Legende Bog Oak – Pfeife rauchen aus Steinzeit-Eichenholz
Bog Oak ist nicht etwa eine steinzeitliche Grussformel, mit der man einst die Seinen in der Höhle begrüsste, sondern die englische Bezeichnung für den Denier Cri der Pfeifenbranche: Pfeifen aus Mooreichenholz. Herrlich zu rauchen, federleicht, fein und chic. Und uralt.
Seit einiger Zeit tauchen immer mal wieder pechschwarze Pfeifen mit seltsam netzartiger Reliefmaserung unter der Bezeichnung «Bog Oak» auf. Da die Raucheigenschaften dieser ungewöhnlichen Pfeifen durchaus unterschiedlich beurteilt werden und die Preise zum Teil nicht unerheblich über dem Durchschnitt einer gehobenen Mittelklassepfeife liegen, ist der Pfeifenfreund nicht ganz sicher, was er von einer solchen Pfeifen halten soll. Man würde sich ja vielleicht doch ganz gerne mal so eine ausgefallene Pfeife leisten, wenn man nur genauer wüsste, was es mit Bog Oak auf sich hat.
Hinter dem englischen Bog Oak verbirgt sich die Mooreiche, auch Morta genannt. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine eigene Holzart, sondern um sehr alte Eichen, die am Ende der Eiszeit durch Naturkatastrophen wie etwa Gletscherschmelzen vom Wasser mitgerissen wurden. Durch glückliche Umstände haben die Baumstämme dann zwischen 600 und 8500 Jahre in Flussbetten, unter Moor oder Kiesschichten luftdicht abgeschlossen überdauert, und einen sogenannten subfossilen Zustand erreicht. Dabei wurden Harze und Öle aus dem Holz geschwemmt, was es leicht und porös macht. Ausserdem ging die Gerbsäure des Eichenholzes mit den Eisensalzen des Wassers eine Verbindung ein, wodurch das Holz sehr hart wurde und sich kräftig dunkel färbte. Die Verfärbung der Stämme ist allerdings sehr unregelmässig und variiert je nach Luftabschluss und Wasserkontakt von hellgrau bis tiefschwarz.
Ein rares Material, wie geschaffen
für neue Pfeifenträume
Doch wie kommt man darauf, aus einem Material, das nahezu versteinert ist, Pfeifen zu machen? So ungewöhnlich ist das Ganze nicht. Die Suche nach dem optimalen Stoff, aus dem Pfeifenträume gefertigt werden können, ist wohl so alt wie das Pfeifenrauchen selbst. Spätestens seit Raleighs Zeiten experimentieren Pfeifenenthusiasten mit allen möglichen (und unmöglichen) Materialien, und dies mit recht unterschiedlichem Erfolg.
Am Beginn stand die fragile Tonpfeife, doch wurde sie irgendwann durch die Holzpfeife abgelöst. Die war zwar weniger leicht zerbrechlich, dafür konnte sie die Hitze in ihrem Kopf nicht annähernd so gut vertragen. Künstliche Materialien wie Metall, Glas, Keramik oder Kunststoffe haben sich nicht durchsetzen können, auch wenn es Porzellanpfeifen im 19. Jahrhundert zu einer gewissen Blüte brachten. All diese Materialien konnten jedoch letztlich weder geschmacklich noch technisch überzeugen, denn sie waren entweder zu zerbrechlich, nicht hitzebeständig oder nahmen kein oder nicht ausreichend Kondensat auf.
Vor rund 200 Jahren verdrängten dann Bruyère und Meerschaum alle anderen Materialien, da sie sämtliche der gesuchten Vorteile in sich vereinten und darüber hinaus auch noch höchsten geschmacklichen und ästhetischen Ansprüchen genügten. Doch endete die Suche nach dem optimalen Pfeifenwerkstoff damit natürlich nicht. Bis heute experimentieren findige Pfeifenmacher mit neuen Materialien, um herauszufinden, ob diese nicht doch noch besser als Bruyère oder Meerschaum sind. Ist Mooreiche vielleicht diese ernsthafte Konkurrenz?
Die Eigenschaften des Holzes lassen jedenfalls passionierte Pfeifenraucher aufhorchen. Das Holz der Mooreiche ist erstaunlich leicht, man möchte sogar sagen federleicht. Selbst grosse Pfeifen scheinen beinahe nichts zu wiegen. Man fühlt sich an Balsaholz oder Bimsstein erinnert. Dabei ist das Material glatt und fest, doch immer noch porös genug, um während des Rauchens sehr viel Kondensat aufnehmen und später die Feuchtigkeit wieder leicht abgeben zu können. Alles spricht für kühlen und trockenen Rauchgenuss.
Doch die Sache muss natürlich auch einen kleinen Haken haben, denn das Holz der Mooreiche weist keine besonders spektakuläre Maserung auf. Deswegen werden Pfeifen aus diesem Material dunkel gebeizt und sandgestrahlt. Das klingt zunächst nicht sonderlich aufregend, doch gerade hier zeigt die Mooreiche, was im wahrsten Sinne des Wortes in ihr steckt: Aufgrund der speziellen Struktur ihres Holzes entsteht beim Sandstrahlen eine ausserordentlich reizvolle netz- beziehungsweise gitterartige Struktur. Je runder die Form des Pfeifenkopfes, desto schöner, kräftiger und gleichmässiger zeichnet sich das Netz ab. So entsteht eine unvergleichliche Oberflächenstruktur, die allein schon die Anschaffung einer Bog Oak rechtfertigen könnte.
Leicht, schön, funktional, gute Raucheigenschaften, ein neuer Look und das erhabene Gefühl, etwas wirklich sehr altes nicht nur in Händen zu halten, sondern auch noch mit aussergewöhnlichem Genuss rauchen zu dürfen – all das vermittelt das gewisse Etwas und macht einen Bog Oak Smoke zu einem wirklich besonderen Erlebnis. Genau besehen war es also gar keine so überraschende Idee, aus dem Holz der Mooreiche Pfeifen zu machen. Man musste nur darauf kommen.
Internationaler Vorreiter dürfte wohl der in die Bretagne ausgewanderte amerikanische Pfeifenmacher Trevor Talbert sein, von dem es heisst, er habe zuerst die Idee zur Bog Oak Pfeife gehabt. Mittlerweile sind eine ganze Reihe international renommierter Freehand-Pfeifenmacher seinem Beispiel gefolgt. Reiner Thilo Bindschädel war der erste professionelle Pfeifenmacher in Deutschland, der sich mit Mooreichen als Pfeifenrohstoff befasste und auch ausgefallene Shapes daraus herstellt. Inzwischen fertigen auch Tom Richard Mehret, Hermann Hennen, Eckhard Stöhr und Josef Prammer Pfeifen aus Mooreichenholz an.
Die weltweit erste Serienpfeife aus Mooreiche wird von der Otto & Kopp GmbH aus Offenbach unter dem Markennamen Rattray’s vertrieben. Wie es bei einer solchen Pfeife gar nicht anders sein kann, interessiert es die Pfeifenraucher selbstverständlich ganz besonders, wo genau der uralte Rohstoff ihrer neuen Pfeifen herstammt und wie alt er tatsächlich ist. Oliver Kopp, Geschäftsführer von Otto & Kopp kann das gut verstehen und gibt hierüber gern Auskunft: «Die Mooreichen für unsere Rattray’s Bog Oak Pfeifen stammen aus einem alten versandeten Seitenflussarm der Donau. Dieses Holz ist mit etwa tausend Jahren noch relativ jung.» Hat damit das Holz aus der Zeit der Zähringer genau das richtige Alter? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Die Raucheigenschaften scheinen nicht unmittelbar mit dem Alter zu tun zu haben. Einige Pfeifenmacher verwenden über 8000 Jahre alte Hölzer mit besten Ergebnissen. Entscheidend ist offenbar, dass der Prozess der Fossilierung noch nicht zu weit fortgeschritten ist, da sonst das Holz unbrauchbar sprich unrauchbar geworden ist.
Sensibler Werkstoff, der sehr anfällig ist für Brandschäden
Haben wir mit Bog Oak den ultimativen Pfeifen-Werkstoff des neuen Jahrtausends vor uns? Genau besehen würde das dann doch überraschen. Abgesehen davon, dass die Rohstoffressourcen für Mooreichen-Pfeifen, ähnlich wie Steinkohle, nicht gerade als nachwachsend bezeichnet werden können und die Vorkommen recht limitiert sind, kommt erschwerend hinzu, dass das Holz von Mooreichen bei der Verarbeitung einige Tücken hat, jedenfalls weiss Oliver Kopp über so manche Schwierigkeiten im Umgang mit einem ziemlich sensiblen Werkstoff zu berichten: «Mooreichenholz ist sehr porös und leicht. Es ist deshalb aber auch relativ anfällig für Brandschäden, weshalb wir die Brennkammern der Pfeifen ab Werk mit einer Wasserglaspaste ausschmieren lassen.» Nach einer solchen Behandlung sind keine weiteren Komplikationen mehr zu befürchten, doch musste man erst einmal die richtige Rezeptur für eine solche Paste finden. «In der ersten Lieferung kam es zu Problemen, da die Herstellerfirma eine ungeeignete Paste benutzte, aber diese Probleme sind nun vollkommen beseitigt.»
Eine weitere Schwierigkeit entsteht während des Rauchens. Durch die Glut kommt es in der Brennkammer zu extremen Temperaturschwankungen, was notwendigerweise zu enormen Spannungen im Pfeifenkopf führt. Bruyère oder Meerschaum können das innerhalb bestimmter Grenzen vertragen. Bei einem spröden Material wie dem der Mooreiche, können diese Spannungen allerdings zu Rissen führen. Deshalb kommen nur runde Shapes, am besten mit gleichmässig dicken Wandstärken in Frage, die die Wärme gleichmässig verteilen und ableiten. Rundliche Pfeifenformen haben unter Bog Oaks also nicht nur «oberflächlich» ästhetische, sondern auch «handfeste» physikalische Gründe, zumal sich gedrungenere Shapes im Alltagsgebrauch als besonders widerstandsfähig gegen Bruchgefahren erwiesen haben. Man wird sicher gut daran tun, seine erste Bog Oak vorsichtig zu rauchen, und dabei überrascht feststellen, wie kühl sie sich raucht. Die besonders tiefe «Maserung» des Holzes wirkt wie Kühlrippen und die Pfeife liegt sicher und angenehm in der Hand. Man könnte sagen, sie hat «grip». So wird der Pfeifenkopf beim Rauchen gerade mal lauwarm. Probleme traten bei den getesteten Exemplaren tatsächlich nicht auf.
Viel Kopfzerbrechen (im wahrsten Sinne des Wortes) macht den Pfeifenmachern allerdings die Herstellung der Pfeifenköpfe. Gerade bei Serienpfeifen häufen sich die Probleme, wie Oliver Kopp berichtet: «Da das Material bei der Bearbeitung sehr leicht reisst, ist der Ausschuss bei maschineller Fertigung sehr hoch.» Folglich müssen eher grössere Modelle gefertigt werden, was die Gestaltungsspielräume der Pfeifendesigner einschränkt. Übrigens haben auch Freehand-Künstler ihre liebe Not mit dem Material, weshalb auch sie überwiegend rundliche Modelle herstellen.
Kein Wunder also bei diesen Fertigungsbedingungen, dass sogar Serienpfeifen aus Mooreichenholz immer noch einen recht stattlichen Preis haben. Natürlich geht‘s immer auch billiger, bloss taugen dann diese Pfeifen meist nichts. Manche Hersteller verwenden (möglicherweise unwissentlich) viel zu helles (und damit billiges) Holz, produzieren ungeeignete Formen und das vielleicht auch noch nachlässig. Fehler, die sich beim Rauchen unmittelbar rächen, weshalb der Pfeifenmacher Josef Prammer warnt: «In den letzten Jahren kommen vermehrt Mooreichenpfeifen von minderer Qualität auf den Markt. Diese brennen leicht durch, sind dunkel eingefärbt bzw. lackiert und weisen schlechte Raucheigenschaften auf.» So ist es wenig verwunderlich, dass man unterschiedliche Urteile über Pfeifen aus Mooreiche zu hören bekommt.
Prammer hat nicht zuletzt wegen dieser Problematik eine Studie über die Eignung von Mooreichenholz zum Bau von Pfeifenköpfen beim Institut für Holzforschung an der Universität Wien in Auftrag gegeben, um wissenschaftlich untersuchen zu lassen, was genau das Besondere am Holz der Mooreiche ist und worauf man als Produzent und Konsument solcher Pfeifen achten sollte. Die Ergebnisse der Studie liegen nun vor und sind im Internet frei zugänglich (unter www.tecon gmbh.de).
Zunächst bestätigen die Forscher der Uni Wien, was Pfeifenmacher bereits aus Erfahrung wissen: je dunkler das Holz, desto besser die Raucheigenschaften. Das hilft dem Pfeifenraucher jedoch nicht wirklich weiter, da die handelsüblichen Pfeifen alle tiefschwarz gebeizt sind. Hier muss man sich als Konsument auf die Kompetenz des Pfeifenherstellers verlassen, der das Holz ausgewählt hat. Und der muss sich wiederum auf andere Fachleute in der Holzbranche verlassen, denn die Farbe des Holzes hat überhaupt nichts mit dem Alter oder dem Grad der Fossilierung zu tun. Die enormen Altersunterschiede von mehreren tausend Jahren sind den Hölzern absolut nicht anzusehen. Der Grad der Verfärbung hängt allein unmittelbar damit zusammen, ob der Baumstamm vollkommen und durchgängig luftdicht unter Wasser abgeschlossen war. Was aber, wie gesehen, erhebliche Auswirkungen auf die Raucheigenschaften hat.
Jedoch auch unabhängig vom Prozess und Grad der Fossilierung kann die Qualität des Mooreichenholzes noch stark variieren. Risse im Holz, Pilzbefall, Bohrlöcher durch Insekten und Ähnliches können bereits zu «Lebzeiten» des Baumes zu jenen Problemen führen, die alle Pfeifenmacher nur zu gut vom Bruyère kennen. Die Studie kommt bei Berücksichtigung von Quellverhalten, Holzdichte, Asche- und Elementgehalt zu dem Fazit, dass nur hochdichte, dunkle Mooreichenhölzer gute Raucheigenschaften haben. Als Kunde muss man sich also letztlich auf das Wort seines Händlers verlassen können, der den Pfeifenmacher gut genug kennt, um zu garantieren, dass man auch eine wirklich gute Pfeife aus bestem Material erhält. Die kostet vielleicht etwas mehr, ist es aber auch wert!
Beim Rauchen schweifen die
Gedanken ab in die Steinzeit
Handwerklich gut gemachte und mit Sachverstand hergestellte Pfeifen aus Mooreichenholz sind schon etwas ganz besonderes. Sie sehen nicht nur wunderschön aus und rauchen sich hervorragend, sie laden darüber hinaus auch noch zu einer Zeitreise ein. Man denkt unwillkürlich beim Rauchen darüber nach, was wohl vor sechs-, sieben- oder achttausend Jahren gewesen sein mag. Unversehens ändert sich dabei die Perspektive auf das eigene Leben, der Stress des Alltags erscheint plötzlich klein und unbedeutend, und man stellt eine Bog Oak Pfeife nach dem Rauchen etwas nachdenklicher und stiller als sonst zurück in den Pfeifenschrank. Schon deshalb sollte man so eine uralte «philosophische» Pfeife haben...
Ausgabe 3/2009
Archiv
Cigarren-Datenbank
Über 500 Cigarren im Test
Aktion
Verpassen Sie kein «Cigar»
Wenn Sie das neuste «Cigar» jeweils prompt in Ihrem Briefkasten haben möchten und keine Ausgabe verpassen wollen, gibt's einen einfachen Trick - abonnieren Sie. Schon für 36 Franken beziehungsweise 28 Euro senden wir Ihnen das Lifestyle-Magazin ins Haus.
Abonnieren