Il faut cultiver notre jardin
Silvia Höner, geboren 1950 in Zürich, Studium der Geschichte und Germanistik, war Redaktorin sowie Auslandkorrespondentin in Nairobi und Wien. Heute ist sie freiberuflich tätig und gärtnert im Kanton Thurgau.
Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir, wurde uns einst im Lateinunterricht eingetrichtert. Und? Was blieb fürs Leben von all den Lektionen und Lektüren? Blieb überhaupt irgendetwas? In meinem Fall gibt es da einen ominösen Satz, der sich hartnäckig im Gedächtnis festgesetzt hat. Er lautet: «Il faut cultiver notre jardin.» Nicht dass mir Gärten viel bedeutet hätten, sie kamen in meinem Lebenskonzept gar nicht vor. Die Gartensentenz erinnerte mich vielmehr an einen Lieblingslehrer, mit dem wir Voltaires satirischen Roman «Candide ou l’optimisme» lasen.
Eine bitterböse Geschichte! Die, am Beispiel der haarsträubend schrecklichen Abenteuer des arglosen Candide, uns damals noch ebenso arglosen Jugendlichen drastisch vor Augen führte, dass diese Welt keineswegs die beste aller Welten sein würde. Und zu welcher Einsicht kommt unser gebeutelter Held, der, wegen unstandesgemässen Gefühlen zur schönen Kunigunde vom Schloss des Barons Thunder-ten-tronck vertrieben wurde und in der Folge so ziemlich alles, was diese Welt an Gräueln und Katastrophen zu bieten hat, mit knapper Not überlebte? Eben: Das Einzige, was bleibt, ist seinen Garten zu bestellen. Und das tut er dann auch, zusammen mit der alt und hässlich gewordenen Kunigunde und ein paar weiteren, ebenso vom Leben gezeichneten Kumpanen.
«Dumm wie das Leben», nannte Flaubert anerkennend den Schluss des grandiosen Romans. Für junge Menschen mit hochfliegenden Plänen war er eher eine herbe Enttäuschung. Sollte das wirklich alles sein? Kartoffeln anpflanzen?
Nun, ein paar Jahrzehnte später, vier, um einigermassen genau zu sein, finde ich mich zu meinem Erstaunen selber in einem Garten wieder. Unter Tomaten, Bohnen und Kartoffeln. Ja, auch Blumen, Sträucher, ein paar Obstbäume, neuerdings sogar 90 Rebstöcke gedeihen hier. Und Candide habe ich kürzlich wieder gelesen und mir einen weiteren Satz gemerkt: «Wir wollen arbeiten, ohne uns zu zergrübeln; das ist das einzige Mittel, das Dasein erträglich zu gestalten.» Arbeiten! Dem kann ich nur beipflichten. Ein Garten bedeutet zuerst einmal und in erster Linie Arbeit. Das Vergnügen kommt später. Misstrauen Sie allen Gartenratgebern, die das Gegenteil behaupten.
Wie ich überhaupt dazu kam, mir einen Garten zuzulegen? Schuld daran ist mein Mann. Seine Sehnsucht nach dem Leben auf dem Lande nahm zu meinem Missfallen schon früh Gestalt an. Wir lösten das Problem, indem wir fortan zwei Wohnsitze unterhielten, eine Wohnung in der Stadt und ein Häuschen auf dem Land. In dessen Garten stellte ich an freien Wochenenden meinen Liegestuhl auf und las. Dafür waren Gärten ja auch da. Zweimal gelang es mir, meinen Mann für ein paar Jahre in fremde Städte zu verpflanzen. Was allerdings die von mir nicht vorgesehene Folge hatte, dass seine Landlust nur noch grösser, ja geradezu unbezwingbar wurde. Zurück in der Heimat galt es somit, eine Grundsatzfrage zu klären: Stadt oder Land? Wir machten den Entscheid davon abhängig, wo wir schneller einen uns beide überzeugenden Wohnsitz finden würden. Und das war – kein Wunder bei den heutigen Grundstückpreisen – auf dem Land.
Doch was heisst da Land? Es gibt nette Landgemeinden ganz in der Nähe von Städten, hübsche Bergdörfer, wo man gerne seine Ferien verbringt und dann noch das eigentliche Land, wo, zumindest in den Augen der Städter, gar nichts ist ausser Bauernhöfen und Kühen. Genau dorthin hat es uns verschlagen. Das Objekt, das uns eines Tages im Internet ansprang, pries sich als ehemaliges Weinbauernhaus mit Umschwung und prächtiger Aussicht an. Wir fuhren hin und ich verkündete zu meiner eigenen Verblüffung: Das ist es! Seither wohnen wir zwischen drei Miststöcken und Kühen rechts und links. Dazwischen liegt unser Garten.
Doch was heisst schon Garten? Da unsere Immobilie ein paar Jahre unbewohnt war, bestand er aus einem völlig verwilderten Sitzplatz und einer abschüssigen Weide, auf der Nachbars Kühe grasten. Kein schöner Anblick, wäre da nicht die wirklich bezaubernde Aussicht auf Fluss und Hügel und – bei klarem Wetter – die Alpenkette von Säntis bis Eiger, Mönch und Jungfrau. Seither sind wir daran, die Kuhweide in einen Garten zu verwandeln. Es ist ein grösseres Unterfangen, ein Projekt, das uns wohl bis ans Ende unserer Tage, beziehungsweise so lange wir noch Schaufel und Hacke halten können, beschäftigen wird. Und wie erwähnt, es bedeutet Arbeit, viel Arbeit.
Statt Romane stapeln sich unterdessen Gartenbücher und Versandkataloge von Gärtnereien auf dem Salontisch. Das gestandene Ehepaar debattiert hitzig, ob an der Hauswand eine Kletterrose oder ein Feigenbaum wachsen soll. Er ist grundsätzlich immer für alles Essbare, sie mehr fürs Duftend-Dekorative. Ausserdem sieht sie sich bereits wieder am Herd stehen und kiloweise Feigenkonfitüre einkochen, wo ihr doch die Quitten, Himbeeren und Birnen noch in den Knochen stecken. Und wer soll das alles essen? Ferien, Ausflüge kommen nur noch in Betracht, wenn der Garten endlich zu ruhen geruht, also im Dezember und Januar. Oder wenn arglose Freundinnen und Freunde mit Sehnsucht nach ländlicher Ruhe sich bereit erklären, unser Anwesen zu hüten. Das artet jeweils in Aktivurlaub aus, weshalb nicht alle ihr Angebot erneuern.
So bestimmt der Garten das Leben. Voltaire hat Recht, uns bleibt keine Zeit zum Zergrübeln, wir wissen immer, was zu tun ist. Bäume und Reben schneiden im Winter, die Gemüsebeete vorbereiten im Frühling, dann Pflanzen, Ernten, Einmachen und schliesslich Abräumen, Entsorgen, Versorgen. Schon wieder ein Jahr vorbei, melancholisch ruht der Garten in Braun und Grau und schon freuen sich Gärtner und Gärtnerin auf das erste zarte Grün.
Und wo bleibt nun das Vergnügen, das Versprochene? Es stellt sich oft unversehens ein, beim Anblick einer Blüte oder eines Schmetterlings, einer besonders gelungen vor sich hin blühenden Gartenecke, beim Pflücken von Beeren und Tomaten. Oder nach getaner Arbeit. Dann ganz bestimmt. Wenn der Blick befriedigt aufs Tagwerk fällt und in die Weite schweift, Wein, Wurst und Brot aufgetischt sind, die müden Glieder ruhen, ausnahmsweise sogar im Liegestuhl, und ein Buch bereit liegt, vielleicht Tschechows Kirschgarten. Und was sagt Jascha, der verliebte Wichtigtuer: «Es ist angenehm, eine Zigarre an der frischen Luft zu rauchen.» Was wir jetzt auch täten, wenn wir noch – oder eines Tages vielleicht wieder – rauchen würden.
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