Valentin Landmann

Valentin Landmann – von der Liebhaberei mit der Zeit

Vor Gericht kämpft er um Zeit. Privat hegt er die Zeit. Mit Freunden diskutiert er über die Zeit und wie sie in Form von Uhren fassbar wird. Manchmal muss er sich den Wert der Zeit wieder vor Augen führen und meistens geniesst er es, sich mit der Zeit auseinanderzusetzen. Ein Porträt über Valentin Landmann.

Regula Lehmann

Valentin Landmann (59) ist Rechtsanwalt in Zürich und hat sich vor allem als Strafverteidiger des Rotlichtmilieus und als Hausjurist der Hells Angels einen Namen gemacht. Der Sohn einer Schriftstellerin und eines Philosophen arbeitet zudem als Buchautor. Sein neustes Werk heisst: «Dünnes Eis, Wege in die Illegalität – ein Milieuanwalt erzählt». Landmann ist begeisterter Schwimmer, liebt gutes Essen und ist Uhrenliebhaber.

Valentin Landmann nennt sich lieber Uhrenliebhaber als Uhrensammler, ein Zigarrenraucher bezeichnet sich schliesslich auch nicht als Sammler. Ihn fasziniert die Zeit, welche sich dadurch ausdrückt, dass sich etwas verändert, wie die Bewegung der Rädchen in der mechanischen Uhr, zum Beispiel. Als Strafverteidiger und bekannter «Milieuanwalt» kämpft Landmann vor Gericht für ein möglichst kleines Strafmass. Er kämpft um die Lebenszeit seiner Mandanten. Im schlimmsten Fall, müssen sie einen Teil ihrer Lebenszeit im Gefängnis verbringen. Zu Landmanns Klienten gehören Menschen aus dem Rotlicht, der Halb- und Unterwelt sowie Wirtschaftsdelinquente – und manchmal selbstverständlich auch Unschuldige. Seine berühmtesten Klienten sind die Hells Angels. Mit ihnen verbindet ihn seit dreissig Jahren eine freundschaftliche Beziehung.

Wenn Valentin Landmann vor Gericht ist, trägt er seine Uhrenkrawatte, ein rotes Design mit goldenen Uhrenabbildungen, sowie seinen handgeschmiedeten silbernen Totenkopf am Gürtel, ein Mitbringsel aus Hamburg. «Der Totenkopf hat die gleiche Symbolik wie die Uhren», sagt Landmann. Das Ende? Die Vergänglichkeit? «Nein, nicht nur das Ende. Sondern der Wert der Zeit. Und der Wert der Zeit symbolisiert sich natürlich auch immer im Ende.»

Valentin Landmann ist ein sorgfältiger Mensch. Wenn er spricht, drückt er sich gewählt aus, er sagt nichts Unüberlegtes. Er ist einer jener seltenen Menschen, die ihre Sätze zu Ende führen, die sie begonnen haben. Und er schätzt Dinge, die mit Sorgfalt gefertigt werden. Wie Uhren, von denen er ein gutes Dutzend besitzt. Und es macht ihn traurig, wenn jemand seine schöne Uhr nicht trägt, sondern einfach im Safe verschwinden lässt. Denn eine Uhr ist etwas, was geschaffen worden ist, brauchbar ist. Die Leute, die eine Uhr konstruieren, denken sich etwas dabei. Das sollte man schätzen und sie nicht wegsperren. Auch bei den Zigarren mag er jene, die handgemacht sind, am liebsten die kubanischen. Landmann trägt seine Uhren immer. Sogar zum täglichen Schwimmtraining und trotzdem wirken sie wie neu. Weil er Sorge trägt und eine ungeheure Achtung hat vor der Sorgfalt, mit der jede einzelne hergestellt wurde.

Wie definiert sich die Zeit für einen Uhrenliebhaber? Für einen, der die Zeit vor Gericht als Symbol einsetzt? «Die wirkliche Zeit ist eigentlich etwas, was wir nicht ablaufen lassen, sondern was wir sehr bewusst wahrnehmen. Uhren – oder meinetwegen auch Zigarren – helfen, die Zeit bewusst wahrzuneh-

men oder sie bewusst zu schätzen. Wir brauchen eine Veränderung um für uns Zeit zu definieren, sei das physikalische Zeit mit den Schwingungen eines Atoms oder denn in einer Uhr, die Bewegung von mechanischen Teilen. An denen können wir die Zeit sehen. Aus diesem Grund mag ich mechanische Uhren». Die Zeit ist also nur existent, sofern messbar? «Abstrakte Zeit ist unplastisch. Mit dem rein physikalischen, mathematischen Zeitbegriff, der sich nicht auf eine Veränderung bezieht, mit dem können wir nicht umgehen. Aber auf einer Uhr kann man die Zeit betrachten».

Die Faszination, welche Landmann beim Anblick mechanischer Uhren empfindet, hat ihren Anfang in seiner Kindheit. Schon als kleiner Junge hat er seine Nase an den Schaufenstern von Uhrengeschäften plattgedrückt und sich zu besonderen Anlässen eine Uhr von den Eltern gewünscht. Und wenn er heutzutage in seinem Beruf unter Stress gerät, hält er gerne inne, betrachtet seine alte Taschenuhr, eine Patek Gondolo, die auf dem Schreibtisch steht, und erinnert sich an den Wert der Zeit. Eine Uhr lässt ihn die Zeit empfinden und bringt ihn auf den Boden zurück.

Die Chronographen mag der Strafverteidiger am liebsten und er freut sich besonders dann, wenn es ihm dank den guten Kontakten zu René Beyer gelingt, eine Nummer eins oder die letzte einer Serie zu erstehen. Dabei dürfe man sich aber nicht denken, dass er wahnsinnig sei, für einen Fingerhut voller Schräubchen ein halbes Vermögen zu bezahlen. Denn wenn man es so betrachte, sei der Kauf tatsächlich nicht sinnvoll. Aber ihm gefällt eben sein Hobby. Mit der Uhr am Handgelenk trägt Landmann nicht nur den Lauf dieser Uhr, sondern er trägt auch die Zeit, welche aufgewendet wurde, um das Werk in wertvoller Handarbeit herzustellen.

Warum aber die Freude an einem 30-Minuten-Chronographen, welcher im Prinzip wenig Nutzen hat, zumal man ja nicht einmal die Zeit einer Parkuhr damit messen kann? «Darum geht es mir gar nicht, sondern vielmehr um die Spielerei mit der Mechanik – um die Spielerei mit der Zeit». Und deshalb geniesst es Landmann, an Sitzungen oder vor Gericht die Zeit zu stoppen. Am liebsten, wenn die Gegenpartei langweilig plädiert. Dann wird es für Landmann Zeit, sich seiner Uhr anzunehmen, zu spielen, das Räderwerk zu betrachten. Zu schauen, wie das Räderwerk greift, wenn er den Drücker betätigt und zu merken, dass schon wieder 30 Minuten vorbei gegangen sind. «Es ist, wie wenn man die Glut der Zigarre betrachtet, darauf pustet und sieht, wie die Asche lodert, wie wenn man sich ihren Duft holt – bei der Uhr holt man sich im übertragenen Sinn den Duft der Mechanik.»

Landmann hat uns vorgewarnt. Wenn er über seine Uhren ins Schwärmen kommt, dann vergeht die Zeit wie im Flug. In solchen Gesprächen ist er kaum zu stoppen. Am liebsten jedoch diskutiert er nach einem schönen Dinner, irgendwo draussen, am besten an einem schönen Sommerabend und vorzugsweise mit seinem guten Freund, René Beyer. Das sind dann genau jene der wenigen Gelegenheiten, vielleicht ein bis zwei mal im Jahr, an denen er sich eine gute Zigarre anzündet. Und in solchen Momenten hört man ihn über Uhrenzahnrädchen diskutieren. Eine bessere Erholung kann er sich nicht vorstellen. Und das Beste am Ganzen: «Alle Leute, die man nicht am Tisch haben möchte, flüchten bei diesem Thema», lacht er.

Wer sich so stark mit Uhren beschäftigt, beschäftigt sich gleichzeitig mit Zeit und manchmal ertappt man sich dabei, dass man dennoch vergisst, was die Zeit wert ist. Einen guten Teil des Lebens verbringen wir alle mit Wartezeit. Etwas, was für ungeduldige Leute nicht einfach ist – auch nicht für Landmann. Er ist speditiv, hasst Langeweile und ist deshalb mitunter sehr ungeduldig. In solchen Momenten nimmt er dann wieder seine Uhr vor Augen. Zum Beispiel im Stau. Dann spielt er mit der Uhr – aber natürlich nur wenn das Auto ganz steht, sonst gibt es ja eine Busse. Und dann kommt er zur Erkenntnis, dass man auch in einem stehenden Auto versuchen kann, die Umgebung bewusst zu betrachten. Dann ist diese Zeit im Stau keine verlorene Zeit.

Bei seiner Uhrenliebhaberei geht es Landmann nicht ums Prestige. Er hat eigentlich keine, die gross präsentiert. Und darauf kommt es auch gar nicht an, sondern vielmehr darauf, dass er selber Spass daran hat. Und hin und wieder spricht ihn jemand auf die Uhr am Handgelenk an, einer, der selber Spass an Uhren hat. Und dann beginnen sie wieder, die Gespräche über Zahnrädchen.

Ausgabe 2/2010

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