Mein Leben besteht aus einem Haufen Zufällen
Alberto Giacometti in seinem Pariser Atelier, Tito beim Tempelbesuch in Burma oder Aga Khan vor den Pyramiden. Ernst Scheidegger hat eine Welt fotografiert, als sie noch fast unfotografiert war. Ein Gespräch mit einem Zeitzeugen.
Wir treffen Ernst Scheidegger an einem kalten Februarnachmittag in seiner Wohnung in Zürich. Er trägt einen weissen Trainingsanzug, in der rechten Hand hält er eine halb gerauchte Toscani. Wir setzen uns an einen lang gezogenen,von Max Bill geschaffenen Tisch und bekommen ein Glas Rotwein eingeschenkt. Die Boxerhündin Yen inspiziert uns flüchtig, bevor sie es sich unter dem Tisch bequem macht.
Ernst Scheidegger: Über was wollen Sie denn mit mir reden?
Cigar: Über Ihr Leben als Fotograf, Maler, Filmemacher, Galerist und Verleger. Und natürlich auch über das, was Sie so rauchen.
Scheidegger: Ich habe schon alles geraucht. Angefangen habe ich als ich sieben Jahre alt war, mit Nielen. Mit Hugo Loetscher hinten beim Friedhof Sihlfeld, da gab es viele Nielen. Danach kamen die Marocaine, das waren die billigsten, die kosteten damals dreissig Rappen. Ich habe auch mal ein Jahr nichts geraucht, aber dann wieder angefangen mit Zigaretten der Marke Mais, das war in Paris. In Indien rauchte ich Bidis, in Afghanistan Hasch, es gab dort gar nichts anderes. In Burma rauchte ich wunderbare Zigarren und in Jemen rauchte ich gar nichts, dafür kaute ich Kat. In Bangkok ging ich immer in die Opiumhöhlen Tee trinken, weil ich den Rauch so gerne schmeckte. Geraucht habe ich Opium nur einmal, es wurde mir so schlecht, dass ich es Gott sei Dank sofort wieder aufgab.
Cigar: Die Toscani scheinen Ihnen hingegen zu bekommen.
Scheidegger: Vorher rauchte ich die Handgemachten aus Chiasso, die waren feiner im Geschmack, aber die machen sie nicht mehr, weil es keine Arbeiterinnen mehr gibt, die sie herstellen können. Die heutigen Toscani sind eigentlich ein Ersatz, die den Handgemachten am nächsten kommen.
Cigar: Wie wird aus einem Beamtensohn ein Fotograf, Verleger, Galerist und Maler?
Scheidegger: Die Geschichte ist halt etwas kompliziert. Mein Leben besteht aus einem Haufen Zufällen, aber man muss Zufälle auch nützen können. Ich kam zum Beispiel nur durch Zufall an die Kunstgewerbeschule.
Ernst Scheidegger (86) wurde am 30. November 1923 in Rorschach als Bürger von Lützelfl üh geboren und wuchs in Zürich als Sohn eines Beamten auf. 1942 meldet sich Scheidegger als 17-Jähriger freiwillig bei der Armee und verbringt einen Teil des Krieges als Funker im Maloja-Gebiet. In Maloja trifft er per Zufall den Künstler Alberto Giacometti, eine lebenslange Freundschaft beginnt. Nach dem Krieg besucht Scheidegger die Foto klasse von Hans Finsler und Alfred Willimann an der Kunstgewerbeschule Zürich und wird später Assistent von Werner Bischof und Max Bill. Im Rahmen der Wanderausstellungen des Marshall-Plans geht Scheidegger als Gestalter nach Paris. In dieser Zeit porträtiert er neben Alberto Giacometti auch andere Künstler wie Joan Miro, Fernand Léger oder Hans Arp. 1952 wird Ernst Scheidegger freier Fotojournalist der legendären Fotoagentur Magnum. Es folgen Reisen im Nahen Osten und Asien. Scheideggers Fotoreportagen erscheinen in Paris-Match, Life, Stern oder Pictures Post. 1957 leistet er im Auftrag der Ford-Foundation zusammen mit dem dänischen Architekten Vilhelm Wohlert die Vorarbeit für den Aufbau des National Institute of Design in Ahmedabad (Indien). Zwischen 1960 und 1989 arbeitet Ernst Scheidegger als Redaktor der NZZ-Beilage «Wochenende», in der er über 200 eigene Fotoreportagen veröffentlicht. 1962 gründete er einen eigenen Verlag, aus dem der heutige Verlag Scheidegger&Spiess hervorging. 1964 war er Chefgraphiker des Sektors «L’art de vivre» an der Expo in Lausanne. In seiner langen Karriere war Ernst Scheidegger als Galerist, Maler, Plakatgestalter und freier Filmregisseur tätig. Neben zahlreichen Ausstellungskatalogen und Kunstbüchern produzierte Scheidegger mit Preisen ausgezeichnete Filme, etwa über das Bergell, Alberto Giacometti, Max Bill oder Hans Brem. Scheideggers wichtigsten Einzelaus stellungen waren in Ulm (Museum Ulm 1959), Zürich (Ernst Scheideggers Gesamtwerk, Kunsthaus Zürich 1992–93) und China (Wanderausstellung «Alberto Giacometti» 2000–2002). Ernst Scheidegger lebt in Zürich und im Emmental und hat zwei Kinder.
Cigar: Konkret?
Scheidegger: In der Grundschule hatte ich im Zeichnen immer eine Zwei, wobei die Note Sechs das Beste war. Der Lehrer meinte immer, ich müsse die Zeichnungen ausziehen. Für mich war das Bild dann aber kaputt. In der Sekundarschule kam ich zum Zeichnungslehrer Eduard Gubler und hatte plötzlich die Note Fünfeinhalb. Mein Vater war mit dem damals einzigen Berufsberater der Stadt Zürich befreundet. Der schaute meine Zeugnisse an, sah den Notenunterschied und fragte, wer denn jetzt mein Lehrer sei. «Ah dä Gubler», sagte er und empfahl meinem Vater, mich auf die Kunstgewerbeschule zu schicken. Ich bestand tatsächlich die Aufnahmeprüfung und wurde Schüler der Kunstgewerbeschule Zürich.
Cigar: 1942 meldeten Sie sich als 17-Jähriger freiwillig bei der Armee. Wollten Sie unbedingt in den Krieg?
Scheidegger: Ich absolvierte eine Lehre als Schaufensterdekorateur im Jelmoli. Die Hälfte der Angestellten der Dekorationsabteilung waren Deutsche. Der Abteilungschef hiess Klein und war ein Obernazi. Er war später der erste Deutsche, der wegen Spionageverdacht aus der Schweiz ausgewiesen wurde. Die restlichen Deutschen waren alle auch nationalsozialistisch angehaucht. Das konnte ich mit meiner linken Weltanschauung nicht vereinbaren. Darum dachte ich mir, gehe ich besser so schnell wie möglich in die Armee.
Cigar: Wie erlebten Sie die Kriegszeit?
Scheidegger: Ich wurde Funker und war teilweise im Maloja-Gebiet stationiert. Das war die Zeit, als die Amerikaner in Sizilien gelandet waren. Es bestand die Gefahr, dass sich die Deutschen über Schweizer Gebiet zurückziehen könnten. Wir hatten alle etwas Angst, dass sie tatsächlich kommenwürden. Meine Aufgabe bestand darin, jeden Abend Meldung zu machen. Am Tag unternahm ich, zusammen mit meinem zugeteilten Bergführer Fritz Steuri, Bergtouren. Wir bestiegen jeden Tag einen anderen Berg, es war eine wunderbare Zeit.
Cigar: In der Sie Alberto Giacometti kennen lernten?
Scheidegger: Auch das war Zufall. In Maloja war ich in einer Pension einquartiert. Einmal sagte mir die Wirtin, dass unten im Dorf ein Spinner wohne, der wie ich immer zeichnen würde. Also ging ich den Spinner besuchen und traf den etwa 40-jährigen Giacometti. Ich fand ihn komisch, war aber total fasziniert. Was ich in seinem Atelier sah, war komplett neu, nicht zu vergleichen mit den Sachen, die ich aus den Zürcher Ateliers kannte. Wir kamen ins Gespräch und trafen uns danach fast täglich.
Cigar: Über was redeten Sie?
Scheidegger: Meistens über den Krieg. Das war interessanter als Kunst. Nach dem Krieg, als ich für den Marshall-Plan nach Paris ging, kannte ich dort genau zwei Leute, einen Buchbinder und Alberto Giacometti.
Cigar: In Paris fotografierten sie einige der grossen Künstler des letzten Jahrhunderts.
Scheidegger: Ich hatte einige solche Begegnungen etwa mit Hans Arp oder Miro, viele lernte ich durch den Galeristen Aimé Maeght kennen. Ich habe diese Kontakte aber nie ausgenützt. Der wichtigste Künstler war für mich immer Alberto Giacometti, ich war fast täglich in seinem Atelier. Den Einzigen, den ich nicht mochte, war Pablo Picasso, weil der seinen Hund nicht anständig behandelte. Für ein Buch musste ich einmal Picassos handgemachte Teller fotografieren, bei ihm zuhause in Vallauris. Aber immer wenn er den Raum betrat, legte ich die Kamera beiseite, ich habe kein einziges Bild von Picasso.
Cigar: Sie waren Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum und bereisten für Magazine wie Life oder Paris Match den Orient, wie kamen Sie dazu?
Scheidegger: Der Magnum-Fotograf Werner Bischof war mein bester Freund. Über ihn lernte ich Robert Capa kennen, der mir dann die ersten Aufträge vermittelte.
Cigar: Unter anderem fotografierten Sie die indische Reise des sowjetischen Staatspräsidenten Bulganin und des Parteisekretärs Chruschtschow oder den Besuch des jugoslawischen Präsidenten Tito in Burma. Ihre Bilder informierten die Welt. Wie gingen Sie damit um?
Scheidegger: Das war uns damals nicht so wichtig. Wir waren einfach froh, dass wir für die Fotos Geld bekamen und wieder etwas Neues machen konnten. Die Fotos, die mich wirklich interessierten, waren immer kulturpolitischer Art. In Ägypten fotografierte ich zum Beispiel Frauen, die erstmals überhaupt das Stimmrecht forderten, in Burma das Lepra-Programm der vereinten Nationen oder den 6. weltweiten Buddhistenkongress. Solche Sachen haben mich immer mehr gereizt als aktuelle Schnappschüsse. Auch weil die Aktualität nicht so wichtig war. In Burma hiess mein persönlicher Chauffeur übrigens Sithu U Thant, der spätere dritte Generalsekretär der Vereinten Nationen
Cigar: Als Fotograf dringen Sie in die Privatsphäre anderer Menschen ein. Wie haben Sie das, gerade im arabischen Raum angestellt?
Scheidegger: Das war nicht so ein Problem. Diese Länder waren damals sozusagen unfotografiert, es gab fast keine Fremden. Man war relativ frei beim Fotografieren, solange man die lokalen Regeln und Gebräuche respektierte.
Cigar: Sie führten ein Abenteurer-Leben?
Scheidegger: Es war spannend, weil man an Orte reisen konnte, an die sonst niemand hinkam. Ich war der zweite Ausländer, der für Nepal ein Visum erhielt. Ich wohnte bei der Familie, die das erste Visum hatte. Vier Jahre später kehrte ich nach Nepal zurück, da war der Tourismus aber schon so weit fortgeschritten, dass ich es keine zwei Tage aushielt.
Cigar: Erlebten Sie auch gefährliche Situationen?
Scheidegger: Die gab es auch. Im Sudan wurde ich einmal von den Partisanen geschnappt, aber der Zeitpunkt war günstig, weil sie gerade mit der Regierung verhandelten und mich deshalb wieder laufen liessen. Ein andermal wurden der NZZKorrespondent Arnold Hottinger und ich im Grenzgebiet zwischen Jemen und Saudi-Arabien verdächtigt, jüdische Spione zu sein. Zum Glück sprach Hottinger fliessend Arabisch und verstand darum, was die Einwohner vorhatten. Wir konnten rechtzeitig fliehen.
Cigar: Man sagt, Robert Capa sei wegen Ihnen gestorben.
Scheidegger: Ich sollte eigentlich für Life nach Vietnam gehen, hatte aber als Einziger in der Agentur ein nicht übertragbares Visum für den Besuch der Sowjetführer in Indien, darum ging ich die erste Auslandreise von Bulganin und Chruschtschow fotografieren. Und Capa, der nie mehr in den Krieg wollte, ging an meiner Stelle nach Vietnam, wo er prompt auf eine Mine trat. Zwei Tage später verunfallte Werner Bischof in den Anden tödlich. Kurz darauf stieg ich bei Magnum aus.
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