Musik: Weihnachten im Juli
Ich stand neulich gerade in der Katzenfutterabteilung im Supermarkt, als sich über die Soundanlage Cindy Laupers 80er-Jahre-Hit «Time After Time» in den Laden ergoss. Nur sang nicht die farbenfrohe Fun-Punk-Cyndi, sondern ein namens- und gesichtsloser Mann Note um Note nach.
Und trotzdem. Es brauchte nicht einmal die markante Stimme der Lauper und schon war ich in der Zeit zurück versetzt. Mit einem Schlag bin ich frühpubertierende 12 und es ist Weihnachten 1984. An den Wänden meines Teenagerzimmers kleben Poster von Duran Duran, den Thompson Twins und natürlich The Cure. Ich suhle mich angesichts der ersten anstehenden Festtage mit meiner neuen, unerträglich spiessigen Patchworkfamilie im Selbstmitleid. Wie jedes Jahr um diese Zeit leidet meine Mutter unter einer heftigen Migräne, die ihr Gesicht ganz grau macht und sie schluckt im Stundentakt Treupel. Meine neuen Brüder machen die Sache auch nicht besser, in dem sie im angrenzenden Zimmer zu AC/DC, Status Quo und Van Halen abrocken. So einsam wie es nur Teenager sein können, wühle ich mich durch meinen Kleiderschrank und beschäftige mich akribisch mit dem Outfit-technischen Aufstand, Cindy Laupers Weihnachtssingle, «All through the night» in voller Lautstärke. Als einziger Trost.
Cyndis haarsträubende Schrillheit nachstellen, um die Festgemeinschaft angemessen zu schocken, ist harte Arbeit. Toupierte Haare, mit Zuckerwasser in Stein gemeisselt. Gelber Lidschatten, violetter Nagellack und Herrenhut. Eine hautenge, leuchtstiftgelbe Stretchjeans kombiniert mit einem weissen Rüschenjupe. Oben schmiegt sich ein Mieder in Schottenkaromuster über die nicht vorhandenen Brüste. Abgerundet wird das Ganze mit einer abgegriffenen Lederjacke Typ Motorradfahrer-Kombi. «Girls just wanna have fun», wie meine Freundin Cyndi an anderer Stelle fröhlich trällert.
Bis die Menschheit durch Nanotech oder Deatomisierung Raum und Zeit überwinden kann, ist die Musik das beste Vehikel, um die Vergangenheit oder die Zukunft zu besuchen. Manchmal auch beides gleichzeitig, zum Beispiel mit den zeitlosen Tracks der deutschen Technoband Kraftwerk. Musik ist wie ein magischer Schlüssel in die eigene Biografie, sie transportiert einen mühelos zu verschiedensten Momenten und Lebensphasen, die vom bewussten Radar längst verschwunden sind. Eine prickelnde Affäre mit einem längst vergessenen Liebhaber, verzweifelter Liebeskummer, eine oder mehrere durchzechte Nächte. Das Tollste daran ist die detailtreue und die emotionale Tiefe der auf diese Weise hervorgerufenen Erinnerungen. Man weiss wieder, dass der Lover einen Hang zur Paranoia hatte und gerne Muscheln ass. Man erinnert sich, wie man sich mit Toni Braxton und Whitney Houston förmlich ins Elend des Sitzengelassenwerdens hineinsteigerte und mit Nirvana in die Hassphase wechselte. Was die durchzechten Nächte angeht, ist die Rekonstruktion etwas kniffliger. Fest steht aber: Cocktails waren einst irrsinnig in Mode.
Mein punkiger Auftritt an der Familienweihnacht geriet übrigens zum kompletten Fiasko. Offenbar hatte die Familie hinter meinem Rücken Stillschweigen vereinbart und man ignorierte meinen Aufzug. Nur die coolen Jungs, die am heiligen Abend zu später Stunde bei meinen Stiefbrüdern vorbei kamen und auf der Terrasse Bier tranken und rauchten, schienen mein Kostüm überhaupt zu bemerken. Sie lachten mich aus. Und ich trollte mich, zurück zu meinem Ghettoblaster. Zum Glück war 1984 DAS Jahr der Weihnachtssingles: Wham’s «Last Christmas», mit dem wir bis heute gefoltert werden, Pat Benatar sang mit einem Kinderchor «We belong», und, DIE Weihnachtssingle schlechthin: «Do they know it’s Christmas time?», der fulminante Band-Aid-Song. Die Liste könnte fast ewig fortgesetzt werden, vielleicht höre ich bald wieder einen davon beim Einkaufen – und es ist wieder Weihnachten im Juli.
Ausgabe 2/2010
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