Willie Nelson

Eine Zigarre für Willie Nelson

Matthias Martens

Einen Arm hätte ich früher dafür gegeben, mal mit Dir, Johnny Cash, Kris Kristofferson und dem bei uns leider so unterschätzten Waylon Jennings auf der Bühne gestanden zu haben. Ein Jugendtraum in Stiefeln und von mir aus mit Mundharmonika. Einarmig wäre ich übrigens als Musiker genauso wertvoll wie mit beiden Armen. «Ich spiele hervorragend Grammophon», witzelte mein Grossvater immer, wenn man ihn nach seiner Musikalität fragte. Ich fand das immer bedingt witzig, geerbt habe ich diese Schwachstelle allerdings auch. Und trotzdem habe ich einen guten Musikgeschmack. Der war auch schon in den achtziger Jahren ausgeprägt, und zwar deutlich in Richtung Country, allerdings damals noch heimlich, um nicht zu sagen verschämt. Und während ich bei «Ghostriders in the Sky» und «Luckenbach Texas» aus dem Fenster in die niederbayrische Tiefebene blickte, blieben die mit Kajagoogoo- und Madonna-Stickern getarnten Schulbücher unangetastet. Schon damals wusste ich genau: «The only two things in life that make it worth living, is guitars tuned good and firm-feeling women. I don’t need my name in the marquee lights, I got my song and I got you with me tonight.» Aber wie soll man Musiker werden, ohne auch nur einen Ton zu treffen? Die Texte habe ich vorsichtshalber trotzdem auswendig gelernt!

Countrymusic, eure Musik, ist geprägt von Romantik und Gefühl, und das gefällt mir. Ich meine nicht den aalglatten Garth Brooks mit seinem Geschmonze oder das Nr. 1-Hit-Dolly-Parton-Gejodle, sondern ich spreche von handfester Männerromantik, staubigen Schuhen und Freundschaft, gebrochenen Herzen und Nasen. Mit meinem besten Freund hörte ich eine Million mal «Me and Paul», und irgendwo liegt noch eine 90er-BASF-Kassette rum mit nur diesem Lied darauf, in verschiedensten Versionen, später habt Du und Johnny Cash diese Nummer bei den VH1 Storytellers aufgenommen, eine wirklich grandiose Aufnahme, unvergessen. Eine Kneipe in Hamburg bekommt unsere Leidenschaft noch regelmässig zu spüren. #8311, Juke­boxendlosschleife für fünf Bier oder mehr. Die anderen am Tresen merken nicht, wenn mein Freund Paul und ich 12-mal und öfter «Me and Paul» anwählen, das liegt aber am Publikum, nicht am Lied. Die dritte Strophe ist meine Lieblingsstrophe: «The show was long and we’re just sittin’ there, and we’d come to play and not just for the ride. Well, we drank a lot of whiskey, so I don’t know if we went on that night at all. I don’t think they even missed us – I guess Buffalo ain’t geared for me and Paul.»

Ich habe Euch vor meinem inneren Auge, irgendwo im mittleren Westen, in der Umkleide, auf den Auftritt wartend, gelangweilt und betrunken, kartenspielend und an der Gitarre rumzupfend. Wahrscheinlich habt Ihr in den 10 Jahren, in denen Ihr als «Highwaymen» unterwegs wart, die wenigste Zeit davon gewusst, wo Ihr wart, deshalb habt Ihr Euch auch immer nur mit Namen vorgestellt. «Hello I’m Johnny Cash» statt «Hello Wichita Falls», hätte ja auch Little Rock sein können ... Es war nicht nur immer Bier und Whiskey, Toby Keith, der deutlich jüngere Countrystar, der gerne mit Dir «Whiskey for my Men, Beer formy Horses» schmettert, musste vor Dir den Hut ziehen und sang «I’ll never smoke weed with Willie again». Aber Ihr habt nicht nur gefeiert und musiziert, in den Siebzigern war Dir die Musikindustrie in Nashville so zuwider, dass Du die grossen Labels verlassen hast und der erste independent Country Star wurdest, Ihr nanntet Euch die Outlaws – mit dem Erfolg, dass Du 20 Jahre später komplett bankrott warst. Busted – hätte Ray Charles gesagt.

«Let’s all come together and steal each other’s songs» war Eure Devise. Ich habe dieses Konzept geklaut und Veranstaltungen wie «Bring a bottle – drink each other’s wines» mit befreundeten Weinhändlern gemacht, hier einmal ein ernst gemeintes Danke für diesen kreativen Input.

Mit anderen musizieren ist das, was Du am besten kannst und mit Hingabe praktiziert hast. Deine Duette sind legendär. Ich habe Dir Julio Iglesias verziehen, Dich um Kid Rock beneidet, war auf Dich eifersüchtig, als Du mit Norah Jones «I Don’t Wanna Get Over You» geschmachtet hast, und Deine Version von «Poncho and Lefty» mit Merle Haggard lässt mich noch heute auf dem Highway die rechte Spur nehmen, Fuss vom Gas, Fenster runter und ein Cigarillo in den Mundwinkel. Aber dann war da dieses Konzert in Berlin ...

Willie, Willie was war da los mit Dir? Du hattest eine tolle Band – vor allem die Klavierspielerin und der Mann an der Mundharmonika – alle Klassiker im Line-up, die Texasfahne im Hintergrund und Du, mit deiner unverwechselbaren Stimme, mit Deinem stirnbandwerfenden Charme und den markigen Revo­luzzersprüchen, wirklich ein Erlebnis. Wenn Du aber vielleicht mal einen Joint weniger rauchen und Dir dafür eine ­gute kubanische Zigarre anzünden würdest, wäre dann vielleicht auch wieder eine Zugabe für Deine treuen Fans drin!? 

Ausgabe 3/2010

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