Wo Goethe einst trank und unglücklich liebte
Von Bach und Goethe bis zu Neo Rauch – Leipzig ist eine Kulturstadt. Aber viel besser noch: Leipzig ist die Stadt der schönen Frauen. Wenn sie nur nicht so furchtbar reden würden.
Als Goethe noch lebte, nannte man Leipzig «Klein Paris». Das wirtschaftliche und kulturelle Leben in der sächsichen Messestadt war Mitte des 18. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt, es gab Wohlstand, breite Alleen, Patrizierhäuser und vor allem eine florierende Wirtshauskultur. Goethe war 16, als er nach Leipzig kam, er sollte Juristerei studieren, verliebte sich aber lieber in die Wirtstochter Anna Katherina Schönkopf, Käthchen genannt, die ein bisschen älter war als er und die ihn spielend gehörig fertig machte. Nach zwei Jahren war die Liäson zuende und Goethe nach einem Blutsturz ein psychisches und physisches Wrack. Er verliess Leipzig und kam fortan nur noch für kurze Besuche.
Aber man muss zuerst mal ankommen. Es gibt Züge von Marseille aus, Regionalbahnen, die letzte geht um Viertel vor neun, ist aber selten pünktlich. Man erwischt meist die letzte, weil man vom Flughafen in Nizza her kommt und von dort den Zug nach Marseille nehmen muss, das sind zweieinhalb Stunden, und zwischen Nizza und Marseille passiert immer etwas. Dieses Mal war es eine Weiche in Draguignan, die nicht mehr funktionierte, das macht eine Stunde, in der man schön Zeit hatte, über dieses Frankreich nachzudenken, das, so hat man den Eindruck, seit Jahrzehnten immer ein wenig mehr verlottert, ohne dabei jedoch gross anders auszusehen.
Eine schöne Stadt – dank der Solidarität der Westdeutschen
Heute ist Leipzig eine Stadt von gut einer halben Million Einwohnern, die in ihrem Zentrum dank des Solidaritätsbeitrages, den Westdeutschland seit der Wiedervereinigung entrichtet, wie neu daherkommt. Was sich seit Goethe nicht verändert hat, ist die Wirtshauskultur und die Möglichkeit, sich in Leipzig zu verlieben, auch unglücklich. Es gibt da dieses Sprichwort, dass «in Sachsen die schönen Mädels wachsen». Es stimmt, für den Liebhaber schöner Frauen ist Leipzig die Endstation einer Sehnsucht. Natürlich sind Museen, schöne Häuser, Theater, Schauspielhäuser und Galerien auch wichtig für das Ambiente und die Aura einer Stadt, und Leipzig hat das alles, aber was nutzt einem das, wenn die Frauen einer Stadt nicht schön sind? Denn der Anblick eines Klasseweibes wiegt mehr und nachhaltiger und macht glücklicher als der Anblick eines Gemäldes. Zumindest, wenn man noch ein bisschen Blut in den Adern hat.
Hotels
The Westin
Eine der führenden Adresse, zentrumsnah gelegen, bieten immer wieder Packete an, etwa zusammen mit dem im Hotel gelegenen Gourmetrestaurant Falco. Günstigste Zimmer ab 69 Euro, Delux ab 151, Junior Suite ab 249.
Gerberstrasse 15. 04105 Leipzig.
Tel. 0049 341 9880.
www.westin-leipzig.de
info@westin-leipzig.de
Fürstenhof
Ehemaliges Wohnhaus eines Bankiers aus dem 18 Jahrhundert. Stilvolles Gebäude, schmuck eingerichtet. Zimmer ab 89 Euro, Standdard DZ ab 159 Euro.
Tröndlinring 8. 04105 Leipzig.
Tel. 0049 341 1400
www.starwoodhotel.com/Leipzig
fuerstenhof.leipzig@arabellasheraton.com
Restaurants
Falco
Gourmetküche, die Nummer 1 in Leipzig. Reservieren von Vorteil. Hauptgerichte 40 bis 90 Euro. Menüs ab 100.
Gerberstr. 15. Tel. 0049 341 988 27 27
www.falco-leipzig.de
info@falco-leipzig.de
Bayerischer Bahnhof
Gasthaus und Gosebrauerei, eine bierähnliche Leipziger Spezialität. Gemütlich ist es, die Speisen gut bürgerlich und bezahlbar.
Bayrischer Platz 1. 04103 Leipzig.
Tel. 0049 341 1245760
www.bayerischer-bahnhof.de
info@bayerischer-bahnhof.de
Auerbachs Keller
Traditionsreichstes Lokal der Stadt. Goethe war hier, das Lokal kommt im «Faust» vor, es gibt eine «Mephisto-Bar.» Die hausgemachte Rindsroulade ist gut, die Leipziger Quarkkäulchen einen Versuch wert.
Grimmaische Strasse 2– 4.
Tel. 0049 341 21610-0
www.auerbachs-keller-leipzig.de
info@auerbachs-keller-leipzig.de
Bars & Lounges
Falco
Zigarren, Whisky, Sonnenuntergang und Design. (s. Restaurant)
Horns Erben
Ehemalige Spirituosenfirma in der Südvorstadt, heute eine gemütliche Weinstube samt Live Music und Disco.
Arndtstrasse 33. 04275 Leipzig.
www.horns-erben.de
Hotel Seeblick
Ist kein Hotel, und einen See gibts auch nicht. Dafür gibts gute Hamburger und viel Szenengedöns.
Karl-Liebknecht-Str. 125. 04275 Leipzig.
www.hotel-seeblick-leipzig.de
Sonstiges
Gastro-Tour durch das «Drallewatsch»:
www.leipzig-erleben.com
Die Frauen Leipzigs sprechen sächsisch, das ist vielleicht ihr einziger Schönheitsmakel. Sächsisch ist einer der härtesten Dialekte Deutschlands, in etwa vergleichbar mit jenem Walliserdütsch, das hoch oben in den Bergen im Einzugsgebiet des Sennentuntschi gesprochen wird. Mann muss sich gewöhnen an diese seltsame Sprache, die unerotisch ist und bei der selbst zärtliche Wörter klingen als ob sie Schmerzen hätten. Sächsisch ist eine Fremdsprache. Am Besten versteht man die Leipziger nach ein paar Gläsern Wein oder Bier, jedoch nur, wenn sie dann auf Augenhöhe sind, aber das dürfte kein Problem sein.
Nochmals ein sächsisches Sprichwort: «In Chemnitz wird gearbeitet, in Dresden regiert und in Leipzig gefeiert.» Das Nachtleben in Leipzig ist inzwischen fast schon legendär, wird unter anderem vom 36 000 Studenten angetrieben und macht in der Regel auch vor dem Sonnenaufgang nicht halt. Natürlich sind diese Party-Strecken etwas für jüngere Menschen oder für jene älteren Semester, die irgendwann den Absprung verpasst haben und denken, immer noch jung zu sein und immer noch so zu tun zu können, als ob sie das Leben noch vor sich hätten. Die Szenekneipen in der Karl-Liebknecht-Strasse, der «Karli», oder auf Südmeile im Connewitz-Viertel im Süden der Stadt haben diesen gutgehenden Undergroundflair, diesen schicken Schmuddel, stets ein bisschen Seventies und immer mit Musik, die nie im Radio gespielt wird. Die Sorte Lokale, in denen die Kellnerinnen und Kellner selbst Studenten sind, oder angehende Schauspieler, Maler, Schriftsteller und DJ sowieso.
Wenn das Personal lieber Künstler ist als Kellner, lässt zwangsläufig der Service zu wünschen übrig. Das Hotel Seeblick in der Karl-Liebknechtstrasse kann ein Lied davon singen. Die Cafe-Bar-Restaurant-Kneipe, die weder ein Hotel ist und auch keinen Seeblick hat, war mal einer der Hotspots der Stadt, die Hamburger dort Weltklasse, bis sich dann das Personal selbst viel zu ernst nahm und sich die Wartezeit für eine Bestellung der Stundengrenze näherte. Westdeutsche verglichen den Service im Seeblick gerne mit dem sozialistischen Schlendrian von anno dazumal.
Leipzig wird wieder zur Oase im geistarmen Deutschland
Solche Dinge wie die mit dem Schlendrian sollte man in Leipzig nicht laut sagen. Schliesslich ist Leipzig die Stadt, in der die für die DDR ruinösen «Wir-sind-das-Volk»-Demonstrationen ihre Anfänge nahmen. Die Messestadt ist zwar traditionell Weltoffen, aber ihr stecken trotz alledem gemeinsame 50 Jahre DDR, relative Weltabgeschiedenheit und die Überheblichkeit des Westens nach dem Mauerfall in den Knochen. Dies führte zwangsläufig zu einem Wir-Gefühl der Leipziger, das sich aus ein bisschen Trotz und einem neu gewonnen Selbstwertgefühl nährt. Und schliesslich kommt diese «Ich-bin-ein-Kellner-ich-bin-ein-Star-Attitüde» aus dem Westen, Berlin ist da ganz vorne.
Leipzig macht das ganz gut, seine Kultur und Subkultur sind lebendig, die Wirtschaft läuft vergleichsweise gut, und die Stadt wird langsam auch wieder zu einer geistigen Oase im oft etwas geistarmen Deutschland. Die Stadt, in der Bach komponierte und Mendlessohn Bartholdy, in der Goethe schrieb, die in der Malerei der 1970er Jahre die «Leipziger Schule» hervorbrachte, die bewusste Verbindung von Kunst und Gesellschaftsanalyse. Mittlerweile spricht man von der «Neuen Leipziger Schule», und ihr Primus ist der Maler Neo Rauch, der manchmal in der alten Baumwollspinnerei sitzt, der angesagtesten Produktionsstätte zeitgenössischer Kunst, einer Kulturfabrik mit rund 100 Ateliers, einem Café, Bohèmiens und schönen Frauen – und den Kopf schüttelt, wenn er hört, dass wieder ein Bild von ihm zum Preis eines Porsches verkauft worden ist.
Bedanken kann sich Rauch gleich um die Ecke, beim Galeristen Harry Lybke, der Rauch und den weiteren Dunstkreis der Leipziger Schule gefördert und die Künstler zu wohlhabenden Menschen gemacht hat. Seine Galerie «Eigen & Art», eine der einflussreichsten in Deutschland, liegt mitten auf dem Gelände der Spinnerei, diesem kleinen Kosmos voller heller und weniger heller Sterne, vor deren Licht sich langsam eine Oortsche Wolke voller Mitläufer schiebt.
Es lohnt sich immer, hin und wieder die Perspektive zu verändern, und Leipzig bietet zwei gute Möglichkeiten, die Stadt unter sich zu lassen und die Umtriebe der Menschen dort. Die eine ist das Cityhochhaus, wie das mit 143 Metern und 29 Stockwerken höchste Gebäude Leipzigs neuerdings heisst. Die Leipziger nennen das einst zur Universität gehörende Gebäude immer noch «Uniriese» oder «Weisheitszahn». Der Blick von der Aussichtsplattform ist eine Reise über Leipzig, seine herausgeputzte City, die grau bröckelnden Aussenquartiere, den grünen Gürtel um die Stadt herum, den Wald. Die kulinarische Reise im angegliederten Restaurant «Panorama Tower» ist so eine Sache; einigen gefällt‘s, andere fühlen sich abgezockt und die Faustregel trifft zu, dass das Essen in Panoramarestaurants nie, wirklich nie, auch nur ansatzweise mit der Aussicht Schritt halten kann.
Der andere Aussichtspunkt ist das Dach des Westin Hotels. Das Hotel selbst ist kein schönes Gebäude, hinter den Mauern liegen die mitunter teuersten Zimmer der Stadt, und auf und unter dem Dach liegt das «Falco». Es gibt Entenstopfleber mit kandiertem Thai-Chilli, blauen Hummer, 80 Sorten Whisky, 800 Positionen Wein, und Cigarren aus sämtlichen gängigen Provenenzien dieser Welt. Das «Falco» verspricht «entspanntes Sitzen in sinnen-
freudiger Nähe zu Bar und Restaurant» sowie Sonnenuntergänge. Zurzeit ist das «Falco» das luxuriöseste Bar-Lounge-Restaurant-Konzept, das Leipzig zu bieten hat, die Preise entsprechen dem Hang des «Falco» nach Exklusivität und High-End-Design.
Aber bevor man sich aufmacht ins «Falco» um im Dunst von Zigarren im Sonnenuntergang zu versinken, lohnt es sich, wie eigentlich immer, zuvor mal ein Bier zu trinken. Bier trinken ist leicht in Leipzig. Im Grunde ist Leipzig in einigen Strassen eine einzige Zapfsäule, aus der Ur-Krostitzer, das Bier der Stadt, fliesst. Man hat also die Qual der Wahl. Zwischen den Kneipen im Barfüssergässchen oder in den Winkeln darum herum, dem «Drallewatsch», einem eigentlichen Bermudadreieck mit über 30 Kneipen und der Möglichkeit, problemlos zu verschellen. Wer lieber nicht untergehen möchte, kann sich ins Schauspielerviertel retten, oder in die Südvorstadt. Es gibt für alle, die sich mit Kneipen nicht so auskennen, die nicht aufgrund jahrelanger Erfahrung ein Gespür entwickelt haben, mit einem Blick zu erkennen, welche Wirtschaft etwas taugt und welche nicht, eine Gaststättenführung im Drallewatsch.
Auf alle Fälle sollte der Besucher einmal im Auerbachs Keller gewesen sein. Beruhigende neun Meter liegt er unter der Erde, und die beiden Bilder von Johann Faust, einem Magier, Astrologen und Wahrsager, inspirierten Goethe zu seinem Faust, der Szene mit dem Ritt auf dem Bierfass und dem berühmten Satz, den er einem Studenten in den Mund legt: «Mein Leipzig lob ich mir. Es ist ein Klein Paris und bildet seine Leute.» Das war ein schönes Geschenk von Goethe an die Stadt, in der er hauptsächlich zwei Dinge tat: Eifersüchtig sein und Trinken. Später kam Goethe ohne zwei Liter Wein gar nicht mehr in den Tag hinein. 75 000 Liter Wein und Bier schenkt der Keller jährlich aus, und man schätzt, dass seit der Gründung des Kellers 1525 knapp 92 Millionen Menschen im ehemaligen Weinkeller des Arztes Auerbach mehr oder weniger erfolgreich versackt sein sollen.
Natürlich sind der Tag oder die Nacht nicht mehr derselbe, wenn man aus der Unterwelt des Auerbachs Keller wieder in die Welt aufsteigt. Dann ist da oben Leipzig, die Nikolai-Kirche ist in der Nähe, das Konzertgebäude «Gewandhaus»...
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