Klettern: Wider die Schwerkraft des Lebens

Klettern: Wider die Schwerkraft des Lebens

Kein Sport ist derart lebensgefährlich wie das Klettern – und derart geeignet, die Leidenschaft fürs Leben neu zu wecken.

Michael Bahnert

Dann fing plötzlich die Langeweile an. Schwer zu beschreiben. Alles war im Grunde wie immer, Familie, Arbeit, Geld, war derselbe Fluss wie noch vor ein paar Jahreszeiten. Sogar die Freunde nervten ein wenig mit ihren Leben und den immergleichen Geschichten. Vielleicht die Midlifekrise – aber das war nichts, das man mit einem neuen Auto, ein paar Seitensprüngen und ein paar Amour fous hätte wegbügeln können, das war schnell klar. Es war, als ob man gegen eine übermächtige Strömung anschwimmen und immer kraftloser werden würde, bis einen die Strömung schliesslich nur noch dem Vergangenen entgegentreibt. Spass machte nur noch das Einschlafen, wenn es denn gelang, und hin und wieder ein gutes Fussballspiel im Fernsehen.
Eine neue Leidenschaft musste her. Nichts Intellektuelles, nichts Sexuelles. Irgendwas, das das Potenzial zu Horizonten hatte und einem die Tür zu einer neuen Welt öffnen würde. «Versuchs mal mit Klettern», schlug eine Freundin vor. Klettern, ha, mit dieser Wampe, den im Laufe der Jahre abgeschlafften Muskeln und der Camel-ohne-Filter-Lunge. Auf der andern Seite, was kann man sonst tun? Golfen, Joggen, Schwimmen, alles o.k., gewiss, aber sie reichen nicht aus, um einen über längere Zeit in jenen Zustand zu bringen, in dem alles andere keine Rolle mehr spielt. In dem man alles andere vergisst.

Erfolg im siebten Anlauf – wenn auch zum Preis des Lebens
Sechs Mal scheiterte der Australier Mike Rheinberger am Everest, das siebte Mal kam er zusammen mit dem Bergführer Mark Whetu auf den Gipfel. Viel zu spät für den Abstieg über die Nordflanke, die beiden biwakieren ein paar hundert Meter unter dem Gipfel, nur, Rheinberger spricht die ganze Nacht mit einem Freund, der nicht da ist, und Whetu mit seinen Füssen, als seien sie seine besten Freunde. Rheinberger kann sich am nächsten Morgen kaum mehr bewegen, er ist blind, leidet unter HACE, einem Höhenhirnödem. Whetu steigt ab, überlebt, allerdings geht er fortan ohne Zehen durchs Leben. Und ohne Rheinberger, der dort oben verstorben ist.
So was will man natürlich nicht selbst erleben, bei allem Mannsein, bei aller Abenteuerlust. Aber es geht in Richtung einer Erfahrung, die man jetzt braucht, um ein Zeichen zu haben, dass man noch am Leben ist und die man in ihrer Softcore-Variante, also ohne Tod, machen möchte und die Klettern bieten kann: an die Grenzen gehen und dann darüber. Den Tod über die Schulter flüstern hören, ihn überwinden und dann eintauchen in das Leben, das alles bekannte Leben, inklusive Orgasmus, blass und vor allem leblos aussehen lässt. Ein Leben jenseits des Todes, wenigstens für Momente.
Zwar berichten alle, die heimkamen vom Himalaya oder auch nur schon nach einer misslichen Wintertour in den Alpen, in der es hart auf hart ging, beim Wiedereintauchen in die Zivilisation von der Faszination von Toiletten, Warmwasser, Herd, Bett und vor allen Dingen Heizung und kein Wind, der dir im Gebirge das Gefühl geben kann, du seist trotz der besten Schneeanzüge der Welt nur mit Unterhose und Steigeisen unterwegs. Aber nach ein paar Wochen oder Monaten Heim, Herd, Hilda und regelmässigem Sex fangen die meisten an, eine neue Tour zu planen, egal, ob sie gerade einen Finger, eine Zehe oder fast das ganze Leben verloren haben.

Trockenübung in der Kletterhalle: der kurze Traum vom Bier
Es gibt Kletterhallen, meist in den Industriegebieten der Städte. Man macht einen kleinen Kurs, in dem man das Sichern lernt, und dann geht’s los. Da sind, zugegeben, keine Mount Everests, keine Eigernordwände, da ist kein Wind, keine Kälte, und der Letzte, der in meiner Kletterhalle runterfiel, war selber schuld, weil er wohl bekifft war und den Sicherungsknoten um die Schlaufe gelegt hat, in die man normalerweise ­Karabinerhaken hängt und die maximal 15 Kilogramm hält.
Es gibt verschiedene Routen, rote, blaue, grüne, graue mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden zwischen vier und sieben in der Regel. Die Griffe und Tritte sind zum Teil so, dass man nur mit der Zehenspitze Halt findet und mit zwei Fingern, und man balanciert dann auf zehn Metern Höhe, der Schweiss rinnt, und dann passiert es oder man hört besser wieder auf: Entweder man verschmilzt mit der Situation, ist eins mit allem, und will weiter, trotz der Schmerzen im Zeh und den Fingern, will immer weiter, bis ganz nach oben. Oder man will runter und ein Bier trinken gehen. Man kann auch beides wollen, das ist o.k., aber nur ganz kurz, und dann muss man weiter.

Man lebt plötzlich wie ein Mann mit Leidenschaft, und das ist gefährlich
Nach den ersten Wänden in der Kletterhalle werden zwei Dinge ganz schnell klar. Dass es besser wäre, wenn man Unterarme wie Popeye hätte, und dass man trainieren muss. Und dies wiederum rettet einen aus der Langeweile. Man hängt sich mit vier Fingern regelmässig an irgendwelche Türrahmen und versucht sich hochzuziehen, macht Liegestütze auf den Fingern, geht immer wieder in die Halle, steigert sich, klettert eine Fünf, Fünfplus, Sechsminus, Sechs und so weiter. Man lebt plötzlich wie ein Mann mit einer Leidenschaft, und das ist gefährlich.
Der Alltag mäandert zusehends. Was interessieren Bilanzen, die Launen der Frau, was interessiert die Welt, eine Wirtschaftskrise, wenn die erste Sechs­plus wartet. Was interessieren einen die Rückenschmerzen der Geliebten, die sowieso psychosomatischen, wenn man selbst wegen einer Überbeanspruchung des linken Unterarms an der Schlüsselstelle der Sechserroute tagelang einen Schmerz verspürt, der auch auf einen Herzinfarkt hindeuten könnte, weil der ganze Arm so ein dumpfes Dasein führt. Was interessieren einen fünf Wodka Tonics an einer Bar mit einer Blondine, die hohe Schuhe trägt und ein Décollté wie eine Gletscherspalte, wenn zuhause John Krakauers Buch über die 1996er-Tragödien am Everest wartet, als im Mai 20 Menschen starben, als das Wetter von jetzt auf gleich umschlug. Oder Joe Simpsons «Sturz ins Leere», als er von seinem Kumpel vom Seil geschnitten wurde, nach freiem Fall in einer Gletscherspalte landete, sich irgendwie befreien konnte und auf allen Vieren zurück ins Lager kroch, mehr tot als lebendig, mit einem offenen Unterschenkelbruch, und als er nach drei Tagen ankam, hatte er ein Drittel seines Gewichtes verloren.

Die Frage nach dem Warum stellt sich jedem – im ganzen Leben
Warum steigen Menschen auf Berge? Warum tun sie sich das an? Es gibt hundert Antworten und keine, und die wahrscheinlichste ist: Weil sie da sind, die Berge. Die meisten, die einen wirklich hohen Gipfel erreicht haben, erzählen auch von Gott, aber das ist wohl bloss, weil das Erreichen eines solchen Gipfels, der Weg dorthin durch Sphären des Todes und des Lebens, ein transzendentales Erlebnis ist, ein Aus-sich-Hinaus-Treten, um nur noch näher in sich hineinzukommen.
Als Reinhold Messner, der erste Mensch, der alle 14 Achttausender bestiegen hat, das erste Mal auf dem Mount Everest war, weinte er auf dem Gipfel. Rheinberger, als er endlich im siebten Anlauf oben war, ein netter, etwas dicklicher Mann, der Lehrer war und klassische Musik mochte, umarmte ihn Minuten lang und war der glücklichste Mann der Welt. Und alle, die zurück­kamen, waren immer noch Herr X. und Frau Z., aber irgendetwas hatte sich grundlegend verändert. Die meisten waren nicht mal stolz, als sie im Basislager zurück waren, waren viel zu platt, hatten die Leichen noch in Erinnerung, die den Weg zum höchsten Punkt der Erde tief gefroren säumen, oder jene, die sie zurücklassen mussten. Jeder Fünfzehnte stirbt auf dem Weg nach oben.

Alle, fast alle wollen zurück, nochmals diese Gefühlsgipfel durchleben
Die meisten hatten sich selbst verändert. Konnten plötzlich den Spreu ihres Lebens vom Weizen trennen, wobei das ein bisschen pathetisch klingt. Bei ­vielen, das muss man auch erwähnen, passierte nicht wirklich viel, ausser dass sie eben auf dem höchsten Berg der Welt waren. Aber alle, fast alle, wollen zurück ins Irgendwo dort ganz ganz oben nah am Himmel, nochmals diese Gefühlsgipfel durchleben. Immer wieder. Und viele einmal zu viel.
Natürlich erlebt man diese existenziellen Daseinszustände nicht in den Kletterhallen von Bern, Basel und Zürich. Aber mit ein bisschen Glück vermögen die Erlebnisse dort einen Samen in das Bewusstsein zu legen, der keimt und mit aller Kraft ans Licht will. Der Weg wird so sein: Nach der Halle folgt die Kletterei im Fels, dann Eisklettern, Höhenwanderungen, das Lernen all der Technik, später der Montblanc und dann vielleicht die Wand der Wände, die Eigernordwand, im Winter, wenn Firn die Wand überzieht und der Pickel hält wie eine Schraube im Dübel.
Hat man schliesslich das alles überlebt, kann man darüber nachdenken, in den Himalaya zu ziehen. Für rund 65 000 Dollar kommt man auf den Everest. Zugegeben, das ist nicht die feine Art, das, was die Briten als «by fair means» bezeichnen. Das ist Everest-Tourismus, nicht die «White-Sherpa-Nummer», und die wahren Bergsteiger wie Reinhold Messner schütteln darüber nur den Kopf.
Irgendwann wird das Klettern zum Teil des Lebens und die Leidenschaft – sie schrumpft nicht, aber sie verliert ihre Wucht, das Einzige zu sein, das in der Lage ist, das Leben lebenswert zu machen. Das ist die Dynamik der Leidenschaft. Das ist ernüchternd, weil man all die alten Komplikationen wieder trifft. Aber man klettert jetzt, und eine Sehnsucht begleitet einen fortan. Und es ist egal, ob das klappt mit dem Montblanc oder dem Eiger. Weil irgendwann fing einfach das Klettern an.

Ausgabe 1/2009

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