Der Raucher und die Dichterinnen

text: Johanna Lier

Emily Dickinson, geboren 1830, gestorben 1886 in Amhurst, USA.
Übersetzt von Susanne Schaup

Er zupft an deiner Seele
wie Spieler am Klavier,
eh die Musik in Fülle strömt –
so kleinweis gibt er’s dir –
dein zages Herz bereitet
Er für den luftigen Schlag
von schwachen Hämmern – noch entfernt –
dann näher – nach und nach –
dein Atem kommt zur Ruhe –
die Ader kühl pulsiert –
bis Er mit einem Donnerschlag
dein nacktes Herz skalpiert.

Wenn Winde Wälder in die Pranke nehmen –
das Universum – schweigt.

Ich suche in meinem Regal ein ganz bestimmtes Buch. Da ich es partout nicht finden kann, was mich ärgert, verfalle ich der absurden Idee, meine Bücher zu zählen. Ich komme auf die ungefähre, aber doch stolze Zahl von 1680 Exemplaren. Dieser zwecklosen Leidenschaft frönte ich auch schon am Kiosk. Wartend bis der Mann vor mir endlich sein Kleingeld aus dem Portemonnaie geklaubt hatte, zählte ich die Zigarettenpackungen im Rücken der Verkäuferin und kam auf 120 Zigarettenpackungen, wobei diejenigen, die mit einem leichten Knall nachrutschen, wenn die Verkäuferin ein Paket aus dem Regal nimmt, nicht mitgezählt worden sind. 120 Todesurteile oder Drohungen in Form von Abbildungen von verkrüppelten Lungen und der apokalyptischen Botschaft: «Rauchen tötet.» Ich bin Raucherin. Wie viele Zigaretten ich in meinem Leben schon geraucht habe, das möchte ich nicht zählen. Es wäre nicht ganz einfach, wobei es durchaus mathematische Techniken gäbe, denn immer, wenn ich mit den Zigaretten aufhören will, dann rauche ich Zigarren. Sind diese auch tödlich? Ich bin aber nicht nur Raucherin, ich bin auch Dichterin. Und eines Tages werde ich sterben. Sind es neben den Zigaretten, den Zigarren, auch die Gedichte, die mich töten werden?
Wenn man mit dem Zug in die ländliche Ortschaft Wald einfährt, sieht man als Erstes auf einem Hügel eine herrschaftliche Villa, die das Dorf beherrscht. Hinter hochgewachsenen, dunklen Tannen blitzen hin und wieder Stücke der hellen Hausfassade hervor, ein Turm, der von Tauben bewohnt ist, schwebt wie ein Engel über dem düsteren Bild. Dort, im Haus meiner Grosseltern, habe ich teilweise meine Jugend verbracht. Mein Grossvater war ein wahrlich biblischer Patriarch, der den Esstisch und diejenigen, die mit ihm assen, in seiner Gewalt hatte, schweigend die Suppe schlürfte und rülpste, während der Rest der Familie mit geradem Rücken bemüht blieb, die Arme just im rechten Winkel und die Blicke gesenkt zu halten. Dieser furchterregende Mann, das muss aber erwähnt sein, hatte ein gutes Herz, und ich war seine Lieblingsenkelin. Täglich durfte ich mit dem quecksilbrigen Pudel gegen Mittag durch den Tannenwald, auf dem moosigen Weg, am Teich vorbei den Hügel runtersteigen, zum Bahnhof, zum Kiosk und zwei Brissagos kaufen. «Geht es dem Herr Doktor gut», zwitscherte der Verkäufer, ein älterer Mann, lächelnd und beugte sich weit über seine Auslage, denn ich war noch klein.
Dass ich den dünnen, biegsamen Halm aus der Zigarre ziehen durfte, war aber die eigentliche Liebeserklärung. Und der Umstand, dass mir Grossvater erzählte, die Brissago wäre die Zigarre der Proletarier, durch die Gastarbeiter aus dem Tessin und Italien in die nördliche Deutschschweiz gebracht, schmeichelte mir. Der alte Mann mit der Zigarre im Mund, Herr der Esstische, König der dörflichen Hügel und aller Tauben im Turm, hat dem kleinen Mädchen das Rad des Lebens erklärt.
Marina Zwetajewa hat sich umgebracht. Anne Sexton und Sylvia Plath haben sich umgebracht. Sappho von Lesbos hat sich umgebracht. Karoline von Günderrode hat sich umgebracht. Annette von Droste Hülshoff gelang es zeitlebens nie, sich aus der Abhängigkeit von ihrer Mutter zu befreien, sie starb krank und einsam in ihrem Turm in Meersburg und Emily Dickinson sperrte sich im Haus ihres Vaters ein, verweigerte jeglichen Kontakt und kümmerte sich nur noch um ihren Garten. Ihnen allen gemeinsam war die Gabe, wunderbarste Gedichte zu schreiben, sie alle waren in den Kanon der Literaturgeschichte eingegangen – Ikonen der weiblichen Identitätsfindung im Zuge der Emanzipation. Und sie alle haben mich während meiner Kindheit beeindruckt, beeinflusst und gelehrt. Die unglücklichen Dichterinnen; aber auch der alte Patriarch mit der Zigarre. Ein anderer Patriarch, der Grieche Platon, ging davon aus, der Mensch wäre ursprünglich ein vierarmiges, vierbeiniges Kugelwesen gewesen, bis ein launischer Gott dieses in zwei Teile zerteilt hätte. Seither sind die Getrennten obsessiv auf der Suche nach ihrem anderen Teil. Des­wegen gelingt es mir nicht, mit dem Rauchen von Zigaretten aufzuhören, die ja bloss eine konsumentenfreundliche, basisdemokratische Variation der aristokratischen Zigarre sind, und deswegen gelingt es mir auch nicht, das Schreiben von Gedichten zu lassen, für die sich kaum jemand interessiert und mit denen man kein Geld verdienen kann. Meine männliche Seite sucht sich mit meiner weiblichen zu verbinden. So hielt es auch die 1892 in New York ge­borene Djunia Barnes, die in ihrem Buch «Ladies Almanach» beschrieb, wie sich im Paris der 1930er-Jahre ­jeden Freitagnachmittag im Salon der amerikanischen Millionärin Natalie ­Clifford Barney die Crème der französischen Kunstszene traf. Wobei es sich um intellektuelle, exzentrische Ladies handelte, die sich literarisch und sexuell austauschen wollten. Viele von ihnen schrieben Gedichte, trugen Anzüge und rauchten Zigarren. Sie waren vermutlich nicht sehr unglücklich, kaum eine von ihnen brachte sich um, geschweige denn sperrten sie sich ein und liessen sich von respektablen Männern die Welt erklären. Sie waren das von Platon idealerweise entworfene Kugelwesen, und dennoch berüchtigt, gefürchtet, gemieden und verflucht.
Das Buch «Ladies Almanach» habe ich nun unter den anderen 1679 Büchern gefunden. Und ich lebe. Ich bin nicht unglücklich und lasse mir nicht mehr die Welt erklären. Ich möchte mit dem Rauchen von Zigaretten aufhören und hin und wieder an einer ­Zigarre ­ziehen. Vielleicht. Das Dichten werde ich nicht lassen. Und in Zeiten von ­Internet, Slam-Poetry, Songwriting und Performancekunst haben sich für die Lyrik längst neue Türen aufgetan. Wir sind nicht weiter gefürchtet, verflucht und gemieden. Egal, was wir tun. Und immer noch lese ich täglich: «Rauchen tötet.» «Dass ich suche den Tod in leukadischer Flut», schrieb Sappho von Lesbos. Doch bis heute streitet sich die Sprachwissenschaft, ob sie nicht eigentlich sagen wollte: «… tauche ich in das graue Meer, trunken von Liebe.»

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