Fliegenfischen – und mit dem Wasser verschmelzen
Wer als Ausgleich zum stressigen Alltag eine Beschäftigung sucht, bei der man Jagen mit Meditieren verbinden kann, sollte es mit Fliegenfischen probieren. Aber stellen Sie sich darauf ein, den Fisch auf der Heimfahrt im Laden einzukaufen.
Über sportliche Freizeitaktivitäten kann man mit Fug und Recht unterschiedlicher Ansicht sein. Triathlon beispielsweise ist nicht jedermanns Sache, und für jeden, der ein kühles Bier im Strassencafé der Schinderei des Trainings vorzieht, kann man gar nicht anders als Verständnis haben.
Golfen ist – zumindest körperlich – schon entschieden weniger intensiv, aber wer es je selber erlebt hat, wie der vermeintlich tote Ball ein Eigenleben entwickeln kann, der fragt sich unwillkürlich, ob er diese Lektion in Demut wirklich nötig hat.
Doch was soll man von einer Sportart halten, die mit den folgendenWorten beschrieben wird: «Diesen geliebten Kreaturen gaukeln wir auf höchst subtile Art und Weise natürliche Nahrung vor oder aber reizen sie im Notfall so, dass sie unsere kunstvoll-gemeinen Köder attackieren. Im rechten Moment reagiert, rammen wir ihnen ein Stück Stahl ins Maul, um sie im nächsten Zug in höchst erregter Konzentration daran zu hindern, ihre Freiheit wiederzuerlangen.
Also, wie kann es sein, dass erwachsene, intelligente und zivilisierte Menschen es als ihre tiefste Passion bezeichnen, Kreaturen mit einem Hirnvolumen von der Grösse einer Erbse zu überlisten (in anderen Worten: zu verarschen!), dabei grosse Freuden und Erregung empfinden und dafür sogar in Kauf nehmen, dass das geliebte Zielobjekt Schmerzen und hohem Stress ausgesetzt wird und in vielen Fällen unsere Befriedigung sogar mit dem Tod bezahlen muss?»
Die Sportart heisst Fliegenfischen. Und damit kein Missverständnis aufkommt: «olli», der dies auf dem Fliegenfischer-Forum.de im Internet geschrieben hat, ist ein begeisterter Anhänger von ihr, denn er schliesst mit den Worten: «Ja, ich fische seit vielen Jahren fanatisch bis leidenschaftlich mit der Fliege auf alles, was sich im Wasser bewegt!»
«Das Faszinierende am Fliegenfischen ist die Ruhe, wenn man allein am Wasser sitzt. Man vergisst die Zeit und alles andere um sich herum, ja man verliert sich. Mit der Zeit saugt einen der Fluss richtig ein, das Wasser fliesst durch einen hindurch, man verschmilzt mit dem Wasser.»
Tatsächlich kann man die Faszination dieses Sports Aussenstehenden kaum vermitteln. Umso mehr, als viele Angler das Fliegenfischen nicht betreiben, um den Fisch anschliessend zu essen, sondern ihn wieder freilassen.
Diese als «Catch & Release» bezeichnete Praxis ist auch unter den Fischern selber heiss diskutiert. Die einen argumentieren, dass man damit die Bestände schont, die anderen entgegnen, dass man die Fische auf diese Weise nur unnötig quält.
Gewiss ist: Die Motive für diesen Sport sind sehr unterschiedlich. Die einen betreiben ihn, weil man dabei wirklich draussen in der Natur ist; andere, weil sie die Herausforderung lieben, den Fisch – im Grunde wirklich noch ein Wildtier – zu überlisten; wieder andere, weil sie Entspannung und Ruhe suchen, denn tatsächlich hat Angeln, wenn es richtig gepflegt ist, etwas von Zen-Meditation. Und dann gibt es auch noch die, die die Fische anschliessend tatsächlich essen.
«Man braucht nicht einmal etwas zu fangen. Es gibt Tage, da versucht und versucht und versucht man, einen Fisch herauszuziehen, aber es klappt einfach nicht. Doch das macht überhaupt nichts, denn es geht nicht darum. Auch wenn der Fisch von selber sich befreien kann, ist dies nicht schlimm.»
Egal mit welcher Motivation, für die Aficionados ist Fliegenfischen die Krone des Angelsports, eine richtige Leidenschaft, ja eine Lebensphilosophie. Und eine der wenigen in unserer Zivilisation verblieben Möglichkeiten, den ursprünglichen, tief sitzenden Jagdtrieb auszuleben. So beschreibt der Bündner Clau Deplazes auf seiner Website www.fliegen-fischer.ch seine Passion mit diesen Worten: «Sie sehen einen vielversprechenden Fisch steigen. Ihr Adrenalinspiegel steigt blitzschnell und Sie stellen sich folgende Fragen: Was frisst er, hält das Vorfach, sitzt der Knopf fest genug, kommt der Wurf hin? Vorsichtig legen Sie zum Wurf an und die Fliege setzt ideal aufs Wasser. Der Fisch macht einen leichten Schwenker und nimmt sie ohne Bedacht auf. Der entscheidende Moment. der Anschlag gelingt! Der Fisch zieht ins tiefe Wasser. Oh, das muss ein harter Brocken sein! Es prickelt im Hinterkopf, das Adrenalin kocht, nochmals rauschen die Gedanken durch den Kopf, stimmt alles? Nach einem emotional sehr aufreibenden Drill ist es geschafft: Sie halten Ihren Fisch in den Händen und fühlen das Gefühl der unendlichen Zufriedenheit.»
Und auch er macht sich zum Schluss Gedanken darüber, was er mit seiner Beute anfangen will: «Behalte ich den Fisch oder gebe ich ihm die Freiheit zurück? Sie werden staunen. Behalte ich einen grossen Fisch, so ist das Gefühl fantastisch. Entlasse ich ihn jedoch wieder behutsam in sein Element, so ist das Gefühl unbeschreiblich.»
«Zum Thema Catch & Release: Ich stehe voll dahinter, wenn man den Fisch gut fängt, ihn schnell drillt, wenn man keinen Widerhaken verwendet, wenn man ihn möglichst schon im Wasser wieder freilässt. Damit ist der menschliche Jagdinstinkt befriedigt, man hat den Erfolg gehabt. Und der Fisch hat auch etwas davon – er ist
wieder frei und lebt weiter.»
Doch was ist denn eigentlich das Besondere am Fliegenfischen? Der Name leitet sich vom Köder ab, der als «Fliege» bezeichnet wird. Es sind Köder aus natürlichen oder künstlichen Materialien, die die eigentlichen Beutetiere der Fische imitieren und diese deshalb zum Zubeissen in die vermeintlichen Nahrung verlocken sollen.
Diese Fliegen kann man selbstverständlich kaufen, aber echte Liebhaber dieser Sportart binden die Fliegen logischerweise selber, und das ist eine eigentliche Kunst. Oft sitzen sie stundenlang am Bindestock, wickeln, binden, schneiden und lackieren diese filigranen künstlichen Insekten aus Federn, Fellstückchen, Wolle, Garn – und dem Haken.
«Fliegenfischen ist nicht schwierig, jeder kann es lernen. Ein erster Kurs ist zwar zu empfehlen, aber dann kann es jeder für sich allein ausüben. Wichtig ist, immer wieder hinauszugehen, zu üben und Erfahrung zu sammeln.»
Ebenfalls eine Kunst ist es dann, die richtige Fliege, den richtigen Köder zu wählen für den Fisch, auf den man es abgesehen hat. Denn die Fische sind sehr wählerische Gesellen, und je nach Ort, Wetter, Alter des Fisches – und diversen weiteren Faktoren – braucht man genau die richtige Verlockung, damit der Jäger im Wasser den Köder als Beute erkennt, darauf reagiert und so selber zur Beute wird.
Weiter unterscheidet sich diese Art des Angelns durch ihre Wurftechnik: Während sonst in der Regel ein Bleigewicht dafür sorgt, dass man den Köder möglichst weit ins Wasser werfen kann, ist es beim Fliegenfischen die spezielle Schnur, beziehungsweise deren Gewicht.
Die Bewegung beim Auswerfen ist denn auch charakteristisch: Anders als bei den anderen Angel-Arten wird hier die Rute mehrmals vor und zurück geschwungen und dabei immer mehr Schnur von der Rolle gelassen. Schliesslich können dies gut zwanzig, dreissig Meter oder noch mehr sein, bis dann der Köder am richtigen Ort im Wasser platziert wird.
«Es geht auch um den Wurfablauf: Es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn dieser Ablauf richtig harmonisch gelingt – dann kann es sein, dass man damit gar nicht aufhören, den Köder gar nicht mehr auswerfen, sondern die Bewegung immer weiterführen möchte. Mit der Zeit und Erfahrunge, wenn man es einigermassen kann, liebt man diesen Ablauf einfach um seiner selbst Willen.»
Und dann heisst es volle Konzentration – und hoffen, dass man den richtigen Köder am Haken und damit den Geschmack des wählerischen Fisches getroffen hat.
Dem Tag zuschauen, wie er vorbeigeht. Das Gefühl der unendlichen Zufriedenheit tief in sich einsinken lassen. Und mit Fug und Recht der Überzeugung sein, dass man über das Fliegenfischen nicht unterschiedlicher Ansicht sein kann. Als Aficionado kann man nicht anders als sagen: Es gibt nichts Schöneres.●
Die eingefügten Zitate stammen von Stuart Moultrie, Fliegenfischer-Guide in Bayern.
Fliegenfischen in Bayern
Die besten Reviere fürs Fliegenfischen findet man hauptsächlich in den Bächen und Flüssen der Voralpen. In Ruhpolding/Bayern beispielsweise, etwa hundert Kilometer südöstlich von München, bietet das Hotel Ortnerhof bis zum 15 Oktober besondere Arrangements für Fliegenfischer an. Die Gäste können inmitten eines atemberaubenden Alpenpanorama auf Bach- und Regenbogenforellen aus dem Gebirgsbach «Urschlauer Ache» ziehen. Begleitet werden sie vom erfahrenen Fliegenfischer-Guide Stewart Moultrie, der sie mit Tipps und Informationen unterstützt.
Daneben bietet das Hotel viele weitere Outdoor-Aktivitäten wie Golfen, Wandern und Radfahren, ausserdem verfügt es über einen grosszügigen Beauty- und Wellnessbereich und ein hervorragendes Restaurant.
Mehr unter www.ortnerhof.de
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