Bordeaux En-Primeur 2008: Önologischer High-noon
Was die Art Basel für die Kunstwelt ist, sind die En-Primeur Verkostungen für die Weinwelt. Für die einen ein hysterischer Zirkus einer Branche, für die anderen internationaler Treffpunkt der Weinelite. Cigar-Autorin und Weinexpertin Chandra Kurt nimmt «erst» seit fünf Jahren an diesen Verkostungen teil und gelte daher noch als Greenhorne.
10 Bordeaux-Geheimtipps, die ihren Preis wert sind
Die Auswahl an Bordeaux-Weinen ist enorm. Bei den 10 vorgeschlagenen Weinen handelt es sich um klassische Châteauweine, mit tollem Lager- und Genusspotenzial. Es sind keine Spekulationsweine, sondern verlässliche Marken-Bordeaux. Ideal, wenn man für sich und seine Gäste etwas Spezielles auftischen will und für einmal nicht die grossen Namen entkorken will.

Château Lafon-Rochet, St-Estèphe
In dieses Aufsteigerweingut der Familie Tesseron, wurde in den letzten Jahren viel investiert, ohne dass die Weinpreise gross gestiegen sind. Ein Bordeaux, der viel Struktur, Gerbstoffe und erdige Noten hat. Ideal, wenn der Wein etwas mehr Struktur haben darf.

Château Phélan-Ségure, St-Estèphe
Seit Jahren Top-Qualität zu moderaten Preisen. Auch im Superjahr 2005 verdoppelten sich die Weinpreise dieses erdig, strukturierten Bordeaux nicht. Solid, bodenständig und elegant. 2010 lanciert das Weingut einen neuen Premiumwein.

Château Les Ormes de Pez, St-Estèphe
Ein verlässlicher Cru Bourgeois. Fruchtbetont, intensiv und zugänglich, mit geschmeidigem Abgang. Das Weingut gehört Jean-Michel Cazes, dem auch das bekannte Gut Lynch Bages gehört. Sicherer Wert.

Château Malescot St. Exuperey, Margaux
Eine Entdeckung und Überraschung aus Margaux. Sehr elegant und charmant. Ein Wein voller Charisma und Blütenzauber. Ideal, wenn man lieber aromatische Bordeauxweine hat. Viel Finesse in jedem Schluck.
Château Ferrière, Margaux
Viel Eleganz, Finesse und blumige Aromen. Seine zugängliche Art, ist perfekt, wenn man sich noch nicht so in der Bordeaux-Welt auskennt. Im Gaumen intensiv und expressiv mit feinen, delikaten Gerbstoffen.

Château Marquis de Terme, Margaux
Auch ein Gut, in das in den letzten Jahren viel investiert wurde – mit dem Resultat, dass die Weinqualität Jahr für Jahr gestiegen ist. Die Weins sind opulent, saftig und strahlend. Modern mit viel Gehalt und Kraft. «Neue Welt»-Stil mit markanten Röstaromen.

Château La Tour Figeac, St-Emilion
Topwein aus dem St-Emilion, die nach biodynamischen Vorsätzen vinifiziert wird. Das Gut liegt zwischen den Premiumgütern Château Cheval Blanc und Château Figeac. Die Weine sind bereits in jungen Jahren Genussreif.

Château Clos Fourtet, St-Emilion
Das Gut wurde 2001 an den Pariser Geschäftsmann Philippe Cuvelier verkauft. Seither steigt die Qualität. Leider hat auch der Preis leicht angezogen, aber abgesehen von zu teueren 2005er Jahrgang ist dieser Grand Cru ein Muss für Bordeaux-Fans.

Château Poujeaux, Moulis
Vor einem Jahr kaufte Philippe Cuvelier – Besitzer von Clos Fourtet – auch das Château Poujeaux. Der Wein ist seit einigen Jahren ein sicherer Wert punkto Preis-/Leistung. Möglich, dass er in Zukunft teurer wird, wobei kaum mit dem 2008er Jahrgang.

Château La Louvière, Pessac Léognan
Toller Alltagswein der Familie André Lurton, der preislich zu den attraktivsten gehört. Bereits in jungen Jahren zu geniessen. Wird modern, dass heisst mit viel Schmelz und dichter Frucht ausgebaut.
Theoretisch betrachtet finden die En-Primeur-Verkostungen jeweils eine Woche vor Ostern in Bordeaux statt. Weinhändler, Weinjournalisten und Weingrössen aus aller Welt pilgern während dieser Zeit in die südwestliche Region Frankreichs, um einerseits den neuen Jahrgang zu verkosten und andererseits, um sich selber zu feiern und die Aristokratie des Weins zu treffen. Parktisch gesehen beginnt dieser Event schon viel früher – meist vor Weihnachten. Warum? Weil man bereits dann die Châteaus anschreibt und um Audienz bittet – sei es, um bei ihnen zu Verkosten oder gar um auf dem Schloss zu Übernachten. Ich habe die Gewohnheit mich jeweils auf «Sources de Caudalie» (www.caudalie.com) zu stationieren, einem Weinspa, der mitten in den Rebbergen liegt und zum Besitz des Château Smith-Haut Lafitte gehört. Es ist der perfekte Ort, um sich zu akklimatisieren, denn 80 Prozent der Gäste sind Händler aus den USA, Asien oder aus England, sowie bekannte Autoren und Journalisten, die sich dem Thema Wein widmen. So auch der amerikanische Fotograf, der mich beim Check-in stört, als er die Rezeptionistin ganz nervös fragt: «Ist Robert Parker noch hier? Ich weiss, dass er hier ist, weil er heute Abend einen Termin im Château hat.»
«Monsieur, dass wissen wir nicht. Please be pacient», kontert ihm Florence, die ihn mit französischem Charme zu beruhigen versuchte.
«Ich weiss, dass Bob hier ist.» entgegnet der Fotograf ganz ausser Atem und ich verstehe seine Aufregung, denn auch wenn diese Woche alles was Rang und Namen hat in Bordeaux versammelt ist, so sind es doch nur zwei Personen, die das Spiel bestimmen. Einerseits Weinpapst Robert Parker und andererseits das Degu-Team der Fachzeitschrift Winespectators – alle interessanterweise amerikanischen Ursprungs.
Idee der En-Primeur Verkostungen ist der Verkauf und die Promotion des neuen Bordeaux-Jahrganges – zwei Jahre, bevor der Wein offiziell auf den Markt kommt. Die Blüte dieses Events geht auf die 70er Jahre zurück. Damals konnten der Handel sowie Spekulanten gutes Geld verdienen, wenn sie auf die richtigen Weine setzten. So erzählte mir Amanda Skinner von Private Cellar’s: «Ich habe Kunden, die in den 70er und 80er Jahren die Finanzierung der Privatschulen ihrer Kinder durch den geschickten Ein- und Verkauf von Top-Bordeaux realisiert haben». Leider ist das heute kaum mehr möglich, denn die Preise sind generell viel zu hoch.
In nur 15 Jahren eine Preissteigerung um 2000 Prozent
Wir erinnern uns: 1982 wurde eine Kiste Château Latour für rund 275 englischen Pfund lanciert. 1995 kam der 95er Jahrgang für 650 Pfund auf den Markt. Doch seit dem Top-Jahr 2005 spielen alle verrückt. Latour wurde damals für 4500 bis 5000 Pfund lanciert. Ein Irrsinn. «Dieses Jahr werden die Leute mehr über den Preis der Weine reden als über ihre wirkliche Qualität», hörte ich Jancis Robinson, die Weinkritikerin der Financial Times sagen. Und sie hatte Recht.
Doch zurück zu den Verkostungen. Dieses jährliche Abenteuer beginnt jeweils mit einem Tasting der Sauternes und Barsac Weine und einem Apéro auf Château d’Yquem. Ich lernte dieses Jahr während diesen süssen Verkostungen Anthony Hanson, Weindirektor des Auktionshauses Christies London kennen, weil ich der Ansicht war, dass ein Wein Korken hatte – und er auch dieser Meinung war. Wir teilten auch die gleiche Auffassung darüber, dass 2008 ein guter Süssweinjahrgang ist. Anthony, der seit vielen Jahren En-Primeur-Teilnehmer ist, erklärte mir weiter, dass 2008 ein spezielles Jahr sein wird. «Auch wenn die Qualität top ist, werden die Leute mehr über die Verkaufspreise der Weine sprechen, als über die Weine. Ich verstehe das, denn was sich Bordeaux in den letzten Jahren geleitet hat, ist unerhört. Trotz globaler Nachfrage.»
Bordeaux ist eine der stärksten Marken der Welt. Ähnlich potent sind etwa Champagner, Havanna-Cigarren oder Cognac. Auch wenn wir zur Zeit eine Krise durchleben, glaube ich, dass Jean-Guillaume Prats, Direktor des Top-Hauses Château Cos d’Estournel recht hat, wenn er sagt: «Bordeaux wird immer Krise, Euphorie, Krise, Euphorie sein.» Er sagte mir dies, als ich ihn am zweiten Tag in seinem ultraneuen Weinkeller besuchte. Begleitet war ich von Christophe Blanck, Bruder des Elsässer Winzer Frédérique Blanck und Weinagent von Gérard Depardieu. Christophe ist nicht nur ein guter Freund, sondern auch ein Top-Experte des Französischen Weinmarktes. Als wir zusammen im Keller von Cos d’Estournel stehen, fällt Christophe – der eine blühende Fantasie hat und lieber über Sharon Stone spricht als über die Gerbstoffe im Cabernet Sauvignon – auf, dass diese Räumlichkeiten mehr einem von Ken Adam entworfenen James Bond Set ähnlich sehen, als einem Fermentationskeller. «Das liegt sicher an den Milchbottichen», erklärt uns Prats stolz. Milchbottichen? «Ja, wir haben anstelle der normalen Stahltanks solche eingebaut, die man in der Milchwirtschaft verwendet. Sie sind noch hygienischer und man kann die Weinproduktion noch besser kontrollieren. Sie sehen auch etwas anders und etwas futuristischer aus, nicht?» Und wie.
Mit Christophe besuche ich anschliessend noch Güter wie Lynch-Bages, Pichon-Baron und Pontet-Canet und wir kommen zum Schluss, dass Pauillac und St. Estephe auch sehr spannende 2008er-Abfülungen ergeben haben.
Der Prinz wurde vom Drehbuchautor zum Weinproduzenten
Den nächsten Tag beginne ich mit einer Verkostung auf Château Haut-Brion, einem der fünf 1er Grand Crus Häuser von Bordeaux. Punkt 11.00 Uhr werde ich in der Orangerie des Hauses erwartet, um die Weine des Château sowie von La Mission Haut-Brion zu probieren.
Prinz Robert von Luxemburg, Besitzer des Château hat mich anschliessend zum Mittagessen eingeladen. Ich freue mich jeweils ausserordentlich, ihn zu sehen, denn Haut-Brion ist eines meiner liebsten Châteaux. Natürlich gefällt es mir auch, dass Prinz Robert in Hollywood als Drehbuchautor gearbeitet hat, bevor er den Familienbetrieb übernommen hat. Sieht er Ähnlichkeiten zwischen der Film- und Weinwelt, will ich wissen. «Beide Welten kreieren Kunstwerke und sind eng mit der Geschichte unserer Gesellschaft verknüpft. Bei einem Skript muss man beispielsweise sorgfältig darauf achten, zu welchem Zeitpunkt was passiert, damit auch eine Spannung aufgebaut werden kann. Einmal gedruckt, ist es schwarz auf weiss. Bei der Ernte ist das ähnlich: es geht darum, den richtigen Lesemoment zu finden. Sind die Trauben einmal vom Stock, muss man daraus den Wein machen. Jeder Jahrgang ist wie ein neues Drehbuch, das immer neue, kreative Entscheidungen fordert.» Und welche Filmszene verbindet der Prinz eng mit dem Genuss eines Haut-Brions? «Ich würde den Wein sogar an einen ganz Film knüpfen und zwar an ‘Le Souper’ von Edouard Molinaro.
Michel Piccoli, Claude Brasseur und Claude Rich spielen darin und er handelt vom Leben des französischen Staatsmannes Charles Maurice Talleyrand, dem Haut-Brion einmal gehört hat. Ich empfinde den Wein von Château Haut-Brion als intellektuellen Wein, der nicht immer einfach zu verstehen ist. Er braucht Zeit, Musse und auch den richtigen Moment dazu.» Und während wir beim Lunch mehr über Kultur als über den 2008er-Jahrgang philosophieren, kommen wir darauf, dass wir beide 1968 geboren sind. Er am 14. August und ich am 13. August. Die Folge davon ist, dass mir Prinz Robert beim Verabschieden eine Flasche Wein in die Hand drückt und sagt. «Ich weiss nicht, ob er noch gut ist, aber probiere ihn mal.» Es ist ein 68er Haut-Brion. Ich habe den Wein inzwischen verkostet und verstehe ein bisschen mehr, warum Bordeaux zu den grössten Terroirs der Weinwelt gehört. So viel Finesse, Eleganz und Dynamik findet man ganz selten in 40jährigen Weinen.
Am nächsten Tag bin ich Gast auf Château Haut-Bailly – zusammen mit David Peppercorn (dem Mann von Sotheby’s Wein-Chefin Serena Sutcliffe) und Steven Spurrier vom Decanter. Beides Engländer, die auf eine lange En Primeur Tradition zurückblicken. «Ich nehme seit über 50 Jahren an diesem Event teil», erklärt mir David, «aber so etwas wie dieses Jahr habe ich noch nie erlebt. Das ist historisch. Noch nie waren die Weine so teuer und die finanzielle Situation der Welt so dramatisch.» Auch Steven meint: «Es ist höchste Zeit, dass Bordeaux-Weine wieder zu realen Werten werden und nicht zu spekulativen. Teuer sollte nur der Wein sein, der auch wirklich sehr gut ist – und dass sind ja bei weitem nicht alle.»
Ein heilsamer Schock für die Franzosen
Als wir abends zusammen mit der Gastgeberin Veronique Sanders am Dinner sitzen kann ich nicht anders, als Steven auf ein ganz anderes Thema anzusprechen. Auf den neuen Film «Bottle Shock» (www.bottleshock.com) in dem er sozusagen die Hauptfigur ist. Die Geschichte ist wahr und handelt vom ominösen «Paris Tasting von 1976». Damals gewannen zum ersten Mal Weine aus Kalifornien an einer Blindverkostung gegen die Franzosen, was zu einer neuen Entwicklung in der Weinwelt führte. Steven, der damals einen kleinen Weinladen in Paris führte, hatte diese Verkostung organisiert. Er war amused über meine Frage, aber nicht so über den Film. «Ich sehe ja gar nicht aus wie Alan Rickmann, der mich verkörpert. Auch habe ich nie Chicken Nuggets gegessen, wie es im Film gezeigt wird. Aber wer will schon einen Rechtsstreit mit den Amerikanern…» Wir hören ihm alle gespannt zu und geniessen dazu mehrere Jahrgänge des vorzüglich schmeckenden Haut-Bailly. Zum Kaffee werden die Grand Crus Pralinen serviert, die ich von Sprüngli mitgebracht habe, wobei wir noch bis spät in die Nacht über Bordeaux, Märkte und Trinkgewohnheiten diskutieren.
Meine Bordeaux-Woche beende ich jeweils in Paris im Café Flore. Unvergesslich schön ist der Moment, wenn mich der Kellner begrüsst und ich eine Baguette mit Jambon und Fromage bestelle und un verre de blanc – Produzent und Jahrgang spielen jetzt keine Rolle mehr.
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