Warum Männer nicht zuhören können
Wir kennen es spätestens seit unserer ersten «echten» Beziehung: Frauen reden, Männer hören nicht zu. Das liegt aber nicht (nur) am schlechten Willen. Erläuterungen zur ganz speziellen Geschlechter-Phänomenologie.
Das wird jetzt ein bisschen hart, Männer. Natürlich gibt es einige Dinge, die wir gut können und besser als Frauen. Drachen bauen etwa, einparken sowieso, wir können besser kleine Junges sein, kochen und Kriege führen, wobei man sich bei den Kriegen nicht so sicher sein kann. Erfahrene Männer wissen es; das brutalste Säugetier war schon immer die Frau.
Es gibt aber auf der andern Seite Dinge, die Männer ein bisschen schlechter beherrschen: Kindern Haarzöpfe flechten, Geschenke einpacken, Beziehungsgespräche führen. Frauen behaupten auch, dass Männer Kriege anzetteln, wenn ihnen die Sprache ausgeht. Und da ist was dran. Männern geht tatsächlich schneller die Sprache aus als Frauen, und das hat einen simplen Grund. Männer haben weniger Worte.
Vor ein paar Jahren bemass die Wissenschaft das tägliche Wortvolumen einer Frau auf 20 000 Worte, das des Mannes auf 7000. 20 000 Worte ergeben, wenn man eine normale Portion Schlaf abzieht, alle zweieinhalb Sekunden ein Wort. Das ist viel. Jüngste Forschungen haben jedoch gezeigt, dass das Verhältnis nicht so frappant ist. Es steht offenbar 17 000 zu 15 000 für die Frauen. Einige Männer behaupten, das Wortemehr der Frauen rühre daher, dass sie sich öfter widersprechen und rechtfertigen, was den Worteüberschuss schlüssig erklären würde.
Im Grunde genommen spielt es keine Rolle, dass Frauen mehr Worte zur Verfügung haben als Männer, weil Männer sowieso nicht wirklich zuhören, wenn Frauen sprechen. Jetzt kommt die gute Nachricht für Männer. Wir können nichts dafür, dass wir nicht zuhören können. Das ist wie mit der Schwerkraft, die ist auch einfach da. Neurologen der Universität Sheffield haben unlängst in einem Versuch dargelegt, dass es die weibliche Stimme ist, die dem Mann nach einer gewissen Zeit das Zuhören verunmöglicht. Es wird ihm einfach zu anstrengend.
Der Punkt ist, dass die weibliche Stimme höher und musikalischer ist und deswegen in einer grösseren Bandbreite als bei Männerstimmen akkustische Wellen aussendet. Nun ist diese Flut an Tönen, wenn man so will, für das Hirn allgemein und für das männliche im Speziellen schwerer zu entziffern. Das Entziffern wiederum fordert eine stärkere Hirnaktivität, diese wiederum führt zur Ermüdung, was letztlich im Weghören oder Nichtzuhören mündet. Die männliche Stimme auf der andern Seite ist von ihrer Struktur her viel einfacher. Darin liegt auch der Grund, dass halluzinierende Frauen meist auch männliche Stimmen hören. Das Hirn sucht sich den einfachsten Weg. Die Kurzfassung lautet also: Die weibliche Stimme ist zu kompliziert für das Männerhirn, und die Männerstimme ist einfacher strukturiert, was eigentlich bedeuten sollte, dass Frauen Männer zumindest neurologisch gesehen einfacher verstehen sollten, was aber leider auch nur selten der Fall ist.
Was passiert eigentlich, wenn Frauen
mit Frauen reden?
Zugegeben, die Studie, die letzten August publiziert wurde, hat ein paar Schwächen. Sie gibt keine Auskunft darüber, was passiert, wenn zwei Frauen miteinander sprechen. Der Logik zufolge sollten sie sich gegenseitig schnell ermüden, aber das ist bekanntlich nicht der Fall, was jeder Mann schon erlebt hat, wenn beispielsweise die beste Freundin der Frau am Telefon ist. Wahrscheinlich halten Frauen das durch, weil akkustische Reize in ihrem Hirn nicht nur wie beim Mann an Nervenknoten andocken, sondern diese mit Fasern verbinden, was unzweifelhaft die Kommunikation fördert und offenbar das Ermüden verhindert.
Das männliche Hirn ist beim Zuhören lediglich in der Lage, das Hör- und Sprechzentrum der linken Hirnhälfte zu aktivieren. Frauen dagegen schalten zusätzlich Regionen der rechten Hirnhälfte ein, die für Musik und räumliche Bezüge verantwortlich sind. Deswegen entwickeln Frauen mehr Fantasie beim Zuhören. Das ist eine gute Nachricht und eine beängstigende zugleich. Durch die Phantasie wird das, was der Mann tatsächlich sagt, vielleicht etwas unterhaltsamer, spritziger, geistig anregender. Auf der andern Seite muss man sich aber fragen, ob Frauen auch hören, was der Mann tatsächlich sagt, oder ob ihnen jeweils die Phantasie durchgeht. Dafür sprechen würde, dass Frauen sich jeweils ganz anders an ein Gespräch erinnern und oft behaupten, man hätte dies und das gesagt, obwohl das gar nicht zutrifft. Männer übrigens konzentrieren sich beim Zuhören auf das Wesentliche, was einen aber auch nicht wirklich weiter bringt. Denn wie kann das männliche Hirn in den Sturmfluten weiblicher Wortkaskaden das Wesentliche herausfiltern?
Männer prüfen alles Gehörte, ob
es wirklich neu sei
Das männliche Unvermögen, Frauen auf Dauer zuzuhören, hat noch eine andere Ursache. Männerhirne speichern Informationen zuerst im Kurzzeitspeicher ab. Von da werden sie runtergereicht in tiefere Hirnregionen, wo die Neuronen, die grauen Zellen, die neu eingetroffene Information – etwa «Schatz, wenn Du nicht so wärst, wie Du bist, könnte ich Dich richtig lieben» – bewertet werden, verglichen und assoziiert. Verglichen mit schon vorhandener Information – etwa «Schatz, Du verstehst mich nicht» –, und läuft der Vergleich darauf hinaus, dass das Hirn denkt, das hab ich doch schon unzählige Male gehört, das muss ich nicht mehr verarbeiten oder speichern oder mir antun, legt das Hirn die Information in den neurologischen Papierkorb. Und das wars. Ende der Hirnaktivität, Ende der Kommunikation.
Kommt hinzu, dass beim Mann von heute, die Hirnaktivität durch den täglichen Überlebenskampf da draussen auf dem Schlachtfeld des Business immer mehr Niederlagen kassiert, und Misserfolge reduzieren die Hirnaktivität, weil das Hirn den Mann nicht mit ein paar Hormonen belohnt und ihn wieder weniger schlapp-gebeugt durchs Leben gehen lässt. In diesem Zusammenhang wird eine altbekannte These leicht erklärt. Dass nämlich Sex immer eine gute Basis für ein Gespräch und im weitern Sinne auch fürs Zuhören sei. Weil Belohnungen sexueller Art die Hirnaktivität des Mannes in Schwung bringen.
Hormone setzen das Hirn in Gang –
auch wenns nicht so scheint
Hormone sind unendlich wichtig für die Fähigkeit des Zuhörens. Nicht nur die zehn Milliarden Nervenzellen im Hirn und die Neuronen, die kleinsten Einheiten des menschlichen Hirns, die an sich gerne Netzwerke bauen. Nein, der Hormonhaushalt beeinflusst unsere kognitiven Leistungen. Hormonschwankungen sind da ein heikles Thema, vor allem für Frauen in der Phase der Menstruation. Hier kommt es zu einem Paradoxon, das für einen Mann nur schwer zu begreifen ist. Ist die Frau menstruativ aktiv entsprechen ihre kognitiven Leistungen der eines Mannes. Am. 22 Tag ihres Zyklus’ hingegen, der Lutealphase, hormonisch ist da alles auf dem Höhepunkt, kann ein Leistungsabfall diagnostiziert werden.
Das Paradoxon liegt darin, dass Hormone das Hirn grundsätzlich in Gang setzen, während jetzt behauptet wird, sie täten das Gegenteil, zumindest bei Frauen. Die Lösung liegt wahrscheinlich darin, dass die quirrlenden Hormone Sexualhormone sind, die sich nur in ein entsprechend befriedigendes, die Hirnaktivität stimulierendes Hormon transformieren, wenn sie ausgelebt werden. Das heisst, dass das Anhäufen von Sexualhormonen ohne gleichzeitigen realen Sex, ohne praktische Umsetzung also, das Hirn veranlasst, nicht mehr ganz so fit zu sein.
Mehr weibliche Sexualhormone
würden Männern zuhören helfen
Was dem Mann beim Zuhören wirklich helfen würde, ausser Konzentration und vielleicht eine ausgewogene Portion Alkohol, ist, wissenschaftlich gesehen, eine Geschlechtsumwandlung. Die nach der Operation zugeführten weiblichen Sexualhormone, Östrogene, würden zwangsläufig zu mehr Sprachkompetenz führen. Jedoch zulasten seiner Raumkognitionen. Das heisst, er könnte dann wohl nicht mehr so gut einparken. Das Ganze geht natürlich auch umgekehrt, wird die Frau operativ zum Mann und schluckt sie danach Testosteronpillen, kann sie plötzlich einparken, aber nicht mehr so gut zuhören.
Nun taucht die Frage aus, was es für die Frau bedeutet, dass der Mann per se gar nicht wirklich zuhören kann.
Die beste Antwort, die eine kleine Umfrage im weiblichen Freundeskreis ergab war: «Dann schreib ich ihm halt alles auf.»
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