.
Woran erkennt man ein erfolgreiches Produkt? Ganz einfach: Daran, dass es viele zu kopieren versuchen. Von daher ist das iPhone von Apple ein Riesenhit: Handys mit schwarzer Frontplatte und grossem Bildschirm, wenigen Knöpfen und abgerundeten Kanten gibt’s heute schon fast jedem Hersteller. Und man mag vom iPhone halten, was man will – Design und Bedienung sind vorbildhaft und über kurz oder lang dürften die meisten Handys ähnlich aufgebaut sein. Doch für Jonathan Ive, Senior Vice President of Industrial Design beim kalifornischen Computer-, Musikplayer und Telefonhersteller Apple, ist das ganz und gar nichts Aussergewöhnliches: «Unsere Designs versuchen einfach, gute Produkte zu schaffen.» Dass er genau dies im letzten Jahrzehnt wieder und wieder geschafft hat, verschaffte ihm – unter anderem – die Ehre, bei der Präsentation des iPhone den «ersten» offiziellen Anruf seines Chefs, Apple-Migründer Steve Jobs engegenzunehmen.
Doch vielleicht ist ja alles ganz anders – das Telefon von Apple verkauft sich gar nicht wegen dem bahnbrechenden neuen Design wie warme Weggli, sondern weil es einfach technisch überragend, ausserordentlich benutzerfreudig und trendig ist.
Das mag zwar durchaus sein – aber selbst dann hat die Design-Abteilung des Computer-Herstellers Entscheidendes zum Erfolg beigetragen. Denn Jonathan Ive, der Chef der kleinen Designabteilung betont immer wieder: «Nein, Design ist bei uns keine Frage des Marketings. Wir sind von Anfang bei der Entwicklung mit dabei, auch wenn’s drum geht, welches Problem überhaupt gelöst werden, welches Produkt für wen entstehen soll.»
Apple: Mit kleinem Marktanteil,
aber treuer Kundschaft
Mit diesem Ansatz ist Apple gut gefahren: Seit dem iMac im Jahr 1997 hat der damals schon totgesagte Konzern mehrere neue Produktlinien für unterschiedliche Zielpublikumssegmente erfolgreich lanciert – und vor allem überlebt als bunter Vogel in der Computer-Welt: Jenseits des Betriebssystem Windows des Quasi-Monopolisten Microsoft – schneidet sich Apple ein zwar kleines, aber feines Stück vom PC-Markt ab. Nur gerade 4 bis 5 Prozent der verkauften Computer tragen das Apfel-Logo, diese stehen aber bei vielen Kreativen und bei immer mehr Leistungsbewussten, die eine hohe Markentreue haben. Kein anderer PC spielt in mehr Filmen und Serien mit. Dabei ist das schwarze Uralt-Powerbook von Carrie Bradshaw in «Sex and the city» nur die Spitze des Eisbergs: In über 2000 Kinofilmen und TV-Shows spielten Apple-Computer schon eine Rolle. Von diesem häufig kostenlosen Productplacement – meist «will der Regisseur einfach einen Mac», erklärt die bei Apple dafür zuständige Suzanne Forlenza – profitiert das Unternehmen ganz direkt: Neben den Profi-Lösungen sind vor allem die Privatanwender als Käufer von iMac, iBook oder iPod (einem handlichen Musikspeicher für unterwegs) wichtig – und die sind wiederum das Publikum von Serien und Spielfilmen.
Die Verschmelzung von Design, Material und Funktion schon in der Produktentwicklung hat sich aber auch für Jonathan Ive ausgezahlt. Kaum ein Designpreis weltweit, den er nicht schon gewonnen hätte, von der Medaille der «Royal Society of Arts», über den Gold Award der «British Design and Art Direction» bis zum «Designer of the Year», verliehen durch das renommierte Londoner Design Museum. Für «Time» gehört er zur «Cyber Elite», die Preise der «Industrial Designers Society of America» holt er sich regelmässig, kein Produkt aus dem Hause Apple, das in den vergangenen zehn Jahren nicht mindestens eine grössere Design-Auszeichnung erhalten hätte. Ach ja, und 2006 wurde ihm von Elizabeth II. der Titel «Commander of the Most Excellent Order of the British Empire˚ verliehen.
Das sah völlig anders aus, als Jonathan Ive nach Cupertino in der Nähe von San Francisco kam. Gut zwölf Jahre ist das her, der Londoner Ive war damals mit 23 ziemlich frisch von dem Kunstgewerbe-Polytechnikum in Newcastle abgegangen und arbeitete als Berater für die Design-Factory Tangerine, welche er gemeinsam mit Freunden gegründet hatte. Tangerine designte querbeetein, was gerade gewünscht wurde: von Waschbecken über Duschtassen und Mikrowellenöfen bis zu Videorecordern. Zuerst als Berater, ab Ende 1992 angestellt entwarf Ive die ersten Produkte für Apple – im Museum of Modern Arts findet sich etwa sein «Jugendwerk», der Apple Newton 130, ein elektronischer Organizer à la Palm oder PocketPC, aber lange, bevor für solche Spielereien ein genügend grosser Markt bestand.
Als Steve Jobs zurückkam, begann
für Apple eine neue (Design-)Area
Doch die Stunde des Jonathan Ive schlug im Jahr 1997, als der Apple-Gründer Steve Jobs ins Unternehmen zurück kam, nachdem gleich drei Top-Manager nacheinander kläglich versagt hatten und die Firma am Boden lag. Jobs hatte eine Idee im Handgepäck, eine Idee, die in unzähligen Gesprächen mit dem unterdessen zum Vice President und Chefdesigner aufgestiegenen Ive Formen annahm. Entstanden ist ein Denkmal des Computer-Zeitalters, der bonbonbunte iMac. «Eigentlich war ja alles ganz einfach: Wir bauten einen All-in-one-Computer um eine formbestimmende Komponente herum auf, um den Röhrenbildschirm», erinnert sich Jonathan Ive heute. Der Weg zum fertigen Produkt war aber «extrem schwierig – der iMac war sehr klein, man musste alle Komponenten integrieren und miniaturisieren». Die Abkehr von der «grauen Box» zu einem PC, der zwar einerseits leistungsmässig an der Spitze war, andererseits aber auch den Konsumenten schlicht gefiel, setzte Zeichen – und brachte Apple 1998 mit 2 Millionen verkauften iMacs im ersten Jahr zurück ins Geschäft.
Jahr für Jahr folgten seitdem Produkte mit neuen Ideen, neuen Technologien und immer klarerer Zuordnung zu einzelnen Kundensegmenten und Märkten: mit drei G3- und G4-Profi-Arbeiststations-Linien (zuerst grün, dann blaugrau und dann silbern), zwei Profi-Laptop-Linien mit Powerbooks aus Titanium und Flugzeugaluminium, mit den iBooks zwei Homeuser-Laptop-Linien (zuerst bunt und ausladend, danach edel weiss und minimal klein) und schliesslich der iMac der zweiten Generation, der laut Jonathan Ive «eher noch mehr Konzessionen an den Nutzer macht als der Ur-iMac». Abgerundet wird die Palette gegen oben durch den XServe, einen Rack-Server-Computer und in der Klasse der «Unter-Tisch-PC» hat Ive im Jahr 2002 mit einem damals G5 genannten Aluminium-Koloss Geschichte geschrieben – diesmla allerdings für den Profi-Markt, wie Jonathan Ive erklärt: «Man kann den G5 nicht mit dem iMac vergleichen – der G5 ist ein äusserst kraftvolles Werkzeug für Professionals, der iMac ein Tool für Konsumenten.» Dutzende neuer Ansätze steckten im G5: Ventilatoren, die nicht über Kabel, sondern von Gleitschienen mit Strom versorgt werden, damit sich Arbeitsspeicher ohne Steckergefummel erweitern lässt, eine in die Gehäusetür eingelassene Kunststoffabdeckung, um das Gerät auch ohne Gehäusetür zu betreiben, vorbereitete Fassungen für zusätzliche Harddisks – und nichts zuviel: «Wir wollten alles weglassen, was nicht unbedingt wichtig ist – das macht es einfacher in der Produktion und einfacher in der Bedienung», erklärt Ive, «denn nicht die Reduktion, die Simplifizierung ist unsere Ziel, sondern ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Material.» Und das Material hat es in sich: Das ganze Gehäuse ist ein einziges Stück Aluminium, «hochwertiges Aluminium, ein schönes Material, das nicht angemalt, weiterverarbeitet, beschichtet werden muss», wie Ive betont. Der Aufwand hat sich gelohnt, denn obwohl das Gerät unterdessen in MacPro umgetauft wurde, findet das Design nach wie vor Anwendung – und Nachahmer.
Doch neben wuchtigen Computern findet in den letzten Jahren der Siegeszug von Apple vor allem mit ultrakleiner Musikspielern und jetzt mit einem Telefon statt. Entsprechend gefordert ist denn auch das kleine Team, das Ive um sich geschart hat, mit Designspezialisten aus der ganzen Welt, Japaner, Australier, Italiener sind dabei – immerhin müssen sich die Produkte ja auch weltweit verkaufen und sollten überall ankommen. Zwar hat Ive durchaus die Erfahrung gemacht, dass Design nicht global ist: «In meiner Zeit als Berater war ich für eine japanische Konsumgüterfirma tätig, die mich beauftragt hat, weil sie einen‚ europäischen Stil’ wollte.» Dennoch denkt er, dass dies in seiner Branche für sein Team kaum eine grosse
Bedeutung hat: «Unsere Designs versuchen, gute Produkte schaffen zu helfen – und das kommt in jedem Land an.»
Weg vom «Versace des Computers», hin zum «Querdenker»
Wenn Jonathan Ive 1998, nach der Markteinführung des iMac den Übernahmen «der Versace der Computer» erhielt, so dürfte heute – nach den Aluminium-Powerbooks, dem glatten, kleinen iPod und vor allem dem iPhone ein anderer Vergleich aus dem Modebereich anstehen. Jil Sander? Wohl eher Sir Paul Smith, der auch die Laudatio bei der Verleihung des «Designer of the Year» hielt und für seine schlichte, aber pfiffige Herrenmode bekannt ist. Smith lobte Ive denn auch ausgiebig: «Sein Design hat Millionen von Menschen berührt und den Arbeitsplatz verändert. Er entwarf einmal eine Computermaus beim Beobachten eines Wassertropfens – das ist echtes Querdenken.»
Dabei ist es Jonathan Ive doch eigentlich peinlich, über sich selbst zu reden. Immer wird das Team vorgeschoben. Auch, wenn man ihn fragt, was denn die Wandlung vom flippigen iMac- zum ultra-sachlichen iPhone-Design ausgelöst habe. Die härteren wirtschaftlichen Zeiten? Das fortgeschrittenere Alter (des Chefdesigners, der Company)? Nein, sagt er: «Wir sind als Team schon so lange zusammen und haben immer mehr Erfahrung – wir haben schlicht und einfach dazugelernt.»
Vom Plastik-Ei zum schlanken Aluminium-Brett
Mit der zweiten Generation mutierte der iMac vier Jahre später zur «Lampe», erstmals mit einem Flachbildschirm, der mit einem Gelenkarm an der halbkugelförmigen Computereinheit befestigt war, originell zwar, aber ziemlich gewöhnungsbedürftig; viele Apple-Geeks liessen sich aber vom Spott der Mit-Bürobewohner nicht davon abhalten, dass der flexible Bildschirm das Nonplusultra sei.
Zum echten All-in-one-Computer mutierte der 2006 iMac mit der dritten Generation, als der iMac zum ersten Mal als «Bildschirm mit integriertem Computer daher kam, mit sämtlichen Anschlüssen auf der Rückseite und dem DVD-Laufwerk als Schlitz auf der Geräteseite. Ein echter, platzsparender Bürocomputer, der sich rasch in Architekturbüros, Arztpraxen und Universitäten verbreitete.
Nach fünf Jahren ganz in weiss änderte sich mit der vierten Generation zwar die Farbe, aber die Figur nur minimal: Ein flacheres Gehäuse aus gebürstetem Aluminium und ein gespiegelter Bildschirm sorgen für ein seriöses Image.
Vom spielerischen zum Business-PC in zehn Jahren – die Geschichte des iMac zeigt auch das Marktanteils-Wachstum von Apple auf: Während vor der Jahrtausendwende dieser Anteil sowohl in den USA wie auch etwa in der Schweiz bei mageren 3 bis 4 Prozent lag, sind es heute bereits 8 bis 10 Prozent.
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