Mann, Land, Tabak

Deckblätter aus Ecuador gelten seit Jahren als Top. Zigarren aus dem gleichen Land sind hingegen schwer zu finden. Eine Ausnahme bildet die Premium-Zigarre «Capafina» von Carlos Jalil. Der ­leidenschaftliche Unternehmer und fortschrittliche Bauer arbeitet dabei vom Samen bis zur Zigarre mit eigenen Produkten. Ein Porträt.

text: David Höner, Guayaquil, Ecuador

Ich glaube es war 1999, als ich meine erste Ernte auf den Markt bringen wollte. Ich musste Abnehmer suchen. Käufer für meinen Tabak, meine Deckblätter. Ich ging auf Reisen, mit Mustern und voller Enthusiasmus. Natürlich ging es in die Vereinigten Staaten. Dort besuchte ich die grossen Produzenten. Da steht man dann und erzählt?… wie schön es in Ecuador sei, wie gut das Klima, wie toll der Boden und papihpapoh und blablabla und ich habe eine kleine Plantage und schaut mal her. Man ist Vertreter, auch wenn ich meine eigene Sache vertrete,  ich bin ein Verkäufer. Während einer dieser Verhandlungen nimmt mich einer beiseite und sagt: Hey Jalil, wir bauen selbst in deinem Ecuador Deckblätter an. Wir haben dort eigene Plantagen. Warum pflanzt du nicht Yucca? Ist doch ein gutes Geschäft die Yucca! Das hat mich herausgefordert, geärgert! Soll er doch selbst Yucca anbauen wenn es so ein gutes Geschäft ist! Doch es hat mir Kraft gegeben weiterzumachen. Der Markt ist nicht einfach, voller Haie. Die Grossen fressen die Kleinen. Auch mit einer guten Qualität muss man sich bewegen. Glaub mir, es gibt Supertabak der billig verschleudert werden muss weil  er den Weg zum Markt nicht gefunden hat. Andererseits gibt es irgendwelches  Zeugs, das mit Gewinn kommerzialisiert wird. Als kleiner, neuer Produzent ist es schwer einen Fuss auf den Boden zu bringen.»
Die Jalis kamen im vorletzten Jahrhundert aus dem Libanon nach Ecuador, genauer in die kleine Hafenstadt Bahia de Caraquez. Sie waren fleissig und wurden erfolgreiche Geschäftsleute, importierten, exportierten und das erste Auto, welches durch Bahia rollte, wurde von Carlos Jalils Grossvater gesteuert.  Bahia verlor später an Bedeutung als Guayaquil zum bedeutendsten Hafen im Südpazifik aufstieg und folgerichtig zog die Familie Jalil  dorthin. Der kleine Carlos vermietete  als Junge seine Comics, mit sechzehn Jahren bewirtschaftete  er ein erstes Wassermelonenfeld. Er studierte Agrarwissenschaften. Trotz dieser Ausbildung und der Freude an der Landwirtschaft, trat er zuerst in die Fussstapfen seiner Väter und wurde Geschäftsmann. Er importierte italienische Pastamaschinen, stellte Pasta her, handelt mit Autoersatzteilen, wird selbst Vater,und zieht mit seiner Frau drei Kinder gross, die ebenfalls in die Familiengeschäfte eingebunden sind.
Heute ist er 58 Jahre alt, und wenn die Haare auch ergraut sind so strahlt der ganze Mann doch Kraft und Unternehmenslust aus. Auf der zweistündigen Fahrt vom Flughafen Guayaquil zu seiner Finca erzählt er von sich. Wie er  bereits über vierzig gewesen sei, als er die erste Zigarre geraucht hätte. Früher seien es Zigaretten gewesen.  Sucht oder Genuss, das seien zwei verschiedene Dinge. Biolandwirtschaft, das sei interessant. Er schaut sich den Markt an. Tabak scheint ein gutes Geschäft zu versprechen. Er verkauft die Pastafabrik und kauft Land für die Tabakfarm. Dreissig Hektaren in der Provinz Los ­Rios. Dort baut er ein bescheidenes Farmhaus, forstet einen Hügel der sich nicht zum Tabakanbau eignet mit Bäumen auf. Los geht’s.
Gerade weil er nicht aus einer Tabakbauerdynastie kommt ist er Experimenten nicht abgeneigt. Er verlegt Schläuche für ein Tropfenbewässerungssystem und kauft die ersten Samen. Sumatra und Havanna 2000. Heute, zehn Jahre später, arbeitet er mit den eigenen Samen, die er aus den Havanna 2000 gezüchtet hat. Ihm war von Anfang an klar, dass er hier ein Geschäft machen wollte. Der Markt, auf dem er Geld verdienen kann, ist der Markt mit Deck­blättern. «Das Deckblatt ist der Smoking der Zigarre, der Ausdruck und die Tracht. Erscheinung und Geschmack werden von dieser Königin der Blätter bestimmt.»
Von seiner ersten Ernte konnte er nur etwa 10 Prozent verkaufen. Heute macht der Verkauf von Deckblättern 60 bis 70 Prozent seiner Ernte aus.

Der Pflanzer
Eigene Kreuzungen und Selektion haben das Saatgut ergeben, welches auf seine Böden und zu seinem Klima passt. Was ausgesät wird, ist bereits nach Qualitäten sortiert. Zum Erreichen der notwendigen Qualität sind unzählige Schritte und Prozesse von der Aufzucht bis zum fermentierten Blatt, notwendig. «Man muss ihn (den Tabak) hegen und pflegen, ihn lieben, ihn behandeln.»
All diese schwierigen Prozesse unterliegen einer permanenten Weiterentwicklung. Jalil verpflichtet dazu Experten aus der Branche und nimmt an jedem Entwicklungsschritt persönlich teil. «Im Tabakanbau bringt Dir keiner etwas bei. Das Tabakgeschäft muss man selber lernen. Es geht darum, die einzelnen Teilbereiche zu erfassen. Man muss das Wissen zusammensuchen.» Er sucht sich Lehrer, beschäftigt verschiedenen Berater, unter anderen auch Kubaner. «Die Kubaner beherrschen den Markt und verfügen über die grösste Erfahrung.» Carlos Jalil ist dabei seine eigenenen Visionen und Ideen mit einzubringen.
«Was ich entwickelt habe, ist ein eigenes System zum Trocknen der Blätter. Ich steuere die Luftfeuchtigkeit mechanisch und lasse nicht, wie es traditionellerweise der Fall ist, einfach den natürliche Durchzug. Hier trocknen wir den Tabak zu Beginn der Regenzeit. Da gibt es zu viele Unsicherheiten. Und es kann einem viel schieflaufen!  So habe ich Gebläse installiert und regle Feuchtigkeit und Temperatur gleichmässig. Es verbessert die Qualität. Bei der Fermentierung arbeiten wir ganz traditionell. Aber im nächsten Jahr wollen wir auch hier ein paar Experimente machen. Es geht darum den Geschmack genau zu akzentuieren, unseren Tabak am besten zur Geltung kommen zu lassen in seiner individuellen Prägung. Das Aroma ist der Geist, das Wesentliche!»
Er produziert Humus mit eigenen Würmern, desinfiziert die Felder mit ­Limonen. Respekt vor dem Land und eine ökologische Grundeinstellung ist ihm wichtig. «Die chemischen Produkte, die wir bisher benutzten, haben die Böden und Pflanzen geschwächt. Die Ernte von heute ist resistenter, und wir müssen kaum noch Pestizide oder Herbizide einsetzen. Die Pflanzen sind gesund. «Der Tabak ist sehr pünktlich, er wächst schnell und wird pünktlich reif.» Vom Moment an, wo man die Schösslinge in die Erde steckt, bis zum Moment der Ernte, wo man die letzten Blätter erntet, sind es maximum 70 Tage. Diese Zeit ist sehr arbeitsintensiv, alles muss klappen, unzählige Kleinigkeiten müssen beachtet werden. Angefangen mit der Vorbereitung des Bodens, er muss weich und locker sein, damit die Pflanze viele Wurzeln bildet, viele Nährstoffe aufnehmen kann in der kurzen Zeit ihres Wachstums.
Es braucht den Schatten der Wolken, keine Sonne, aber auch kein Regen, die Trockenzeit eben. Das Blatt muss nicht dick werden, es bleibt dünn, geschmeidig?… die Luftfeuchtigkeit hält sich bei 60 bis 70 Prozent, je dünner und elastischer ein Blatt ist, desto besser. Deckblätter sind heikel. Bereits die Samen, auch wenn sie von der gleichen Art sind, werden sortiert. Die Reife der Blätter muss genau beurteilt und im genau ­richtigen Moment geerntet werden. «Das zeigt dir keiner, das musst du selbst lernen.»
In  naher Zukunft will er die Trocknungsanlagen, Fermentationsräume und Pflanzungen mit Webcams überwachen. Eine ständige Übertragung der notwendigen Daten, Luftfeuchtigkeit und Temperatur  soll auch den Käufern zur Information angeboten werden.  Per Internet. Zudem kann er so auch vom Schreibtisch aus den gesamten Ablauf genauer beobachten und weiterhin verbessern. «Ich führe keinen traditionellen Betrieb. Die Zeiten, Methoden und Techniken ändern sich schnell. Ich will vom Herkömmlichen das Beste übernehmen und zukunftsorientiert denken.» Auf der 30 Hektaren grossen Finca lässt sich ein Ertrag von rund 1000 Zentnern Tabakblätter erwirtschaften. «Nächstes Jahr  gibt’s etwas mehr», sagt er, und seine blaugrauen Augen  schauen zufrieden von der Terrasse der Finca auf die Felder.

Die eigene Zigarre
Die Herstellung seiner Premium-Zigarren ist noch kein Geschäft. Carlos Jalil ist der Meinung, dass die «Puros» die Visitenkarte seiner Arbeit sind. Heuig honiglich, karamellsüss mit feuchtregenwaldlichen Erdaromen, maduro, perfekt in Zug und Asche. Eine Churchill von Capafina erlaubt eine gut sechzigminütige Reise in die Provinz Los Rios. Erhältlich sind die Formate Churchill, Corona, Torpedo, short Corona und Lonsdale. «Handwerk! Sagen wir mal 80, 90 Prozent der Puros sind o.k., aber es bleibt immer eine kleine Anzahl, die nicht hundertprozentig stimmen. Handarbeit eben. Handgewicht und Augenmass. Und schnell muss es gehen.» 
Jedes Blatt ist anders. Blatt für Blatt wird immer wieder neu sortiert, nach Farbe, nach Aroma, Grösse, Elastizität. Es gibt verschiedenste Qualitäten aus der gleichen Ernte, von der gleichen Pflanze! Das macht sich beim Rollen der Zigarre natürlich alles bemerkbar. Alles ist Erfahrung und Professionalität. Alles muss immer wieder überprüft werden.  Details. Zum Beispiel, dass die Leute beim Arbeiten keine langen Ärmel tragen weil sich das Blatt an den Knöpfen verletzen könnte.
«Ich geb’s zu, manchmal  brennt eine etwas schief weil das zentrale Blatt zu grob ist, die Seele wurde nicht ganz sauber in der Mitte eingerollt, sie brennt langsamer. Das kann in den besten Familien vorkommen! Da gibt es kleine Unregelmässigkeit. Die Qualität bleibt sich gleich.»
Jalil ist der einzige ecuadorianische Hersteller, der vom Samen bis zur fertigen Zigarre mit eigenen Produkten arbeiten kann. Es braucht nicht nur beharrliches Arbeiten sondern auch Glück, Segen, Geist, Essenz und Feingefühl für das Eigene bis eine Zigarre der Marke Capafina entsteht. Die Produktion von Puros ist sehr aufwändig. Neben einer ganzen Palette von Materialien und Handwerkszeug braucht es geschultes Personal und ein kostspieliges Marketing.
«Ich habe meine Puros Leuten aus Kuba zu rauchen gegeben. Ich sage es dir jetzt?… manchmal haben sie ihnen besser geschmeckt als die von zuhause. Gut, ich vergleiche mich nicht mit den kubanischen Tabaken. Kuba ist eine Welt für sich, die Tradition vieler Jahrzehnte. Jahrhunderte des Tabaks.»
Als unabhängiger, ecuadorianischer Produzent sucht Carlos für seine Premium-Zigarren einen Platz im internationalen Markt. Er nahm an der Intertabak in Dortmund teil und steht in Verhandlungen mit europäischen Anbietern. «Ich kann ziemlich genau auf die individuellen Wünsche eines Kunden eingehen. Jetzt bin ich mit einer Gruppe von Leuten aus der Schweiz und Spanien am verhandeln, die kennen den europä­ischen Markt. Sie kauften früher in Costa Rica. Wir können günstiger offerieren. Ich werde bestätigt dadurch, dass ich heute nicht mehr die Käufer suchen muss. Sie kommen zu mir, besuchen meine Finca, schauen wie ich arbeite. Das ist natürlich eine Freude.»
Einen lokalen Markt gibt es kaum. In Ecuador werden wenig Zigarren geraucht und wenn dann misstraut der einheimische Konsument der eigenen Produktion und deckt sich zu exorbitanten Preisen mit kubanischen oder schweizerischen (Villiger ist present) Rauchwaren  ein.

Los Rios und der beste im Schatten
gereifte Tabak der Welt
Erst seit rund dreissig Jahren geniesst der  ecuadorianische Tabak international einen guten Ruf. In den vergangenen Jahren vergrösserte sich der Anteil der international verwendeten Deckblätter  ecuadorianischer Herkunft ständig. Zwar wurde in Ecuador, wie in den meisten tropischen Ländern, schon immer Tabak angebaut und in den Ritualen der Schamanen und indigenen Völkern spielt die uralte Kulturpflanze eine wichtige Rolle. Der Aufstieg der ecuadorianischen Tabakbauern zu den weltweit meist gefragten Herstellern von Deckblättern ist verbunden  mit den klimatischen Bedingungen der Provinz «Los Rios». Los Rios liegt an den westlichen Abhängen der ecuadorianischen Anden. Hier, in der Nähe der Provinzhauptstadt Babahoyo, liegt die Finca von Carlos Jalil. Luftfeuchtigkeit bis 95 Prozent, ständige Wolkendecke und ­keine direkte Sonneneinstrahlung. Hier wächst der beste im Schatten gereifte Tabak der Welt. Die Pflanze muss sich nicht verteidigen gegen die Sonne. Blatt­abstände, Form und Grösse der Blätter, geschmackliche Komponenten, passen sich den vorgegebenen klimatischen und bodentechnischen Umständen an.  So entstehen die berühmten, feinen, dünnen, elastischen, ecuadorianischen Deckblätter. In anderen Gegenden werden aufwändige künstliche Schattenbahnen gespannt. Nicht so hier. Die klar abgegrenzten Trocken- und Regenzeiten sind hilfreich. Der Tabak wird in der Trockenzeit, im Juni, gepflanzt. Erntezeit  ist der Dezember,  regnen tut es wieder im Januar in Los Rios. Die Trocknung und Fermentierung kann dann beginnen.
Für die lokale Wirtschaft ist der Anbau von Tabak von grosser Bedeutung. In der für Jalil arbeitsintensiven Trockenzeit sind grosse Teile der bäuer­lichen Bevölkerung ohne Arbeit. Carlos bildet mittlerweile die Leute selber aus. «Wir wollen nachhaltig gute Qualität erzeugen. Dazu brauche ich ausgebildete Leute.» Der postkoloniale Effekt, Unternehmen, die Grundmaterialien günstig einkaufen und in ausländischen Fabriken verarbeiten, kann so etwas eingebremst werden. Dementsprechende Gewinne  bleiben im Land. Eine eigene, qualitativ hochstehende Produktion entsteht. Notwendige Arbeitsplätze werden geschaffen. Während der Ernte beschäftigt er auf der Farm bis zu 70 Arbeiter­Innen.
«Die anderen Bauern haben in diesen Monaten viel weniger zu tun. Sie arbeiten mehr in der Regenzeit. Wir können Arbeit geben, wenn es in dieser Zone notwendig ist. Hier gibt es viele arme Leute. Wir tragen mit dem Tabakanbau auch zum sozialen Wohlergehen bei. In der Trockenzeit steigt die Kriminalität an, die Peones haben kein Geld. Sie beginnen zu stehlen um zu überleben.»
Der Markt für gute Produkte ist im Zigarrensektor vorhanden. Tabak ist sicher nicht der erste Faktor zur Verbesserung der ecuadorianischen Wirtschaft, doch trägt er bereits jetzt dazu bei, ein Qualitätsprodukt unter dem Namen des Entwicklungslandes weltweit bekannt zu machen.

www.capafina.com

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