Aus der Seele transportable Kunst
Christian Jott Jenny kommt aus einer Familie, die man dem klassischen Bildungsbürgertum zuordnen könnte. Eine Klasse von Menschen, die heutzutage selten geworden ist. Der Vater, Rektor an einer Wirtschaftshochschule, die Mutter ebenfalls Pädagogin, Primar- und Musiklehrerin. Der Vater ein FDP-Hardliner, die Mutter schon fast kommunistische Sozialdemokratin.
Tenor Christian Jott Jenny, geboren 1980, begann seine musikalische Karriere als Zürcher Sängerknabe, seine erste Jazzband gründet er an der Zürcher Hochschule für Musik&Theater. Es folgt ein Studium in Berlin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Christian Jott Jenny ist Gründer und Leiter des Amtes für Ideen, Satiriker als Gesellschafts-Tenor Leo Wundergut und Leiter des Jazzfestivals da Jazz St.Moritz. www.chjj.ch, www.wundergut.com
Das ist die helvetisch-liberale Mischung» in der ich aufgewachsen bin, im Geist frei, liberal, nicht kleinbürgerlich. Die Mutter schleppte mich in die Oper, der Vater zu Wagner. Am nächsten Tag gab es eine Platte von Louis Armstrong zu hören. Ich lernte zu unterscheiden zwischen guter und schlechter Musik. Die Unterteilung in Genres oder gar in E- & U-Musik finde ich heute idiotisch. Das macht man nur hier im deutschsprachigen Raum, das interessiert in England oder Amerika keine Sau.»
Früh hat er angefangen zu rauchen. Keine Zigaretten. Fasziniert war er von der Pfeife. Der Pfeife des Vaters. «Ich klaute Vaters Pfeife, der hauptsächlich Brissago rauchte, und stopfte sie mit Amsterdamer, dem blauen.» Weil, wundersame Wege des Geschmacks, dieser blaue Amsterdamer vom Bügelgeber an einem Skilift im Engadin geraucht wurde und so betörend roch. Aber richtig wollte es noch nicht klappen. Mit 16 Jahren ging der Sek-Schüler zum Wagner, dem Tabaklädeli an der Zürcher Storchengasse. «Jetzt erklären Sie mir, gopfetelli mal, wie man eine Pfeife stopft, es gelingt mir nie!»
«Ja, hast Du denn überhaupt eine Pfeife?», fragte der Wagner. «Und schon hatte mir der schlaue Fuchs eine verkauft. Gratis dazu gab es ein kleines Büchlein, indem erklärt wird, wie das Pfeifenstopfen funktioniert. Er zeigte es mir persönlich, stopfte mit mir meine Pfeife: «Machs nomahl. Nimms wieder use. Machs nomahl.»
Kurz darauf ging ich in ein Klassenlager und dort stopfte ich das Ding. Nach wie vor inkompetent. Und weil ich die Pfeife falsch gestopft hatte, brannte mir der Rand ab.
Es gab ein Loch. Ging nicht. Dann liess ich die Pfeife ein Jahr lang herumliegen, bis sie mir wieder in die Hände geriet. «Eigentlich sollte so was nicht passieren», dachte ich, «auch wenn ich ein Laie bin. Der hat mir eine schlechte Pfeife verkauft, der Wagner.» Ich ging hin, sagte: «Sie!» und hielt ihm die Pfeife hin: «Sie haben mir das Büechli und die Pfeife verkauft. Jetzt schauen Sie mal die Pfeife an. Wie die aussieht! So geht das doch nicht.» Da nimmt er einfach eine neue aus dem Gestell und gibt sie mir. Natürlich bin ich seither dort Kunde, mehr noch, verkehre dort als Gast, mein halbes Leben lang!
Er, der vor einem guten Jahrzehnt dem Rauchen auf der Spur war, ist heute ein Sänger, Tenor um genau zu sein. Nicht irgendeiner, sondern einer, der dem Singen gegeben hat, was er geben konnte. Er begann mit sechs Jahren im Zürcher Knabenchor. «Wahrscheinlich heisst es heute irgendwie Degree of Art and Singing, einen Master hab ich auch, den hat man mir nachgeschickt. Aber ich habe ganz knüppelhart in Berlin an der Musikhochschule Hanns Eisler Gesang studiert. Sechs Jahre lang. Danach war ich zwei Jahre an der Hamburger Staatsoper. Mozart, Wagner, Gershwin, Weil, Strauss! Die ganze Palette. Ich bin Opernsänger. Tenor. Das ist mein Beruf, den ich fachmännisch gelernt habe. Während der Finanzkrise habe ich mir oft überlegt, wie wertvoll so ein Handwerk ist. Singen kann ich!»
«Singen ist das Grösste für mich, die konsequenteste Verbindung von aussen und innen, aus der Seele transportable Kunst. Singen und die Ausbildung zum Sänger ist primär eine Bildung des Charakters. Keine einfache! Es ist auch Seelenterror. Psychisch sehr anspruchsvoll und wer scheitert, scheitert daran. Du beschäftigst dich das ganze Studium hindurch mit dir selbst. Ich habe es als meine Kunstform gewählt. Die Verbindung zu mir selbst.
Jeder Instrumentalist hat einen Katalysator, das Klavier, die Geige, oder eben das Instrument seiner Wahl. Dahinter kann er sich zur Not verstecken. Beim Singen geht das nicht. Es ist die nackteste Situation, die es gibt. Sich ausziehen auf der Bühne ist ein Scherz gegen ein Vorsingen vor Leuten. Die beurteilen dich, und während des Hörens reden, rauchen und trinken sie. Die Hölle.»
Heute bestimmt Christian über seine Karriere selbst. Aktiv und mit Elan in der Welt der Musik verknüpft er eigene und fremde Ideen. Ein kommunikativer Künstler, er ist der Amtsvorsteher des Amtes für Ideen, seiner unabhängigen Produktions- und Denkwerkstatt in Zürich und Berlin. Er ist Leo Wundergut, der satirische Gesellschaftstenor, er organisiert, singt und bewegt sich auf Bühnenbrettern, Schiffen und Parketten. Und er raucht Zigarren. Anlässlich unseres Treffens eine von uns offerierte Bock im Churchill-Format: «Die ausgewogenen Geschmackskomponenten der Bock sind ein Rauchgenuss erster Güte. Ich persönlich ziehe aber die etwas leichteren Produkte von Pàdron vor.» Einer, der weiss, was er will. Und was er nicht will. «Es gib einen wichtigen Grund zu rauchen. Ich bin ein Gegner dieser Lust und Genussreglementierungen, die das Leben eintönig und langweilig machen. Alles spiegelt sich in den schon bald faschistoiden Verboten. Der Trend, die Eigenverantwortung abzugeben, ist grotesk. Der Staat soll uns sagen, was wir zu tun haben. Diese sich abzeichnende Prohibition ist ein Schritt zurück. Deprimierend.»
Das Jazzfestival in Sankt Moritz «Festival da Jazz» – ist eines der Kinder des umtriebigen Machers. «Wir haben im kleinsten Rahmen angefangen, im staubigen alten Weinkeller des Hotels Kronenhof in Pontresina. Im Sommer im Engadin. Drei Jahre lang. Als der Kronenhof renoviert wurde, wollte ich aufhören. Doch dann kam ein kleiner, fast rührender Protest von den Leuten: «He … das kannst du nicht machen, der einzige Anlass, der hier im Sommer ein wenig lustig ist. Und das soll jetzt vorbei sein?»
Ein neuer Veranstaltungsort musste gesucht werden. «Irgendwer erzählte mir vom Dracula Club.» Den Ort kann man nicht mieten. Es ist ein Club, der Club der Familie Sachs. Im Sommer zu. Seit 38 Jahren lassen die keine fremden Leute dort wirtschaften.
«Ich habe mich als Amtsvorsteher des Amtes für Ideen bei Rolf Sachs gemeldet. Mit einem Asylantrag. Zwei Stunden später war eine Antwort da. Wenn sich einer schon freiwillig Amtsvorsteher nenne, dann wolle er ihn kennenlernen.
Einen Monat später haben wir uns in einer hässlichen Lounge im Zürcher Flughafen getroffen, schlechten Filterkaffee getrunken und fanden uns auf humorvolle Weise. Es ist eine Freundschaft entstanden. Es ist nun nicht so, dass sich der Herr Sachs in seinem Club eine nette kleine Jazzreihe leistet, um ein wenig zu protzen. Er war bereit, sich für diesen kulturellen Event zu engagieren. Wir haben 2007 losgelegt, im kleinen Rahmen mit fünf Konzerten.»
Dieses Jahr dauert der Anlass vom 15. Juli bis zum 15. August. Einen ganzen Monat lang verschiedenste KünstlerInnen im feinen, intimen Rahmen des Clubs. Eines der Mottos lautet: «Bei uns dürfen Sie auch nichtrauchen!».
Ausgabe 1/2010
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