Pfefenmacher

Der Pfeifenbauer

«Sohn, wenn du rauchen willst, dann rauche Pfeife, aber niemals Zigaretten», sagte der Vater zu Roman Peter und schenkte ihm die erste Pfeife zum 15. Geburtstag. Damals begann die Leidenschaft. Mittlerweile zählt Roman Peter zu den bekanntesten Pfeifenbauern und Restauratoren Europas.

Regula Lehmann

Roman Peter ist Pfeifenbauer. Vom Topf aus Holz bis zum Mundstück aus Ebonit fertigt er alles selber an. Seine filigranen, perfekt ausgewogenen Pfeifen macht er aus gut gelagertem Bruyère-Holz. Auf ein raues Stück skizziert er zuerst nur schemenhaft seine Idee und sägt die Form grob aus. Alle weiteren Arbeitsschritte erfolgen ausschliesslich von Hand, mit Schleifgerät und Feile. «Ich arbeite ein bisschen wie Giacometti, der alles wegpickelt, was an seiner Figur nicht dazugehört, und dem Charakter seines Werkes so immer näher kommt», erklärt Peter. Er misst keine Längen, Breiten und Höhen, benutzt keine Schablonen, sondern erarbeitet die perfekte Symmetrie mit blossem Augenmass. Er staune manchmal selber über die Geschwindigkeit seiner Arbeit. Innert kürzester Zeit schleift er das überschüssige Holz weg, befreit die Pfeife von allem, was nicht zu ihr gehört. Danach folgt nur noch die Feinarbeit. Seit dreissig Jahren baut Roman Peter nun Pfeifen  und mittlerweile weiss er genau, worauf er achten muss. Er hält ein fertiges Stück kurz vor seine Augen und dreht es: «Jede Linie muss ihren Lauf haben und die Rundung muss auf beiden Seiten genau gleich sein. Jede Pfeife braucht ihr Gleichgewicht, ihre Regelmässigkeit.»

Je schöner die Holzmaserung einer Pfeife ist, desto teurer ist sie. Ein Exemplar mit perfekter fächeriger Maserung nennt sich Straight Grain und kostet bis zu 2000 Franken. Für einen Pfeifenbauer sind dies lukrative Glücksfälle, für den Raucher Liebhaberobjekte.

Die Maserung kann der Pfeifenbauer nicht beeinflussen. Sie verbirgt sich im Innern des Holzstücks – mit geübtem Auge ist sie für den Profi aber vorhersehbar. Nur die sogenannten Einschlüsse können dem Künstler einen Strich durch die Rechnung machen. Diese «Fehler», hervorgerufen durch eingewachsenen Sand, tauchen im Holz unvermittelt auf und senken den Wert der Pfeife. Sie haben zwar keinen Einfluss auf die Rauchqualität, aber auf das Aussehen. «Ich besitze eine wunderschöne Straight Grain mit einer Schokoladenseite. Auf der anderen Seite hat sie aber einen Einschluss, was den Wert der Pfeife wesentlich vermindert.»

Sein Atelier betreibt Peter in einem Geschäftshaus in Affoltern am Albis. Es ist ein Raum voller Trouvaillen, zusammengestellter Möbel, Schränke und Werkbänke aus Goldschmieden, Schreinereien und anderen Werkstätten. Hier stehen Maschinen aus längst vergangenen Jahrzehnten, unverschleissbare Qualitätsware, die man sonst nicht mehr findet. Dutzende von Schubladen, Schachteln und Schächtelchen hüten die wertvollen Ersatzteile, Zapfen, Knochen, Knöpfe, Metallteile und Rohstoffe wie Elfenbein und Bernstein, welche sich Peter in den vielen Jahren auf Flohmärkten zusammengekauft oder aus anderen Pfeifenwerkstätten erworben hat. Es ist ein riesiges Lager an Material, auf das er bei seinen Reparaturen zurückgreifen kann.

Hier steht eine Kiste mit alten «Dibidäbis», von denen der Restaurator hin und wieder einen Deckel oder ein Stück Metall abkupfert, um das Lieblingsstück eines Kunden zu flicken. Daneben lagern die Bruyère-Holz-Stücke, auf denen Bleistiftstriche die Idee für ein neues Design ankündigen. Dazu kommen die Ebonitstangen, der natürliche Rohstoff, aus dem Peter die Mundstücke fertigt. In einer der zahlreichen Schubladen lagern die Antilopenknochen, weisse Ringe, die zwischen dem Mundstück und dem Topf eingelegt werden, das Markenzeichen einer Roman-Peter-Pfeife.

Seine erste Pfeife fertigte Peter noch als Minderjähriger an, als ihm ein Freund ein Stück des speziellen Bruyère- Holzes aus den Ferien in Italien mitbrachte. Dieses Werk behielt er, dann machte er weitere für Freunde. Damals arbeitete Peter als gelernter Restaurator und war auf deutsche und französische Möbel spezialisiert, später dann auf englische und Fernost-Antiquitäten sowie Kunstgegenstände. Der Pfeifenbau war sein Hobby, bis ihn ein Freund dazu überredete ein Pfeifenatelier zu eröffnen. «Mein erstes Atelier war im Haus meiner Eltern. Dort baute ich für mich ein paar Pfeifen und verkaufte sogar einige davon.» Das sprach sich herum. Und kurz darauf rannten die Medien dem 22-Jährigen die Türen ein. Der Limmattaler, der Tagesanzeiger, das

Radio 24 und Radio Eviva berichteten über ihn. Die Aufträge nahmen rapide zu und die ersten Ausstellungen folgten.

Irgendwann stagnierten aber die Geschäfte. Peter weitete sein Angebot aus, reparierte alte Pfeifen, kaufte sich den Tabakladen in Affoltern am Albis und verkaufte darin nebst seinen eigenen Pfeifen zusätzlich Raucherwaren und Tabak. «Von da an reparierte ich diverse Pfeifen anderer Hersteller und lernte so deren Herstellungstechniken kennen. Mein Wissen hat sich dank der Restauration vervielfacht.»

Seither kann sich Peter vor Restaurationsaufträgen kaum retten. Im Atelier stapeln sich Kisten voller Pfeifen, die auf seine Reparaturkünste warten. Hier muss ein Mundstück ausgewechselt, da muss die Innenwand ausgekratzt und die Aussenwand poliert werden. «Ich habe so viele Restaurationsaufträge und spezielle Kundenwünsche zu erfüllen, dass ich kaum mehr dazu komme, neue Pfeifen für meinen Laden zu kreieren», bedauert er. Zurzeit reicht sein Bestand an eigenen Pfeifen nicht einmal für eine Ausstellung. Nur gerade ein Dutzend Exemplare seiner eigenen Kreationen liegen in den Vitrinen seines Geschäftes. Sie sind filigran, schlank und leicht. Es sind edle Produkte mit charakteristischer Ausstrahlung, Stücke, die einen Raucher ein Leben lang begleiten.

Zu Roman Peters Kundschaft zählen Wissenschaftler, Künstler, Denker, ein Nobelpreisträger der Physik und auch einige Frauen. Für sie ist eine Pfeife eine Begleiterin. Sie hilft dem Denkenden auf die Sprünge, gibt dem Kreativen seine Ideen und dem Nervösen seine Ruhe. Ein Pfeifenraucher besitzt mindestens drei Pfeifen, oft sogar dutzende und die Sammler haben mehrere Hunderte. Wann welches Exemplar geraucht wird, ist eine individuelle Entscheidung und hängt von der Lust und Laune des Rauchers ab. Eine alte Pfeife ist für die meisten nicht einfach austauschbar, sondern will gehegt, gepflegt, und wenn die Zeit kommt, restauriert sein. Dass einige

seiner Pfeifen als Ausstellungsstück enden, anstatt geraucht zu werden, sieht Roman Peter nicht gerne: «Eine Pfeife beginnt erst zu leben, wenn sie geraucht wird. Gebraucht sind sie noch schöner, haben mehr Charakter.»

Wenn Peter eine neue Pfeife kreiert, entwirft er sie zuerst im Kopf oder auf Papier. Erst dann sucht er in seinem riesigen Lager nach einem Holz mit geeigneter Maserung. Das kann unter Umständen lange dauern. Die Ideen für neue Modelle holt er sich im Alltag: «Ich lasse mich häufig vom Industriedesign inspirieren wie zum Beispiel von einem neuen Auto.» Als Sohn eines Architekten wurde Peter früh mit der Frage der Ästhetik konfrontiert: «Mit meinem Vater habe ich schon als Kind über Design gesprochen. Wir analysierten einfach alles. Sogar wenn meine Mutter eine neue Kaffeemaschine gekauft hatte, diskutierten wir über den Verlauf der Linien und was sich der Hersteller wohl dabei gedacht hat.» Allerdings war man sich in der Familie nicht immer einig: «Mein Vater hatte einen anderen Stil als ich. Als ich dann meine ersten Pfeifen baute, gab er mir gerne Tips. Ich habe mich aber nie daran gehalten, sondern hatte andere Vorstellungen im Kopf. In meinen Pfeifen habe ich immer geschwungene Linien.»

Wenn er eine Pfeife im Auftrag eines Kunden macht und dieser mit dem Endprodukt nicht zufrieden ist, hat er keine Kaufverpflichtung. Peter fängt dann mit seiner Arbeit wieder von vorne an. Er übernimmt aber nicht jeden Auftrag. «Ich mache nur Pfeifen, die mir selber auch gefallen», betont er. «Einmal wollte ein Kunde eine Pfeife in Form eines Helikopters. Da lehnte ich ab. Solche Sachen mache ich nicht.»

«Klar, ich mache den Spagat zwischen Kunst und Kommerz. Wenn ich die absolute Freiheit hätte, würde ich ganz andere Modelle machen, so richtige Charakterpfeifen mit Ausstrahlung und altem Holz.» Er mag nicht unbedingt eine Straight Grain rauchen. Er stellt sie zwar her, denn damit verdient er gutes Geld, aber eigentlich ist  für ihn eine Pfeife mit Charakter wertvoller. «Das ist ein bisschen, wie bei den Models auf dem Laufsteg, dort stimmt alles. Einwandfrei. Perfekt. Aber Interessant ist ein Mensch doch erst, wenn er eine krumme Nase hat, verschobene Ohren oder sonst viel Charakter. Oder eben Pfeifen mit Einschlüssen, wilder Struktur, mit Geschichten.»

Aber welches Design passt denn zu welchem Raucher? Welche Eigenschaften muss meine erste Pfeife haben? «Sie muss einem total gut gefallen. Pfeifenrauchen ist ein visuelles Rauchen. Nur wenn einem die Pfeife gefällt, kann man sie gut rauchen. Man muss sich mit ­seiner Pfeife sicher fühlen, man muss sich mit ihr identifizieren können. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn einer ein Paar Schuhe oder Hosen trägt und sich damit nicht sicher fühlt. Bei der Pfeife ist es genau so oder noch viel schlimmer».

Nach Jahren des Zigarren-Trends kommt Pfeifenrauchen jetzt wieder in Mode. Viele Liebhaber kaufen sich auf Flohmärkten 30 oder 40 Jahre alte Pfeifen und geben sie in die Restauration. Grund dafür ist die gute Holzqualität der alten Modelle, denn gutes Bruyère ist auf dem Markt rar geworden. Die Bestände an alten, guten Knollen, welche in der sandigen Erde an den Wurzeln der Baumheide wachsen, werden immer kleiner, das Holz immer jünger.

«Vor vier Jahrzehnten war das Bruyère-Holz noch von ganz anderer Qualität. Als man es damals aus dem Boden holte, war es ungefähr 40 Jahre alt. Heutzutage ist das Holz höchstens noch 25 bis 30 Jahre alt und dadurch nicht so hart und weniger dicht», erklärt der Pfeifenfachmann. Dank seinen guten Kenntnissen hat Peter aber schon vor Jahren vorgesorgt. In einem Raum neben dem Atelier lagern grosse, dreissigjährige Bruyère-Bestände, welche dem Pfeifenmacher für die nächsten zehn Jahre den Rohstoff für seine Arbeit sichern.

Ausgabe 3/2010

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