Von Zahlen und Worten

Johanna Lier

Als wir jung waren, bezeichneten wir uns als Anarchisten. Wir planten, einen anarchistischen Verlag zu gründen, der Literatur publizieren sollte, die in der UDSSR verboten gewesen war. Wir träumten davon, in Moskau und Petersburg Manuskripte aufzutreiben und diese dann über die Grenze zu schmuggeln. Wenn ich ehrlich bin, ist es uns eher ums Abenteuer gewesen, denn um das ideologische Anliegen. Als ich dann bekannte anarchistische Theoretiker las, war ich enttäuscht. Pierre Joseph Proudhon aus Frankreich (1809–1865) erschien mir autoritär, wenn nicht sogar bieder, und Wladimir Alexandrowitsch Bakunins (1814–1876) Schriften waren mir zu papieren, zu trocken. Knochenarbeit, sich da durcharbeiten zu müssen. Das romantische Bild einer herrschaftsfreien Existenz verlor ihren Zauber.

Im Griechischen bedeutet Anarchia «führerlos». Die Stoiker, Hedonisten und Zyniker redeten vom herrschaftsfreien Gemeinwesen, wobei das auf das freie Ausleben der Sinne oder das freie Entfalten der Weisheit gemünzt werden konnte. Johann Wolfgang Goethe sprach von der Freiheit des Individuums – jeder soll Leben, wie es ihm passt – als Voraussetzung einer kultivierten Gesellschaft. Und wir wollten den Staat abschaffen. Macht aus dem Staat Gurkensalat, lautete der Slogan. Anarchie lässt also Salat auf Staat reimen. Und schon wird aus der politischen Theo­rie die Poesie.

Die Texte der Psalmen im alten Testament sind aufgrund einer Technik entstanden, die sich Gematrie nennt. In der Gematrie besitzt jeder Buchstabe (im Hebräischen sind es nur die Konsonanten) einen Zahlenwert, und die Quersumme aller Buchstaben eines Wortes ergibt den Zahlenwert eines Wortes. Die alten Psalmisten, schrieben sie denn beispielsweise den Psalm 4, entwickelten den ganzen Text mit Wörtern, die dem Zahlenwert 4 entsprachen. Es ging ihnen darum, mit der göttlichen Macht in Beziehung zu treten. Und da diese Macht so unfassbar wie unverständlich, also logischerweise auch undenkbar war, gab es eigentlich nichts zu sagen. Ich stelle mir vor, dass die Psalmisten deshalb auf die Idee gekommen sind, aus einem mathematischen Sprachsystem heraus Inhalt zu erfinden. Und nicht – wie allgemein angenommen – für einen vorhandenen Inhalt die entsprechende Sprache zu finden.

Mit einer solchen Schreibweise beginnt man mit einem Wort und weiss nicht, wohin sich der Text entwickeln wird. Die Sprache ist befreit von der Herrschaft der Ideologie, von der Aufgabe der Beweisführung. Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. Hat es sich tatsächlich so abgespielt? Oder haben nicht eher die Psalmisten durch das Wort Gott erfunden? 

Die kürzlich verstorbene Dichterin Inger Christensen (1935–2009) hat diese Art von Sprachanarchie ihr Leben lang angewandt. Sie arbeitete mit Gesetzen aus der Biologie und der Mathematik. Einer ihrer berühmtesten Gedichtzyklen «Lys» baute sie auf der Zahl Acht auf. Ein mystischer, wenn nicht sogar intimer Vorgang. Die Sprache biete so den Dichtern Spuren an, die in die Wirklichkeit führten, hat sie gesagt. Braucht man also keine Führer, wenn man sich auf das Spurenlesen versteht?

Inger Christensen, geboren 1935 in Vejle, Dänemark, gestorben 2009 in Kopenhagen.
Übersetzt von Hanns Grössel

Ausschnitt aus «Gedicht vom Tod»

Nichts ist geschehen
    tagelang sitze ich
        vorm Papier aber
            nichts geschieht

Ich bin wie ein Kind das mit
    Trauer gefüttert wird
        ich hebe meinen Arm
            kann aber nichts schreiben

Ich bin wie ein Vogel der seine
    Artgenossen vergessen hat
        öffne meinen Schnabel
            kann aber nichts singen

So sonderbar das Gefühl, schamlos
    an den Tod zu denken
        wenn keiner den man kennt
            gestorben ist

das macht: sooft man sich
    im Spiegel sieht, blickt man
        dem Tod in die Augen
            ohne zu weinen

als wäre er eine klare
    vollauf verständliche Antwort
        aber auf Fragen die man
            nicht stellen mag

Ausgabe 3/2010

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