Jazz, Cigarrenrauch und Prohibition

Rauchen in Amerika. Die weltgrösste Tabakmesse fand vom 9. bis 13. August in «Big Easy», in New Orleans, statt. Eine lebhafte Manifestation des blauen Dunstes an den Ufern des Mississippi. CIGAR war dabei, ein Besuch an der IPCPR.

David Höner

Der Indianer mit reichem Federschmuck, der mit der einen Hand ein Bündel Zigarren schwingt, ist nicht mehr ganz zeitgemäss. Doch er kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Er steht für die 1933 als Retail Tobacco Dealers of Ame­rica (RTDA) gegründete Vereinigung der Tabak-, Zigarren- und Pfeifenindustrie der USA. Das jährliche Treffen der Mitglieder ist, was Premium-Zigarren und edle Pfeifen angeht, mittlerweile zur grössten Fachmesse der Welt angewachsen. Längst hat die RTDA den US-amerikanischen Rahmen gesprengt. So wurde der Tradeshow ein neuer Name gegeben. IPCPR, International Premium Cigar&Pipe Retailers Association. Der Indianer ist geblieben und manch einer der Aussteller und Besucher tut sich noch schwer mit der neuen Abkürzung.

Auf dem Weg zum Ernest N. Morial Convention Center wird zuerst die Nase aufmerksam. Die tropische Sommerhitze der Stadt mit ihren Gerüchen vermischt sich mehr und mehr mit dem Aroma edler Zigarren. Erst jetzt wird man darauf aufmerksam und stellt fest, dass es unter den Passanten einen ungewöhnlich hohen Anteil an Zigarrenrauchern zu erschnuppern gibt. Sie alle sind Besucher der «Show», des Treffens der Detailisten und Produzenten der Tabakindustrie.

Der jährlich durchgeführte Anlass bietet für 250 Aussteller auf einer Fläche von 30 000 Quadratmetern Platz für die Repräsentanten des blauen Dunstes.

Und sie sind alle da, die Legenden der Tabakwelt genauso wie die Newcomer der Szene. Einerseits die riesigen, toll aufgemachten Messestände von Altadis und General Cigars bis hin zur kleinen, feinen schweizstämmigen Manufaktur Brun del Ré aus Costa Rica. Davidoff und Villiger fehlen nicht. Beide beteiligen sich als Sponsoren an der IPCPR. Auch aus Europa und gleich mit einer Auszeichnung belohnt wurde der Stand von Bossner. Konstantin Loskutnikov, Gründer und Spiritus rector der bei uns wohlbekannten Zigarrenmarke, hat, «grandiose Pläne» auf dem US-Markt wie er lachend erklärt.

Unter den 250 Ausstellern sind 30 nicht US-amerikanischer Provenienz. Doch der tatsächliche Anteil von Ausländern ist weit höher. Man kommt da her, wo der Tabak wächst. Aus der Karibik und aus Südamerika. Dieses Jahr noch unter der Rubrik Exoten, das nächste Jahr vielleicht schon einen Schritt weiter, die kleine Gruppe aus China mit einem breitgefächerten Angebot. Die handgemachte Robusto Great Wall Legend braucht sich nicht zu verstecken und wir werden bestimmt noch mehr davon hören.

Wo geraucht werden darf

Neben dem Eingang des Marriott Hotels in New Orleans hängt zwar gut sichtbar eine Warntafel, die darauf hinweist, dass das Rauchen im gesamten Gebäude untersagt sei. Diese Restriktion scheint allerdings vorübergehend ausser Kraft gesetzt zu sein, wenn man den Männern und Frauen zuschaut, die lässig eine brennende Zigarre schwenkend zum Eröffnungsabend in den grossen Ballsaal des Hotels strömen. Eine unüberschaubare Menge von Gästen. Die Bewohner der grossen, blauen Wolke. Sie bedienen sich am gut bestückten Buffet mit Roastbeef, Red Beans and ­Rice, Sea Food und was die Cajun-­Küche von New Orleans sonst noch an Leckereien zu bieten hat.

Schnell kommt man ins Gespräch. Die grosse Familie der Aficionados. Das ist kein leeres Wort. Die Ausgrenzung der Raucher im amerikanischen Alltag lässt die Verfemten enger zusammen­rücken. Die Leute, die sich hier treffen, sind zum grössten Teil Besitzer von kleinen Betrieben. Familienbetriebe sind auch bei den grossen Namen im Tabakgeschäft bis heute üblich. Mit einem Glas Bourbon und einer Rocky Patel lässt sich der amerikanische Way of Smoking ganz gut erleben. Der Saal ist voll. Elegant und sexy gekleidete Ladys, breitschultrige Männer in Jeans, gut gekleidete Geschäftsleute. Die Kundschaft, so steht es im Pressetext der IPCPR kommt aus allen Schichten. Vom Taxifahrer bis zum Bankdirektor. Man lernt sich kennen. Man raucht zusammen.

Am nächsten Morgen trifft man sich im gleichen Saal zum Frühstück. Und die offizielle Eröffnung wird begleitet von einigen Rednern, welche die Arbeit und die Existenz der IPCPR erläutern. Der Verband von Tabakproduzenten gibt sich optimistisch. Man hat Geld in die Hand genommen, Lobbyarbeit geleistet, sich Verbündete in Handel und Politik gesucht. Eine Million Dollar ­betrug alleine das Werbebudget. Tom ­Moran, kämpferischer Präsident der «Associa­tion», liess denn auch keinen Zweifel daran, dass die kommenden Jahre hart sein werden, doch der Silberstreif am Horizont ist sichtbar.

Hohe Steuersätze gibt es zu beklagen, absurde Verbotsstrategien in einigen Staaten. Verschiedene Partnerorganisationen haben sich gebildet, die den Kampf um die Rechte der Raucher mittragen. So die CRA, Cigar Rights of America. Der Raucher bleibt seiner Zigarre treu. Und wie zur Bestätigung steigen an den Frühstückstischen die blauen Wölkchen auf. Für die nächsten fünf Tage will man sich aber nicht zu viele Sorgen machen, sondern Kontakte pflegen, Neues kennenlernen, sich weiterbilden und die Freude am Geniessen kultivieren. Partys und Jazz und Smoking Lounges werden angekündigt. «After all, it’s New Orleans!»

Drumherum

Zum Drumherum der Messe gehören Seminare zu Management, Verkaufsstrategien und Selbstorganisationsgruppen. Ich besuchte Henke Kelners Tasting Seminar. Der Entwickler der Davidoffschen Puro de oro brachte mir in zwei Stunden mehr über Tabak, Geschmack und Zigarren bei, als ich bisher gelernt hatte. Ich bewunderte ­diesen Experten, der bar jeder schulmeister­lichen Trockenheit mir seine Begeisterung und seine Leidenschaft übermitteln konnte. Ein anderes interessantes Treffen war der Besuch bei den Frauen der International Women’s Cigar Society. Ein wachsender Prozentsatz von Frauen entdeckt die Premium Cigar. Das Anliegen der Frauen, selbst zwar als Non-Profit-Organisation gegründet, ist dann auch kein rein gesellschaftliches, sondern ein geschäftliches. Davon ausgehend, dass Frauen besser schmecken und riechen, und auch einen besseren Farbsinn haben, überlegt man sich, ob man nicht ein weibliches Qualitätslabel schaffen könnte. Dann werden Women’s Cigar Clubs gefördert und Frauen dazu aufgefordert, eigene Unternehmen zu gründen, Manufakturen und Verkaufsgeschäfte. Die Society will dazu Hilfe leisten. Die elegante und geschäftstüchtige Präsidentin Patti Smith vermochte zu überzeugen von der Zukunft eines «female Market».

Zum Drumherum gehören auch viele Zigarren. Jeder und jede, mit dem man spricht, raucht und vor und hinter einem wird geraucht. Und wenn man dann am Abend noch einen der «social events» besucht, wird nicht aufgehört zu rauchen. «Up in smoke!»

Nicht nur an der «Show», sondern auch draussen. New Orleans nimmt es eh nicht so genau mit der Prohibition. Das French Quarter ist ein Raucherschlaraffenland. Man spricht darüber, über das Nichtrauchen. Doch dann steckt man sich augenzwinkernd eine an.

Die Tabakriesen der Zigarettenindustrie sind an der Messe nicht vertreten, und doch gab es zwei Aussteller. Nat Shermans Zigaretten sind nicht zu vergleichen mit den üblichen Marlboro, und die naturbelassenen Tabake der Indian Spirit zeigen, dass es auch im Zigarettenbereich noch etwas anderes gibt als die gängigen Sargnägel. Aschenbecher, Feuerzeuge, Humidore und Zigarrenschneider gibt es natürlich auch. Spannend sind die Angebote von Cigartech. Belinda Doyle, eine wirbelige Macherin bietet ein ausgeklügeltes Humidorgesamtpaket an bis hin zu einem Internetmonitoring der Kostbarkeiten.(www.cigartech.com)

Von der Anwesenheit des Abwesenden

Wohl kein Industriezweig ist mehr betroffen vom bald fünfzig Jahre andauernden Handelsembargo der Vereinigten Staaten gegen Kuba wie die Zigarrenmanufakturen und Händler. Es sind in den USA nach wie vor keine in Kuba gefertigten Premiums zu erwerben. Doch zu meiner Überraschung sind die berühmten Marken wie Montecristo, Gloria de Habana, Punch, Hoyo de Monterrey und viele weitere bekannte Namen hier vertreten. Sogar das Flaggschiff, die kubanische Staatsmarke Cohiba, ist mit leicht abgeändertem Logo vorhanden. «Your smuggling days are over», verkündet ein Plakat und tatsächlich werden Montecristo in einer Qualität und Bandbreite angeboten, welche sich mit dem Original ohne weiteres messen können. Eine vor meinen Augen gerollte Gloria de Habana im Format Double Corona erweist sich als eine wunderbare, vollmundige Zigarre, feinstens verarbeitet, perfekt in Zug und Asche. Der Tabak kommt aus der Dom. Rep. das Deckblatt aus Ecuador.

In den Vereinigten Staaten haben die Zigarrenmacher, allen voran die allmächtige General Cigar Company, sich die Rechte auf kubanischen Namen sichern lassen. Das gilt allerdings nur für den US-Markt. Die Abwesenheit kubanischer Tabake hat die kreativen Kräfte der Zigarrenmacher herausgefordert. Kubaner waren und sind es, die sich der Sache angenommen und ihre Kunst des Mischens und Rollens im Exil weiterentwickelt haben. Benjamin F. Menendez, mit dem ich das Vergnügen hatte, eine Zigarre zu rauchen, erzählt seine Geschichte mit Humor und Verve. Der heutige Senior Vice President der General Cigar Company ist ein typischer Vertreter jener Kubaner, die nach einer Odyssee durch Mittelamerika und Teneriffa ihre neue Heimat in den USA gefunden haben. Er, dessen Vater einer der Gründer der Marke Montecristo war, hat nach seiner Flucht aus Kuba, 1960, Zeit seines Lebens nichts anderes getan, als sich der Kunst des Zigarrenmachens zu widmen. Viele Jahre führte er Manufakturen auf Jamaica, Teneriffa und in der Dominikanischen Republik, bevor er sich endgültig in Miami niederliess. Schon sein Vater und Grossvater waren «Tobacconists». Sein Name ist eng verbunden mit der Marke Macanudo.

Ein anderer, grosser alter Mann, dessen Name unzählige Bauchbinden ziert, ist Jorge l. Padron. Auf Kuba geboren, emigrierte er in den Sechzigern in die USA. Er beginnt Zigarren zu produzieren in Nicaragua, Honduras und in den Staaten. Die Familie muss mithelfen, ein Familienunternehmen mit einem freundlichen Patriarchen. Ein abenteuerliches, gefährliches Leben inmitten von politischen Umstürzen und Wirren hat ihn nicht verbittert. Die Kraft, immer wieder neu anzufangen, hat sich gelohnt. Padrons Zigarren gehören anerkanntermassen zu den besten der Welt. Oder Arthuro Fuentes, auch seine Familie hat kubanische Wurzeln. Auch er musste in Nicaragua zusehen, wie seine Arbeit in den politischen Erschütterungen jener Zeit zugrunde ging, dann die Flucht nach Honduras und der Wiederaufbau. Ihre Opus-X-Reihe ist jedem Kenner ein Begriff. Avo Uvezian, ein weiterer Weltbürger des Tabaks, wurde in Beirut geboren. Der Musiker ist heute der Grand Seigneur der Premium-Zigarre. Mit der Zigarre in der Hand und im weissen Brioni-Anzug war er in New Orleans präsent.

Wenn die Premium-Zigarre bis heute ein Produkt für Geniesser und Aficionados weltweit bekannt geblieben ist, ist es diesen Männern zu verdanken. Luxus? Wenn Luxus Qualität bedeutet, sicher, aber es ist nicht der Luxus der Schönen und Reichen, sondern der Luxus einer Handvoll von passionierten, leidenschaftlichen Liebhabern der Kunst des Rauchens.

Wir leben in einem Raucherparadies, noch nie war die Qualität der Zigarren so hoch wie heute.

Kuba ist präsent. Doch wenn man mit den Zigarrenmachern spricht, winken sie ab. Das Handwerk wird heute auch in den anderen zigarrenproduzierenden Ländern auf höchstem Niveau beherrscht. Sicher, der Geschmack der kubanischen Pflanze ist ein besonderer. Und sollte das Embargo fallen, werden sich die Raucher mit Vergnügen Originale aus Habana schmecken lassen. Doch was in den letzten Jahrzehnten an Manufakturen und Pflanzungen entstanden ist, wird seinen Platz weiterhin behaupten können. 

Ausgabe 3/2010

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