Andreas Graf von Bernstorff

Andreas Graf von Bernstorff: Noblesse oblige

Das Interview mit dem Grafen, der nicht mit allem einverstanden ist. Dem Fortschritt und der Tradition verbunden zu sein, ist kein Widerspruch. Und eine konservative Einstellung kein Zeichen für Anpassung. Ein Gespräch über Herkunft, Zukunft und zivilen Widerstand.

Interview: David Höner

Cigar: «Adel verpflichtet» lautet ein geflügeltes Wort. Was sind das für Verpflichtungen?
Andreas Graf von Bernstorff: Ich denke, das ist keine Frage von Adel. Jeder, der über die entsprechenden Möglichkeiten verfügt, ist im weitesten Sinne verpflichtet. Der Adel wurde bekanntlich in seinem vollen Umfang bereits nach dem 1. Weltkrieg abgeschafft. Es gibt die Titel nicht mehr, sie sind heute nur noch ein Namensbestandteil. Doch natürlich gibt es noch ein Bewusstsein, eine Tradition, die sich damit verknüpft. Der Besitz, den wir hier verwalten, ist uns von unseren Ahnen für zukünftige Generationen «fidei comis», das heisst zu treuen Händen, übergeben worden.

Cigar: Wie soll man das verstehen?
Andreas Graf von Bernstorff: Es gibt Statuten der Familie von Bernstorff, sie wurden bereits vor 300 Jahren festgelegt und niedergeschrieben und es ist unsere übernommene Aufgabe, danach zu handeln. Wir nehmen das ernst. Da geht es darum, unsere Güter zu beschützen und zu bewirtschaften, nicht zu veräussern. Ganz wichtig, und auch ausdrücklich erwähnt dabei ist das Wohl der Allgemeinheit.

Cigar: Ihr engagiert Euch in neuen Technologien und Umweltschutz. Zum Wohl der Allgemeinheit?
Andreas Graf von Bernstorff: Wir produzieren Biogas und Strom im eigenen Biokraftwerk. Ausserdem unterhalten wir ein Fernwärmenetz für Schulen und Institutionen in der Region.Es gibt im Landkreis eine Initiative, die sich mit der unabhängigen Produktion von Energie beschäftigt. Da sind wir Teil davon. Die ganze Situation rund um die Endlagerproblematik hier in Gorleben hat da zu einer Sensibilisierung geführt. Das Thema fordert uns zum Handeln heraus. Auch in Zukunft werden wir uns in diesem Bereich weiter engagieren, die Pläne dazu liegen auch in den Händen meines Sohnes Fried, der den Betrieb hier übernimmt. Ich bin bereits nicht mehr Eigentümer, sondern Niessbraucher, d.h. zur Zeit noch Verfügungsberechtigter.

Cigar: Sie sind auch ein engagierter Gegner des Endlagers für nukleare Brennstoffe in Gorleben. Wie kam es dazu?
Andreas Graf von Bernstorff: Vor mittlerweile mehr als dreissig Jahren, 1977, wurden wir konfrontiert mit Plänen einer nuklearen Wiederaufbereitungsanlage, einer Anlage wie sie in La Hague in Frankreich bereits existiert. Man dachte wohl, dass man in unserem Gebiet, an der damaligen Zonengrenze mit einer niedrigen Bevölkerungsdichte, ein solches Projekt ohne grosses Aufsehen realisieren könne. Wir waren direkt betroffen. Ein grosser Teil dieser Anlage sollte auf unserem Besitz entstehen. Das geplante Werk traf auf breiten Widerstand und konnte verhindert werden.

Cigar: Dann begannen in den 80er Jahren die Probebohrungen für das Endlager. Die Bilder sind um die Welt gegangen. Sitzblockaden, Zeltdörfer, Polizeieinsätze. Waren Sie dabei?
Andreas Graf von Bernstorff: Ich möchte vorausschicken, dass ich nicht grundsätzlich gegen ein Endlager bin. Wir werden nicht darum herumkommen, solche Einrichtungen zu erstellen. Aber es muss darüber ein gesamtgesellschaftlicher Konsens  angestrebt werden. Es stellte sich heraus, dass wir über diese Probebohrungen falsch informiert wurden. Statt ergebnisoffen zu untersuchen (d.h. auch mit anderen geologischen Formationen zu vergleichen) hat man bereits mit dem Bau der Lagerstätten in den Gorlebener Salzstollen begonnen. Politiker, die für vier Jahre gewählt werden können, nicht einfach Entscheidungen fällen, welche die nächsten 30 000 Generationen betreffen. Um diesen Konsens geht es.

Cigar: Sie meinen, es wurde nicht genügend abgeklärt, was eigentlich notwendig und möglich ist?
Andreas Graf von Bernstorff: Wir wurden mit geschaffenen Fakten konfrontiert, ohne etwas dazu sagen zu können. Ich bin überzeugt, dass es Alternativen gibt. Sowohl zur Atomenergie als auch zu den bestehenden Plänen des Endlagers. Und damit stehe ich nicht alleine da. In der Bevölkerung haben die Pläne der Atomkraftbefürworter weniger Rückhalt als die Gegner.

Cigar: Sie haben sich also an Demonstrationen der Protestbewegung beteiligt?
Andreas Graf von Bernstorff: Ich bin vor Ort, setze mich auch mal auf den Trecker und bin anwesend. Von illegalen und gewalttätigen Aktionen habe ich mich immer distanziert und meine Haltung dazu ist völlig klar. Ich lehne sie ab. Es gibt heute genügend Möglichkeiten, sich innerhalb unserer Demokratie und mit Hilfe der Bürgerrechte gegen eine Regierungspolitik zu wehren, die nicht mit dem Willen der betroffenen Bevölkerung übereinstimmt.

Cigar: Und was für Möglichkeiten hatten Sie als Landbesitzer?
Andreas Graf von Bernstorff: Man hat Versuche gemacht, uns zu enteignen. Doch wir konnten uns mit Hilfe von guten Anwälten und Beratern dagegen wehren. Das alles kostet natürlich Geld und Nerven. Doch hier kommt die Familiengeschichte und die dazugehörige Verantwortung zum Zug. Zudem hat der Staat auch die Aufgabe, Eigentum zu schützen. Dafür gibt es gesetzliche Grundlagen.

Cigar: Gibt es dafür ein Beispiel?
Andreas Graf von Bernstorff: Als Grundeigentümer bin ich auch im Besitz des Salzrechtes. Das heisst, dass ich berechtigt bin, die Salzvorkommen auf meinem Besitz auszubeuten. Auch wenn bisher nie Salz aus unserem Boden gewonnen wurde, war das ein wichtiger Aspekt. So konnten wir auch juristisch gegen die Endlagerpläne etwas unternehmen. Das alles genauer zu erklären, sprengt den Rahmen dieses Gesprächs, doch ich will damit sagen, dass ich natürlich als Eigentümer andere Möglichkeiten habe als jemand, der von aussen kommt.

Cigar: Und mit den autonomen Gruppen, die angereist kamen, konnten Sie gut umgehen?
Andreas Graf von Bernstorff: Ich bin seit dreissig Jahren in dieser Sache engagiert. Niemand kann mir vorwerfen, ich würde zu meinem eigenen Vorteil Widerstand betreiben. Ich hätte auch verkaufen können, und damit hätte ich viel Geld verdient. Ich sehe mich als einen Menschen mit wertkonservativen Vorstellungen. Die Familie und die Tradition, aus denen ich komme, sind Grundlage meines Handelns. Einige der radikaleren Gegner unseres Rechtsstaates, die den Anlass der Endlagerproblematik benutzen, um damit grössere politische und gesellschaftliche Veränderung anzustreben, sind für mich keine Vorbilder.

Cigar: Wer sind denn Ihre Verbündeten?
Andreas Graf von Bernstorff: Es gibt hier eine so genannte Gartower Runde, eine Gruppe von Leuten, die sich treffen und die sich Gedanken machen zur weiteren Entwicklung. Das sind hier ansässige Bauern, Mitglieder der Kirche, Personen, die in den kommunalen Parlamenten arbeiten und auch Zugereiste, die schon lange hier leben und legitimiert sind mitzureden. Darunter sind Vertreter von Greenpeace, auch Anwälte und Politiker. Wir werden unterdessen ernst und wahrgenommen. Die demokratischen Möglichkeiten werden von uns ausgeschöpft. Mit Erfolg. Doch es ist eine lange Entwicklung.

Cigar: Noch einmal zur Tradition. Spielt das wirklich immer noch so eine wichtige Rolle?
Andreas Graf von Bernstorff: Ich bin der Meinung, dass man sich mit der Vergangenheit beschäftigen muss, bevor man Ziele, die in der Zukunft liegen, ins Auge fasst.
Einer meiner Vorfahren war im 18. Jahrhundert wesentlich daran beteiligt, in Dänemark eine Landreform und die damit einhergehende Befreiung der Bauern zu organisieren. Die Dinge sind nun mal in ständiger Bewegung.

Cigar: Ein adeliger Revolutionär?
Andreas Graf von Bernstorff: Eher ein Reformer.

Cigar: Wie stehen Sie zu dem Begriff Anarchie?
Andreas Graf von Bernstorff: Nun, mein Thema ist es nicht. Ich kenne mich da nicht aus. Ich bin, wie gesagt, ein konservativer Mensch. Doch ich bin mir bewusst, dass Eigentum Verantwortung bedeutet und dass Werterhaltung nicht mit Gewinnstreben verwechselt werden sollte.

Cigar: So steht der anarchistischen Parole «Eigentum ist Diebstahl» Ihre Aussage «Eigentum ist Verantwortung» gegenüber.
Andreas Graf von Bernstorff: Das kann man wohl so ausdrücken.

Cigar: Und zu guter Letzt die Zigarre?
Andreas Graf von Bernstorff: Ich habe nie Zigaretten geraucht und bin eigentlich ein Feind davon. Zigarren rauche ich vielleicht drei oder vier pro Woche. Im Kreise von Freunden. Dazu ein Glas guten Rotweins. Es ist einfach eine Freude.

Ausgabe 3/2010

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