Meine besten Empfehlungen

text: Matthias Martens

Die erste Zigarre, die mir vor über 25 Jahren angeboten wurde war eine totale Fehlberatung. Allerdings die beste, die ich je erfahren habe, wahrscheinlich sogar besser als einige meiner eigenen, nicht ganz so guten Empfehlungen. ­Unser Vater hatte uns beim ­Zigaret­tenrauchen erwischt und wollte uns eine der guten alten Lektionen erteilen. Mit starker Hand zückte er drei dominikanische Zigarren, ob derer wir leiden sollten. Heute glaube ich, dass mein Vater als Arzt und Nichtraucher sich seinerseits beim Tabakhändler die Gewissheit holte, dass die Zigarren, die er für die geplante Tortur kaufte, uns keineswegs zu sehr quälen würden. Jedenfalls wurde er – gutherzig und wie erwähnt nicht besonders tabacophil – belohnt und doch enttäuscht. Hochmütig rauchten wir Knilche die hellblättrigen Churchills, deren genauer Name mir nicht in Erinnerung geblieben ist, um, weder, wie geplant beschmutzt und blamiert, noch von Übelkeit geplagt, nach rekordverdächtigen 45 Minuten mein Kinderzimmer zu verlassen und anzukündigen noch ein wenig «nach draussen zu gehen». Natürlich haben wir weiter geraucht, das haben die meisten anderen aber auch.
Von dominikanischen und anderen Zigarren sollte mir erst später schlecht werden, doch vorher kamen 15 Jahre gepflegte Nikotinsucht, aus dem verschlissenen Beutel oder luxuriös aus dem silbernen Etui, mit und ohne Filter, eine Zigarette davor und eine danach, auf 5000 Meter über normal null und beim Autofahren selbst gerollt und mit dem Knie gesteuert. Die Ruhe für die ­Zigarre kam eigentlich erst später, trotzdem habe ich immer mit Genuss auch zur grossen Schwester gegriffen. Eine grosse Hilfe war der smarte Tabakwarenhändler in der kleinen Universitätsstadt, der so geschickt bei seinen Empfehlungen vorging, dass nicht mal ich selbst mitbekam wie bedauernswert pleite ich doch war, und trotzdem kam ich immer mit den benötigten vier kubanischen Zigarren aus dem Laden, die für das abendliche Pokerspiel nötig waren, nebenbei erwähnt, der Grund für meine finanzielle Misere. Mal waren es Partagas Mille Fleurs, mal Quinteros ein Highlight schon damals Ramon Allones Specially Selected, Herr Götz hatte immer ein gutes Händchen und hat es, so hört man, noch immer.

Matthias Martens, geboren 1972 in München, ist der wahrscheinlich bekannteste deutschsprachige Cigarrensommelier. Neben den Verkostungen, die er für «Cigar Clan» schreibt, war «Cigarre & Co» mit Dieter Wirtz seine wichtigste Veröffentlichung. Er leitet einen Cigarrenladen unter den Linden in Berlin und ist leidenschaftlich im Weinladen seiner Frau tätig. Ab sofort schreibt er auch für «CIGAR». Manchmal ist es allerdings sehr anstrengend für ihn, ständig anderen Menschen Cigarren, Weine und Spirituosen, ja ganze Situationen zu empfehlen, und er besinnt sich auf Empfehlungen, die zur Abwechslung mal ihm selbst galten.

Zu viele Zigarren zu viert und zu viele Zigaretten danach, die Vorliebe für die damals noch rauchgeschwängerte Gastronomie und die Einsicht dass regelmässiger Genuss von «Gitanes Mais» ohne die tägliche Lektüre der «Le Monde» nicht automatisch das Bestehen des Politologiestudiums garantieren, beendeten mein Studentendasein. Gewollt. Natürlich. Die Freiheit rief. Unterwegs mit zweiundzwanzigtausend Bruttoregistertonnen Kreuzfahrtschiff revanchierten wir – im Herzen Seeleute in Wahrheit Kellner – uns bei den Amerikanern, die unserem Traumschiff die Einfahrt ins kubanische Hoheitsgebiet untersagt hatten, auf unsere eigene Weise. Denn verbotene Früchte schmecken regelmässig am besten und was wäre ein grösserer tabakophiler Hochgenuss als eine kubanische Puro im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu schmauchen. Da wir nicht nach Kuba fahren durften, kauften wir die gelb-schwarz-beringten Schmuckstücke eben aus den Kofferräumen der schwarzen Hotellimousinen, die am Hafen von Miami auf die schwankenden Ströme der Kreuzfahrer warteten. Viel Beratung gab es nicht, dafür umso mehr Cohiba Esplendidos – trotz allem eine der besten Cigarren, die ich je geraucht habe – zumindest in meiner Erinnerung.
Einige «My way or Gangway»’s – bevorzugter Rüffel eines nichtrauchenden und wahrscheinlich deshalb von Humor befreitem ersten Offiziers – später, ­drehte ich der Seefahrt den Rücken und mein letzter bezahlter Flug ging nach Venezuela. Ein Flughafen mit genialen Schuhputzern, einer fantastischen Kantine und einer Sonnenterrasse empfing mich und die nächsten Monate sollte ich regelmässig immer wieder nach Caracas kommen, zufällig aber nicht unwillig. Die Terrasse, auf der ich vielen Flug­zeugen, besser gesagt den darin sitzenden Menschen, nach- oder entgegensah, wurde ein Fixpunkt in einer aufregenden Zeit. Allen, die nur in Hängematten, Ledersesseln und Hollywoodschaukeln rauchen, sei gesagt, dass auch eine Betonbank sehr gemütlich sein kann. Dort genoss ich die letzte Esplendidos aus Miami, später viele Cedros De Luxe und Montecristo No. 4 und einige Zigarren, die ich später leider nie wieder gesehen habe, geraucht wurde alles was die ­Tiendas am Flughafen hergaben. Und wenn auch kerosingeschwängerte Luft, kaltes Bier und Zigarren sensorisch gesehen kaum harmonieren, hatte ich immer einen sehr angenehmen Geschmack von Abenteuer am Gaumen, flankiert von dem Duft der wahren Welt und den Gerüchen echter Menschen.
Es folgten Zigarren in Bayern und Berlin, mit Bier und mit Champagner. Es wurden Davidoffs auf die Erfolge am Neuen Markt angezündet und danach feine unbekannte Eigenmarken. Wir rauchten in den feinen Bars der Hauptstadt, in den damals noch dunklen Kaschemmen am Prenzlauer Berg und in den Biergärten an der Donau. Und dann endlich auch auf Kuba. Dort habe ich grandioses Scheitern lernen dürfen, trotz und wegen vieler gut gemeinter Ratschlägen und einer unvergesslichen Nacht in der Coladosen, eine Badewanne und viele Zigarren eine Rolle spielten. Der Anstand gebietet mir Details zu schlucken, final habe ich die Weltmeisterschaft der Zigarrenempfehler selbst vergeigt, mit Verve und zu Recht. Wir haben uns wieder in die Badewanne im Hotel Nacional verschanzt, uns die schönste Upmann No. 2 geteilt und Abschied genommen.
Danach und nach wie vor habe ich mit echten Freunden und falschen Geniessern rauchen dürfen. Und umgekehrt – aber keine Zigarre war umsonst. Nur die, die nicht geschmeckt haben, wurden zur Seite gelegt, und so viele ­Zigarren wie ich vergessen habe, so viele habe ich mir auch merken können, hauptsächlich die, die mir jemand empfohlen hat, der es ernst mit mir gemeint hat. Die beste Zigarre ist und bleibt die, die man in der richtigen Gesellschaft und Laune raucht – dann schmeckt sie auch. Schaden kann es nicht, wenn sie schön, gross, teuer und perfekt gelagert ist, im teuersten Laden der Stadt von einer hinreissenden Lady in einer Phantasieuniform serviert und von einem delikaten alten Cognac begleitet wird. Ist aber nicht immer nötig.

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