Kretek

Kretek: Die kleinen Schwestern der Cigarren

Nelkenzigaretten sind ein Stück indonesischer Kulturgeschichte – aber in Europa werden sie gerade jetzt mehr und mehr entdeckt. Djarum ist der grösste Anbieter dieser ganz speziellen Zigaretten.

Text: Peter Tscharner

Tabak kann in vielen Formen genossen werden – als Kau- oder Schnupftabak, kalt, warm oder heiss geraucht, in der Wasserpfeife, am häufigsten als Zigarette mit und ohne Filter, gewickelt in Tabakblätter, in Papier. Und selbstverständlich als Cigarillo und als Cigarre. Das Verhältnis von uns Cigarrenrauchern zu Zigaretten ist etwas ambivalent: Einerseits wird Raucher heute von Gesundheitsaposteln gerne mit Raucher in einen Topf geworfen, was uns eine gewisse ­Solidarität abringt. Andererseits rümpfen wir die Nase über Raucher, die mehr Papier und chemische Zusatzstoffe als Tabak verbrennen, die ein Bedürfnis befriedigen statt zu geniessen. Viele der grossen Namen der Cigarrenbranche wie etwa Tabakguru Juan Clemente geben freimütig zu, dass sie über die ­Zigarette zur Cigarre gefunden haben, Winston Churchill hasste zwar Virginia-Zigaretten (und nebenbei: verabscheute Pfeifenrauch), Packungen ägyptischer oder türkischer Zigaretten hingegen sahen Besucher in seinen Häusern oft herumliegen.
Irgendwo zwischen den Welten – ganz ähnlich wie kräftigen türkischen und ägypischen Zigaretten oder die indischen Bidis – findet sich ein auch für ­Cigarrenraucher interessanter Genuss: die Nelkenzigarette. Sie wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts, nur ein paar Jahrzehnte nach der Entwicklung der «gewöhnlichen» Papier-Zigarette, in Indonesien erfunden. Hier, in der Stadt Kudus in Zentraljava, mischte sich um 1880 herum ein Mann namens Haddschi Jahmari regelmässig eine Nelkensalbe und rieb sie auf die Brust ein um sein Asthma zu bekämpfen. Unterdessen weiss man, dass das Phenolderivat Eugenol, welches Gewürznelken enthalten, zumindest bei der Nelkensalbe eine lindernde und betäubende Wirkung hat, Nelkenkauen als Hausmittel gegen Zahnschmerzen waren auch bei uns früher gängig. Viel ist über Herrn Jahmari nicht bekannt, immerhin muss er ziemlich weitgereist sein – der Titel «Haddschi» bezeichnet einen Muslim, der die Pilgerreise nach Mekka und Medina auf der arabischen Halbinsel auf sich genommen hat. Clever jedenfalls scheint er gewesen zu sein, denn er kam bald schon auf die Idee, was äusserlich wirksam sei, müsse auch innerlich die Beschwerden lindern. Gesagt, getan, der Haddschi mahlte Nelken und mischte sie mit Tabak zu einer Zigarette. Die Geschichte will es, dass Haddschi Jamahris Brustschmerzen daraufhin verschwanden – und sich die Sache schnell in Kudus herumsprach.

«Kretek» ist ein lautmalerischer Name für die knisternden Zigaretten
Schnell fand sich auch ein Name für die neuen Zigaretten: Die geschrotteten Nelken ergaben beim Abbrand ein knisterndes Geräusch; danach wurden die Nelkenzigaretten «Kretek» genannt. Zwar scheint Haddschi Jamahri durchaus geschäftstüchtig gewesen zu sein, jedenfalls vermarktete er sein Produkt in Kudus un Umgebung kräftig. Doch die wirtschaftliche Situation verhinderte eine weitere Ausbreitung der Kretek bis nach dem Zweiten Weltkrieg, als Indonesien von den Niederlanden unabhängig wurde.

Kretek

1951 nahm der Geschäftsmann Oei Wie Gwan die Sache an die Hand und gründete das Unternehmen Djarum – mit 70 Mitarbeitern, die von Hand tagein tagaus Kretek rollten. Nach der Einführung von Zigaretten-Rollautomaten anfangs der 70-er Jahren, wuchs Djarum zum Grossunternehmen: 86 000 Mitarbeiter in Kudus produzieren heute rund 60 Milliarden Kreteks pro Jahr. Die Nelkenzigarren halten in Indonesien einen Marktanteil von 92 Prozent, den Rest teilen sich die sogenannten «weissen Zigaretten» – und Indonesien ist mit einer Viertelmilliarde Menschen immerhin das viertgrösste Land der Welt nach China, Indien und der USA.

Als «Clove Cigarettes» sind die Nelkenzigaretten in den USA ein Hit
Doch die Kretek haben sich längst schon über Indonesien hinaus verbreitet, zunächst in der näheren Umgebung, in Malaysia oder Brunei, später in ganz Südostasien, in Australien, Japan, Südafrika, Süd- und Nordamerika. Und immer war Djarum, das Unternehmen aus der Nelkenzigarren-Heimat Kudus, ganz vorne mit dabei. In den USA etwa, heute ausserhalb Asiens der grösste Kretek-Markt, machen die «Clove Cigarettes» von Djarum einen Marktanteil von 95 Prozent der Kretek aus.

Ein fruchtiges Aroma und ein leicht
süsslicher Rauch sind typisch
Natürlich ist Kretek heute nicht mehr gleich Kretek, unterschiedlichste Variationen sind auf dem Markt, mit und ohne Filter, mit braunem oder schwarzem Umwickelpapier, als Light-Version mit reduziertem Teer- und Nikotingehalt, die eigens für den amerikanischen Markt entwickelt wurde. Und Djarum entwickelte auch ein Cigarillo mit der Nelken-Tabakmischung. Doch eines ist all diesen Varianten gemeinsam: Nicht künstliche Aromastoffe, sondern handverlesene Nelken von den Gewürzinseln Indonesiens werden mit bis zu 30 hochwertigen, lokalen und importierten Tabaksorten nach alter Tradition gemischt. Man spürt den Unterschied zur gewöhnlichen Zigarette, ein leicht süsslicher, tropischer Geschmack ist dem Rauch eigen und das fruchtige, exotische Aroma der sorgfältig geschroteten Gewürznelken erfüllt den Gaumen – mehr Raucherlebnis als mit gewöhnlichen Zigaretten.
Hier ist denn auch die Parallele zur Cigarre zu finden: Eine Kretek sollte nicht hektisch, sondern mit asiatischer Ruhe genossen werden, man geniesst bewusst und entspannt. Schon nach dem ersten Zug verbreitet sich der geheimnisvolle Duft im Raum. Ebenso wie eine Cigarre reagiert auch eine Kretek äusserst sensibel: Wenn man sie nicht bewusst raucht, brennen sie nur unregelmässig ab oder gehen aus – das liegt neben dem Nelkenanteil vor allem an der weitgehenden Naturbelassenheit des Tabaks, Abbrandregulatoren oder Feuchthaltemittel wie sie in normalen Zigaretten üblich sind, fehlen in den Kreteks.

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