Calabash – die Pfeife aus dem Kürbis
Calabash-Pfeifen sind dicke Dinger. Deshalb werden die imposanten Pfeifen aus Afrika gern als kolossale Exoten belächelt und wie blosse Sammlerstücke behandelt. Völlig zu Unrecht, wie der Kenner weiss.
Er hat es nie getan. Ehrenwort! Jedenfalls gibt es keine Zeugen. Trotzdem glauben sogar in kriminalistischen Kreisen viele, er hätte. Von wegen in dubio pro reo: Sherlock Holmes wird immer wieder mit jener ebenso mächtigen wie kuriosen Pfeife dargestellt – der Calabash! Dabei findet sich nirgendwo im Werk seines geistigen Schöpfers Sir Arthur Conan Doyle auch nur der kleinste Hinweis darauf, dass Holmes eine jener auffälligen Pfeifen besessen hätte.
Bei der Calabash weist nicht nur die prächtige Erscheinung, sondern allein schon der Name in exotische Regionen. Und tatsächlich stammt sie aus dem tropischen Teil des schwarzen Kontinents. Hierher hat diese prächtige Pfeife auch ihren etwas orientalisch klingenden Namen. Eine Calabash lädt ein zum Träumen von fernen Ländern und Abenteuern, während man gemütlich im Ohrensessel schmaucht.
Technisch gesehen gehört die Calabash (auch Kalabasch) zu den Luftkammerpfeifen und erinnert mit ihrer fülligen S-Form und dem trichterförmigen Kopf an ein Saxophon. Für den üppigen Korpus dieser exotischen Pfeife benötigt man eine besondere Sorte der Flaschenkürbisse (Lagenaria vulgaris), auch Kalebasse genannt, die im südlichen Afrika beheimatet ist.
Die harten Schalen der Flaschenkürbisse wurden schon in prähistorischer Zeit als Gefässe verwendet. Auch hat man seit je aus Kalebassen geraucht, allerdings nicht immer Tabak, den erst Araber und Europäer nach Afrika brachten. Die Ur-Calabashs wurden hierzu mit Einsätzen aus Ton oder Stein versehen, damit die Glut den Pfeifenkörper nicht zerstört.
Bereits im 15. Jahrhundert dürften die europäischen Einwanderer mit diesen Grosspfeifen Bekanntschaft gemacht haben, was aber keinen bleibenden Eindruck auf deren Rauchgewohnheiten machte. Erst durch den Burenkrieg (1899–1902) kamen die Kalebassenpfeifen zu einer weiteren Verbreitung. Es gibt das Gerücht, dass die weissen Kolonialherren erst aus purer Kriegsnot (genauer: dem Mangel an Bruyère-Pfeifen) auf die Idee kamen, es den Ureinwohnern gleich zu tun und deren Pfeifen ernsthaft auszuprobieren. Der Genuss der damaligen Modelle muss schon so aussergewöhnlich gewesen sein, dass man gern an der Calabash festhielt, als man endlich wieder über Bruyère-Pfeifen verfügte. So gelangten die afrikanischen Pfeifen im Seesack britischer Soldaten (oder vielleicht eher im Handgepäck der Offiziere) nach Europa.
Die Calabash als Kolonialpfeife der gehobenen Klassen
Einmal in Europa angekommen, wurde die Calabash gründlich modifiziert: Man verwendete die von den europäischen Pfeifen her bekannten Mundstücke, setzte Verbindungsstücke aus Silber, Holz oder Horn zum Schutz des zerbrechlichen Kürbis ein und benutzte statt Ton als feuerfestem Einsatz edlen Meerschaum. So wurde die Calabash zu der Kolonialpfeife der Upper Class und trat ihren Siegeszug durch die Rauchsalons und Kaminzimmer an. Bis heute gilt die Calabash als Königin der Pfeifen, und sie zu rauchen ist immer noch ein besonderes Ereignis.
Die ersten europäischen Hersteller von Calabash-Pfeifen begannen ab 1903 mit einer nennenswerten Produktion. Die kelchförmigen Pfeifen werden auch heute noch im Wesentlichen wie damals gefertigt, etwa in Wien bei Robert Strambach. Eine Serienproduktion im strengen Sinne gibt es bei Calabash-Pfeifen nicht, denn die Kalebassen werden speziell gezogen und während des Wachstums durch Gärtnerkunst entsprechend geformt. Nur wenn die reife Frucht eine passende Form aufweist und kein Schädlingsbefall die Schale ruiniert hat, kommt sie nach der Ernte in die engere Wahl für den Pfeifenbau. Entsprechend der Unterschiede des Rohstoffs gibt es mehrere Qualitätsstufen. Hier gilt wie bei Bruyère-Pfeifen die alte Faustregel, je heller, desto teurer, da an einem hellen Kalebassenkörper mögliche Fehler leichter zu entdecken sind als an einem tiefbraun gefärbten Gehäuse. Klassisch ist ein honigfarbener Ton des Korpus, der die natürliche Struktur der Kalebasse noch durchscheinen lässt und zum bernsteinfarbenen Mundstück besonders gut passt.
Nach der Ernte der Kalebassen werden deren Enden abgesägt und die Flaschenkürbisse in grossen Bottichen mehrere Stunden gekocht. So wird die ledrige Aussenhaut und das Fruchtfleisch von der Schale gelöst. Die gründlich gereinigte Schale wird nun getrocknet, was sich unproblematischer anhört, als es ist: Bei zu grosser Trockenheit reisst die Schale, bei zu viel Feuchtigkeit schimmelt die Kalebasse. Viel Sachverstand, Können und ein glückliches Händchen gehören also zum Kalebassenzüchten und Verarbeiten der Kürbisfrüchte. Kein Wunder, dass trotz aller Mühen fehlerfreie Kalebassen ausgesprochen selten und damit teuer sind.
Zu Beginn des eigentlichen Fertigungsprozesses einer Calabash-Pfeife wird die ausgehärtete Schale der Kalebasse geschliffen, je nach Qualitätsstufe gefärbt, poliert und zugerichtet. Kleine Mängel werden mit Pinsel und Farbe behoben. Ein Mundstück wird angepasst und ein Korkring als Halterung für den Meerschaumeinsatz eingesetzt. Jeder Meerschaumeinsatz muss entsprechend dem Kalebassendurchmesser einzeln angefertigt und eingepasst werden. Zum Abschluss wird alles sorgfältig poliert und der Meerschaumkopf in die Pfeife eingesetzt. So gekrönt kommt die Calabash in den Handel.
Die Calabash bietet eine bestechende Kombination aus vielen Vorteilen. Erster Pluspunkt: Der Meerschaumeinsatz leistet alles, was man auch von der weissen Göttin erwartet, vorausgesetzt der Einsatz ist tatsächlich aus echtem Meerschaum (Blockmeerschaum) und nicht aus billigem Pressmeerschaum.
Die grosse «Kühlkammer» sorgt für ein milderes Raucherlebnis
Der zweite grosse Pluspunkt der Calabash-Pfeife liegt in der grossen Verwirbelungskammer der Kalebasse. Der ganze Pfeifenkörper ist eine «Kühlkammer», in der sich das Kondensat niederschlägt und der Rauch angenehm temperiert und getrocknet wird. Dadurch schmeckt ein geläufiger Tabak aus einer Calabash anders als gewohnt. Er wirkt schwächer, milder, entrückter, irgendwie ätherischer. Dies wissen insbesondere Anfänger zu schätzen. Aber auch gestandene Piperos mögen die Calabash als Pfeife für kräftige, gehaltvolle und hoch aromatische Pfeifentabake, bei denen man sonst k.o. gehen würde. Seit kurzem sind Calabash-Pfeifen sogar mit Filter erhältlich. Auch wenn das manchen wundern mag, ist die Viel-Teer-Frage immer Ansichtssache.
Das Rauchen einer Calabash als ein Akt der Selbstkrönung
Der grösste Pluspunkt dieser Wunderpfeife liegt jedoch in ihren auffallend gutmütigen Raucheigenschaften. Eine Calabash raucht sich kühl und angenehm, sie schmeckt mild, schont die Zunge, zieht leicht und liegt trotz ihrer Grösse angenehm in der Hand. So ist sie eine Pfeife mit hohem Spassfaktor für Anfänger und Fortgeschrittene. Sie gewährt einen wahrhaft königlichen Genuss und manche behaupten gar, dass das Rauchen einer Calabash ein Akt der Selbstkrönung sei.
Zugegeben, Calabash-Pfeifen haben auch hier und da Nachteile. Dass ein solch stattliches Rauchgerät etwas unhandlich ist, kann als geschenkt gelten. Sie ist eine reine Handpfeife, die man nicht längere Zeit zwischen die Zähne geklemmt raucht. Eine Calabash verlangt darüber hinaus vom Raucher Musse und Sorgfalt, also nichts, was man in der angesagten Cocktailbar hätte. Ausserdem ist sie empfindlich, was Stoss, Kratzer und Feuchtigkeit anbelangt. Damit ist eine Calabash definitiv keine geeignete Begleiterin für den Stadtbummel oder die Spritztour im Cabrio. Und, ja, eine derart imposante Pfeife ist nichts für schüchterne Menschen. Mit so einem Alphorn kann man gar nicht anders als auffallen. Dabei sieht sie ehrlich gesagt nicht gerade cool aus, eher etwas old fashioned.
Trotzdem hat gerade die üppige Calabash-Form viele Freunde und das nicht nur unter pensionierten Englischlehrern. So werden häufig Bruyère-Pfeifen in dieser typisch schwungvollen Form hergestellt, manche sogar mit einem Meerschaumeinsatz. Allerdings sind die Bruyèreschwestern verkleinerte Formen des Originals, die zwar unempfindlicher sind, denen aber meist die grosse Verwirbelungskammer fehlt. Dem hat der niederländische Pfeifenhersteller Hilson nun mit seiner Bruyère-Calabash Tan Abhilfe geschaffen. Eine hübsche Pfeife, die jedoch etwas klein ausfällt.
Mit einer originalen Calabash hält man tatsächlich ein Pfeifenjuwel in Händen. Zurecht wird vom Kenner ihr Lobpreis hymnisch gesungen, und, um es mit Lichtenberg zu sagen, man muss sie einfach haben: Wer zwei Paar Hosen hat, mache eines zu Geld, um sich so eine Pfeife anzuschaffen! Die Calabash scheint tatsächlich nur auf den ersten Blick etwas für den vernarrten Pfeifensammler zu sein, denn wer einmal diese vermeintliche exotische Trophäe geraucht hat, kann gar nicht verstehen, warum man diese Pfeifen nicht viel öfter sieht. Liegt’s vielleicht am Preis?
Zugegeben, sie sind nicht gerade billig, aber mehr als eine gehobene Mittelklassepfeife kostet eine einfache Calabash meist nicht. Allerdings sollte man unbedingt darauf achten, ein stabiles Transportetui zur Pfeife zu erhalten. Es muss, ähnlich wie bei Meerschaumpfeifen, speziell angepasst sein und ist zum Schutz der Pfeife unerlässlich.
Eine Calabash verlangt pfleglichen Umgang – nichts für Grobiane
Dass Calabash-Pfeifen Exoten sind, merkt man nicht nur beim Rauchen, sondern auch beim Reinigen. Hierzu wird die Pfeife vorsichtig auseinander- genommen. Nie sollte man mit Pfeifenreinigern darin herumstochern. Leicht könnte dadurch das Innere des empfindlichen Korpus verletzt werden. Eine beschädigte Pfeife kann selten repariert werden. Ersatz ist in den meisten Fällen nicht möglich, da jeder Kürbis immer etwas anders wächst. In der Regel ist dann eine neue Pfeife fällig.
Der konische Meerschaumeinsatz der Calabash lässt sich aus dem eng anliegenden Korkring mit etwas Fingerspitzengefühl herausdrehen, dabei darf man nicht zu kräftig drehen oder verkanten. Das wäre der beste Weg, die Halterung auszuleiern oder gar auszubrechen. Der Einsatz selbst kann nun mit Pfeifenreinigern und einem weichen Lappen gesäubert werden. Hier ist wie mit Meerschaumpfeifen üblich zu verfahren. Das Mundstück ist heutzutage aus Acryl beziehungsweise «Kunstbernstein». Es kann wie gewohnt entfernt und gereinigt werden. Calabash-Mundstücke haben häufig einen sehr engen und stark gebogenen Rauchkanal, was die Reinigung etwas schwierig macht. Echte Bernsteinmundstücke sind übrigens absolute historische Raritäten.
Auf jeden Fall muss die zerlegte Pfeife nach dem Rauchen längere Zeit lüften und gut trocknen können. Hin und wieder, so alle 15 bis 20 Füllungen, wird eine gründliche Reinigung empfohlen: Von aussen mit einem weichen Tuch und von innen mit kräftigem Alkohol. Man zerlegt die Pfeife, befüllt den Korpus zu einem Drittel mit etwas möglichst Hochprozentigem aus der Minibar und schwenkt das Ganze vorsichtig. Es sollte nichts nach aussen kommen, und auch der Korkring oben im Pfeifenkopf darf nicht feucht werden. Deshalb giesst man nach einigen Minuten in Richtung Mundstück (das noch nicht wieder eingesetzt wurde) aus. Vor dem Zusammenbau muss die Pfeife gründlich bei Zimmertemperatur trocknen. Den empfindlichen Korkring kann man mit Wachs pflegen, indem man einen Kerzenstummel vorsichtig darüberreibt.
Wie Sherlock Holmes zu seiner Calabash kam: ein Theater-Kniff
Bleibt noch ein letztes Calabash-Geheimnis zu lüften. Wie kam Sherlock Holmes in den Verdacht, ein Anhänger dieser exotischen Pfeife zu sein? Alles fing 1893 im Royal Court Theatre in London und nicht in der Baker Street 221 B an. Als Charles Brookfield erstmals die erfolgreiche Romanfigur des Sherlock Holmes auf die Bühne brachte, benötigte er ein besonderes Erkennungszeichen für den Meister der Deduktion. Im Strand-Magazin, dem ursprünglichen Erscheinungsort der Krimis, gab es bereits durch die Illustrationen von Sidney Paget eine gewisse Holmes-Ikonographie: Die hagere Gestalt, der Deerstalker, Holmes’ seltsame Kopfbedeckung, viel Tweed, der Reisemantel mit Pelerine und eben die Pfeife als ständige Begleiterin waren die Markenzeichen des Detektivs. Doch auf der Bühne musste man den Helden eines textlastigen Kriminalstücks (unter der Uhr, ein Ausstattungsstück in einem Akt) auch noch in der letzten Reihe des Theaters auf Anhieb erkennen können. So griff ein findiger Requisiteur zur allergrössten Pfeife, die er nur auftreiben konnte. Einer Calabash. Seither weiss Holmes die Königin der afrikanischen Pfeifen zu schätzen.
Ausgabe 1/2009
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