Der rauchlose Tabakgenuss der Piraten Ihrer Majestät
Seit immer neue Apartheidsgesetze Raucher vom öffentlichen Leben ausgrenzen, wird Schnupftabak als rauchfreier Tabakgenuss stetig beliebter. Vor allem seine mentholhaltige Variante, der Snuff, ist angesagt. Ein Gentleman greift natürlich zum englischen Original: The real Snuff!
Wo der Original-
Snuff erhältlich ist
Die geschmackliche Vielfalt englischer Snuffs ist tatsächlich überraschend und eine neue Erfahrung neben den kontinentalen Schnupftabaken. Stilvoll ist das Ganze auch noch, denn viele Sorten werden noch in den traditionellen «Tins» angeboten, kleinen zweiteiligen Blechdosen. Leider sind die Tins schrecklich unpraktisch, weshalb einige Hersteller seit kurzem entweder die zweckmässige Einwegdose aus Plastik, die sogenannte Flip-Box, verwenden oder den Snuff in ultramodernen Bulletts anbieten, patronenförmigen Dosierspendern mit eingebauter Schleuder. «The perfect way to use snuff when discretion is best», verspricht die Werbung, da man nicht mehr uncool vom Handrücken schnupft, sondern sich die «Dosis» sauber und ebenso unauffällig wie lässig in die Nase schiesst.
Original englische Snuffs sind leider selten im Tabakwarenladen um die Ecke erhältlich. Wenn Nachfragen nichts nützt, hilft das Internet.
Erste elektronische Adressen für Liebhaber des «Real Snuff» sind der Snuff-Store von Günter Hartmann,(www.snuffstore.de) und Rajek’s House of Smoke (www.rajek.eu.) sowie
www.schnupftabak.ch und www.tabak heinrich.de. Die informativen Sites von Samuel Gawith www.samuelgawith.co.uk und Wilsons of Sharrow www.sharrowmills.com lohnen einen Besuch ebenso wie die von McChrystal’s www.mcchrystals.co.uk und Pöschl www.poeschl-tobacco.com.
Schnupftabak ist nicht gleich Schnupftabak. Kenner unterscheiden nicht nur Sorten und Marken, sie teilen die Welt des Schnupftabaks in zwei grosse Geschmacksuniversen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Hier der klassische, vollaromatische Schmalzler und dort der moderne, meist mentholhaltige Snuff. Ein geradezu konfessioneller Graben scheint beide Lager zu trennen. Genau betrachtet handelt es sich dabei tatsächlich um eine jahrhundertealte konfessionelle Demarkationslinie. Ein echter «Clash of Snuff Civilisations!
Alles begann mit einem Akt staatlich subventionierter Piraterie. Jedenfalls aus spanischer Sicht. Als 1702 Admiral Sir George Rooke vor der spanischen Küstenstadt Vigo eine Galeone kaperte, war die Enttäuschung über die Beute unter den britischen Seeleuten zunächst gross. Statt der erwarteten Golddublonen hatte man lediglich 50 Tonnen spanischen Schnupftabak erbeutet.
Nun war damals das Tabakschnupfen in England nicht gerade beliebt. Seit über hundert Jahren rauchte man im Gedenken an Sir Walter Raleigh vom Lord bis zum Laufburschen Pfeife. Schnupftabak spielte zwar in katholischen Ländern eine bedeutende Rolle, insbesondere in der höfischen Gesellschaft Frankreichs und Spaniens, aber das war wohl für John Bull nur ein Grund mehr, unverdrossen weiter an seiner Pfeife zu nuckeln.
Aus der Piratennot wurde eine Business-Tugend gemacht
Nach dem Fiasko von Vigo blieb Admiral Rook nichts anderes übrig, als einen Teil der erbeuteten 50 000-Kilo-Prise als Prisengeld an seine Seeleute auszuteilen. «Take a pinch», wird er ihnen gross-
zügig zugerufen haben: «Nehmt ’ne
Prise» – statt Geld. Den weitaus grösseren Teil der Beute verkaufte die Admiralität über die soeben neu gegründete Börse, wobei die Londoner Hafenbehörde die Handelsware mit «SP» für «Spain» kennzeichneten. Der gekaperte Schnupftabak verbreitete sich in ganz England und erwies sich überraschend als Verkaufsschlager.
Das Geheimnis dieses Erfolgs lag vor allem im Schnupftabak selbst, der meilenweit von jenem geschroteten Tabakpulver entfernt war, das die Engländer zu jener Zeit als «nasal tobacco» kannten und bestenfalls zu medizinischen Zwecken verwendeten. In Spanien jedoch hatte man bereits damals die Herstellung von Schnupftabak durch besondere Fermentation erheblich verfeinert. Man benutzte die gehaltvollen Tabake aus den eigenen süd- und mittelamerikanischen Kolonien, vor allem aus Kuba, und mischte sogar schon mehrere Provenienzen, um einen ausgewogenen Tabakgeschmack zu erzielen. Zum Schluss setzte man noch je nach Bedarf etwas Rosenöl oder Veilchenwurz als Aromen hinzu.
Was nun also dank des Kaperzuges in englische Nase kam, schien diesen so gut zu gefallen, dass die 50 Tonnen «SP»-Snuff in Rekordzeit aufgeschnupft waren. Schon verlangte der Markt nach mehr, doch war an Nachschub vorerst nicht zu denken. Man konnte ja schlecht die Spanier um mehr Tabak bitten.
Also besann man sich auf die eigenen Kolonien und versuchte, aus den nordamerikanischen Tabaksorten das leckere Prisenpulver nachzumischen. Doch Virginia- oder Kentuckytabak ist nun mal nicht mit Havanna- oder Brasiltabak zu vergleichen. Auch wussten die Engländer noch nicht, wie man die intensive «animalische Note» nach Kuhstall und Leder in ihren Snuffs ab-
mildern konnte, da die spanischen Produktionsmethoden streng gehütete Staatsgeheimnisse waren.
Weil auch auf dem Wege der «Industriespionage» nichts zu machen war, experimentierten die Engländer tapfer weiter mit dem, was sie hatten. Schliesslich war um 1720 das erfunden, was man heute weltweit als Snuff kennt: ein fein gemahlener, heller und trockener Schnupftabak. Man nannte ihn wohl aus verkaufsstrategischen Überlegungen «SP», obwohl er definitiv nichts Spanisches mehr hatte. Lokalpatrioten behaupten allerdings, dass jenes «SP» auf «Sheffield Pride» zurück gehe, da die Erfindung dort geglückt war. Witzbolde versichern allerdings, «SP» stehe für «Sneezing Powder», da Snuff so fein gemahlen sei.
Experimentiert wurde und wird mit unzähligen Aromastoffen
Auch wenn sich dieser Streit nicht mehr entscheiden lässt, fest steht jedenfalls, was schon damals das Besondere am englischen Snuff war. Die aus bis zu 20 Provenienzen bestehenden Mischungen wurden mit kräftigen Aromen angereichert, um den eigentlichen Tabakgeruch zu mildern. Insbesondere Pfefferminze (Menthol) wurde später grosszügig zugesetzt, aber auch Sandelholz, Kampfer, Rum, Vanille sowie Kräuter-, Frucht- und Blütenessenzen. Hieraus hat sich in der Folgezeit die grosse Palette der modernen Snuffs entwickelt. Von nun an trat er seinen Siegeszug an.
Englische Snuffs (ohne weitere Bezeichnung) sind auch heute noch durch einen hohen Anteil Virginiatabak geprägt, oft puderfein gemahlen und mehr oder weniger mentholhaltig. Allerdings gibt es auch solche, die vollständig auf Menthol verzichten, sehr dunkel und feucht sind. Man unterscheidet des-
halb drei «Kategorien» von Snuff: dark moist (dunkel feucht), medium und fine light. Letztere nennt man auch high dry toast, wenn sie recht trocken und die verwendeten Tabake sehr aromatisch sind. Der Mahlgrad (grains) des Snuff reicht von fine über demigros und gros
bis coarse (grob). Snuffs sollten grundsätzlich vorsichtig und nur in kleinen Prisen genossen werden.
Im Gegensatz zum ursprünglichen «SP»-Snuff hat sich der Geschmack der modernen «SP» Varianten über die Jahrhunderte weitgehend gewandelt. Im Gegensatz zu damals versucht man heute gerade den Charakter des echten Tabakgeschmacks zu bewahren und aromatisiert sie deshalb eher dezent – jedenfalls nach englischen Massstäben. Insbesondere Zitrus- und Blumenaromen werden gern beigegeben. Sie sollen das Tabakaroma unterstreichen und nicht mehr überdecken.
Als medicated bezeichnet man Snuffs mit kräftigem Tabakaroma und «medizinischen» Ingredienzien. Damit ist vor allem ein hoher Mentholgehalt gemeint, aber auch Eukalyptus, Tamarinde oder Kampfer finden sich in einigen Tabakpulvern. Früher hiessen diese Snuffs auch «Gesundheitstabake», doch ist dies aus nahe liegenden Gründen heute nicht mehr zulässig. Trotzdem hat sich der Begriff medicated für «medizinisch» schmeckende Snuffs gehalten.
Neben «SP» und «medicated» gibt es noch blumig bis kräftig parfümierte Snuffs die wenig oder kein Menthol enthalten. Parfümierte Snuffs sind oft hell, mild und mit Moschus, Kampfer oder Sandelholz aromatisiert, was ihnen eine leicht seifige oder puderige Duftnote verleiht. Hier sind die aromatischen Einflüsse der früheren Kronkolonie Indien nicht zu verleugnen, denn auch dort wird bis heute viel und landestypisch aromatisiert geschnupft.
Bei Frucht , Gewürz und Blumenaromen ist der jeweilige Name Programm. Schnupftabake dieser Sparte, die manchmal dunkler als herkömmliche Snuffs sein können, werden dann als KB (Kendal Brown) bezeichnet. Sie sind etwas herber und rauchig im Aroma, da der hohe Anteil an feuergetrocknetem Kentucky nicht nur für die Farbe verantwortlich ist. Der Klassiker hierzu stammt von Fribourg & Treyer und bietet ein süss rosig minzig erdiges Aroma, allerdings beansprucht Samuel Gawith den Original-BK erfunden zu haben. Das Gegenteil von scented (aromatisiertem) oder parfumed (parfümiertem) Snuff ist der plain Snuff: ohne weitere Aromen-Zusätze.
In England ist heute der «tabakechte» Snuff rar geworden
Selten geworden sind heute sogenannte Rappee (eigentlich: Rapé) Sorten: traditionelle, verhältnismässig feuchte, dunkle und grob gemahlene (früher geriebene) Tabake, deren satt-erdig ledriges Aroma noch am ehesten dem entspricht, was man auf unserer Kanalseite «tabakecht» nennt (etwa Black Rappee von Samuel Gawith und einige Sorten von Fribourg & Treyer). Meist werden sie nach alten Rezepten und Verfahren hergestellt. Sie sind den bayrischen Schmalzlern nicht unähnlich und gehören zu den traditionellen Schnupftabaken.
Eine Untergruppe zu den High dry toasted Snuffs bilden die als Irish toasted bezeichneten Snuffs, die geröstet werden und deswegen einen Rauchgeschmack von unterschiedlicher Intensität aufweisen. Ähnliches gilt für
Scotch Snuffs, deren Name nicht etwa auf einen Schuss Whisky, sondern auf die Verballhornung von scorch (engl. erhitzen, brennen) zurückgeht. Beide sind sehr ledrig-herb und kräftig und gelten bis heute als besonders beliebt in Irland und Schottland.
Schotten galten übrigens unter Briten immer schon als Fachleute für Schnupftabak, da man sich jenseits des Tweed aufgrund der guten Kontakte zum französischen Hof bereits lange vor den Engländern intensiv mit dem Schnupftabak angefreundet hatte. Es dauerte auch nicht lange, bis man genau dies zu Marketing-Zwecken nutzte. Ab 1750 stellten Tabakhändler überall im Vereinigten Königreich vor ihren Läden aus Holz geschnitzte lebensgrosse Highlander als Zeichen auf, dass man dort Schnupftabak verkaufte – ähnlich den hölzernen Indianern der Zigarrenläden in Nordamerika. Bis heute kann man hier und da noch solche «Snufflander» bewundern, etwa vor dem legendären Segar and Snuff Parlour von Mullins & Westley in Covent Garden, London.
Überall in England entstanden nach 1720 Tabakmanufakturen mit eigenen Verfahren und Geheimrezepturen, und eine Reihe von ihnen bestehen bis heute: Fribourg & Treyer (seit 1720), Wilsons of Sharrow (1737), Samuel Gawith (1792), Hedges (1800), J. & H. Wilson (1837), Gawith Hoggarth (1854), Mullins & Westley (1870), McChrystal’s (1926), um nur einige der bekannteren zu nennen.
Kendal im Nordwesten Englands und Sheffield in South Yorkshire wurden dank der vielen Wassermühlen Zentren englischer Schnupftabakproduktion. Einige Hersteller liefern bis heute von hier in alle Welt, wobei eine deutliche Nord-Süd-Trennung zu beobachten ist. Im protestantischen Norden Europas, aber auch in der Schweiz, werden eher englische Snuffs bevorzugt, während der katholische Süden zu den schwereren und feuchten Brasiltabaken greift. Allerdings verwischen diese Unterschiede in den letzten Jahren durch die zunehmende Verbreitung des Snuffs und die Globalisierung des Marktes.
Vor 200 Jahren wurde Tabak zu 90 Prozent noch geschnupft
Zwischen 1720 und 1820 machte in England der Handel mit Schnupftabak rund 90 Prozent des Gesamtumsatzes mit Tabakprodukten aus. Dies änderte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts als Zigarre und Pfeife beliebter wurden. Das Auftauchen der Zigarette drängte dann nicht nur den Schnupftabak in die Bedeutungslosigkeit ab. Bis auf wenige grosse Produzenten schlossen viele Snuff-Hersteller ihre Betriebe. Heute erlebt der Snuff, nicht zuletzt wegen der rigiden Anti-Rauchergesetze, in England ein regelrechtes Comeback. Viele Sorten und Marken werden wieder nachgefragt. Die wenigen verbliebenen britischen Hersteller haben wieder 30, 60 oder mehr «genuine english snuffs» im Angebot. Die Globalisierung des Marktes, insbesondere durch Internet-Shops, begünstigt diese Entwicklung enorm.
Doch auch wenn Snuff ursprünglich aus England stammt, ist doch dessen international grösster Hersteller die niederbayerische Firma Pöschl Tobacco. Selbst der «Schmalzlerkönig» Bernard Schnupftabak aus Sinzing bei Regensburg produziert eine sehr erfolgreiche Snuff-Serie. In Deutschland hergestellte Snuffs sind oft nicht ganz so fein gemahlen, etwas feuchter, dunkler und tabakwürziger als englische und in jedem Fall mentholisiert. Dagegen fehlt ihnen fast durchgängig das leichte blumig-parfümierte Bukett, das für viele englische Snuffs charakteristisch ist. Was ohne Frage reine Geschmackssache ist. Man könnte auch sagen, dass die deutschen Tabakhersteller auf die kontinentaleuropäischen Vorlieben Rücksicht nehmen. Moschus, Sandelholz, Kampfer, Koriander, Zimt, Nelke, Veilchen oder Kamille scheinen bei uns nicht so beliebt zu sein wie auf der Insel – jedenfalls nicht im Tabak. Auch mag man hier lieber dunkle als helle Tabake. Irgendwo verläuft immer noch der konfessionelle Tabaklimes, sogar beim Snuff.
Am deutlichsten wird dies im direkten Vergleich, auch wenn die Namensähnlichkeiten für Verwirrung sorgen: Ursprünglich von Gawith Hoggarth produziert, wird heute Gawith Apricot von Pöschl in Lizenz hergestellt. Verglichen mit dem Apricot Snuff von Samuel Gawith, zeigt die Pöschl-Variante ein relativ kräftiges Fruchtaroma und mehr Mentholschärfe in einem gehaltvollen dunklen Tabak, während der original englische Snuff sehr feinpuderig, hell, duftig, leicht mentholhaltig und dezent fruchtig ist. Wer die Wahl hat, hat die Qual, denn beides hat seine Reize. Nimmt man nun noch von McChrystal’s und Wilsons of Sharrow den jeweiligen Apricot Snuff zum Vergleich mit hinzu, erlebt man die parfümierten Versionen des Themas «Aprikose» und verweist die Behauptung, englischer Snuff sei grundsätzlich mit Menthol, ins Reich der Vorurteile.
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