Van Gogh' Arles

Ruhige Tage in der Stadt Van Goghs und des Mistrals

Die kleine Stadt in der französischen Provence ist eines jener Nester, in denen ausser ein bisschen Tourismus nichts los ist – und in denen man sich sauwohl fühlt, wenn man nach ein, zwei Tagen einheimisch wird.

Michael Bahnert

Tipps zu Arles

Hotels
Grand Hotel Nord Pinus
Vier Sterne Hotel mit grosser Tradition
und illustrer Gästeschar. Kunst meets Artdeco meets Marokko. 26 Zimmer ab
160 Euro.
Place du Forum, Tel. 0033 490 93 44 44
www.nord-pinus.com

Restaurants
L’Atelier
Jean-Luc Rabanel bekam unlängst als erstes Bio-Restaurant einen Michelin-
Stern. Serviert wird unter anderem etwa «13 touches de gout» samt dazu pas­sendem Wein für 150 Euro.
7, rue des Carmes,
Tel. 0033 490 91 07 69
www.rabanel.com

Chez Nene et Bebe
Solide provenzialische Küche und
familiärers Ambiente. 12, Place du
Forum, Tel. 0033 490 93 49 49
Ardoise. Für Käseliebhabe ein kleines Paradies. 9, Place du Forum,
Tel. 0033 490 96 50 22

Bars
Coco Bongo
Kubastyle. Manchmal top, manchmal
geht so. Gute Drinks aber jederzeit.
14, Boulevard de Lices,
Tel. 0033 490 43 55 27
www.resto-bar-coco-bongo.fr

Nord Pinus
Kubastyle. Manchmal top, manchmal
geht sDie Artdeco-Bar hinter der Lobby.
Ein kleines Juwel. Picasso, Cocteau,
Ava Gardner, Yves Montand, Fitzgerald –
sie alle haben hier schon am Tresen
gesessen. Eine Fotowand erzählt davon. Gute Weine.

Cafe de nuit
Das Cafe, in dem Van Gogh getrunken
und das er 1888 gemalt hat. Geht
natürlich jeder hin, ist aber trotzdem
ein Besuch wert. Place du Forum.

Tanz
Cargo de nuit
In der Neustadt. Nennt sich Salle de
Concert. Es gibt alles, und das ist
manchmal zuviel. 9, avenue sadi-carnot,
Tel. 0033 490 49 55 99
www.cargodenuit.fr

Weitere Informationen:
www.tourisme.ville-arles.fr

Durch das provenzalische Städtchen Arles fliesst die Rhone und teilt es in zwei Hälften. Die rechte Stadtseite ist jene, die man einst «das kleine Rom» nannte und wegen der all die Touristen kommen, die der 2000 Jahre alten Siedlung ein nettes Auskommen bescheren. Die linke Seite ist Neubaugebiet; mittelmässige Wohnsiedlungen, kleine Einfamilienhäuser, ein Friedhof, eine Tanzhalle und zwei Etablissements, von denen eines als ordentliches Bordell bezeichnet werden kann und eines als «Bar de nuit», in denen die Männer und Frauen allerdings so angeschlagen sind, dass kaum mehr was geht.

Aber man muss zuerst mal ankommen. Es gibt Züge von Marseille aus, Regionalbahnen, die letzte geht um Viertel vor neun, ist aber selten pünktlich. Man erwischt meist die letzte, weil man vom Flughafen in Nizza her kommt und von dort den Zug nach Marseille nehmen muss, das sind zweieinhalb Stunden, und zwischen Nizza und Marseille passiert immer etwas. Dieses Mal war es eine Weiche in Draguignan, die nicht mehr funktionierte, das macht eine Stunde, in der man schön Zeit hatte, über dieses Frankreich nachzudenken, das, so hat man den Eindruck, seit Jahrzehnten immer ein wenig mehr verlottert, ohne dabei jedoch gross anders auszusehen.
Es ist dann schon dunkel in Arles, Leute steigen kaum aus. Arles ist eine Stadt für Tagestouristen, und man steht da, allein, kein Taxi weit und breit und nur ein kleiner Wegweiser «centre ville.» Es riecht nach gar nichts, das mag am Mistral liegen, der so bläst, dass er pfeift, und der einem den ganzen Staub in die Augen treibt. Ein kleiner Weg führt unter den tief hängenden Ästen eines Baumes zu einem grossen Platz vor der Stadtmauer, und man hat wieder Hoffnung, fragt einen einsamen Hundebesitzer nach dem Weg, der weist stumm durch das Stadttor, und man kann nur geradeaus laufen, und dann fangen die Probleme an, die Strasse gabelt sich. Links scheint besser, weil rechts wieder hinaus zu führen scheint, aber links liegt auch eine Ansammlung von Gassen, die an das kretische Labyrinth erinnert. Auf einem Balkon raucht eine Rentnerin eine letzte Zigarette, sie antwortet nur widerwillig, als man sie fragt, wo die Place du Forum sei, gibt dann aber den Tip, man solle in einer Bar fragen. Das ist ein guter Ratschlag. Drei Bars und drei Biere später steht man endlich ganz locker auf der Place du Forum, dem Herz der Stadt. Ist gut, wieder mal in Frankreich zu sein.

Abends gehen die Touristen heim
und Arles geht zeitig zu Bett
In den Cafés um den Fussballfeld grossen Platz herum ist nicht viel los, zu viel Wind wahrscheinlich, denkt man, aber ein paar Tage später weiss man, dass es nicht am Wind liegt, dass Arles früh schlafen geht. Einzig im Cafe de nuit, das Van Gogh seiner Zeit ganz in gelb gemalt und auf Ewigkeit in Goldgrube verwandelt hat, sitzen ein paar Figuren, Menschen ohne Fotoapparate, aber auch keine Einheimischen, schwer zu sagen. Rechts vom Cafe de nuit, an der Kopfseite des Platzes, liegt das Hotel, das Nord Pinus, gegründet 1880 von einem Schweizer namens Pinus, eine der besseren Adressen in Arles, einst Treffpunkt der Stierkämpfer während der Kämpfe an Ostern oder im September, Picasso war da, Cocteau, Ava Gardner, die ganze Boheme der 1950er Jahre. Man trinkt ein letztes Bier allein mit dem Wind auf der Terrasse, und der Wind streicht um die Ohren wie sanfte Ohrfeigen.

Es gibt vielleicht fünfzig verschiedene und mit Namen versehene Winde auf der Welt, zärtliche und brutale, und der Mistral liegt irgendwo dazwischen, und auf welche Seite er ausschlägt, hängt von der Tagesform ab. Einen Vorteil hat der Wind; bläst er, schrumpfen die Heerscharen von Tagestouristen auf ein paar vernachlässigbare Busse. Bläst er nicht, ist es gut, sich was einfallen zu lassen, denn dann ist Arles an seinen neuralgischen Punkten ein wenig wie Venedig auf der Rialtobrücke, und es gibt nur mühsames Durchkommen. Das heisst bei Mistral: Amphitheater entweder früh morgens oder im letzten Sonnenschein. Museen gar nicht. Der Markt am Stadtrand mit den provenzialischen Köstlichkeiten, den Kleidern und Schuhen ist zwar ganz hübsch, aber vielleicht doch eher etwas für Frauen, Schwule oder Hobbyköche.

Moules et frites für zehn Euro – und den Gauloise-Typ vis-à-vis
Gegenüber des Hotel Nord Pinus, auf der andern Seite des Platzes gibt es ein kleines Cafe, das gerade so heruntergekommen aussieht, dass sich amerikanische, japanische, englische und deutsche Touristen nur trauen, scheue Blicke zu werfen oder schnell zu fotographieren. Was dort in diesem Cafe mit aller Zeit der Welt am Tresen sitzt, sind ­Gewächse der Stadt, braune, zerfurchte Gesichter mit weit offenen Hemden, Goldkette, der Typ, den man früher einmal als Gauloise-Raucher bezeichnet hat. Das Cafe, das Van Gogh nicht gemalt hat, ist ein guter Platz, um Arles und den Wind an sich vorbei ziehen zu lassen. Und hat man Hunger, auch auf das schicke Arles gegenüber, überquert man einfach die Strasse und setzt sich in eines der mit Plastikplanen windgeschützten Restaurants mitten auf dem Platz. Eigentlich egal welches. Sie sind alle ein bisschen zu teuer und zu sehr auf schick gemacht, aber immerhin bekommt man für zehn Euro eine Portion Moules et Frites, und für drei Euro ein Glas Wein.

Danach fühlt man sich in der Lage, durch das Gewirr von Gassen und Gässchen zu flanieren, jene kleinen Labyrinthe fern der Hauptadern der Stadt, in denen dieser unbeschreibliche Geruch hängt, den es nur in der Provence gibt, vermutlich hat es mit der Sonne und dem Stein zu tun, und man streift im Vorbeilaufen entweder Gassen in denen wunderbar nichts ist, oder aber solche mit Restaurants, Boutiquen, ­Galerien und verhältnismässig vielen Coiffeurgeschäften – das mag am Wind liegen, der jede Dauerwelle in nullkommanix fertig macht. Erneut setzt man sich hin, an irgendeinem kleinen Plätzchen, das verschlafen ist und Licht durchflutet und namenlos, und manchmal übt über Mittag dort eine lokale Tanztruppe im Freien ihre Tänze. Man schaut und trinkt Rose und hat die Musse, sich zu fragen, ob man hier leben möchte, vielleicht oben auf der Place de la Redoute, auf der die Stadt unter ­einem liegt und vor einem die Dächer der Stadt und dahinter die Ebenen der Provence. Doch es ist zu früh, sich diese Frage zu beantworten, man sollte warten, bis man bei Chez Nene et Bebe gewesen ist.

Das Verhängnisvolle an diesem Lokal ist, dass es eine verführerische Insel im arlschen Ozean ist. Man kommt hin, legt an ihren Ufern an und möchte so schnell nicht mehr weg. Aber irgendwann nach Mitternacht ist auch dort auf dieser Insel im Schatten der Place du Forum Schluss, und man geht widerwillig und weiss, dass man wieder kommen wird. Das Chez Nene et Bebe wird unverzüglich zu Heimat, und Heimat ist Wohnzimmer. Da ist es von Vorteil, das kulturelle Arles hinter sich zu haben, die architektonischen Sehenswürdigkeiten, das Van Gogh Museum, die Fondation Picasso. Denn mit Wohnzimmern verhält es sich so; die Schwerkraft ist dort ungleich stärker.

Zuhause bei den Einheimischen – doch die wollen eigentlich weg
Der Wirt heisst René, ist 60 Jahre alt, will verkaufen und auf La Reunion was Kleines eröffnen. Sagt, er hätte keine Lust, in Arles zu sterben. Er raucht Kette und hat das Stadium des Gesellschaftstrinkers seit ein paar Jahren hinter sich. Ein Mann, der sein Leben lebt, als wäre es eine der Geschichten, die er gerne erzählt. Sein Lokal hat ein paar Tische auf der Place Forum, aber an die muss man sich nicht setzen. Rechts von Hotel Pinus geht eine kleine Strasse ab, sieht aus wie eine Sackgasse, und dort stehen sechs kleine Tische, und da sitzen Rene und seine Stammgäste. Der Automechaniker von den Kapverdischen Inseln ist da, der immer eine Skijacke trägt und von einer Werkstatt in seiner Heimat träumt. Jean, sitzt am Tisch, ein junger Fotograf, der viel lieber Magier wäre. Seine Mutter, die einen Friseursalon hat, kommt nach Feierabend, und da sind noch zwei alte Arlesien, die nie was sagen ausser «Salut», wenn René ein Runde selbst gebrannten Rum ausgibt.

Man setzt sich mal alleine an einen Zweiertisch, bestellt Wein und denkt, dass es besser ist, mal die Lage zu sondieren. René bringt ihn, und fragt, ob man alleine sei, ja, das gehe nicht, bei ihm, meint er, man soll sich an den Tisch mit den Stammgästen setzen. Der Rest ist Rosé und Rum, und an diesem ersten Abend die Geschichte, weshalb in der Regel in der historischen Altstadt von Arles um 23 Uhr Schluss ist. Sarkozy ist Schuld. Er habe die Gendarmerie dazu angehalten, nach halb elf Uhr vermehrt Kontrollen durchzuführen. Dies führe dazu, dass die Menschen zwar trotzdem gut betankt mit dem Auto nach Hause fahren würden, aber schon um zehn. Und jene, die in der Altstadt wohnten, gingen dann auch früher oder eben gar nicht mehr aus.

Es folgten noch zwei weitere Abende im Hafen von René, und mag sein, dass es ohne Alkohol nicht dasselbe gewesen wäre, aber es ist müssig darüber nachzudenken. Und natürlich war Arles viel mehr als diese Abende, und am letzten Tag verschnaufte sogar der Mistral. Man bliebe gerne länger, denkt man, als man mit der Tasche auf den Schultern die Stadtmauern wieder verlässt und den kleinen Weg zum Bahnhof nimmt.

Ausgabe 3/2009

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