Stirling Moss - der letzte Gentleman des Automobilrennsports

Er war der Beste, obwohl er nie Weltmeister wurde – Sir Stirling Moss war der Autorennfahrer schlechthin. Und ein echter Gentleman, zumindest neben der Strecke. Über seine Misserfolge tröstete er sich mit Frauen und Taglatelle hinweg.

Michael Bahnert

Der Brite Stirling Moss ist die älteste noch lebende Motorsportlegende der Welt. Dieses Jahr wird er achtzig, und das ist keine Selbstverständlichkeit, weil er 1962 schon mal ein bisschen tot war. 32 Tage lag er ohne Bewusstsein im Krankenhaus, ein halbes Jahr lang wusste er kaum mehr, wer er war. Danach beendete er seine Karriere, weil er allzu oft darüber nachdenken musste «ob ich jetzt schon bremsen soll.» Veteranenrennen war fortan für ihn das höchste der Gefühle.

1962 in Goodwood anlässlich der Glover Trophy in England, einem nationalen 100-Meilen-Rennen und auf dem Höhepunkt seiner Fahrkunst, hatte er nicht gebremst, wieso auch, er war Sterling Moss, der Rennfahrer mit ungebremster Leidenschaft für Tempo, der Mann, der nie strategisch fuhr, sondern immer am Limit. Er fuhr einen Walker Lotus 18/21 mit Startnummer 7, und natürlich fuhr er noch die schnellste Rennrunde bevor der Unfall passierte. In diesem Rennen ist Moss sauer. Hat Getriebeprobleme, muss an die Box und kommt an vierter Stelle wieder raus. Vor ihm liegt Graham Hill, eine Runde Vorsprung, Moss will sich zurückrunden. Blaue Flaggen werden gezeigt, Hill gibt ein Handsignal zum Streckenposten, und Moss denkt, dies sei das Signal für ihn, jetzt zu überholen. Aber es war das fatalste Missverständnis in Moss´ Karriere. Hill geht davon aus, dass man hier nicht überholen kann, bleibt auf Linie, Moss schiesst heran, ihm geht die Strasse aus, er weicht aus, fliegt durch die Luft und bohrt sich in einen Erdhügel. Der Knall beim Aufschlag ist so, als ob der Bombenkrieg zurück wäre. Das war das Ende einer der erfolgreichsten Karrieren in der Formel 1, das Ende eines Rennfahrers, der 525 Rennen fuhr, 66 Formel-1-Rennen, sein erstes 1951 in der Schweiz, in Bremgarten. 16 Formel-1 Rennen gewann er. Weltmeister wurde er nie. Immer nur zweiter. Vier Mal.

Fangio fuhr nicht besser als StirlingMoss – aber erheblich klüger
Der Argentinier Juan Manuel Fangio, der 1995 starb, stand ihm drei Mal vor der Sonne, immer denkbar knapp. Moss musste Fangio ziehen lassen, weil Fangio klüger fuhr, nicht besser, mal bremste, um ein paar Punkte nach Hause zu fahren, nicht wie Moss, der stets fuhr wie ein Getriebener, fuhr wie eine gesengte Sau. Keiner weiss davon besser zu erzählen als Dietrich von Bötticher. Von Bötticher ist ein Anwalt mit den Hobbys eines Edelmannes; schnelle Autos, schnelle Pferde, heute nur noch Pferde.

Vor 20 Jahren kaufte er einen Maserati A6 GCS, um mit ihm das Langstreckenrennen Mille Miglia, die 1000 Kilometer von Brescia nach Rom und zurück, zu fahren. 1978 war die ­Mille Miglia noch Zwitterding zwischen Rennen und Oldtimer-Notstalgierennen, heute ist es eine Veranstaltung für reiche Säcke. Bis 1957 war es ein hartes Rennen, aber nachdem der Spanier Alfonso de Portago mit seinem Ferrari abflog und ein mittleres Massaker am Strassenrand mit vielen toten Kindern anrichtete, wurde das Rennen auf Druck der Kirche eingestellt. 1955 gewann Moss die Mille Miglia mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,62 Stundenkilometern. Das war und ist ­Rekord, einer für die Ewigkeit.

Moss, der ehemalige Maseratifahrer, war 1978 auf den Maserati gebucht, wusste aber nicht, dass von Bötticher der neue Besitzer und Co-Fahrer sein würde. Bötticher rief Moss an und ­erklärte ihm die neue Situation. Schweigen. Dann der Satz: «Dietrich, glaubst Du, ich bin ein Leben lang Rennen gefahren und habe überlebt, damit jetzt ein Deutscher kommt und mich tötet?» Zwei Wochen Funkstille. Dann ruft Moss Dietrich an: «Dietrich, hast Du Kinder?» «Ja.» «Wie viele?» «Vier.» «Ok, wir machen es.»

Bevor es los ging, drückten Polizisten den Fahrern Zettel in die Hand, auf denen die Verkehrsregeln notiert waren. Aber das kümmerte nicht mal die Polizisten. Es kümmerte sie auch nicht, als Stirling Moss bei ­Gegenverkehr überholte und mit einer Hand den entgegenkommenden, zivilen Fahrzeugen winkte, damit sie auf die Seite gingen. «Im Gegenteil», sagt von Bötticher, «die Polizisten applaudierten.» Moss fuhr unter Bahnschranken hindurch, es gab keine Kurve, durch die er nicht driftete, und einmal durfte von Bötticher fahren, ungefähr drei Kurven lang, der Wagen drohte auszubrechen, und «Stirling sass da, Blick nach vorne, unbewegt, und als es dann doch gut gegangen war, sagte er bloss: Dietrich, ich glaube, du hast dein Limit erreicht.»

Frauen und Tagliatelle –  neben dem Rennsport die einzigen Leidenschaften
Diese Anekdoten sollen nur veranschaulichen aus welchem Holz, auch nach dem Unfall, Sterling Moss geschnitzt war. Er war ein Mann, der im Gasfuss und am Steuerrad wahrscheinlich mehr Gefühl hatte als Romeo in seinem Herzen. Von Bötticher meint, dass es für Stirling nur drei Dinge gab im Leben: Rennwagen, Frauen und Tagliatelle. Für Tagliatelle hätte er sogar gebremst, einmal bei der Mille Miglia, da war eine Bauernhochzeit, und nachdem sie gegessen und getrunken hätten und Moss gerade dabei war, die Braut anzumachen, konnte ihn von Bötticher gerade noch rechtzeitig in den Maserati bugsieren.

Schwer zu sagen, ob Sterling ein Frauenheld war. Die ersten beiden Ehen dauerten nur kurz. Nach der ersten mit Katie sagte er, es sei nicht einfach, Rennen und Frau unter einen Hut zu bringen. Katie sagte, er behandle seine Rennwagen besser als sie. Elaine, seine zweite Frau, betrog ihn, und erst mit seiner dritten, Susie, wurde er glücklich, aber da war er kein Rennfahrer mehr, sondern Immobilienbesitzer und Selbstvermarkter. Aber eins scheint klar: ­Seine Leidenschaft für Geschwindigkeit und die Sehnsucht nach der Perfektion, eine perfekte Runde hinzulegen, liessen nur wenig Platz für anderes Amüsement. Wenigsten zu seiner aktiven Zeit. Moss trank kaum, rauchte nicht und hielt sich fit, während andere Piloten damals noch mit dem Champagnerglas und relaxten Hoden in die Wagen stiegen.

Vielleicht gab es ein Jahr nach seinem Unfall, als er auf derselben Strecke in Goodwood eine halbe Stunde lang einen Rennwagen steuerte und fix und fertig ausstieg, weil er merkte, dass er nicht mehr schnell genug reagieren konnte, ein paar Verirrungen. Der Mann war am Boden, reich zwar, aber seines wertvollsten Dinges im Leben beraubt. Der Champion ohne Krone tat dies und das, spielte im James-Bond-Film einen Fahrer, spielte in Filmen mit Titeln wie «The beauty jungle» oder «Mask of the Dust», er fuhr seine Jaguars und Aston Martins im Strassenverkehr, als ob es für ihn keine Gesetze mehr gebe, schliesslich wurde ihm der Führerschein entzogen.

Stirling Moss

Ein guter Tipp für den Gegner – dafür wieder kein Weltmeistertitel
Möglicherweise kam er, seines Talentes amputiert, nur schwer darüber hinweg, dass er nie Weltmeister geworden war und es nie werden würde. 1958, in dem Jahr als Fangio seinen Rücktritt erklärte, stand ihm sein Landsmann Mike Hawthorn vor der Krone. Am Ende der Saison hatte Hawthorn einen Zähler mehr als Moss und wurde Weltmeister mit nur einem einzigen gewonnen ­Rennen. Moss gewann drei Rennen, ­Hawthorn nur eines, aber Hawthorn fuhr mehr Punkteplazierungen ein als Moss. Mehr noch: Beim Grand Prix von Portugal, dem letzten Rennen, starb Hawthonrs Motor ab. Beim Vorbeifahren rief ihm Moss zu, er solle entgegen der Fahrtrichtung den Hügel hinunter rollen und so den Motor starten. Hawthorn tat dies und fuhr den entscheidenden Punkt ein. Die Rennleitung wollte ihn wegen des Manövers disqualifizieren, aber Moss setzte sich erfolgreich nach bester englischer Gentleman-Schule für ihn ein, sagte, Hawthorn sei keine Gefährdung gewesen, und er wisse, wovon er spreche, er sei da gewesen. Und er wurde wieder nicht Weltmeister. Hawthron starb ein Jahr später, im Strassenverkehr.

Insofern ist das Leben ungerecht. Der beste Fahrer seiner Zeit wird nie Weltmeister, und ein Fahrer, der in seiner Karriere bloss eine gute Saison hatte, wird Weltmeister, und zwar nur, weil der beste Fahrer sich führ ihn einsetzt, stirbt aber nicht mal ein Jahr nach seinem ­Triumph und gerät in Vergessenheit. Auf Stirling Moss‘ Rankingliste der besten Fahrer aller Zeiten rangiert er nicht mal unter den Top ten. Fangio ist ganz oben, und Senna, natürlich, der der ­Beste war und ohne die Tamburello-Kurve in Imola mit ein bisschen Glück der Beste aller Zeiten hätte werden ­können.

1999 wurde der Sohn eines autoverrückten Zahnarztes, der bei den 500 Meilen von Idianapolis einmal 16. wurde und einer Mutter, die Ralleyrennen fuhr, in den Adelsstand erhoben. Schwer zu sagen, ob ihm das etwas bedeutete, aber wahrscheinlich wäre er lieber Champion geworden als Sir. Oder beides zusammen, aber das hätte vermutlich nicht funktioniert. Die perfekte Perfektion gibt es nicht. Nicht im Autorennsport, nicht im wirklichen Leben. Immer bleibt ein kleiner Makel an allem Menschlichen. Dem einen schenkt die Welt einen Weltmeistertitel, obwohl er im Grunde nur mittelmässig talentiert ist, und demjenigen, dem die Welt alles mit auf den Weg gegeben hat, versagt sie die Krone.

Schwer zu sagen auch, wie es Stirling Moss geht. Er macht sich rar, irgendwie, seine Homepage existiert seit ein paar Wochen nicht mehr, und seit im ­Dezember letzten Jahres Mercedes das letzte Modell der Mercedes-McLaren-SLR-Reihe auf den Namen Stirling Moss getauft wurde, ist er ein bisschen weg vom Fenster. Obwohl es einiges zu sagen gäbe, über das Lügen von Lewis Hamilton und den Höhenflug von ­Jensen Button etwa. Schade. Die Guten werden rar.

Ausgabe 2/2009

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