Schlittenhunde

Die faszinierende Verbindung zwischen Mensch und Tier

Im Winter kommen sie praktisch jedes Wochenende auf den Hund: Die Musher, die Leute, die ein Rudel Hunde vor einen Schlitten spannen und sich von ihnen durch die Natur ziehen lassen. Für viele von ihnen ist dieser anspruchsvolle Sport das halbe Leben.

Roland Wehrli

Hurra, heute hat wieder die schönste Zeit im Jahr begonnen: Wir beenden die Sommerferien mit dem ersten Herbsttraining». So schreibt die Treuhänderin «Jacky» auf ihrer Website www.lucky-nugget.ch.

Doch die schönste Zeit des Jahres ist nicht die, wenn alle Steuererklärungen erledigt sind, sondern der Winter mit den Schlittenhunderennen. Denn ­ Jacky ist mit Leidenschaft «Musherin», also Lenkerin eines Hundegespanns. ­Ihren Leitsatz hat sie vom Polarforscher Knud Rasmussen übernommen: «Gebt mir Winter und gebt mir Hunde, den Rest könnt ihr behalten».

Auf den Winter freut sich auch Christian Häberli: Er ist Vizepräsident des Schweizerischen Musher-Verbands, Kassierer der European Sled Dog Racing Association, betätigt sich als Renn­leiter, Züchter und Zuchtkontrolleur und besitzt zusammen mit seiner Familie 18 Hunde (www.huskyteam.ch).

Allerdings muss er auf die eigentliche Saisoneröffnung noch warten: «Die Rennsaison auf Schnee fängt im Januar an, bis dahin finden erst Wagenrennen statt.» Schon vor einiger Zeit begonnen hat hingegen das Training. «Damit starten wir etwa Ende August, je nach Temperatur. Mit den Wagenrennen steigt man ein, und vor allem trifft man sich wieder mit den anderen Sportlern.»

Die Gruppe der Hundesportfreunde in der Schweiz ist sehr familiär, viele von ihnen sind in einem Club organisiert – und davon gibt es einige: den Schweizerischen Schlittenhundesportclub (www.schlittenhundesportklub.ch) und sein Pendant in der Romandie, den «Club Sportif Suisse de Chien de Pulka et Traîneau» (www.cscpt-fistc.com), daneben den Schweizerischen Musher-Verband (www.swissmushing.ch), mit ebenfalls französischsprachiger Variante (www.musherclub.ch), dann selbstverständlich die gleichen Vereine in den Nachbarländern – sogar Liechtenstein hat einen eigenen Schlittenhundeverein (www.husky.li) mit derzeit allerdings laut Liste auf der Homepage gerade mal gut zwei Dutzend Mitgliedern – und viele weitere, etwa Clubs für Züchter und Halter der verschiedenen Rassen.

Auffällig ist, dass es oft ganze Fami­lien oder zumindest Paare sind, die dieser Leidenschaft gemeinsam verfallen. Christian Häberli erklärt: «Wenn die Familie nicht hinter einem steht, geht’s gar nicht. Man ist gebunden durch die Hunde, man passt sich ihnen an, und in der Regel hat man ja nicht nur einen, sondern mehrere. Wir nehmen zum Beis­piel die Hunde mit in die Ferien, wenn wir überhaupt verreisen. Im Winter kommt dies gar nicht vor, da sind wir praktisch jedes Wochenende mit den Hunden unterwegs. Und klar: Wenn der Partner dazu nein sagt, wenn er im Winter lieber in die Karibik fliegen will, dann wird’s sehr schwierig.» Über seine eigene Frau Andrea sagt er: «Ohne sie, könnte ich diesen wundervollen Sport nicht ausüben»

Die Hunde wollen rennen und Schlitten ziehen, das liegt ihnen im Blut

Es ist offensichtlich ein besonderes Tier, um das sich diese Welt dreht: Ein Hund, der sich gern vor einen Schlitten spannen lässt und diesen dann kilometerweit in hohem Tempo durch den Schnee zieht. Laut dem Schlittenhundesportclub gibt es vier Rassen, die offiziell als Schlittenhunde anerkannt sind: den Samojeden, den Siberian-Husky, den Alaskan Malamute und den Grön­länder. Doch auch andere Arten lassen sich für diesen Sport züchten oder ­trainieren. Angeblich nahm vor einigen Jahren sogar ein Gespann mit Pudeln am berühmten Iditarod-Rennen in Alaska teil. Allerdings musste es nach wenigen Tagen schon wieder aufgeben, da die Pudel mit ihren ungeeigneten Fellen mit diesen Verhältnissen nicht zurecht kamen.

Alle eigentlichen Schlittenhunderassen stammen aus den nördlichen ­Polarregionen, aus Sibirien, Grönland, Alaska. Diese Tiere zeichnen sich aus durch ein dichtes Fell, das sie auch bei arktischen Temperaturen wärmt, durch ihre Kraft und Ausdauer und ihren ­Bewegungsdrang: Rennen und Schlittenziehen tun sie freiwillig und mit Freude, das liegt ihnen im Blut.

Ebenso müssen Schlittenhunde einerseits ein Gruppenverhalten verinnerlicht haben, das daher kommt, dass ihre Vorfahren in Rudel jagten. Anderseits müssen sie den Musher als ihren Leithund akzeptieren. Und dieser muss sich ihnen gegenüber mit seiner eigenen Autorität durchsetzen: Bei den Rennen führt er die Hunde nur mit seinen Zu­rufen. Zügel oder gar Peitsche, so die Regeln des Musher-Verbandes, sind strikt verboten. 

Das Nonplusultra in diesem Sport ist der Iditarod über 1800 Kilometer

Teamgeist zwischen Mensch und Hunden ist das Wichtigste bei diesem Sport. Denn die Herausforderungen sind eindrücklich – am extremsten zeigt sich dies beim Iditarod, dem längsten Hundeschlittenrennen der Welt. Es führt ­jedes Jahr am ersten März-Wochenende über mehr als 1800 Kilometer durch Alaska von Anchorage nach Nome. Gespanne von 12 bis 16 Hunden plus Musher schaffen die Strecke durch diese unwirtliche, praktisch nicht besiedelte Einöde in 10 bis 17 Tagen. 

Es ist zweifellos eine der letzten gewaltigen Herausforderungen, eines der letzten Abenteuer der Welt: Die Natur ist überwältigend, die Strecke führt vorbei an schroffen Bergzügen, über zugefrorene Flüsse, durch dichte Wälder und über weite, offene Tundren, entlang windigen Küsten. Dies bei Temperaturen von weit unter null Grad und bei ­extremen Wetterbedingungen, scharfen, eisigen Winden, die einem die Sicht völlig nehmen können und in den langen, dunklen Nächten des Nordens. 

Wie jedes solche Abenteuer zieht auch der Iditarod Leute aus der ganzen Welt an. Dabei kostet die Teilnahme die nicht gerade bescheidene Summe von 4000 Dollar Startgeld, allerdings locken auch schöne Gewinne: Die Gesamtsumme an Preisgeldern beläuft sich für die Aus­gabe 2010 auf 630 000 Dollar, 610 000 Dollar erhalten die besten 30, alle weiteren bekommen ganz gleichberechtigt jeweils 1049 Dollar, je einen für jede Meile der Strecke.

Weniger verrückt sind die Wettbewerbe hierzulande. Der Schweizerische Schlittenhundesportclub führt für die kommende Saison acht Rennen in der Schweiz plus die Weltmeisterschaften in Deutschland auf. Sie gehen je nach Kategorie über Distanzen von rund zehn bis zwanzig Kilometer, und die äusseren Bedingungen sind auch in der Regel ­weniger garstig. 

Doch das Engagement der Beteiligten, der Tiere wie der Menschen, ist genauso gross – und wird offensichtlich ­gelegentlich sogar übertrieben. So führt der internationale Verband «World-Sleddog Association» eine Liste der verbotenen Substanzen und Methoden, was nichts anderes bedeutet, als dass Doping auch in dieser Sportart ein Thema ist. Auf der Liste stehen bekannte Begriffe wie Anabole Steroide, Hormone, Blut- und Gendoping. Dies auf der Liste für die Hunde, doch damit nicht genug, es gibt sogar ein «Dopingreglement nach für die Musher». 

Doch dies sind Randerscheinungen. Für die meisten Teilnehmer stehen der Olympische Geist und die Freude an oberster Stelle, die «faszinierende Verbindung zwischen Mensch und Tier, das gegenseitige Vertrauen», das der Schlittenhundesportclub propagiert. Und sie investieren viel Zeit und Geld. 

Christian Häberli hat es zwar im Sommer relativ einfach: «Im Sommer, etwa von Ende April bis Anfang September machen wir wenig mit den Hunden. Wir haben glücklicherweise einen grossen Garten, wo sie genug Auslauf haben, und wo sie sich selber genügend bewegen. Wer das nicht hat, muss allerdings täglich mit ihnen hinaus, mit dem Velo oder mit dem Wagen, einfach nur ein kurzer Spaziergang reicht da nicht.» Andere Musher reden von zwei oder mehr Stunden pro Tag, die sie mit den Hunden verbringen. 

Hunde, die nicht genug Auslauf haben, werden aggressiv

Klar: Dieses Hobby richtig zu betreiben, ist nicht jedermanns Sache. Christian Häberli schaut deshalb Leute genau an, die bei ihm Welpen kaufen wollen: «Sie müssen ­naturliebend, aktiv, und sportlich sein. Der Bewegungsdrang der Hunde ist enorm, wenn die Hunde nicht genug Bewegung haben, werden sie aggressiv. Was definitiv nicht funktioniert, und was leider demnächst doch wieder vorkommen wird: wenn jemand für seine Kinder einen herzigen Schlittenhund als Geschenk unter den Christbaum ­legen will. Hunde – besonders Schlittenhunde – sind keine Meerschweinchen.»

Doch es gibt auch Möglichkeiten, den Sport mit viel weniger Aufwand zu betreiben, und auch so kann er viel Freude machen. Die kaufmännische Angestellte Regina Huber etwa ist vor gut zehn Jahren auf den Geschmack gekommen: «Ich war in Finnland in den Ferien, und das Hotel, in dem wir wohnten, bot in Zusammenarbeit mit einer Hundefarm  Schlittenfahrten als Freizeitmöglichkeit an. Das habe ich ausprobiert, und es hat mir sehr gefallen.»

Seitdem reist sie mit ihrem Partner jedes Jahr nach Finnland und macht dort mindestens eine, manchmal auch mehrere Hundeschlitten-Touren. Unter Führung von kundigen Guides ist man ein paar Stunden mit einem Gespann unterwegs: «Am Anfang geht’s jeweils mit grausamem Tempo los», erzählt sie, «bis dann die Hunde etwas müder und damit langsamer werden, und dann kann man die Landschaft richtig geniessen.»

Auch hier ist es mit dem Hintendraufstehen und Gezogenwerden allein nicht getan: Vorher kommt das Vorbereiten, das ­Anschirren der Hunde, während der Tour wollen diese vom menschlichen «Leittier» ruhig und souverän geführt werden und man muss darauf achten, dass sich die Leinen nicht verheddern, was nicht immer einfach ist. Nach dem Ausflug werden die Hunde abgespannt, gefüttert und getränkt, bevor die Touristin aus der Schweiz sich selber an den Tisch setzen kann.

Rennen fährt Regula Huber nicht, und auch in der Schweiz besucht sie ­allenfalls mal als Zuschauerin solche Veranstaltungen. Gleich wie bei den Hard-Core-Musher aber ist auch für sie das Faszinierende der Umgang und das Zusammensein mit den Tieren, «ich ­finde die Hunde super, ihre Augen, und ihre Freude, wenn sie losrennen können», erklärt sie. «Für mich ist es pure Erholung, und auch wenn dies etwas ­abgedroschen klingt: Du wirst dabei wirklich eins mit der Natur.»

Hier trifft sie sich also wieder mit Christian Häberli: «Wenn man dann am Start steht, die Nervosität bei sich selber und den Hunden spürt, ihren Drang loszulaufen, wenn man erlebt, dass vier, fünf Leute nicht genügen, um acht Hunde zurückzuhalten, wenn denn das Kommando «go» fällt – dann ist auf einmal Ruhe und die Hunde rennen los. Dann ist es wie Skifahren, aber um den Faktor 10 schöner.»

Ausgabe 4/2009

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