Budapest

Budapest: Zwischen Melancholie und Euphorie

Budapest hat sich von der kommunistischen zur kapitalistischen Metropole gewandelt – mit viel Porno und neureichen Geschmacklosigkeiten. Und mit Stimmungen, die schlicht unvergleichlich sind.

Michael Bahnert

Tipps zu Budapest

Hotels

Four Seasons
Lage hübsch, Hotel viereckig, aber luxuriös. Der übliche 4-Seasons-Standard.
Doppelzimmer ab 200 Euro.
Roosevelt Ter 5–6, Tel. +36 1 268 6000, www.fourseasons.com/de/budapest

Boscolo
Unten das Café New York, oben das Hotel New York Palace. Gut gemachtes Design-Hotel
mit luxuriösem Anspruch und Wellnessoase. Doppelzimmer ab 170 Euro.
Erzsebet Krt. 9–11, Tel. +36 1 8012700, www.boscolohotels.com
 
Gellert
Geschichtsträchtiges 4-Sterne-Haus auf der Buda-Seite der Stadt. Herrliches Bad.
Doppelzimmer zwischen 130 und 300 Euro.
Szent Gellert Ter 1, Tel. +36 1 889 5500, www.danubishotel.com,
gellert.reservation@danubishotel.com

Restaurants
Karpatia
Bisschen kitschig, aber hübsch. Eines der ältesten Restaurants der Stadt. Nicht gerade billig.
Ferenciek tere 7–8, www.karpatia.hu

Gundel
Schick, schick. Zählte in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu den exklusivsten Restaurants in Europa. Sie arbeiten daran. Allatkerti ut 2, www.gundel.hu

Margit kert
Traditionsreiches Haus, solide, heimische Speisen, voller Ungarn, mit leidenschaftlicher Lifekapelle, die nicht nervt. Margit utca 15, www.margitkert.com

Hemingway
Arnold Schwarzenegger war da und ein paar andere Bigshots auch. Neues Restaurant,
hübsch gemacht, solide Drinks, was es mit Hemingway zu tun haben soll, bleibt schleierhaft.
Kosztolanyi Deszo ter 2, www.hemingway-etterem.hu

Bars
Bar Domby
Gilt als eine der besten Cocktailbars der Stadt. New York Style mit Goldglitter.
Eher schick als casual. Anke köz 3, www.bar-domby.hu

A38
Nightclub auf einem Schiff. Geben sich Mühe, hip zu sein, das gelingt manchmal.
Nahe der Petöfi Brücke. www.a38.hu

Szoda
Man kann es Funky Café Bar nennen. 1970er Retrostyle, die Leute auch. Doofe Security.
Wesselenyi utca 18

Nützliche Links
www.budapest-service.de
www.budapestinfo.hu/de
www.budapest.hu

Das erste Mal Budapest ist lange her. Damals hatten die Strassen noch sozialistische Namen wie «Lenin Körut», die Autos waren klein, schmutzig und laut und die ungarischen Intellektuellen waren entweder frustriert, dass der Sozia­lismus ausgedient hatte oder voller ­Hoffnung auf eine Freiheit mit demokratischer Gesinnung. Ein paar Jahre später wurde die Lenin Körut zur Erz­sebet Körut, aber sonst blieb eine Zeit lang noch alles beim selben.
Drei Jahrzehnte Gulasch-Kommunismus hatten der Stadt zugesetzt. All die alte Jugendstil-Pracht zerbröckelte an vielen Stellen unwiederbringlich, die Stadt war grau wie eine Schneewolke und voller Armut. An den belebten Stationen der Strassenbahnen warteten abgewirtschaftete Männer auf achtlos weggeworfene Kippen, die sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit auflasen und gierig an ihnen zogen. In den Cafés sassen ernsthafte Ungarn und wollten über Kapitalismus sprechen und den Sinn des Lebens, bis es Zeit war, Barackpalinka, ungarischen Pfirsichschnaps, zu trinken, der stark ist und ein wenig süsslich und so, wie das Leben niemals sein wird, und nach ein Dutzend Gläsern fingen die Ungarn an zu singen. Meistens die Nationalhymne. Es gibt kaum ein Volk Europas, bei dem trübste Melancholie und die Sehnsucht nach Euphorie ein so seltsames Nebeneinander führen.
An der Erzsebet Körut liegt das Café New York-Hungaria, deshalb ging man immer wieder in diese breite Strasse, in der einst viele Sexshops waren, gut und günstig, aber heute sind dort Boutiquen, Cafés und Apotheken. Das New York ist immer noch eine Institution, und es bleibt das älteste Kaffeehaus der Stadt, 1894 eröffnete es, war Heimat von Künstlern, Journalisten, Schauspielern, Hochstaplern und Dandies. Den zweiten Weltkrieg überlebte es nicht, danach wurde es ein bisschen wiederher­gstellt und 2006 komplett restauriert. Heute ist es ein Ding voller Kitsch, Deckenmalereien und Flatscreens an den Wänden. Man geht einmal hin auf der Suche nach Atmosphäre, und dann geht man nie mehr hin. Es hat keine Seele mehr.
Budapest, die Metropole mit fast zwei Millionen Einwohnern an der Donau, die die Stadt in Buda und Pest zerschneidet, macht es einem nicht leicht. Es gibt Momente, etwa bei Sonnenuntergang, wenn man am Donauufer sitzt und auf die Budaseite guckt, den Gellertberg hoch, wo die Burg steht, wenn die Lichter angehen und auf dem Wasser der Donau das Wunder tanzender goldener Splitter passiert, dann möchte man nie mehr weg. Auf der andern Seite will man permanent unverzüglich die Stadt verlassen, weil man in diesem Gemisch von aufgemotztem Alt und daruntergemischtem Neu kaum einen Platz für sich findet. Dauernd wandelt man zwischen dieser Melancholie und Euphorie.

Das ist ein bisschen das Problem, dass die Plutokratie hier keinen Stil hat
Etwa in der Bar des Hyatt-Hotels am Donauufer. Die Bar ist o.k., ein netter Ort, um über das Leben nachzudenken, die Zeit ein wenig vorbeiziehen zu lassen und die Hektik der Stadt abzuschütteln. Nur sind da etwas unangenehme Gäste, Neureiche eben. Ein paar Ungarn in Business-Anzügen sind gerade am Feiern. Haben eine Flasche Single Malt bestellt, O Ban, kostet ein paar hundert Euro. Dazu haben sie Coca Cola bestellt, und nun mixen sie kräftig, die Ignoranten. Das ist ein bisschen das Problem in Budapest – dass die Plutokratie hier keinen Stil hat. Aber das ist ein osteuropäisches Phänomen, das sich in Moskau zu einer perversen Climax hochschraubt.
Natürlich feiern ein paar Nutten mit. Prostitution ist in Budapest ein grosses Thema, manche nennen die Stadt auch Budaporn. Das Prostitutionswesen hat noch etwas von Gulasch-Kommunismus. Seit ein paar Jahren ist das älteste Gewerbe der Welt zwar legalisiert, aber der Bürgermeister verbietet Bordelle. Also sind die rund 500 Bordelle illegal, und die schätzungsweise 90 000 Prostituierten der Stadt irgendwie auch. Das Geschäft mit der Liebe läuft in den Hotelbars, wo die Damen geduldet sind, oder via Escort-Service, für den mehr Werbung gemacht wird als beispielsweise für die Oper. Unlängst ergab eine europaweite Studie, dass die Stundenpreise in Budapest die günstigsten sind: Sechsundsechzigeuroachtzig.
Es ist wie immer. Die Schnäppchenpreise locken nicht wenige in die Stadt, das bringt Umsatz, denn wer wegen Schäferstündchen in die Stadt kommt, trinkt auch tüchtig, nimmt Taxis und hat Hunger. Andererseits verdirbt der Ruf als Europas Sündenbabel ein wenig das Image, das Budapest anstrebt: Eine Stadt der Kultur, des Geistes, der schönen Dinge und des feinen Lebens zu sein. Ein Ort, an dem sich Geschichte mit Modernität kongenial umarmt. Und so weiter.

Budapest hat alles, was es für eine Metropole braucht – jetzt auch Smog
Budapest hat natürlich alles, eine Prachtstrasse mit Pradaboutique, hat die Andrassy ut mit der Oper – Andrassy, der Graf, der Nationalheld, war jener, bei dem man nie wusste, ob er jetzt mit Sissi, der ungarophilen österreichischen Kaiserin ein Techtelmechtel hatte oder sie bloss aus politischen Gründen hofierte –, hat die Vaci utca, wo die Konditorei Gerbeaud ist, und die, zumindest im ersten Teil, von den H&Ms, Zaras und C&As dieser Welt in Beschlag genommen wurde. Besser man geht in die Seitenstrassen, da sind dann die wirklich exklusiven Geschäfte, etwa das «Vass Budapester Schuhe». Budapest hat Restaurants mit Zigeunermusik, eine Highclass-Hotellerie, Frauen in Pelzmänteln und viel zu viele Autos.

Budapest Cigar Tower

Neuerdings hat Budapest auch Smog, nicht ein bisschen schlechte Luft, sondern eine richtig dicke Suppe und das Bürgermeisteramt denkt über Fahrverbote nach. Aber das ist ein kleines Problem angesichts des drohenden Staatsbankrotts. Ungarn, also Budapest, ist pleite. Noch merkt man nicht viel. Die Einheimischen sind etwas weniger unterwegs, das schon, aber dies könnte auch daran liegen, dass der durchschnittliche Budapester mindestens zwei Jobs hat, zwei braucht, um zumindest ansatzweise über die Runden zu kommen.
Die Stadt hat, abgesehen von den unzähligen Restaurants und Bars, noch andere Oasen, in denen es sich das wahre Leben wunderbar vergessen lässt. Da sind die Heilbäder, ein Relikt aus den Zeiten, als die Türken kurz Herrscher an der Donau waren. Den besten, weil exklusivsten Ruf, besitzt das Bad des Hotels Gellert, dem vielleicht schönsten Hotel der Stadt. Man tritt ein ins Bad und denkt, wow, in welchem Film bin ich gelandet, und die nächsten Stunden mit Schwitzen, Massieren und Entspannen versöhnen einen mit fast allem.
Die andere Oase ist der Cigar Tower, gleich hinter oder vor dem Hotel Kempinski, in der Petöfi Sandor utca. Von aussen wirkt er wie eine schlanke Davidoff, die zu einem Fünftel schon abgeraucht ist, deren Asche aber noch nicht abgefallen ist. Im Eingangsbereich, der ungefähr 25 Quadratmeter gross ist, findet man sehr hübsch präsentiert eine solide Auswahl an Cigarren, Cigarillos, Pfeifen und Zigaretten sowie eine ansprechende Auswahl an gängigem Zubehör wie Humidore, auch handgemachte sowie Teile von Mastro de Paja, Feuerzeuge, Cutter und Aschenbecher. Aber man muss in den zweiten Stock.

Düfte von 5000 Cigarren, die die einen ganz kribbelig werden lassen
Dort ist der begehbare Humidor, man kennt das, es ist ein Eintauchen in Düfte, das einen ganz kribbelig werden lässt. In der Welt des Humidors liegen etwa 5000 Cigarren, die repräsentiert werden, so heisst es, 41 Premium Brands. Natürlich sind die Kubaner auch hier die Top-selling-Units, aber was das ­Volumen anbelangt, führen die Dominikanischen. Das ist wie überall, das ist die Preis-Leistungs-Geschichte. 400 000 Cigarren verlassen jährlich den Tower.
Ein besonders schöner Platz, um eine Cigarre zu rauchen, ist der Burgpalast, die Festung, die neuerdings Unesco-Weltkulturerbe ist, nachdem sie 1944/45 elendiglich zerstört wurde, weil die Deutschen in den Höhlensystemen unter der Burg ihr Hauptquartier hatten. Am besten, man nimmt eine Flasche Tokayer-Wein mit, zwei Gläser oder mindestens eines und einen Flaschenöffner, setzt sich dorthin, von wo aus man einen Blick über Pest hat, über die Kettenbrücke und das Donauufer. Dann, nach ein paar Zügen und Gläsern, ist Budapest für ein paar Momente der beste Ort der Welt, und je mehr die Sonne untergeht, desto weniger Leute sind auf dem Burgareal noch zu sehen, und wenn es dunkel geworden ist, sitzt man fast alleine da und hat all die Lichter der Stadt für sich.
Schwer zu sagen, was aus Budapest werden wird. Was aus all den Baustellen wird, den geplanten Untergrundbahnen, jetzt, wo dem Land das Geld ausgeht. Was bleiben wird, sind die Stimmungen der Stadt, die unter die Haut gehen, ob man will oder nicht und mal so und mal so.

Ausgabe 1/2009

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