Churchwarden – die langen schlanken Pfaffenpfeifen
Die Churchwarden ist eine lange, sperrige und schwierig zu rauchende Pfeife. Zu allem Überfluss könnte ihr Image kaum verstaubter sein. Trotzdem ist sie für den Sommer absolut unentbehrlich. Ehrlich!
Besitzen Sie eigentlich eine Churchwarden, eine jener langen Lesepfeifen? Bevor Sie leichtfertig auf diese unschuldig klingende Frage antworten, sollten Sie bedenken, dass die langstielige Pfeife Inbegriff der Betulichkeit ist und die 20 bis 30 Zentimeter Rohrlänge zwischen Brennkammer und Biss voller Klischees stecken: Vor dem anheimelnd knisternden Kaminfeuer schmaucht der Hausvater (in Strickjacke und Pantoffeln) behaglich in den Ohrensessel gekuschelt seine alte Lesepfeife, wobei er in ein dickes Buch vertieft ist. Dieses nicht nur einer dänischen Mixture zu verdankende süssliche Szenario gilt unter trendgerechten Aficionados als ungefähr so cool wie Halleluja-Singen im Kirchenchor. Offenbar sind Churchwarden genau wie monströse Gesteckpfeifen und Appenzeller Lindauerli als verschnarchte Grossvaterpfeifen absolute No-Go-Areas für stylische Piperos. Schade eigentlich, wird manch erfahrener Pfeifenraucher denken, der den kühlen Rauch der Churchwarden besonders an heissen Sommertagen zu schätzen weiss. Allein schon wegen dieser Raucheigenschaften lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die wahrscheinlich unangesagteste Pfeife der Dekade zu werfen. Vielleicht zeigt sich ja dabei, dass man es bislang nur mit Vorurteilen zu tun hat.
Also Vorurteile: Die fangen schon beim Namen an. Churchwarden müsste mit Gemeindevorsteher oder Küster übersetzt werden und nicht etwa, wie man oft lesen kann, mit Hochwürden – ein kleiner, aber entscheidender Unterschied, wie nicht nur anglikanische Kirchgänger bestätigen können.
Die dicken Bäuche von Pfarrherren als Namensgeber
Die wohl kurioseste Erklärung für den ausgefallenen Namen bot 1898 die Zeitschrift «Gartenlaube», das Lifestyle-Magazin der Deutschen von Anno Toback. Die ungewöhnliche Pfeife verdankt diesem Blatt zufolge ihr immens langes und geschwungenes Rohr den dicken Bäuchen gealterter Kirchenmänner, über die der Pfeifenkopf hinausreichen müsse, um bequemes Rauchen zu ermöglichen. Schon damals also war die Churchwarden nicht gerade Ausdruck der jungen Pfeifenavantgarde, sondern galt aus modischen Gründen als Sonderanfertigung für den behäbigen Ruheständler im XXL-Format.
Natürlich ist diese Geschichte nicht unumstritten. Viel wahrscheinlicher ist nämlich, dass die Churchwarden in direkter Linie von der ebenso langen wie zerbrechlichen Gouda-Pfeife abstammt. Dieser Tabakhochofen aus Ton braucht unbedingt ein langes geschwungenes Pfeifenrohr, damit der heisse Rauch bis zum Mund hin einigermassen abkühlen kann.
Im 19. Jahrhundert entdeckte man mit dem Bruyèreholz den wohl besten und schönsten Werkstoff für die Fertigung widerstandsfähiger Holzpfeifen. Seitdem müssen Holm und Mundstück nicht mehr so lang sein, da man auch kurze Pfeifen mit etwas Übung problemlos kühl und trocken rauchen kann. Das gewährt dem Pfeifenraucher jene Mobilität, die der Zigarrenraucher schon immer genoss. «Ambulantes» Rauchen ist seither angesagt: Bruyèrepfeifen lassen sich nahezu überall (wo man darf) und bei so ziemlich jeder Gelegenheit (wenn man denn will) rauchen.
Doch diese modernen Pfeifen aus Bruyèreholz waren anfangs recht teuer. Das brachte sie zunächst als Luxusgut in die Hände bauchiger Bürger. Die nicht so finanzkräftigen Vielraucher allerdings hielten vorerst noch an den spottbilligen Tonpfeifen fest. Hier kommen nun die chronisch unterbezahlten Kleriker als Namenspatrone ins Spiel: Als Jahre später Bruyèrepfeifen durch industrielle Fertigungsmethoden preiswerter wurden und ihren Siegeszug als «proletarische Rauchgeräte» antraten, hielten die konservativen Pfeifenfreunde aus Kirche und Schuldienst an der alten Form ihrer geliebten Tonpfeifen fest, nur dass sie nun aus Holz gefertigt wurden. Da habe der Name Churchwarden nahe gelegen, behaupten manche.
So gesehen stellt die Churchwarden vermutlich weniger eine Hommage an die alte Gouda als vielmehr eine Konzession an die in konservativen Kreisen bevorzugten Pfeifenformen dar. Genau weiss man dies allerdings nicht, da der Übergang von der Tonpfeife zur hölzernen Churchwarden ebenso wenig genau datierbar ist wie der Zeitpunkt der Namensgebung.
Unterschiedliche Kopfformen – auch als Pointer für Admiräle
Schliesslich kann man diese ursprüngliche Verbindung zwischen Ton- und Bruyèrepfeife heute noch leicht anhand der blossen Form erkennen. Dies wird ebenfalls durch ihren anderen englischen Namen unterstrichen: Yard of Clay (Tongerte). Zwar gibt es mittlerweile die langen Pfeifen in nahezu allen Bent-Shapes, jedoch werden sie zumeist mit Dublin-Kopf bevorzugt, der eindeutig an die Tonschwestern aus der Blütezeit der Pfeifenbäcker erinnert. Gerade diese klassische Form ist kurioserweise besonders als Army-Variante mit Silberstecker und Metallolive beliebt. Vielleicht, weil man sie generalstabsmässig schwingen und selbst auf Karten im Massstab 1:1 problemlos auf alles zeigen kann.
Doch man wird mit einer solchen Pfeife nicht nur herumfuchteln wollen. Ganz im Gegenteil: Wer sie tatsächlich rauchen möchte, wird sich setzen müssen, da die lange Churchwarden allzu viele oder hektische Aktivitäten unmöglich macht, jedenfalls wenn man sich nicht unfreiwillig als varietétauglicher Pfeifenschlucker betätigen will. So wie sich im 19. Jahrhundert die Pfeifenraucher über die neue Bewegungsfreiheit dank der Bruyèrepfeife gefreut haben, scheinen sich heutige Anhänger der Langpfeife an ihr als einer «Immobilie» zu erfreuen.
Es ist wie ein Reflex: Kaum hat man eine Churchwarden angezündet, schon greift man zum Buch, lehnt sich zurück und schmaucht. Nebenbei erfüllt man so alle Stereotype, die man nie zu erfüllen sich früher einmal geschworen hat. Nun ja, die Churchwarden wird ja schliesslich nicht umsonst auch als Lesepfeife bezeichnet.
Vielleicht heisst sie ja so, weil durch das extrem lange Rohr verhindert wird, dass einem der Rauch aus dem Pfeifenkopf in die Augen steigt. Ein erster Selbstversuch bestätigt zumindest diese These sofort, doch weiss der erfahrene Pfeifenraucher ohnehin, dass darin das geringste Problem beim Lesen mit Pfeife besteht.
Rauchen und Lesen – zwei Tätigkeiten mit vielen Parallelen
Alexis Liebaert und Alain Maya, die «Pfeifenoberlehrer» der Grand Nation, haben wiederholt auf die Parallelität von Lesen und Pfeifenrauchen hingewiesen: «Beide verlangen eine eigene Aktivität und damit eine gewisse Anstrengung. Und vielleicht bedürfen beide auch des Lichts, der Atmosphäre des Geheimnisvollen, der Ruhe, des Fürsich-Seins und vor allem der Flamme der Leidenschaft.»
Aus dieser erhabenen Perspektive kann man beides, Lesen und Rauchen, heute nur noch für unzeitgemäss halten. Doch ob Foliant, Taschenbuch, Bildschirmtext oder E-Book, Lesen bleibt Lesen und Rauchen Rauchen. So selbstverständlich man von «Lesepfeife» spricht, so kurios mag dem humanistisch gebildeten Pfeifenfreund das Wort «Fernsehpfeife» erscheinen. Der Lesepfeife jedenfalls wird es egal sein, ob man beim Rauchen nun ein Buch, eine Zeitung, seine E-Mails oder immer wieder die SMS des Tages liest. Und wenn sie manchem sogar beim «Tatort» schmeckt, wird das Abendland daran schon nicht untergehen.
Wer nun allerdings glaubt, eine Lesepfeife, die ja grundsätzlich nichts anderes als eine Bent ist, müsse sich auch genauso einfach rauchen lassen, sieht sich schnell eines Besseren belehrt und legt die Lektüre schon nach kurzer Zeit genervt zur Seite, um sich voll und ganz aufs Rauchen konzentrieren zu können.
Das lange Mundstück verändert nämlich das Zugverhalten der Pfeife nicht unerheblich, und es dauert etwas, bis man den Bogen heraus hat. Aber auch danach fällt Menschen mit durchschnittlicher Armlänge die Lektüre von Zeitungen und grossen Büchern schwer, wohingegen dieses Magazin sich gerade noch mit einer Churchwarden bewältigen lässt. Für PC-Freaks scheint eine Lesepfeife allerdings völlig ungeeignet, da sie sich schon mal auf die Tastatur verirrt und so ungewollt zur «Schreibpfeife» wird. Eigentlich ist sie für alles ausser Sitzen und Rauchen zu unhandlich.
Das Beste an einer Churchwarden liegt nun aber genau in dem hinderlichen Mundstück. Wie schon bei ihren tönernen Vorgängern kondensiert auch hier die Feuchtigkeit aus dem sich abkühlenden Volumenstrom im langen Pfeifenrohr, so dass der Rauch am Ende kühl und trocken ist. Viele Pfeifenraucher preisen dies als besonderen Vorzug der Churchwarden und erklären sie unumwunden zur idealen Sommerpfeife.
Dank hinderlichem Mundstück die ideale Sommerpfeife
Das Problem dabei ist allerdings, dass man mit viel Gefühl an der Pfeife ziehen muss, da man sonst die längste Zeit kühl und trocken geraucht hat. Nun braucht man nicht gleich ein Pfeifenvirtuose im Trockenrauchen zu sein, aber etwas Übung bedarf es schon. Wie immer beim Pfeifenrauchen kommt es auf das rechte Mass an, nur ist dieses bei der Churchwarden besonders schwierig zu bestimmen. Was insbesondere für Modelle mit Filter gilt.
Zieht man zu wenig oder zu schwach an der Lesepfeife, geht sie dauernd aus. So kommt man nicht wirklich zum Lesen. Zieht man zu kräftig, explodiert die Temperatur geradezu in der Brennkammer. Der Pfeifenkopf wird heiss und die sich nun üppig im langen Pfeifenrohr niederschlagende Feuchtigkeit sammelt sich aus den fiesesten physikalischen Gründen an der tiefsten Stelle der Pfeife, will sagen, die Brennkammer meldet «Land unter».
Schon bald blubbert der kleine Krater wie ein Geysir, und unser Kirchenmann beginnt höllisch zu stinken. Auch so wird man kaum lesen mögen. Doch man sollte sich von diesen anfänglichen Problemchen nicht entmutigen lassen, denn wenn man erst mal den Dreh raus hat, ist die Lesepfeife eine äusserst angenehme Gesellschafterin zum Feierabend. Etwas kompliziert und anspruchsvoll, aber durchaus befriedigend.
Da wundert es, dass es bei einer Churchwarden ansonsten wenig Zusätzliches zu beachten gilt. Spezielle Tabake sind für sie generell unnötig. Die Mixture ist Geschmackssache, und ob man lieber Flake, Curly oder einen «normalen» Pfeifentabak bevorzugt, hängt, neben den Vorlieben des Rauchers, vor allem vom Füllvolumen der jeweiligen Pfeife ab. Hier verhält sich die Churchwarden wie jede andere Pfeife, ausser eben, dass sie etwas sensibler reagiert.
Eine Pfeife (fast) ohne spezielle Anforderungen
Was man aber auf jeden Fall extra benötigt, sind lange Pfeifenreiniger. Im guten Fachgeschäft werden diese meist stillschweigend beim Kauf einer Churchwarden dazugelegt. Aber auch sonst kosten sie nicht die Welt.
Recht teuer sind hingegen spezielle Pfeifentaschen, in denen man die Pfeifenlulatsche bequem und sicher transportieren kann. Doch zumeist wird man die Church warden ohnehin lieber zuhause schmauchen wollen, weshalb sich das Transportproblem gar nicht erst stellt.
Echte Schwierigkeiten bereiten Lesepfeifen jedoch im Pfeifenregal oder Pfeifenschrank, wo sie nicht so recht hineinpassen. Aber mit etwas gutem Willen und Phantasie findet sich immer ein hübsches Plätzchen für die langen Pfeifen.
Vor einigen Jahren noch schien die Lesepfeife, wie angeblich auch das Lesen selbst, vollkommen out zu sein. Viele Fachhändler klagten darüber, dass Churchwarden-Pfeifen nicht mehr nachgefragt seien und sie auf ihren Beständen sitzen blieben. Seit einiger Zeit ist eine kleine Renaissance der Langpfeife zu beobachten. Insbesondere junge Damen haben die schlanken und schwungvollen Pfeifen für sich entdeckt – und ja, auch so mancher Ruheständler schmaucht von Zeit zu Zeit ganz gern eine neue Churchwarden. Hierauf haben die meisten Pfeifenhersteller bereits reagiert und zumindest die grossen unter ihnen haben wieder mehrere Churchwarden-Modelle im Angebot. Durch ein attraktives Angebot steigt wiederum das Interesse der Pfeifenraucher, einfach mal eine jener schönen Lesepfeifen auszuprobieren, auch wenn sie alles andere als ein anfängertaugliches Pfeifenmodell ist.
Einige clevere Hersteller sind ausserdem dazu übergegangen, ihre Churchwarden mit zusätzlichem kürzerem Mundstück auszuliefern, damit man seine Langpfeife noch woanders als im lauschigen Ohrensessel oder auf der Hollywood-Schaukel rauchen kann.
Fazit: Ob Kleriker oder General, Leseratte oder TV-Junkie, Stubenhocker oder Garten-Fan – eine Churchwarden scheint für den Pfeifenraucher ein Muss zu sein. Denn der nächste Sommer kommt bestimmt.
Archiv
Cigarren-Datenbank
Über 500 Cigarren im Test
Aktion
Verpassen Sie kein «Cigar»
Wenn Sie das neuste «Cigar» jeweils prompt in Ihrem Briefkasten haben möchten und keine Ausgabe verpassen wollen, gibt's einen einfachen Trick - abonnieren Sie. Schon für 36 Franken beziehungsweise 28 Euro senden wir Ihnen das Lifestyle-Magazin ins Haus.
Abonnieren