Eine Zigarre für Hellmuth Karasek

Matthias Martens

«Mein lieber Herr Professor ...» dann kam eine kleine Kunstpause, gerade lange genug um anderen Leuten im Raum die Zeit zu geben auf Ihr Gesicht zu schielen, ob Sie bei dieser vertraulichen Art der Anrede nicht Anstoss nähmen, «... Karasek». Wir haben uns immer herzlich begrüsst, als würde uns die gemeinsame Lust am Genuss näher gebracht haben, als das sonst zwischen Stammgast und Gastgeber üblich ist. Und so war es auch, und die Anrede hat Sie nie gestört, sonst hätten Sie mich sicher nicht auch «Mein Lieber» genannt. Ich glaube sogar, Sie haben damit angefangen, aber vielleicht verschwimmt da auch etwas in der Erinnerung. Sie waren um die Jahrtausendwende und danach häufig zu Gast und Sie waren einer von denen, die immer Ihre Rechnung selbst bezahlt haben und auch nie das Scherflein für den Service vergassen. Andere waren damals dafür schon zu wichtig, erfolgreich, beschäftigt oder schön. Wir haben uns von Anfang an verstanden, unterhielten uns bald über mehr als nur Wein, Cognac und Zigarren, wir sprachen über die Kinderfotos Ihrer Tochter und Ihren Sohn in Caracas. Ihren Sohn habe ich leider nie kennengelernt, aber Ihre Tochter hat sich köstlich amüsiert, als sie eines Tages erfuhr, dass der Ihr kaum bekannte Kellner sie schon auf patinierten Urlaubsfotos als planschendes Kind am Ostseestrand bewundern durfte. Sie genossen regelmässig meine Empfehlungen und unsere gute Küche, die Mittage wurden lang. An vielen Tagen schien die Nachmittagssonne schon recht schräg ins Restaurant und machte aus Zigarrenrauch blauen Dunst, aus reifem Riesling süssen Nektar und aus Cognac, Armagnac und Rum Lebenswasser, dass den Fluss der Zeit verlangsamte.

Irgendwann im Laufe dieser schönen, harmlosen aber wertvollen Begegnungen kam der grosse Tag. Es war der 10. Dezember 1999. Offen gestanden hatte ich heute gut zehn Jahre später keine Ahnung mehr wann das genaue Datum war, ich musste sogar das Jahr nachschlagen. Sie hatten unüblicherweise das Mobiltelefon nicht ausgeschaltet und direkt beim Abtragen des Hauptgangs, ich hatte noch die Teller in der Hand, führten Sie ein kurzes aber aufgeregtes Gespräch. Der andere Teilnehmer schien weit weg, und als Sie auflegten sagten Sie nur einen Satz: «Man hat gerade Günther Grass den Nobelpreis verliehen.» Und dann noch einen: «Jetzt brauche ich einen Cognac.» Ich brachte Champagner für uns beide, Cognac und eine Zigarre für Sie. Das Ereignis in der Küche darbringend wurde ich abgekanzelt, uninteressant, Teller an die anderen Tische bringen, Vorspeisen stehen, Desserts abrufen, keine Zeit für Kultur. Es kommt mir vor als wäre es gestern gewesen, als Sie für immer mein persönlicher Intellektueller wurden, weil niemand aus der übrigen Belegschaft den Moment fand dies mit mir zu teilen. Genauer bedacht finde ich, jeder sollte einen persönlichen Intellektuellen haben, vielleicht sogar statt eines Therapeuten, leider gibt es heute aber nicht mehr so viele von der einen, dafür mehr der anderen Sorte.

Ein paar Jahre später brachte ich Ihnen als persönliches Geschenk eine Zigarre aus Cuba mit. Nicht irgendeine Zigarre, sondern eine wunderschöne dunkle Salomones, Ringmass 57. Sie kam aus der Casa del Habano im kleinen Hotel «Conde de la Villanueva» eine Oase für Aficionados, gelegen in der Altstadt Havannas. Heute sind diese Zigarren, handgerollt von Betreiber und Torcedor Reynaldo, Kult und jeder Aficionado bringt sich so viele er ergattern kann, und sich durch den Zoll zu bringen traut, mit. Damals waren sie, wie heute unberingt und nur an der hervorragenden Verarbeitung und den schönen Deckblättern erkennbar, noch ein Geheimtipp. Ob meiner Begeisterung für das gute Stück beschlossen Sie, die Pretiose nicht sofort zu rauchen. Ich sagte, ich würde sie gut für Sie aufheben, Sie nannten die Zigarre darauf hin nur noch Ihr Depositum, schönes Wort, dachte ich noch. Sie lag über Jahre im Humidor, in meiner privaten Kiste neben vielen schönen Schwestern mit einem goldenen Seidenband und den Initialen HK gekennzeichnet.

Als ich der Gastronomie den Rücken kehrte, liefen wir uns immer wieder über den Weg, was mir fast mystisch vorkam war ganz normal, wir trafen uns eben an schönen Plätzen, wo man Zigarren rauchen und ungestört geniessen konnte und wir genossen es, unsere kleinen Plaudereinen fortzusetzen, seltener aber nicht weniger vertraut. Als wir Sie für ein Weinprojekt als Unterstützer gewinnen konnten, feierten wir über den Dächern des Potsdamer Platzes mit einem ausgedehnten Lunch, und wir schwelgten in Erinnerungen. Damals durften mein Partner und ich sogar noch ein wenig mehr an Ihrem Leben teilhaben, en detail, wie ich es vorher noch nicht erlebt hatte. Ihr Buch «Karambolagen» war gerade erschienen, und Sie verrieten noch mehr über Qualtinger, Costner, Kohl & Co. Weder wusste ich bis dato, dass Sie, der mir die Weinauswahl überliess Hugh Johnson persönlich kannten, noch dass Ihre Jugendzeit zwar den schönen Künsten gewidmet, doch dergestalt intensiv war, dass ich mich in manchen dieser Karambolagen wiederfand. Die chronologische Reihung meist freundschaftlicher Zusammenstösse ist für mich deshalb deutlich mehr als «namedropping» weil sie so uneitel und ehrlich daherkommt. Ein Fluss aus Rückblick, Innehalten und Ausblick stecken sowohl im ganzen Buch als auch in jeder Anekdote, die sich auch dadurch auszeichnen, dass manche nur fast, beinahe oder randreal passiert sind, von der Zeit verwaschen und doch irgendwie passiert. Ich habe dieses Buch seitdem zig mal gekauft, gelesen, verliehen, verloren und verschenkt. Nur das eine Exemplar mit ihrem Signet steht ganz nah beim Humidor. Denn zum Zigarrengenuss eignet es sich ganz hervorragend. So haben Sie mir, vielleicht ohne es je erfahren zu haben auch eine sehr gute Empfehlung gegeben. Viel zu spät und beschwingt von feinem Essen, Champagner, Wein, Cognac, Zigarre, Kaffee, heisser Schokolade und Rum brachen wir damals auf, Sie zu einer Lesung in Potsdam und wir zurück an die weissen Laptops um der Welt voll Stolz von unserem neuen Testimonial zu berichten.

Ich habe Ihnen neulich einen Brief geschrieben, es ging noch mal um diese Weinsache, dabei habe ich eines vergessen, ich habe die Zigarre noch, das Depositum. Ich habe gut darauf aufgepasst. Sie dürfte jetzt perfekt gereift sein, und auch wenn ich weiss, dass Sie das Zigarrerauchen inzwischen aufgegeben haben, würde ich sie Ihnen gerne geben. Sonst hebe ich sie halt noch auf, bis zu unserer nächsten ganz persönlichen freundschaftlichen Karambolage.

Ausgabe 2/2010

Cigarren-Datenbank

Über 500 Cigarren im Test

In jeder Ausgabe von «Cigar» werden aktuelle Cigarren getestet – finden Sie hier die wichtigsten Testergebnisse und Informationen zu den aktuellen Cigarren.

Suchen Sie nach einem Herkunftsland, einer Marke oder einem Format...


...oder geben Sie ein Stichwort für die Suche ein.

Aktion

Verpassen Sie kein «Cigar»

Wenn Sie das neuste «Cigar» jeweils prompt in Ihrem Briefkasten haben möchten und keine Ausgabe verpassen wollen, gibt's einen einfachen Trick - abonnieren Sie. Schon für 36 Franken beziehungsweise 28 Euro senden wir Ihnen das Lifestyle-Magazin ins Haus.

Abonnieren

Werben im «Cigar»

Ein Zielpublikum für Sie

«Man sollte immer erst eine Cigarre rauchen, ehe man die Welt umdreht», erklärte der deutsche Reichskanzler Otto Graf von Bismarck Werben Sie da, wo sich die Leute treffen, die an der Welt drehen.

Print Online