Cage

Harmonische Anarchie

Zwei Begriffe: Musik und Anarchie. Und jetzt machen Sie bitte die Augen zu.

Yvonne Kunz

Woran dachten Sie? Ich würde zwar nicht gerade mein letztes Hemd darauf verwetten, aber die Chancen stehen gut, dass die Sex Pistols oder sonst welche Punks vor Ihrem inneren Auge ihre Instrumente zerstörten. Schliesslich beanspruchen Punks – die klassischen wie alle Folgevarianten – ein eigentliches musikalisches Anarchiemonopol. Anarchie in der Musik, die muss fast definitionsgemäss brüllend laut sein, mit entsprechenden Tanzformen, die zwangsläufig zu Rippenquetschungen und Hirnerschütterungen führen. Zudem soll ernstzunehmende musikalische Anarchie nicht nur real stinken, sondern überdies den herrschenden Verhältnissen den ideo­logischen Stinkefinger tief in die Nase stecken.

Nicht dass ich dieser Variante der Klanganarchie ihre Daseinsberechtigung absprechen wollte, vielmehr möchte ich die Breite des anarchistischen Spektrums in Erinnerung rufen. Man stelle sich etwa ein schlips- und robentragendes, erwartungsfrohes Publikum in der Tonhalle sitzend vor. Endlich! Das Licht wird gedimmt, die Aufmerksamkeit ist ganz auf das Orchester gerichtet. Doch es stimmt nicht, wie angekündigt, Mahlers 5. Sinfonie an, sondern gar nichts. Stattdessen scheinen die Musiker selbst angestrengt zu lauschen.

Als das Publikum unruhig wird, sieht sich der Dirigent zu einigen klärenden Worten veranlasst. Und so erläutert er das Alternativprogramm des Abends: Das Gesamtwerk von John Cage. Für ein besseres Verständnis dieser merkwürdigen Aufführung zitiert er den Mann selbst, einer der einflussreichsten Avantgardekomponisten und Musiker (1912 – 1992) des letzten Jahrhunderts: «Musik ist überall, man muss nur die Ohren haben, um sie zu hören.» Damit wendet er sich wieder seinem Orchester zu, um mit ihm nach Geräuschen zu lauschen.

Jede Wette, die Leute würden diese «Stille» genauso entsetzt aufnehmen wie die Musik der ohrenbetäubenden Punks. Stille als anarchistischer musikalischer Ansatz ist genauso radikal wie desorganisierter Lärm. Cage machte denn auch keine Unterscheidung – Lärm und Stille waren für ihn ein und das­selbe.

In der konventionellen Musiktheorie wird eine Reihe von Gesetzmässigkeiten formuliert, die sich ausschliesslich auf «musikalische Klänge» beziehen. Der junge Cage haderte von Beginn weg mit diesem Umstand. «Lange dachte ich, ich müsse eine Alternative zur Harmonie finden.» Doch die Harmonie, die er im Sinn hatte, war die, die an Schulen gelehrt wird. Schliesslich fand er seine eigene Definition von Harmonie: Eine, die keine Regeln und Gesetze kennt. Man kann es anarchische Harmonie nennen. Einfach Klänge, die zusammen sind.

In Cages Musik sind nun aber Klänge nicht einfach Klänge und Menschen auch nicht einfach Menschen. Sie sind keine Untertanen von Gesetzen, die ­einer ersonnen hat – selbst wenn der Erfinder der Komponist oder Dirigent selbst ist. Und zuallerletzt war Cage überzeugt: «Wir brauchen eine Musik, in der sich die Unterscheidung zwischen Musiker und Publikum auflöst: eine ­Musik gemacht von jedermann.»

Er entwickelte ein Bewusstsein, dass Musik etwas war, das nicht sprach wie ein Mensch und seine eigene Definition in den Wörterbüchern nicht kennt. Musik nach Cage ist schlicht Vibrationen im Zusammenspiel mit Menschen, die diese wahrnehmen. Und zwar nicht als Reaktion auf irgendeine bestimmte musikalische Vorführung. Diese Musik ist Musik, die den Zuhörer zum Moment führt, in dem er gerade sich befindet.

Cage radikalste Kompositionen «0'00"» (1962) und «Variations III» (1963) verlangen von den Musikern, Musik zu spielen, die man aus konven­tioneller Sicht sicher nicht als Musik ­bezeichnen würde. Die Musiker spielen intuitiv zusammen, einen Dirigenten gibt es nicht, nicht einmal einen zeit­lichen Rahmen für das Werk. Cage verfolgte damit die Idee einer «erleuchteten Anarchie», einer Gesellschaft von Individuen, die harmonisch zusammenlebten, ohne dass sie ihre Freiheit einer zentralen Autorität opfern müssen. Das Orchester als Mikrokosmos der Anarchie.

Cage gelang letztlich zur Überzeugung, dass «es keine leeren Räume oder leere Zeit gibt, es gibt immer etwas zu sehen oder hören». «So sehr wir uns bemühen, Stille können wir nicht machen.» Vielleicht, so sinnierte ich am Wochenende vor der Zürcher Street Parade, bemüht sich der Mensch deswegen, die Welt mit möglichst viel Lärm und Geräuschen zu füllen. Aus Trotz.

Ausgabe 3/2010

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