«Cigar Music» Tobacco Songs from Old Havanna Cuarteto Tiempo

text: Yvonne Kunz

Yvonne Kunz, geb. 1972, studierte an der Dolmetscherschule Zürich Übersetzung und an der University of Liverpool Linguistik. Lebt seit 2001 mal schlecht mal recht von und mit ihren Schreib- und Übersetzungskünsten: sounds.ch, FabrikZeitung, testcard, Surprise, Fritz und Fränzi, SF Dok, WOZ u.v.a.

Als ich vor einiger Zeit eine feuchtfröhliche Festgemeinschaft mit meiner Plattensammlung beglückte, streckte ein Profi-DJ seine werte Hochnäsigkeit in meine Angelegenheiten. Er blickte auf meine Teller und sagte von oben herab: «Zischt und knistert eine Vinyl-Platte, als hättest du gerade ein Schweinssteak ins heisse Öl einer Bratpfanne gleiten lassen, gibt es nur einen Grund dafür: Sie wird zu wenig abgespielt.» ­Eigentlich mochte ich diesen arroganten Typen nie, aber wo er Recht hat, hat er Recht.
«Cigar Music» von Cuarteto Tiempo dreht sich in diesem Moment ungefähr zum vierten Mal auf meinem alten Sharp-Plattenspieler, und die Nebengeräusche sind derart, dass man sie nicht mehr als Patina schönreden kann. Der Kauf des guten Stücks liegt schon so lange zurück, dass ich nicht mehr mal sagen könnte, wie viele Jahre vergangen sind, seit ich es einem Brockenhaus aus der Ein-Franken-Aktionskiste gezogen und gekauft habe und auch das nur wegen dem schönen Cover.
Als ich neulich wieder einmal aus der Düsterheit eines Brockenhauses ins grelle Licht trat, fragte ich mich, wie viele Dinge ich während meines gut zweistündigen Aufenthaltes wohl befingert hatte. All die Manteletiketten mit den Materialangaben und Waschinstruktionen, die Seiten von Büchern und alten Magazinen, Bilderrahmen, Weingläser, Bikinis. An meinen Händen haftet dieser unverkennbare Geruch der klebrigen Staubschicht, der Geruch von gesellschaftlichem Müll – was sich in Brockenhäusern sammelt, ist ja im Grunde nichts anderes. Ramscht man darin, vermischen sich Gefühle von verklärender Nostalgie mit dem Wohlstands­elend, oder der Trauer darüber, dass ganze Habseligkeiten von verstorbenen Mütter, Väter und Grosseltern auf dieser gigantischen Warenhalde modern. In Brockhäuser abtauchen ist also eine gute Beschäftigung, wenn man aus der Zeit fallen will.
Und das schafft auch «Cigar Music» von Cuarteto Tiempo» locker.
Während sich die Platte auf meinem Player dreht, regnet es draussen gerade Löcher in die Schneedecke. Sieht schon aus wie weisse Netzstrümpfe, der Frühling zeigt sein grünes Bein. In meinen Ohren aber ist schon Hochsommer. Um meine Nasenflügel streicht nicht Brockenhausmief, sondern der Duft einer Cohiba.
Dieser Liedersammlung ist eine weitere Zeitverschiebung inhärent. Momentan sind uns die Neunzigerjahre ferner als die Eighties, noch wartet das letzte Jahrzehnt auf seine kommerzielle Verwertung als Retro-Phänomen. Wenn es soweit ist, wird wohl auch diese Kuriosität aus der Boomzeit der kubanischen Musik in den Neunzigern, mit der auch das Zigarrenrauchen vorübergehend zum Massentrend wurde, aus der Mottenkiste geholt. In einem kaum verhüllten Versuch, auf der Welle mitzuschwimmen, suchte damals die exzellente Truppe rund um Sänger und Gitarrist Ricardo Gonzalez eine Reihe zeitloser kubanischer Volkslieder über Tabak und zusammen.
Bolero, Son, Cha-Cha-Cha und Rumba aus dem vorrevolutionären Kuba werden hier in technischer Übersättigung zum Besten gegeben. Die überschwänglich schmachtenden Gesangsharmonien der grandiosen Meme Solis und Malena Burke – Tochter der legendären Elena Burke – bringen eher ­bri­tische Jetsetter zum Schwelgen und träumen als die Träumer und Schwelger in den verrauchten Bars in den versteckten Gassen Havannas. Mit Sicherheit hat man diese Platte dort schon lange vergessen. Sie erklingt wohl höchstens noch in Latin-Tanzkursen für Singles in unseren Breitengraden. Oder gerade jetzt in meiner Stube – und ein bisschen Ethnokitsch ist ja nicht verboten, vor ­allem wenn er so versiert dargeboten wird, wie es das Cuarteto Tiempo tut. Immer noch besser als die Hitpa­rade.

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