Das ganz normale erotische «Klackklack»
High Heels sind eine Waffe, ein Vorspiel, ein Penisersatz – oder ganz einfach Schuhe, die den Verkehr zwischen den Geschlechtern erleichtern.
Die offizielle Wahrheit bei High Heels beginnt bei zehn Zentimetern und endet bei vierzehn. Darunter ist es einfach ein hoher Absatz, darüber beginnt die Welt des Fetischbereiches, jener schuhähnlichen Gebilde, die Skyscraper heissen, Balletheels oder Ponyboots. High Heel-Schuhe werden grundsätzlich in sechs Schuharten unterteilt: der klassische Pumps mit seinem V-förmigen Decoltee, der Sling Pumps, der an der Ferse offen ist, der Flamenco Pumps, der an der Spitze eine Zehenöffnung hat – Peep Toes – sagen die Engländer, die Sandalette mit den spielerischen Knöchelriemchen und Öffnung für alle Zehen, die Sling Sandaletten mit Peep Toes und offener Ferse und Riemchen, sowie die Pantolette, eine Sandalette ohne die verzierenden Riemchen.
Aber das ist alles nur Theorie. In Wahrheit sind High Heels ein famoses Werkzeug zur Herstellung von erotischen Daseinszuständen. Es gibt Frauen, die wissen das, wissen, dass bei den meisten Männern der Verstand in die Hose rutscht, wenn sie mit dem unverwechselbaren Klackklack, den angespannten Wadenmuskeln und den wiegenden Hüften daher stöckeln, mit zwangsläufig hohlem Kreuz, das den Hintern hervor treten lässt und die Brüste an den Rand der Schwerkraftgrenze bringt. Sie wissen auch, dass Beine, Hintern und Brüste mit einem kleinen Makel durch das Tragen von High Heels entweder elegant kaschiert werden, davon ablenken oder gar eine Stärke daraus machen. Und die Männer finden das natürlich nicht verkehrt.
Die High Heels als gemeinsamer
Nenner von Mann und Frau
Einzigartig ist die Funktion des High Heels als ein wunderbar unkomplizierter und reizvoller gemeinsamer Nenner in der beinahe unvereinbaren Allianz, die Männer und Frauen in der Hoffnung auf ein bisschen Glück, ein wenig Sex und ein klein wenig weniger Einsamkeit eingehen; die Frau trägt die High Heels sozusagen als Waffe, von der sich der Mann gerne erschiessen lässt. Ein Damenfuss in einem High Heel ist immer ein Vorspiel, eine Vorspeise, und je nach dem, was danach kommt, kann es auch schon mal der Höhepunkt gewesen sein. Hinzu kommt, dass der High Heel mit seiner glänzenden Oberfläche und dem edlen Material aus Leder oder Lack nicht nur ästhetischen Sexappeal besitzt, sondern die Trägerin wahlweise zur Lady, zur Schlampe oder zur Domina werden lassen kann. Das Tragen von High Heels sind Schritte in eine erotische Welt voller Spielarten, die immer den Geruch des Unanständigen tragen, und nur phantasielose Frauen ziehen High Heels vor der Bettkante aus.
Hier beginnt die Gefahr, der Bereich, in dem sich Psychologen gerne einschalten. Es gibt diesen Code, den ICD-10-GM F65.0, kurz F65.0, der gemäss der «International Classification of Diseas» den «Gebrauch toter Objekte (also den Schuh) als Stimuli für die sexuelle Erregung und Befriedigung» als sexuellen Fetischismus definieren. Natürlich lächelt der High-Heel-Liebhaber darüber und fragt, wieso totes Objekt? Da stecken ja lebendige Füsse in den Schuhen. Psychologen glauben, dass dann Therapiebedarf bestehe, wenn «der Fetisch als vollständiger Ersatz für die partnerschaftliche Sexualität» diene. Man muss zugeben, dass die Gefahr, den Schuh irgendeines Tages mehr zu mögen als die Frau, nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Der kultiviert-triebhafte Leopold von Sacher-Masoch formulierte dies schon vor über hundert Jahren. Er wies darauf hin, dass das Problem des Schuhfetischisten sei, dass er nur den Schuh wolle, aber die ganze Frau dazu nehmen müsse.
Der Schuh ist laut Freud «ein Ersatz
des Sexualobjektes»
Es gibt noch mehr Probleme. Sigmund Freud zum Beispiel, der sich in seinen Betrachtungen zu sexuellen Abweichungen auch dem hohe Schuhe tragenden Weibe widmete. Freud kam zum Schluss kam, dass der Schuh «ein Ersatz des Sexualobjektes» sei, und der Absatz der Frau den «schwer vermissten Penis» ersetze. Das heisst im Klartext, Frauen tragen hohe Schuhe, weil sie keinen Penis haben, aber das scheint etwas weit hergeholt zu sein.
Da könnte man auch behaupten, Frauen schreiben gerne mit Füllfeder, weil da vorne was rauskommt. Viel interessanter scheint in diesem Zusammenhang die Frage, ob nicht der Mann im Absatz einen symbolischen Penis sieht und so auf unverfängliche Weise seine latente Homosexualität ausleben kann. Und schliesslich ist da noch der Individualpsychologe Alfred Adler, der im Schuhfetischismus eine «autoerotische Überschätzung des grossen Zehs» ausmacht. Aber wenn das so ist, dann wäre das Tragen von Hüten etwa auf eine Überschätzung des Kopfes zurück zu führen.
Klüger ist es wahrscheinlich, den Schuh einfach Schuh sein zu lassen. Wir denken ja auch nicht über Aschenputtel und dessen Tendenzen zum Schuhfetischismus nach. Und was kümmern einen die Abgründe, wenn man in einem Café sitzt, etwa in Madrid, eine gute Stadt für hohe Absätze, wie überhaupt die südlichen Städte, wahrscheinlich hat das mit dem Katholizismus zu tun, der viel mehr Sündigeres hervorbringt als der Protestantismus, weil man mit einer kleinen Beichte alles wieder regeln kann. In Madrid also, in einem Strassencafé sitzen, dann das Klackklack hören im Männerhirn, das umgehend Sexualbotenstoffe freisetzt, um sich schauen, woher es kommt, dann den Schuh entdecken, das Bein, die Frau, und wenn alles einigermassen passt, läuft da ein kleiner netter Film vorbei.
Die Liebe von Absätzen, Füssen und Sex hat eine lange Geschichte. Festgemacht werden kann sie am Jahr 1769. Damals war ein adliger Franzose, Nicolas Edme Retif de la Bretonne, so verliebt in die Füsse einer jungen Damen, dass er sich davon nicht anders befreien konnte, als ein Buch darüber zu schreiben: «Les Pieds de Fanchchette». Man kann dieses kleine Werk als Geburtsstunde des Schuh- und Fussfetischismus bezeichnen. Fortan hiess diese Form der Besessenheit Retifismus, eine Bezeichnung, die in Vergessenheit geraten ist, leider, weil Podophilie, wie man heute sagt, eher eine seriöse psychischen Störung vermuten lässt. Als de la Bretonne seine Phantasien zu Papier brachte, war der Absatz gerade mal seit hundert Jahren erfunden. Die ganze Oberschicht, Männer wie Frauen, damals trug Absätze, weil sie dadurch ihrem Hang, noch höher zu scheinen als ihr Stand schon war, nachgeben konnten. Ausserdem war es schick, dergestalt den Oberkörper zu betonen. Die Unterschicht ging barfuss und mit krummem Rücken.
Ein Tipp für die Frauen: Üben
unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Natürlich ist das Tragen von High Heels nicht ganz ungefährlich. Man kann umknicken, hängen bleiben, wenn man darin keine Übung hat, und Frauen, die hochhackig in die Welt der High Heels eintreten wollen, sollten das Laufen irgendwo unter Ausschluss der Öffentlichkeit üben. Nicht viel ist peinlicher, als einen High Heel zu tragen und damit rumzugurken, als ob man zwei Promille intus hätte. Von Bedeutung ist auch, High Heels massvoll zu tragen. Einmal, damit die Gewohnheit nicht den Reiz vernichtet. Hauptsächlich aber, um hässliche orthopädische Probleme zu vermeiden. Orthopäden sprechen vom «Cinderella Schuh Syndrom» und meinen damit all jene Fussdeformationen, die das zu häufige Tragen von High Heels mit sich bringen können.
Man darf nie vergessen, dass ein Fuss ein filigranes Gebilde ist, und dass er bei jedem normalen Schritt 450 Kilogramm Gewicht aushalten muss. Das ist viel für die 26 Knochen, 31 Gelenke, 29 Muskeln, 50 Bänder und rund
500 Adern, Venen und Kapillare und jede Menge Nerven. Und ein Schritt mit einem High Heel ist kein normaler Schritt, da wirken noch ganz andere Kräfte. Weil das ganze Körpergewicht auf den Zehenspitzen lastet, kann sich langfristig die Wadenmuskulatur zurückbilden. Die Achillessehne verkürzt sich, und das Fussskelett verändert
sich dauerhaft. Zusätzlich werden die Beine schlechter durchblutet. Es kann zu Senk- oder Spreizfüssen kommen oder zu Krallenzehen, und das sind unappetitliche Krankheiten, die nur operativ behoben werden können.
Es gibt jedoch einen Weg, der das regelmässige Tragen von High Heels ohne diese brutalen Folgeerscheinungen ermöglicht. Man nennt sie Sitzschuhe, Schuhe, deren Absätze so hoch sind, dass Laufen nur noch auf ganz kurzen Strecken möglich ist. Etwa vom Stuhl ins Schlafzimmer. Wenn das auch nicht geht, kann der Mann die Frau tragen, und da ist sie endlich, die romantische Komponente in der Welt der High Heels.
Ausgabe 3/2009
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