Stowasser

Stowasser - Anarchist

‹Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so gut gefällt? Ein jeder lebt nach seinem Sinn, das ist nun also auch mein Gewinn! Ich lass ein jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben.› J. W. Goethe

David Höner

Das ist kein Nachruf, auch wenn Horst Stowasser (1951–2009)  letztes Jahr an den Folgen eines Unfalls gestorben ist. Wäre er noch am Leben, so wäre er der Autor dieser Zeilen. Man hätte sich mit einer guten Zigarre, einem Glas Wein und offenen Geistes hingesetzt und den Gedanken im wahrsten Sinne des Wortes freien Lauf gelassen. Einer seiner Freunde beschreibt, was ihm durch den Kopf ging auf dem Weg zum Begräbnis, und dieser Einfall charakterisiert den Verstorbenen: « ... für alle Fälle nehme ich ihm mal eine Havanna mit. Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er bereits das Projekt-H gestartet hat, die Umorganisation der Hölle. Und da kann eine Zigarre nicht schaden.»

Horst Stowasser war ein Mensch, der andere mitreissen und begeistern konnte, der sich nicht scheute, seine Ansichten zu äussern, seine Träume anzupacken und sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen liess.

Horst Stowasser war Anarchist. Doch er entspricht in keiner Weise dem Bild des Anarchisten, wie es in unseren Köpfen herumschwirrt. Einem Bild, das oft und gerne beschworen und zitiert wird, wenn es darum geht, unmotivierte Gewalt am Rande politischer Ereignisse oder sportlicher Grossveranstaltungen zu beschreiben. Er war kein simpler ­Rabauke des «Schwarzen Blocks», kein schlägernder Fussballhooligan, kein links-, rechts- oder religionsgesteuerter Verbreiter von Angst und Chaos. Auch kein gewalttätiger Attentäter mit Schlapphut im dunklen Umhang, unrasiert mit schmutzigen Fingernägeln und einer Bombe unter dem Arm. Seine Definition des anarchistischen Denkens klingt ungewohnt, wenn man die gängigen Bilder von Strassenschlachten und vermummten Gestalten, welche üblicherweise Anarchisten genannt werden, vor den Augen hat:

«Ich verstehe Anarchie als den höchsten Ausdruck der Ordnung. Das klingt paradox, aber nicht, wenn man es philosophisch betrachtet, weil Anarchie eine Ordnung ist, die auf Freiwilligkeit beruht statt auf Zwang. Was die Anarchie und die Konnotation mit der Unordnung angeht, das ist eines der grössten Missverständnisse der Geschichte. Dem liegt der Denkfehler zugrunde, dass Ordnung nur durch Herrschaft und Unterdrückung entstehen kann. Anarchismus ist eine höchst ordentliche Geschichte. Es gibt sogar anarchistische Organisationstheorien. Aber das widerspricht dem gängigen Klischee.»

Vor über hundert Jahren haben die Pulverblitze der anarchistischen Bombenanschläge Bilder in die kollektive Erinnerung gebrannt. In einigen wenigen Jahren haben es ein paar Heiss­sporne geschafft, der anarchistischen Bewegung einen Stempel aufzudrücken, der den ganz normalen Mitmenschen und Mitbürger zurückschrecken liess und lässt. Auch wenn in den 80er Jahren der nette Spontispruch «Anarchie ist machbar Frau Nachbar» dem einen oder anderen ein Lächeln entlocken konnte, so wusste doch kaum jemand, was da eigentlich machbar sein sollte oder nicht.

Stowasser war Anarchist und als ­solcher von der libertären Idee beseelt. Die Idee einer Gesellschaft ohne Unterdrückung war für ihn nicht nur ein Phantom, von dem man in satten Momenten vor sich hin träumte, sondern eine konkrete Form, ein konkretes ­Modell, für das er einstand und für das er kämpfte. Nicht mit Bomben, Dolch und Gift, sondern mit Geist, Wissen und vor allem unter Einsatz seiner eigenen Person.

Wie wird man Anarchist? Stowasser: «Mir sagte jemand: ‹Du bist Anarchist!› Ich war entsetzt; ich war gerade 16 Jahre alt, lebte in Argentinien. Der, der mir das sagte, war der Bibliothekar unserer Schule, mit dem ich manchmal abends diskutierte. Ein älterer Herr. Ich bewegte mich damals, in den 60ern, in Lateinamerika als jugendlicher Linker unter lauter Parteien, Kommunisten, Trotzkisten, Spaltungen. Ich fühlte mich da nicht wohl.

Und er sagte mir einfach: ‹Du bist Anarchist›, und ich antwortete: ‹Um Gottes Willen, nein!› Da fragte er mich, ob ich wisse, was das sei, und gab mir eine kleine Broschüre. Die habe ich gelesen. Dann hat er mich bekannt gemacht mit anderen älteren Herrschaften, die waren steinalt für mich, zwischen 60 und 70, die aus der alten anarchistischen Bewegung Argentiniens kamen. Wobei viele nicht wissen, dass der Anarchismus auch eine Bewegung ist, die schon mal Massencharakter hatte. In Argentinien gab es Zeiten, da war jeder zehnte Erwachsene Mitglied einer anarchistischen Organisation, das war in den 20er Jahren. So etwas können wir uns hier gar nicht vorstellen, dass der Anarchismus mal eine ganz normale, populäre Bewegung war. Zu Anfang bezog ich mich auf den Anarchismus in Argentinien, der volkstümlich und verwurzelt war. Man kann auch den spanischen Anarchismus nehmen, auch in Italien, in manchen Gegenden, da war das etwas völlig Normales. Man war nicht Anarchist, nur um zu politisieren, sondern die Bewegung war das Leben und hat den Leuten etwas geboten, ob das jetzt die Freizeitgestaltung war oder die Kindererziehung, der Einkauf des täglichen Bedarfs, Kultur oder der Kampf ums Einkommen. Überall hatte diese Bewegung eine Antwort auf die Fragen der Menschen. Man musste nicht rausgehen, weil man alles in dieser libertären Alltagskultur fand.»

So kam es, dass Horst über lesen, ­lernen, reden und leben sich in das ­Wesen der libertären, der freiheitlichen Bewegungen hineindachte, sich davon überzeugen liess und das Gelernte in ­lebendige Aktion umzusetzen wusste. Die direkte Aktion ist ein Begriff aus dem anarchistischen Vokabular, welcher schnell einleuchtet. Wenn einer etwas bewegen möchte, soll er es tun und mit seinem Tun die Verantwortung für die Folgen übernehmen. Er studierte Landwirtschaft und Romanistik und reiste um die Welt. Sein Engagement brachte weniger Geld als Schwierigkeiten, er lernte Gefängnisse von innen kennen. Doch er blieb den libertären Ideen treu. Die Freiheit wird einem nicht geschenkt, man muss sie sich zu nehmen wissen.

Seit 1969 war er aktiver Teilnehmer der anarchistischen Bewegung, Mitglied verschiedener Organisationen und bis in die 80er Jahre politisch verfolgt.

Er verfasste Bücher, gründete Zeitschriften war Vortragsreisender. Er gründete das anarchistische Dokuzentrum AnArchiv. Doch beschränkte er sich keineswegs auf die theoretische Seite des libertären Denkens. Er gründete Kollektivprojekte in der Praxis und vor allem war er ein unermüdlicher Vernetzer und Verknüpfer von Menschen. Theorie in Praxis umzusetzen und sein Umfeld zu gestalten war ihm offensichtlich wichtiger als jede noch so ausgeklügelte Theorie.

Und das Leben? «Da halte ich es mit dem alten Epikur, der lebte im dritten vorchristlichen Jahrhundert: Das Leben geniessen, aber nicht auf Kosten anderer, sondern mit anderen. Wenn man sagt, ich kann meine Freiheit nur geniessen, wenn die anderen Menschen um mich herum so frei sind wie ich, dann ist dies nicht nur legitim, das ist ein viel ehrlicherer Ansatz, als wenn man sagt: ‹Ich will anderen Leuten Gutes tun.› Er war ein Genussmensch, ein Hedonist, kein puristischer Zeitgenosse. Den schönen Seiten des Lebens zugewandt, einem Glas Wein, gutem Essen und einer guten Zigarre. Und zwar mit Stil.

Einer seiner Freunde erzählt: «Horst hatte eine Art Zange, mit der man die Spitze der Zigarre mit einem kleinen Gehrungsschnitt rauchfertig schneiden musste. Ich nahm dieses Werkzeug nicht, biss die Zigarrenkuppe ab und wollte mit einer Feuerzeugflamme diese Kostbarkeit genussfertig machen.» Horst: «Das ist ein Frevel. Du musst ein Streichholz nehmen!»

Der Versuch, sich an den Regeln vorbei zu bewegen, sich seine eigenen Regeln zu schaffen in den seltener gewordenen Nischen unserer Gesellschaft, die von der Wiege bis zur Bahre geprägt ist von Vorschriften gesetzlicher und moralischer Natur, ist nicht nur lustig. Es ist sicher einfacher, mit dem Strom zu schwimmen. Horst, der unter einer Gehbehinderung litt, er hatte Kinderlähmung, und dem sein gesundheitlicher Zustand mit zunehmendem Alter mehr und mehr zu schaffen machte, blieb jedoch Zeit seines Lebens offen, dem Leben zugewandt. Natürlich klappte nicht alles. Im Gegenteil, wer sich auf Neuland begibt, ist erfahrungsgemäss grösseren Gefahren ausgesetzt, als derjenige, der auf wohlbekannten und gutgelegten Schienen seinen sicheren Stiefel fährt. Immer wieder musste Horst Rückschläge einstecken, auch aus den eigenen Reihen.

«Ich bin ein unverbesserlicher Optimist und eigentlich ist es nie zu Ende. Solche Projekte brauchen lange Zeit. Die Vision freie Menschen, die sich selbst­bestimmt und nach eigenen Leistungen und Fähigkeiten miteinander verbinden, ist wahrscheinlich aus zwei Gründen gescheitert. Das eine ist ein äusserer Grund: Wir haben dieses Projekt in den 80er Jahren gestartet, da war gerade die Alternativbewegung auf dem Rückzug. Wir sind gegen den Mainstream gestartet, und uns blieb einfach der Nachwuchs aus. Die Leute hatten kein Interesse an Selbstverwaltung, das war denen zu mühselig. Die wollten lieber eine normale Anstellung und den pünktlichen Lohn. Freiheit erfordert aber Engagement.

Das andere ist viel beschämender. Ich sehe das so, dass viel dadurch kaputt gegangen ist, dass, als sich der Erfolg einstellte, massenweise die Puritaner kamen, die Anhänger der reinen Lehre. Die haben das Ding von vorne bis hinten kritisiert, weil es nicht radikal oder nicht anarchistisch genug war. Das war denen zu bürgerlich, nicht so richtig kämpferisch. Die sind so lange geblieben, bis sie es kaputt geredet und auf diese Weise Recht behalten haben. Es gab hässliche Szenen.»

Horst Stowasser wusste sehr wohl um die Macht des Wissens und kämpfte nicht zuletzt auch darum die Anarchie aus dem Umfeld der Gewalt und von den begleitenden Vorurteilen zu  befreien. So setzte er sich hin und schrieb ein  Standardwerk zu der Geschichte und den Perspektiven des Anarchismus. Ein Buch, in welchem die Geschichte und die Möglichkeiten, die Basis und die ­Visionen einer libertären Gesellschaft aufgezeichnet sind. Eine Fundgrube. Nicht nur für Anarchisten, sondern für alle, die die Freiheit lieben. Und wer täte es nicht?

Stowasser steht für modernes, unabhängiges und selbständiges Denken. Das Bild dessen, was den Anarchismus eigentlich ausmacht und mit den menschenmordenden Vertretern der «Propaganda der Tat» nichts gemein hat. Ideologie und Dogmatismus heissen seine Feindbilder. Kein Kapital- und kein Kommunismus. Freundlich und witzig, klug und bestimmt macht er darauf aufmerksam, dass das libertäre Denken mehr als nur ein Bestandteil der menschlichen Entwicklung ist. Hier liegt der Hund begraben. Die Denkansätze, die von den Anarchisten in der Praxis umgesetzt wurden, oft scheiterten, oft weiter und zu neuen Modellen führten, sind sehr umfangreich. Viele der erreichten sozialen Ziele unserer Gesellschaft haben ihren Ursprung im Wunsch nach selbstbestimmtem und doch gemeinschaftlich geprägtem Denken und Handeln. Die immer weiterführenden Erfahrungen, die einer macht, wenn er sich von seinen Träumen und von seinem Verlangen nach Freiheit leiten lässt, sind alles andere als frustrierend, sondern genussvoll und lebendig. So erinnert sich vielleicht der eine oder andere Zeitgenosse an Stowasser.

«Horst kam in seiner ganz typischen Art, leicht hinkend, mit wehendem schwarzem Mantel, und als er sich hinter den Glastisch setzte, zog er eine Zigarre aus der Tasche. Die rote Nelke stand vor ihm.»

Horst Stowasser lebte bis zu seinem Tod als freier Autor in einem von ihm mitbegründeten, libertären Projekt, dem Eilhardshof. Er hinterlässt eine Lebensgefährtin und drei Kinder.

Als ich im Laufe der Recherchen zu diesem Artikel auch mit den aktiven ­Bewohnern des Eilhardshofes Kontakt aufnahm und darum bat, mir in kurzen Worten den «Jetzt»-Zustand des Projektes zu beschreiben, erhielt ich folgende Antwort: «Im Eilhardshof sollte ein ­generationenübergreifendes libertäres Wohnprojekt entstehen. Die Idee ist, dass dort Menschen jeden Alters und aller Lebensstile in der Wohnform, die ihnen entspricht, ob als WG, als Familie oder alleine, ein zu Hause finden. In

den grosszügigen Gemeinschaftsräumensollte Platz sein für Begegnungen, Kultur und geistigen Austausch. Aufgrund immens gestiegener Baukosten steht das Projekt vor dem aus. Der Gebäudekomplex mit wunderschöner Jugendstilvilla, einem grossen Garten mit einer beeindruckenden Rotbuche muss verkauft werden. Interessenten, die womöglich die Idee vom gemeinschaftlichen Wohnen auf der Basis von Freiheit und Solidarität weiter führen, werden gesucht.

Die Gruppe existiert weiter und versucht, libertäre Ideen zu leben. Vielleicht findet sie ein geeigneteres Objekt als den Eilhardshof.

Und doch ein Nachruf: Horst Stowasser war ein Anarchist. Ein idealistischer Vorkämpfer für die Erweiterung der ­eigenen Freiheit und der Freiheit der anderen. Menschen wie er, die mit Charme, Elan und Intelligenz und ohne den Anspruch auf persönliche Macht­erweiterung und ohne profitorientiertes Geschäftsgebaren gemeinschaftliche Ziele anstreben, sind selten. Sie schlagen vielleicht weniger hohe Wellen als siegreiche Feldherren oder strippenziehende Wirtschaftsmagnaten. Aber sie hinterlassen Hoffnung und Optimismus und es lohnt sich, ihren Spuren zu folgen. Einfach weil es Freude macht. 

Anarchie!
Idee – Geschichte – Perspektiven
Horst Stowasser
Verlag: Edition Nautilus
ISBN-13: 978-3894015374

Ausgabe 3/2010

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