Schmalzler: Echt Bayrisches – für die Nase
Ob Kneipe, Bar, Restaurant oder Wohnzimmer. Überall Rauchverbote! Unser Autor hat die Nase voll. Selbstverständlich nur mit allerbestem Tabak. Mit Schmalzler. Was sonst?
Eigentlich könnten die Hersteller von Schnupftabak frohlocken, scheinen ihnen doch die allgegenwärtigen Rauchverbote geradezu in die Hände zu spielen. Wo Rauchen nicht erlaubt ist, oder zumindest nicht gern gesehen wird, darf man getrost zur Prise greifen und damit den Umsatz der Schnupftabakproduzenten kräftig ankurbeln. Ob dies tatsächlich so ist, werden uns die Statistiker sicher irgendwann vorrechnen. In der Öffentlichkeit sieht man bislang allerdings eher selten jemanden Tabak schnupfen.
Befragt man Zigarren- oder Pfeifenraucher, ob sie es denn schon mal mit einer Prise Schnupftabak probiert haben, winken die meisten verdriesslich ab. Ja, versucht habe man es schon und zitiert Wilhelm Buschs «Sehr erheitert uns die Prise, vorausgesetzt, dass man auch niese». Ha-Ha-Hatschi! Doch wirklich warm geworden sind sie mit dem Schnupftabak nicht. Man erinnert sich an tränende Augen, prustendes Niesen, einen peinlichen Tabakschnäuzer unter der geschwollenen Triefnase und ein unangenehmes Kratzen im Rachen. Kein Wunder, wenn die meisten die nächste angebotene Prise dankend ablehnen und lieber einen schnellen Zigarillo draussen vor der Tür qualmen. Wo sollte denn auch beim Schnupftabak der Genuss für verwöhnte Aficionados und Piperos liegen, wenn das Ganze eher nach Hustenbonbon als nach Tabak riecht?
Snuff geht in die Nase
wie ein Dampfhammer
Ob im Supermarkt oder beim Fachhändler, üblicherweise erhält man Schnupftabak mit Menthol. Dabei handelt es sich genau genommen um Snuff. Das ist ein besonders fein gemahlener, trockener Tabak, der sehr aromatisch ist und mit Menthol, Minze, Eukalyptus sowie verschiedenen anderen duftenden Essenzen angereichert ist. Zugegeben, Snuff geht in die Nase wie ein Dampfhammer, also ist er vorsichtig zu dosieren und entsprechend behutsam zu schnupfen – so wie man an einer Blume schnuppert. Es bedarf einer gewissen Gewöhnung, um die vielen erfrischenden Facetten des Snuffs, insbesondere seine wunderbar aromatischen englischen Spielarten auch wirklich geniessen zu können.
Ganz anders beim Schmalzler, einer erlesenen Tabakspezialität mit langer alpenländischer Tradition, die völlig zu Unrecht im Rufe steht, nur etwas für fortgeschrittene Prisenspezialisten zu sein. Schmalzler, mundartlich auch Schmai genannt, basiert auf speziell fermentierten Brasiltabaken. Der Tabak wird nicht so fein gemahlen wie beim Snuff, er ist auch feuchter und etwas fettig, was ihm seinen Namen eingebracht hat. Ausserdem wird Schmalzler nicht oder nur schwach mit ätherischen Ölen versetzt. Hier riecht Tabak noch nach Tabak! Da Schmalzler sehr mild ist, kann er durchaus in grösseren Prisen genossen werden, ohne Niessreiz zu verursachen. Jedenfalls nach etwas Übung.
Richtig geschnupft entfaltet Schmalzler das butterweiche Aroma seiner feinen Brasiltabake in der Nase, ohne im Hals zu kratzen. Zu den anfänglich bestimmenden Tabakaromen gesellt sich schon bald eine schokoladige Note, gefolgt von Trockenobst, Rum, manchmal auch dunklen Fruchtsorten wie Pflaume, Brombeere oder Cassis. Wer sich eine Prise Schmalzler in Ruhe in der Nase zergehen lässt, gibt dem Tabak Zeit, diese komplexen Aromen zu entfalten. Man geniesst die feinen Düfte, kostet die Anregung des Tabaks aus und erfreut sich des angenehmen Kribbelns in der Nase. Irgendwann will der Tabak schliesslich doch wieder heraus. Man putzt sich die Nase und ist sogleich wieder für eine weitere Prise bereit. Wer nun einen andere Marke oder Sorte probiert, wird ein weiteres Schmalzler-Vorurteil widerlegt finden: Schmalzler ist keineswegs gleich Schmalzler! Die geschmacklichen Unterschiede der verschiedener Sorten und Geschmacksrichtungen des Schmalzlers sind vor allem für Cigarrenfans und Pfeifenfreunde interessant, die es mal mit rauchfreiem Tabakgenuss probieren wollen.
Die Auswahl an feinen Schmalzlern
ist (fast zu) gross
Wer den intensiven Duft seines aufgeklappten Humidors liebt, wird den Straubinger Schmalzler aus dem Hause Ludwig Sternecker (Straubing) sofort ins Herz schliessen. Das ist Premium-Cigarre für die Nase! Aus selbem Hause werden die Anhänger von schwarzen Brasil-Cigarren erfreut, wenn sie Echten Fresco schnupfen. In der gleichen Liga spielt der Aecht altbayerische Schmalzler der Bernard Tabak AG aus Sinzing, der mit einem besonders weichen Brasilaroma der Nase schmeichelt. Beim Marktführer Pöschl Tabak (Geisenhausen bei Landshut) kann man leider nur noch wenige der ehemals zahlreichen Schmalzlersorten finden, da hier überwiegend Snuffs hergestellt werden (etwa die mit jährlich 10 Millionen verkauften Boxen weltweit verbreitete Gletscher Prise). Besonders zu erwähnen sind Pöschls Schmalzler A Brasil und der Perlesreuter Schmalzler, der nach dem Originalrezept dieser früher selbständigen Firma produziert wird. Beides sind Prisen, die nicht nur Aficionados, sondern auch Pfeifenrauchern gefallen, die es tabakecht mögen.
Der Pfeifenfreund der dänischen Fraktion wird sich besonders an Pöschls Südfrucht laben, einem Doppelaroma-Schmalzler, bei dem am deutlichsten Banane, Trockenobst, Schokolade und dezente Anklänge von Zitrusfrüchten zu erkennen sind. Wer es süss-schokoladig und mit dem Duft reifer Birnen mag, wird zu Pöschls Doppelaroma greifen. Die Anhänger von Bitterschokolade mit Rum kommen dagegen beim Schmalzlerfranzl der Firma Bernard ins Schwärmen. Dorther stammt auch die Klostermischung mit ihrem Duft nach Rum, Malz, Schokolade und dezenten Kräutern. An eine schwer süsslich-erdige Kräutermischung erinnert dagegen der Premium von Lotzbeck aus Dingelstädt.
Sogar die Verfechter englischer Pfeifenmischungen müssen nicht fürchten, bei der Schnupftabakwahl leer auszugehen, obwohl hier streng genommen der Bereich des Schmalzlers überschritten wird. Alt Offenbacher Köstlich heisst der Schnupftabak nach einer Rezeptur aus dem Jahre 1923, der von Bernard hergestellt wird und der definitiv an eine kräftige englische Pfeifen-Mixture erinnert. Pfeifenfreunde mit einem besonderen Faible für Latakia sollten unbedingt den holländischen Schnupftabak von de Kralingse Snuif en specerijen compagnie aus Rotterdam probieren, der mit dem verheissungsvollen Namen Latakia Anno 1860 aufwartet – und die hochgesteckten Erwartungen tadellos erfüllt. Der Oranje Snuff aus selbem Hause ist übrigens trotz seines Namens kaum weniger «englisch».
Auch für Freunde des
«Kuhstall»-Tabaks die richtige Wahl
Wer naturbelassene Tabake in seiner Pfeife schätzt, nennt deren Geruch gern «animalisch», was Ignoranten lapidar mit «Kuhstall» übersetzen. Diese in der Regel fortgeschrittenen Pfeifenrauchern vorbehaltenen Tabakfreuden, werden beim Schnupftabak erfüllt durch Feiner Offenbacher Cradinal, Civette Extrafein, Gekachelter Virginie dunkel und Feinster Kownoer, alle von Bernard Tabak. Diese auf so genannten grünen Virginiatabaken basierenden Schnupftabake eignen sich auch hervorragend als Grundlage für eigene Mischungsexperimente. Mentholhaltigen Snuff und Schmalzler hat man übrigens schon bei Bernard gemischt und nennt das bemerkenswerte Ergebnis folgerichtig Zwiefacher.
Wenn nun die verschiedenen Schmalzler für Cigarren- und Pfeifenfreunde so eine herrliche Sache sind, wieso ist dieses Wunderpulver dann unter Geniessern nicht viel besser bekannt und weiter verbreitet? Das mag zum einen mit Vorurteilen und zum anderen mit dem Image des Schmalzlers zu tun haben. So wird Schmalzler häufig aus Unwissenheit mit Snuff gleichgesetzt. Wer mit dem viel weiter verbreiteten mentholhaltigen Tabak nicht klar kommt, versucht meist erst gar keinen Schmalzler.
Des weiteren ist das Tabakschnupfen für viele Raucher anfänglich ungewohnt, schliesslich steckt man sich nicht alle Tage etwas in die Nase. Man fürchtet, dass man sich dabei möglicherweise blamiert, weil man sich schlicht dumm anstellt oder dass andere sich vielleicht ekeln könnten. Wer allerdings mit der komplexen Pfeifen- und Zigarrenmaterie umzugehen versteht, wird überrascht sein, wie unkompliziert und dezent sich Schnupftabak geniessen lässt. Immerhin gehörte das Schnupfen über Jahrhunderte zur höfischen Etikette. Eine gute Anleitung zu verschiedenen Schnupftechniken findet sich unter www.poeschl-tobacco.de.
Vor allem aber haftet dem Schmalzler hartnäckig etwas weiss-blau Folkloristisches an, was nicht jedermanns Sache ist. Niemand will bayrisches Kulturgut oder alpines Brauchtum in Frage stellen, doch bietet der Schmalzler neben seiner traditionell-rustikalen Seite auch ein grosses Genusspotential, das weit über die bayrische Landesgrenze hinausreicht, geht man es nur entsprechend an. Frei nach dem Motto eines bekannten Gerstensaftes: In der Welt zuhause, in Bayern daheim. Man kann den Schmalzler durchaus mit Lederhose, Blasmusik und Bierzelt assoziieren, der Schottenrock tut dem Whisky schliesslich auch keinen Abbruch, im Gegenteil. Aber man sollte statt des etwas unästhetischen Schmalzlerwettschnupfens vielmehr den mit dem Tabakschnupfen verbundenen Genuss kultivieren und dadurch den Schmalzler für ein breiteres Publikum attraktiv machen.
Steingut- und Glasflaschen
– Schmuckstücke auch zum Sammeln
Das beginnt übrigens schon mit Äusserlichkeiten: Es müssen beispielsweise nicht immer kitschige Jagdmotive auf rustikalen Steingutflaschen oder der unvermeidliche Kini Ludwig auf Porzellan für den Schmalzler sein. Wie wäre es mit den beinahe in Vergessenheit geratenen traditionellen Glasfläschchen des 19. Jahrhunderts als ebenso kunstvolle wie elegante Schmalzlerbehältnisse? Die kleinen birnen-, geigen-, linsen- oder bocksbeutelförmigen Fläschchen aus buntem Glas stellen heute begehrte Sammlerstücke dar. Hier ist es insbesondere Pöschl Tabak zu verdanken, dass regelmässig unter Glasbläsern ein Preis für Schnupftabakfläschchen ausgelobt wird, um so einer alten Handwerkstradition den Fortbestand zu sichern. Schade nur, dass diese wunderbaren modernen Schmalzlergläser nie zur Serienreife kommen. Sicher würden viele Tabakschnupfer gern solche Schmuckstücke sammeln, wenn sie, gefüllt mit dem Lieblingsschmalzler und geschützt durch einen modernen Verschluss, als stilvolle Jahresfläschchen erschwinglich in den Handel kämen. Was dem Pfeifensammler recht ist, kann dem Schmalzlerfan billig sein. Hier öffnet sich auch das weite Feld edler Tabatieren aus erlesenen Materialien, die dem Schnupfen nicht nur Chic, sondern auch Stil verleihen.
Schliesslich haben sich die bisherigen Versuche, dem Schnupftabak ein modernes Image zu verleihen, fast ausschliesslich auf den Snuff bezogen, wodurch der Schmalzler unverdientermassen zu einem Altherren-Reservat am Stammtisch wurde.
Gegen den Snuff hat der
Schmalzler wenig Chancen
Während man sich abmüht, Red-Bull-Snuff für die Snowboarder-Generation als coole Prise für Zwischendurch hip zu machen, gerät das sperrige Genusspotential des Schmalzlers weitgehend ins Hintertreffen. In der Folge verliert er immer mehr an Boden und selbst in Bayern, seinem Stammland, ist der Schmalzler schon längst nicht mehr überall erhältlich. Bei einer Stichprobe in ansonsten gut sortierten Tabakwarenhandlungen der Münchner Innenstadt wurde bei 9 von 10 Versuchen auf die Frage nach Schmalzler ein Snuff auf die Theke gelegt! Passt scho?
Kein Wunder also, wenn traditionelle Schmalzlerhersteller aufgeben. Mit dem Schwinden der Markenvielfalt gehen zugleich viele Geschmacksrichtungen verloren. So sind die oben genannten Schmalzler nur noch ein bescheidener Rest einer ehemals breit gefächerten Produktpalette. Kurioserweise könnten sich die aktuellen Rauchverbote geradezu als Chance für die verbliebenen Schmalzler erweisen. Doch wo wird man als Tabakgeniesser heute noch fündig, wenn man echten Schmalzler sucht?
Das Internet hält natürlich viele Bestellmöglichkeiten für Schmalzlerfans (und solche, die es werden wollen) parat, doch sollte man immer erst beim örtlichen Tabakfachhandel nachfragen. Vielleicht findet der Schmalzler auf diesem Wege wieder Einzug in dessen Angebot und damit auch Aufmerksamkeit unter der übrigen Kundschaft. Eine der ersten elektronischen Adressen für Schnupfer ist www.rajek.eu. Dort findet man ein riesiges Angebot
an Schnupftabak und Zubehör. Ähnliches gilt für www.schnupftabak.ch, www.tabak heinrich.de und www.snuffstore.de, wobei hier der Snuff das Angebot dominiert. Direktbestellungen beim Hersteller sind bei Bernard Tabak unter www.Schmalzlerfranzl.de möglich, wo sich im gut sortierten Online-Shop auch ein grosses Angebot an Zubehör findet. Ähnliches gilt für de Kralingse Snuif en specerijen compagnie unter www.snuifmolens.nl. Die informative Adresse von Pöschl wurde oben bereits erwähnt. Ebenso sind die vielen Foren für Schnupftabakfans imer einen Besuch wert, siehe www.snuffhouse.org, www.schmalzlerfreunde.de und www.schnupf-verband.ch.
Übrigens: Schmalzler nur als Surrogat für Rauchtabak zu sehen, wird ihm auch nicht gerade gerecht. Da hat das aufwendig verarbeitete Produkt Schnupftabak sicher besseres verdient! Auf jeden Fall wäre es mal einen Versuch wert. Und man sieht: Mei, is des schee.
Ausgabe 3/2009
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