Ab Fabrik

Direkt ab Fabrik

Was uns fehlt gibt es dort. Die «Cigar Factory» in New Orleans. Ein Besuch in einem Laden zum Rauchen und träumen, der alles in einem ist.

David Höner

Das ist ein besonderer Ort», sagt der grosse Mann und stellt eine Flasche Hennessy auf den Tisch. Dazu einen ­Eimer mit Eiswürfeln und Plastikbechern. So trinkt man hier den Cognac. Dann zündet er sich eine an. Grosser Mann, grosse Zigarre. «My name is Daniel, ich komme aus Connecticut. Ich bin mit dem Kraut aufgewachsen. Mann, es gibt nichts Besseres.» Grosse, blaue Rauchwolke. «Ich bin hier mindestens vier Tage die Woche, wir spielen Domino, trinken ein Bier, erzählen uns Geschichten, speziell an den Sonntagen. Es ist ein besonderer Ort. No shi-shi and no fou-fou.»

Irgendwann begegnete A. M. Rushing, der Detektiv des San Diego Police Departement seinem Schicksal in der Person des gut zehn Jahre älteren David Jharuff. Und er, der bis dahin noch nicht mal eine Zigarette geraucht hatte, eröffnete mit David als Partner einen kleinen, feinen Zigarrenfabrikladen. Das war «way beyond», damals 1997. Detroit und Los Angeles waren Zwischenstationen bis Al mit seinem Konzept der eigenen Zigarren, den eigenen Blends und einer Crew aus Zigarrenrollern an der Decatur Street in New Orleans seine Pulte aufstellte, rollte und rauchte und Erfolg hatte.

Zusammem mit Jharuffs Tochter Shana und Al’s 26-jährigem Sohn Michael bilden sie die Patchworkfamilie, die heute der Factory vorsteht. Neun ­nicaraguanische Männer und eine kubanische Lady sind die Crew oder vielmehr das Herz der ganzen ­Geschichte, weil sie mit dem Geschick ihrer Hände die Grundlage des ganzen Geschäftes bilden. Insgesamt haben 25 Leute mit dem Zigarrengeschäft ihr Einkommen.

New Orleans ist eine Stadt, zu der die Zigarre passt. In den Bars und in den meisten Restaurants ist es erlaubt, zu rauchen. In den zahlreichen Jazzclubs und Dixiekneipen sowieso. Die Fenster stehen offen, die Klimaanlagen müssen sich anstrengen, es flappen die Ventilatoren. Im French Quarter, entlang der weltbekannten Bourbon Street, pulsiert es aus allen Ecken, vom Hard Rock über den Zydeco zum Blues bis zum Jazz und dort vom klassischen Dixie bis zum romantischen Smooth Jazz. Doch es sind nicht irgendwelche riesigen Musikanlagen, die die Strasse bedröhnen, sondern es sind lebendige Musiker, die Klarinette, Trompete, Saxophon, Elektrogitarre, Kontrabass, Banjo, Synthesizers und alles, was trötet, schrillt, quietscht, dröhnt und scheppert, bedienen. 

Die Menschen drängen sich vor den Lokalen und auf den Balkonen. Teure Restaurants mit einem reichen Angebot, kleine Klitschen mit «Red Beans and Rice». Oysterbars bieten ein dutzend Austern für 13 Dollar. Excellent! Extraleicht bekleidete Schönheiten bewinken den männlichen Passanten. Hurricanes und Handgranades heissen die Drinks, sie leuchten gelb, grün, rot und wer sie trinkt, wird nicht traurig. Reagenzgläser mit bunten Flüssigkeiten werden angeboten, Steptänzer tanzen auf den Strassen. Ein wildes, rauschendes, gutgelauntes Tohuwabohu mit Musik und Alkohol und bemerkenswert wenig schrägen Zwischentönen. Die amerikanisch-französisch-spanische Grundlage mit viel Afrika und ein paar Tropfen Voodoo. Und immer wieder Hauch von edlem, blauem Dunst. Wenn das hier die Zwischensaison ist, wie sieht denn die Saison aus?

Ein unauffälliger Eingang. Grosse Fenster, jetzt im Sommer scheinen sie zu schwitzen. New Orleans ist in den Sommermonaten eine Sauna. Regen, Gewitter und Hurrikane kündigen sich mit drückender Schwüle an. Wer sich in geschlossenen Räumen aufhält, hat die Klimaanlage auf Nordpol gestellt. Im French Quarter kommt die ewige Party entlang der Bourbon Street so gegen 16 Uhr langsam in Schwung. In der Cigar Factory wird seit 10 Uhr morgens gearbeitet. «Let the good times roll.» Und das etwa 2300-mal am Tag.

Natürlich wird geraucht, von den Gästen, den Verkäufern, von den Rollern, die vor sich auf dem Pult den Aschenbecher stehen haben. Hinter den Arbeitsplätzen stehen die mannshohen Pressen, in denen die Zigarrenrohlinge gepresst werden. Jeder Arbeitsschritt passiert vor den Augen des Kunden. Die Blätter werden ausgesucht, zusammengelegt, eingerollt, gepresst.

Nach sechs bis acht Stunden oder über Nacht werden die «Moldes» herausgenommen und in die Deckblätter eingerollt. An einem anderen Pult wird die Bauchbinde sorgfältig angebracht. Der Weg zum Humidor ist kurz. Dort warten die Zigarren nun auf die Kunden, falls dieser es nicht vorzieht, die Zigarre zu kaufen, die gerade vor seinen Augen entstanden ist. In den hinteren Räumen liegen die Tabakballen, zum Teil noch verpackt, zum Teil bereits ­ausgebreitet auf hölzernen Gestellen.

«Das ist eine Mama-Papa Firma, ich meine wir sind hier den ganzen Tag zusammen, hören Musik und natürlich wird hart gearbeitet. Aber es herrscht eine familiäre Stimmung», sagt Al. Die Stimmung überträgt sich auch auf die Menschen, die von draussen hereinkommen. Südamerikanische Musik, die grossen Ventilatoren, der süssherbe ­Geruch des fermentierten Tabaks, der blaue Dunst. Vor den Fenstern stehen ein paar wenige Tische. Dort sitzt Gerard aus Los Angeles und raucht eine dunkle Tres Hermanos: «Ich bin einfach vorbeispaziert und habe reingeschaut, hörte die Musik und konnte es schon riechen. Ich als Zigarrenfreund …»

Vom Nebentisch neigt sich ein anderer zu uns herüber: «Hey, ich komme auch aus Connecticut.» «Willkommen Nachbar», sagt Daniel und schenkt ihm einen grosszügigen Cognac on the rocks ein. Rick, der Journalist für FOX ist ein paar Tage in der Stadt, beruflich. Und er raucht. Das macht ihn bereits zum Gemeindemitglied. Während sich unser Tisch beginnt, mit kreuz und quer Geschichten zu unterhalten, kommen stetig Menschen in den Laden, stellen sich vor die Pulte der Zigarrenmacher, fragen, riechen, gehen in den Humidor, stecken sich eine Zigarre an. Es gibt hier keinen Service. Wer etwas trinken will, muss es von draussen bringen oder aus dem uralten Cokeautomaten, der hinter ein paar tabakgeborenen Dekopflanzen steht, rauslassen.

Ich gehe mit Al in den Humidor und schaue mir die in Reih und Glied geschachtelten oder gebündelten Sticks an. Es gibt etwas für alle. Von der schlanken Panatela bis zur Churchill, Maduros und Claros. Connecticut, Kamerun und Ecuador liefern Deckblätter, nicaraguanische und dominikanische Tabake werden zu den hauseigenen Mischungen komponiert. Das Ergebnis lässt sich sehen. Drei Hauptlinien; die Plantation Reserve mit einem Deckblatt aus Connecticut, eine helle, milde Zigarre in Formaten von der Panatela bis zur Torpedo. Die New-Orleans French-Quarter-Zigarre mit dem Kamerun-Deckblatt oder die Maduros der kräftigen, vollen Linie Tres Hermanos.  Sogar hübsche in zweifarbigen Bündeln, maduros und claros, präsentierte Puritos. Kleine elegante Zigarillos. «Wir haben immer mehr Ladies, die bei uns etwas zum Rauchen abholen. Die mögen die kleineren Formate», erklärt  Al. Ich nehme mir eine Double Corona, eine dunkle Schönheit. «Verkaufst du auch Zigarren von anderen Herstellern?» Al schüttelt den Kopf. «Wir haben genug eigene, ab und zu lancieren wir etwas Neues. Doch wir sind ein Fabrikladen, der eigene, selbstgemachte Waren verkauft.» Da gibt es nichts ­da­gegen zu sagen bei dem Angebot. ­Zurück am Tisch geniesse ich den ersten Zug der samtweichen, süss-aromatische Zigarre.

«Ich liebe es, um fünf Uhr morgens aufzustehen. Dann setze ich mich raus auf die Terrasse, trinke einen Kaffee und rauche. Mann, so beginnt ein guter Tag.» Al, der zwischendurch immer wieder ein paar Kunden bedient, setzt sich zu uns, macht ein paar Eiswürfel nass: «Die letzte Zigarrenfabrik schloss hier 1951. Aber davor, in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts bis in die Mitte des zwanzigsten wurden in New Orleans mehr Zigarren gefertigt als in jeder anderen Stadt der USA.» «Wächst hier in Louisiana Tabak?» «Nicht der Rede wert, aber New Orleans war das Zentrum der Zigarrenin­dustrie.»

Auch Spezialitäten wurden hier hergestellt: «Früher wurden hier Zigarren mit dem Candela wrapper gemacht, ein grünes Blatt wurde als Deckblatt verwendet. Ich habe welche hier, doch sie schmecken nicht besonders. Agressiv im Geschmack. Wir probieren gerade ein wenig herum. Sie sehen super aus und ich denke darüber nach. Eine Retro­linie.»

Es stellt sich heraus, dass Daniel nicht nur ein Kunde und Freund Als ist, sondern er macht als Schreiner die Pressen und die Formen, die von den Rollern verwendet werden. «Sechs Tonnen Druck machen wir auf den Pressen mit einem Wagenheber, hier wird noch von Hand gearbeitet.»

Den Tabak holt er sich dort, wo er am besten ist. «Früher war es vor allem Material aus der Dominikanischen Republik. Aber mehr und mehr arbeiten wir mit Nicaraguanischem. Die Pulte und die Messer haben wir aus Nicaragua. Am Anfang kaufte ich auch die anderen Werkzeuge dort, doch mit Daniel stellen wir jetzt auch allerlei hier her.»

«Können wir denn deine Zigarren in der Schweiz auch rauchen? Verkaufst du übers Internet?» Er winkt ab. «Ein Aufwand, der sich nicht lohnt. Mit dem Verschicken nach Europa ist es so eine Sache. Die Zölle und Steuern machen die Sache kompliziert. Wenn du eine

Zigarre haben willst, suchst du dir jemanden der dir eine ganz privat schickt. Ein Freund halt. Wir von der Factory haben zu viele Umtriebe, um es offiziell zu machen.»

Daniel schenkt sich und allen nach: «Nun, ich kann euer Freund sein, ich schicke dir, was du willst.»

Ausgabe 3/2010

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