Havanna: Bar

Havanna - ein Mix wie ein Mojito

Die kubanische Hauptstadt Havanna ist eine faszinierende Mischung zwischen Lebensfreude und Armut.

Rudof Stumberger

Es soll das Restaurant «El Flori­dita» in der Calle Obispo gewesen sein, in dem ein Barkeeper in den 1930 Jahren dem Cocktail Daiquiri den letzten Schliff gab: einer ­Mischung aus weissem Rum, Zucker, ­Limetten, Maraschino und Eis. Beteil­igt an der Rezeptur war der Überlieferung nach auch ein gewisser Ernest ­Hemingway. Dieser steht heute noch an der Bar, als Bronzestatue, und man kann so neben dem berühmten Schriftsteller seinen Rum, sein Bier oder einen Cocktail trinken.

Das Rezept für den Daiquiri ist klar, doch wie soll man den Cocktail mit ­Namen Havanna beschreiben? Diese karibische Hauptstadt mit ihren zwei bis drei Millionen Einwohnern – so genau weiss es niemand? Dieses Zentrum des sozialistischen Kuba, mit dem Konterfei Che Guevaras auf der Fassade des Innenministeriums? Dieses Sammelsurium an baulichen Stilformen mit seiner ­Architektur aus der Kolonialzeit, entweder schon restauriert oder noch im Verfall begriffen? Diesen Schmelztiegel der Rassen, Religionen und Musikstile?

Sehen wir uns einfach ein paar markante Gebäude dieser lebenslustigen und geschichtsträchtigen Stadt an. Das Capitolio zum Beispiel: Der mächtige Bau im Stadtzentrum ist grösser als das amerikanische Original in Washington, wurde 1929 eingeweiht und diente bis 1959 als Regierungssitz. Heute ist hier das Wissenschafts-Ministerium untergebracht.
 
Seit Anfang der 1960er Jahre scheint hier die Zeit stehengeblieben zu sein
Interessanter als das historische Gebäude selbst aber ist der Trubel darum herum. So warten auf rechter Hand die ­«alten Damen» auf Kundschaft: Farbenprächtige Oldtimer aus den 1950er Jahren. Durch den Wirtschafts-Boykott ­seitens der USA seit Anfang der 1960er Jahre hat sich Kuba in ein Automuseum verwandelt. Noch immer fahren die chromglitzernden Chevrolets, Cadillacs und Studebakers durch die Strassen und die Privatbesitzer bieten ihre Karossen den Touristen an: «Taxi, Taxi, Senor!»

Sehr altertümlich mutet auch die dreibeinige Kamera des Fotografen vor den Stufen des Kapitols an: Die Linse ist mit Klebeband fixiert, dafür kostet ein Polaroid-Portrait gerade mal eineinhalb Franken. Eher ungewöhnlich sieht auch der Parkplatz eine Strasse hinter dem Kapitol aus: Dort sind nicht nur Autos abgestellt, sondern auch fast ein Dutzend alter Dampflokomotiven, die hier in Ruhe vor sich hinrosten. Sie dienen als Ersatzteillager für eine Lokomotive, die gerade für den Einzug in ein Museum hergerichtet wird.

Nicht mal einen Kilometer vom ­Kapitol in nördlicher Richtung entfernt liegt der ehemalige Präsidentenpalast, in dem heute das Revolutionsmuseum untergebracht ist. In ihm kann man jene Geschichte nachvollziehen, ohne die das heutige Kuba nicht zu verstehen ist: Der Sieg der Revolutionäre um Fidel Castro und Che Guevara 1959 über die Truppen des Diktators Batista, die Landung von durch Washington unterstützten Söldnern in der Schweinbucht 1961, ein Jahr später die sogenannte Kuba-Krise mit der Stationierung von russischen Mittelstrecken-Raketen auf der Zuckerrohrinsel.

Tipps zu Havanna


Restaurants:

El Floredita
Havanna Altstadt, Calle Obispo 557. Ganztägig geöffnet, das bekannteste Restaurant Kubas

Bodeguita del Medio
Havanna Altstadt, Calle Empedrado 207. Ganztägig geöffnet, schöne Dachterrasse
Reservierung empfehlenswert

La Terraza de Cojimar
Cojimar, Calle Real 161.
 Ganztägig geöffnet, schöner Blick
über die Bucht

Hotels:

Ambos Mundos
Havanna Altstadt, Calle Obispo 153. Schöner Blick von der Dachterrasse aus,
Zimmer 511 war Hemingways Lieblingszimmer

Nacional
Havanna Vedado, Calle O.
Das prestigeträchtigste Hotel von Kuba

Melia Cohiba
Havanna Vedado, Avenida Paseo.
Modernes Hotel mit 21 Stockwerken direkt am Malecon

Es ist selbstverständlich die kubanische Sicht der Dinge, die es hier anhand von Dokumenten und alten Zeitungsartikeln zu sehen gibt, mit markigen Parolen wie «Vaterland oder Tod». Im Hof des Gebäudes sind alte Flugzeuge und Waffen ausgestellt, eine Ewige Flamme flackert zu Ehren der «Helden der Revolution».

Überall ist Vergangenheit, etwa mit der Erinnerung an Ernest Hemingway
Doch zurück zum Havanna der einfachen Leute, der Lebenslust und der Cocktails. Seit acht Jahren schüttelt Decho Gonzales schon im Hotel Ambos Mundos den Shaker. «Am meisten verlangt wird der Mojito», sagt der 37-Jährige. Der «Mojito» ist ein erfrischender Mix aus weissem Zucker, Limette, Minze und weissem Rum.
Das Hotel liegt in mitten der Altstadt, und von seiner Dachterrasse im sechsten Stock hat man einen wundervollen Ausblick über die Dächer von «Habana Vieja». Das wusste auch schon besagter Hemingway, der hier zwischen 1932 und 1939 immer wieder logierte. Im fünften Stock kann man sein Zimmer besichtigen, in dem er an seinem berühmten Roman «Wem die Stunde schlägt» schrieb. Zu sehen sind hier unter anderem seine Schuhe mit Grösse 46 sowie eine Fotografie, die den viermal verheirateten Frauenheld mit einer seiner Geliebten zeigt, mit einer gewissen Leopoldina beim Daiquiri-Trinken im El Floridita.

Unten zieht sich die Calle Obispo durch den historischen Stadtkern, eine der belebtesten Strassen mit zahlreichen Geschäften. Havannas Altstadt wurde 1982 zum Weltkulturerbe ernannt und seither wird unter der Leitung des Stadtrestaurators Eusebio Leal Spengler nach langjährigem Verfall Stück für Stück ­restauriert, ein schönes Beispiel stellt etwa die Plaza Vieja mit ihren Arkaden und historischen Gebäuden aus vier Jahrhunderten dar.
Wer sich durch die Gassen und Strassen der Altstadt treiben lässt, taucht ein in eine Welt aus Salsa-Rhythmen und karibischer Lebensart. Man hat Zeit hier auf Kuba und abseits der Touristen-Meilen spielt sich das Leben auf der Strasse ab. So sitzen irgendwo vier junge Männer bei einer Schachpartie während daneben einer seinen alten Chevrolet repariert.

An jeder Strassenecke zeigt sich die karibische Lebenslust und -freude – das ist die schöne, vordergründige Seite der Stadt. Die andere Seite ist, dass viele Kubaner sich für ihren Lohn nur noch sehr wenig kaufen können, weil ein Grossteil der Waren in der Touristen-Währung CUC bezahlt werden muss. Eine Dose Bier kostet im Supermarkt einen CUC , das sind 1,2 Franken, der Monatslohn eines Arztes aber beträgt umgerechnet gerade 15 CUCs. Für die normale Bevölkerung herrscht über die garantierten Grundnahrungsmittel hinaus Mangel in den Läden und viele fragen sich, warum sie studieren sollen, wenn man in der Tourismusbranche ein Vielfaches eines normalen Arbeitslohns an Trinkgeldern verdienen kann.

Nördlich der Altstadt liegt der ­Malecón, die sieben Kilometer lange Uferpromenade von der Altstadt bis zu den Hochhäusern der neuen Viertel. Er ist der Boulevard der Liebespärchen, die hier beim Sonnenuntergang spazieren gehen. Morgens sieht man Jogger und den ganzen Tag über werfen hier Kubaner ihre Angelruten aus. An stürmischen Tagen brechen sich die Wellen an der Kaimauer und schlagen auf die Strasse über. Anhänger des Santeria-Kults, eine Mischung aus Katholizismus und afrikanischem Glauben, sollen hier auch Opfergaben dem Meer übergeben.

Im Osten des Malecón finden sich grosse Hotels wie das 1930 erbaute traditionsreiche Nacional. Havannas prestigeträchtigstes Hotel hat den Charme vergangener Zeiten und erinnert sich an Gäste wie Winston Churchill oder Fred Astaire, eine «Ruhmeshalle» klärt den Besucher über die prominenten Gäste auf. Wesentlich moderner gibt sich das Hotel Meliha Cohiba, von dessen 21. Stockwerk man einen grandiosen Blick über die Stadt geniessen kann. Das Gleiche gilt im übrigen für das Restaurant «La Torre» im Edifico Focsa, einem Wolkenkratzer aus den 1950er Jahren in der Nähe des Hotels Nacional.

Allein wegen des Essens müsste man nicht nach Kuba reisen
Spricht man über das Essen auf Kuba, muss man sofort einräumen, dass dies nicht der wichtigste Grund sein kann, um auf die Zuckerrohrinsel zu reisen: Die kubanischen Köche vermeiden jeden Anflug eines Gewürzes, der Europäer greift also gerne zu Salz und Pfeffer. Und das Nationalgericht – schwarze Bohnen mit Reis – verspricht auch nicht gerade Abwechslung. Nichtsdestotrotz bietet Havanna natürlich eine Vielzahl von Restaurants, wobei der Service freilich oft sozialistisch getönt ist.

Ein Beispiel ist das bereits erwähnte El Floridita. Dort steht Hemingway nicht nur an der Bar, sondern auch auf der Speisekarte. So kostet die «Grosse Hemingway-Platte» (Languste, Fisch) stolze 34 CUCs, die Fisch-Platte «Der alte Mann und das Meer» (Shrimps, Lobster, Lachs) ist bereits für 20 CUCs zu haben.

In der berühmten Bodeguita del Medio geht es preiswerter, aber turbulenter zu. Die blauen Wände des Speiserestaurants sind über und über mit den Autogrammen von prominenten und weniger prominenten Besuchern bekritzelt, von Errol Flynn bis Naomi Campbell haben sich hier Schauspieler seit den 1930er Jahren verewigt. Das Schweineschnitzel mit Zwiebelsauce kostet 10 CUCs, der Schwertfisch 15 CUCs. Keine kulinarischen Höhenflüge, aber solide kubanische, also kreolische Kost.

Havanna hat auch weniger geschichtsträchtige Speise-Orte zu bieten. Seitdem private Gaststätten erlaubt sind, boomen die Restaurants in der China-Town von Havanna. So bietet das «Barrio Chino» mit seiner chinesisch orientierten Küche schon ab fünf CUCs Abwechslung im sonstigen kubanischen Speiseplan.

Zum kubanischen Almuerzo, dem Mittagessen, oder der Cena, dem Abendessen, gehören ein starker Cafe und gegebenenfalls eine Zigarre und ein Schluck Rum. Die Brennerei von Havanna Club, dem berühmtesten kubanischen Rum, kann in der Calle San Pedro 262 besichtigt und der «Ron» dort auch verköstigt werden. Zigarren lassen sich bei Jaime Hamlet kaufen. Der 34-Jährige steht seit acht Jahren im Verkaufsraum der Zigarrenfabrik «Romeo y Julieta» und bietet den Käufern die Cohiba für 16,50 CUCs oder die Montecristo für 7,70 CUCs an. In einer angeschlossenen kleinen Bar lässt sich dann auch gleich ein Espresso schlürfen.

Wer Orte der Ruhe sucht, findet diese ausserhalb der pulsierenden Stadt
Wer einmal hinaus will aus der quirligen Millionen-Metropole, findet dazu zwei attraktive Möglichkeiten. Zum einen lässt sich die Christusstatue von Havanna besuchen, sie steht auf einer Anhöhe im ehemaligen Fischerdorf Casablanca auf der anderen Seite der Bucht von Havanna. Errichtet wurde sie von der Frau des ehemaligen Präsidenten Batista, als Dank, dass dieser einen Angriff der ­Rebellen auf seinen Palast überlebte.
Die Statue wurde 1958 mit italienischen Marmor fertiggestellt – kurz darauf zog allerdings Fidel Castro als Sieger in Havanna ein und Batista musste fliehen. Der Ex-Diktator verbrachte übrigens seinen Ruhestand in Spanien und starb dort 1973. Wie auch immer, von Standort des «Cristo de La Habana» hat man einen herrlichen Überblick über die Stadt, die Bucht und den Hafen.

Sehr empfehlenswert für einen kurzen Abstecher ist das Örtchen Cojimar, ein paar Autominuten vom Stadtzentrum entfernt. Es ist ein Ort, an dem die Zeit still zu stehen scheint. In dem einstigen Fischerdorf mit seinen einstöckigen Häusern und blühenden Gärten wohnen heute viele Ältere, die der Hektik der Grossstadt entgehen wollen.

Auch hier wäre es ein Wunder, nicht auf Ernest Hemingway zu stossen. Hier sass der Schriftsteller in seinem Lieblingsrestaurant «La Terraza» und trank Rum mit seinem Fischerfreunden aus dem Ort. Entstanden ist daraus die berühmte Novelle «Der alte Mann und das Meer». Heute kann man sich in dem luftigen Restaurant mit Blick auf das Meer – und eine gegenüberliegende ­Ölfackel – niederlassen und eine schmackhafte Fischsuppe für 2,25 CUCs oder einen Lobster in kreolischer Sauce und Chili-Pfeffer für 10,90 CUCs zu sich nehmen.

Auch wenn Hemingway seit Langem nur noch mit zahlreichen Fotografien präsent ist, kommt auch heute noch gelegentlich Prominenz nach Cojimar. So zeigt Küchenchef Ivan Morgado stolz eine Tafel mit der Unterschrift von Fidel Castro. Der hatte im Februar 2002 das Restaurant in Begleitung des US-Starregisseurs Oliver Stone besucht.

Ausgabe 2/2009

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