Jaguar: Eine Legende mit Zukunftspotential
Jaguar ist schon längst nicht mehr in britischem Besitz – jetzt wurde die Marke unter indische Fittiche genommen. Doch wer sagt denn, dass Inder nicht die Briten der Zukunft sind? Ob X, XJ, XK oder XF – die Jaguar der Neuzeit sind jedenfalls alle «very british».
Die britische Rennfahrerlegende Stirling Moss wusste es genau: «Das erste Auto im Leben vergisst man ebenso wenig wie die erste Frau.» Und wenn das erste Auto denn ein Mark II war – Jahrgang 1959, britischgrün, tonnenschwer, mit knapp 150 000 Kilometern auf dem Tacho für zwei Monatslöhne als Junglehrer erstanden –, dann, ja dann verschwimmen die Erinnerungen zu einem wunderbaren sanften Mix von Gerüchen nach Leder, Holz, Schmieröl und Lackpolitur, vom Gefühl des Schwebens entlang der Corniche, von offenen Fenstern und wehenden Frauenhaaren. Und man fuhr einen Jaguar wie Steve McQueen, das Auto der Stars, was spielte es da für eine Rolle, dass die Benzinrechnung höher als die Wohnungsmiete war? Hauptsache, man fühlte sich «very british», die Nase ein bisschen hoch, ganz cool und nichts und niemand konnte einem was
Unterdessen ist alles ein bisschen anders – nicht unbedingt beim eigenen Lebensgefühl, dafür aber bei Jaguar. Die Marke verlor Ende der neunziger Jahre die Selbständigkeit und wurde verkauft, ausgerechnet an den amerikanischen Massenproduzenten Ford. Schlimmer konnte es ja nicht kommen. Oder doch? Denn letztes Jahr reichte Ford Jaguar (zusammen mit LandRover) weiter an die indische Tata – genau, das ist jenes gigantische Mischgebilde, das neben Stahl, Pigmenten, Tee und Lokomotiven auch Autos produziert, darunter für 1700 Euro auch den Tata Nano, das billigste Auto der Welt.
Der Tata-Gründer hat den Briten schon einmal eine Lektion erteilt
Aber ist das wirklich so schlimm? Schliesslich benehmen sich im realen Leben die Kolonialisierten nicht selten besser als die Kolonialisten. Und das heutige Fish-and-Chips-England scheint als Traditionswahrer nicht weniger geeignet als das aufstrebende, neugierige, fleissige Indien, für das die Marke Tata steht wie kaum eine andere. Ein schönes Müsterchen zeigt, dass die Tatas schon immer ein wenig britischer waren als die Briten selbst: Firmengründer Jamsetji Tata wurde einst aus dem Watson’s Hotel in Bombay (heute Mumbai) gewiesen mit der Begründung dieses sei nur «British Citiziens» vorbehalten – was dieser zum Anlass nahm, mit dem «Taj Mahal» das luxuriöseste und grösste Hotel mit 582 Zimmern und 49 Suiten zu bauen. Im klassischen Kolonialstil selbstverständlich und offen für Gäste aller Nationalitäten. Das «Taj Mahal» gibt‘s heute noch und es gilt als eines der besten Asiens, das «Watson‘s» hingegen ist schon lange geschlossen, das Gebäude verlor vor ein paar Jahren eine ganze Fassade, die beim Zusammenstürzen ein Todesopfer forderte.
Das Bild ist symptomatisch: statt bröckelnde Fassaden florierende Geschäfte – so gesehen könnten die indischen Besitzer für Jaguar ein Segen sein. Tatsächlich erhielt die erste Neuentwicklung seit dem Besitzerwechsel von vielen Auto-Kritikern das Prädikat «very british», kein Wunder, zeichnete der (britische) Chefdesigner Ian Callum dem XF ein gleichzeitig elegantes und wuchtiges Kleid; mit knapp fünf Metern Länge, kraftvollen Motoren, viel Platz im Innern, Walnussholz-Armaturenbrett und Ziernähten an den Lederpolstern kommt fast so etwas wie britische Club-Atmosphäre auf.
Damit steht der Name Jaguar in der Automobilwelt weiterhin für britische Eleganz – wie schon seit über 80 Jahren: Limousinen, Coupés und Cabrios mit dem Signet der Raubkatze verkörpern in gleicher Weise Ästhetik wie Dynamik. Zeitloses, sinnliches Design mit hochwertiger Technik, stilvollem Luxus und einem kultivierten Fahrerlebnis prägen die Marke, deren Geschichte bis ins Jahr 1922 zurückreicht, als William Lyons und William Walmsley in Blackpool die «Swallow Sidecar Company» gründeten. Zunächst beschäftigten sich die Jaguar Pioniere allerdings noch mit anderen Vehikeln: Sie produzierten Motorrad-Seitenwagen. Sechs Jahre später, mit dem Umzug zum heutigen Sitz Coventry, begann der Aufstieg des Unternehmens zum weltweit anerkannten Hersteller britischer Luxusautos. Als erstes eigenes Produkt rollte 1931 der Sportwagen SS I aus den Fabrikhallen.
Nachdem 1935 der Name Jaguar für die Modelle eingeführt worden war, erschien ein Jahr später die erste Legende: der zweisitzige Sportwagen Jaguar SS 100 mit einer für die damalige Zeit sensationellen Höchstgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern. Mit Kriegsende 1945 wurde der Firmenname den Modellbezeichnungen angepasst – das SS war durch die Schutzstaffel der Nazis zu stark belastet – und das Unternehmen hiess nun offiziell Jaguar Cars Ltd. Während zunächst noch weiter Vorkriegsmodelle von den Bändern liefen, feierten 1949 zwei völlig neue Baureihen ihre Premiere: die leistungsstarke Limousine Mark V und der Zweisitzer XK 120, der wohl modernste und schnellste Wagen seiner Zeit, revolutionär im Design und das erste Jaguar Modell mit dem XK-Doppelnockenwellen-Motor – bis 1987 das wichtigste Jaguar Triebwerk.
Mit den verschiedenen Sportwagenmodellen der XK-Reihe und luxuriösen Limousinen war der Boden für den wachsenden weltweiten Erfolg des britischen Herstellers bereitet. Jaguar entwickelte sich zu einem der grössten Exporteure der britischen Industrie, ganz besonders auf dem nordamerikanischen Markt. Zudem wurde Jaguar in den USA zum «car of the stars», zum bevorzugten Auto der Hollywoodstars: Clark Gable, Tony Curtis und Frank Sinatra – um nur einige zu nennen – avancierten zu begeisterten Jaguar Fahrern.
Stars fühlten und fühlen sich zu Jaguar immer hingezogen – männliche Stars wie McQueen mit seinem XK SS von 1957, sanfte Stars wie Heinz Rühmann mit seinem MK I (aus dem Film «Die drei von der Tankstelle»), schwule Stars wie Elton mit einem XJ 220 und einem E-Type.
Zahllose Erfolge im Motorsport, beispielsweise bei den 24-Stunden-Rennen von Le Mans und Daytona oder in der Sportwagen-Weltmeisterschaft, trugen ihren Teil zum einzigartigen Ruf von Jaguar bei. Erstmals überfuhr bereits 1951 ein C-TYPE auf Basis des XK 120 als Sieger in Le Mans die Ziellinie.
Der rote Jaguar E von Jerry Cotton ist ein Denkmal für Generationen
Endgültig in der Weltspitze etablierte sich Jaguar 1961 mit der Präsentation des E-Type auf dem Genfer Autosalon. Wie nur wenige Modelle in der Automobilgeschichte faszinierte der rassige Sportwagen vom ersten Tag an Publikum und Fachleute gleichermassen. Der rote Jaguar-E wurde literarisch neben der Smith & Wesson 38‘ zum Markenzeichen des FBI-Agenten Jerry Cotton – in über 2500 Romanfolgen. Und obwohl seine Produktion bereits 1974 auslief, wird der E-Type noch heute von vielen Menschen automatisch mit der Marke Jaguar gleichgesetzt. Seine Position als Ikone des Automobilbaus dokumentierte 1996 auch das «Museum of Modern Art» in New York, das den E-Type in Cabrioausführung als nur eines von drei Modellen in seine Dauerausstellung aufnahm.
In den folgenden Jahrzehnten bereicherte Jaguar den Weltmarkt immer wieder mit wegweisenden und unvergleichlichen Baureihen. Zum Beispiel mit der XJ-Serie, die 1968 erstmals vorgestellt wurde und in ihrer aktuellen, mittlerweile siebten Modellgeneration nachdrücklich den Anspruch als ultimative Luxuslimousine aus dem Hause Jaguar unterstreicht. Heute sind denn auch neben dem neuen XF noch drei weitere Modelllinien vorhanden: Die X-Type, das kleinste heute angebotene Modelle und das einzige, das auch als Kombi geliefert wird, wurde gerade eben völlig überarbeitet und auf mehr Sportlichkeit getrimmt. Die XJ-Reihe ist die klassische Jaguar-Luxuslimousine, die das eigentliche Flaggschiff der Marke darstellt. Der Jaguar XR und XRK setzt die Tradition der grossen Jaguar-Sportwagen fort – der einzige Jaguar, der heute auch als Cabrio erhältlich ist.
Für alle jene, die sich das echt britische Fahrgefühl leisten wollen (und können) ist also gesorgt – die Legende lebt weiter. Ob indisch oder amerikanisch: Hauptsache «very british»
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