Katharina Killer-Roth im Fabrikladen in Beinwil

Von «Don Weber» zu Rinaldo Killer

Die schweizerische Eigenproduktion an Tabak und Rauchwaren ist fast ganz verschwunden. Doch es gibt sie noch. Ein Besuch bei der Familie Killer-Roth in Hallwil.

David Höhner

Tabakfabrik Roth GmbH
Tal 34
CH-5705 Hallwil
Tel. +41 62 777 13 21
www.tabak-roth.ch

Im «Stumpenland» liegt ein feiner Morgennebel auf den Wiesen zwischen den sanften Hügeln. Eine Landschaft zwischen Agglomeration und Landwirtschaft. Damals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden in der Gegend des Wynen- und Seetals eine ganze Reihe von Rauch produzierenden Gewerbebetrieben. Bis zu zweihundert waren es. Zum Beispiel bei Weber in Menziken. 1838 einer der Pioniere der Schweizer Stumpenproduktion.

Wer «Tabakler» war, hatte sein Auskommen und seinen Beruf. Man war jemand. Als «Zigarrenmacher» konnte man auch als Heimarbeiter verdienen, ganze Familien sassen da zusammen, nicht selten entstanden daraus Kleinbetriebe.

Es wurde politisiert. Für bessere Entlöhnung ging man auf die Strasse. Aber auch gegen die Steuerbelastung, gegen die Bevormundung durch die Landesregierung. Arbeiter, Fabrikanten und die Gemeindebehörden standen zusammen. Die Markenlandschaft war vielfältig. Stumpen, eine schweizerische Erfindung, wurden landauf landab geraucht, und ins Ausland exportiert. Die Namen der verschiedenen Produkte waren jedem Kind geläufig. Rössli, Rio 6, Rio Grande, Villiger export etc. In den 50er Jahren veränderte sich allmählich die Marktlage. Die Rauchgewohnheiten veränderten sich. Die Zigarette, als günstiges Importprodukt eroberte immer grössere Marktanteile, teure Pre mium-Zigarren und Zigarillos machten dem Stumpen Konkurrenz. Nach und nach verschwanden die traditionellen Betriebe. Weber stellte 1982 den Betrieb ein, einer der Letzten, Wuhrmann in Rheinfelden, wurde von Villiger 2008 übernommen. Stumpen werden noch produziert. Von Villiger und Burger. Wobei Burger zu Danneman gehört, oder eigentlich umgekehrt, und zusammen mit Villiger die letzten Schweizer Stumpenmacher sind. Der Rauch, der über dem Stumpenland lag, ist verflogen. Wie der Morgennebel.

Tabak wird in der Schweiz nach wie vor angebaut wenn auch in den letzten Jahren die Anbaufläche stark abgenommen hat. Wurden 1946 noch 1450 Hektaren bepflanzt, sind es heute weniger als die Hälfte. Bewährt haben sich in unseren Breitengraden die Sorten Burley und Virginia. Der Virginia, hell und mild, der Burley dunkel und gehaltvoll. Der grösste Teil der heimischen Ernte geht in die Zigarettenproduktion, macht dort aber nur einen Bruchteil des benötigten Tabaks aus. Die wirtschaftliche Bedeutung der Tabakindustrie wird im Allgemeinen unterschätzt. Anbau, Produktion, Vertrieb und Handel bieten Arbeitsplätze für rund 12 000 Personen. Der grösste Nutzniesser des Erwerbszweiges Tabak ist allerdings der Staat. 2004 flossen 2,04 Milliarden Franken in die Kassen der öffentlichen Hand. Gab es früher noch eine eigene Zigarettenproduktion aus dem Hause Burrus so sind die schweizerischen Marken mittlerweile in den Marktanteilen der internationalen Fabrikanten aufgegangen. Hauptvertreter sind die British American Tobacco (42 Prozent) Philip Morris (44 Prozent) und Japan tobacco international (15 Prozent) Die Fabrikationsstandorte für Zigaretten in der Schweiz sind zum Teil erhalten geblieben. Allein in Neuenburg beschäftigt Philip Morris 800 Angestellte. (Quelle: www.swiss-cigarette.ch)

In Hallwil wird man allerdings noch fündig. Hier befindet sich die letzte Pfeifentabakfabrikation der ehemals blühenden schweizerischen Tabakindus trie, die Tabakfabrik Roth. Und in dem unauffälligen «Fabrikli» hinter den Geleisen der Seetalbahn stehen Rinaldo Killer und Sohn Mario hinter und vor den Maschinen. Es riecht nach Tabak, nach der Würzmischung, der Sosse. Die grossen Kisten, 180 Kilo schwer, mit entripptem Virginia- und Burleytabakblättern stehen gestapelt. Diese Kisten kommen von einem anderen Familienbetrieb der Schweiz, der Fermenta in Payerne wo die von den Tabakbauern angelieferten, getrockneten Tabakblätter fachgerecht fermentiert und entrippt werden, bevor sie an weiterverarbei tende Betriebe geliefert werden. Gerade noch fünf Kunden hat die 1938 gegründete Fermenta.

Die schweizerische Ernte bewegt sich um die 1000 Tonnen pro Jahr. Davon wandern etwa sieben Tonnen nach Hallwil in die Hände der Killers, die daraus ihre ureigenen Mischungen von Pfeifen und Zigarettentabaken herstellen.

Rinaldo Killer übernahm den Betrieb von Fritz Roth, der sie seinerzeit von Kurt Suter übernommen hatte. Der gelernte Mechaniker eignete sich die Kenntnisse zur Handhabung und Mischung der verschiedenen Pfeifen- und Zigarettentabake von seinem Schwiegervater an. Eben jenem Fritz Roth, dessen Tochter Katharina er geheiratet hatte und mit der er den Betrieb seit 1992 führt. «Da gibt es keine Bücher, das ist Erfahrung und ein bisschen Geheimnis.» Die Tabaksorten werden gemischt und sossiert, das heisst mit der nötigen Menge Flüssigkeit, eben der Sosse, gemischt. Die Bestandteile dieser Würze sind nur zum Teil geheim, gesetzlich reglementiert und soviel sei gesagt mit Honig und Melasse angereichert. Eine der Funktionen des Sossierens ist es, die Fermentation abzustoppen und dem Tabak die nötige Geschmeidigkeit zu geben. Dazu kommt noch der Lebensmittelzusatzstoff Sorbit, (E 420) der als Feuchthaltemittel in vielen Lebensmitteln zum Einsatz kommt. Der so befeuchtete Tabak wird jetzt in eine der industriegrünen Maschinen eingefüllt. Die Mischung für den Maryland Tabak setzt sich aus 2/3 Burley und 1/3 Virginia zusammen, der Virginia wird halb / halb gemischt und von rotierenden Messer in 1,2 mm dicke Fäden geschnitten. Feinschnitt. Zigarettentabak der hoch besteuert wird. Auch eine eigene «american blend»-Mischung, Red Palm, für den Selbstdreher kommt dabei heraus. Pfefferminzblätter, Huflattich und andere «Geheimnisse» kommen beim Pfeifentabak zum Einsatz. Mehr wurde mir nicht verraten. Der Rauch des Huflattichs gilt übrigens seit altersher als Heilmittel bei chronischer Bronchitis.

Pfeifentabake werden anders geschnitten. Und, notabene, anders versteuert.

Die Rauchwaren der Familie Killer- Roth riechen vor allem nach Tabak. Für den Kenner ein Genuss. «Unsere Idee ist es einen natürlichen, modernen Tabak herzustellen, ohne viele Aromastoffe.» Verschiedene Tabakkreationen für Pfeife und Zigarettendreher vertreibt der Familienbetrieb über seinen kleinen Fabrikladen oder übers Internet. Dazu kommen noch die Kunden, die übernommen werden konnten. Übernommen woher? Von den mittlerweile eingegangenen Betrieben, die nicht mehr produzieren, Wuhrmann, Hediger, Eichenberger, Bäumli etc. Die Stumpenraucher können im kleinen Laden in Beinwil ­Tabakwaren kaufen die mittlerweile Seltenheitswert haben. Die Rio Grande zum Beispiel, die 1874 von Weber eingeführte Stumpenmarke, gibt es da noch zu kaufen und viele andere, die erinnerungsträchtige Namen tragen.

Nun, ein Stumpen ist nicht das Gleiche wie eine Zigarre, er ist herber, raucht sich schneller und hat nicht das edle Image der Havanna. Wenn in alten Zeiten der Fabrikdirektor zum Cognac eine Montecristi genoss, rauchten sein Arbeiter den Feierabendstumpen zum Bier. Die kräftigen, kurzen Shortfiller aus «Überseetabak» haben an Boden verloren, die Kundschaft wird älter und im Schatten der diversen Rauchverbote wächst keine neue heran. Burger und Villiger liefern die Rohlinge. Im Betrieb von Katharina und Rinaldo Killer-Roth werden sie geschnitten und verpackt, verkauft und verschickt. Im Sortiment gibt es auch Longfiller. «Echte» Zigarren aus Südamerika, und wer eine kubanische Cohiba haben möchte, kann sie bestellen.

«Die Geschäfte gehen nicht schlecht», sagt Katharina Killer. Der Kleinbetrieb mit Fabrik und Laden bietet fünf Arbeitsplätze. Das ist nicht viel und doch ist es mehr als eine nostalgische Reminiszenz an vergangene Zeiten. Wer das Besondere sucht, kann es im Laden in Beinwil finden. Hier wird für einen Nischenmarkt produziert. Die Pfeifen und Zigarettentabake sind einzig in ihrer Art. Jedem Zigarrenraucher kann man empfehlen, sich wieder einmal eine Rio Grande anzustecken. Würzig, stark und ohne Fisimatenten. Man unterstützt damit den letzten tabakverarbeitenden Schweizer Betrieb.

Ausgabe 2/2010

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