Für Menschen und Hunde

Priscilla Averbuck entwirft Gürtel, Accessoires und Leinenhalter für Hunde. Die Geschichte einer Designerin, deren Arbeiten nicht über den Laufsteg wandeln, sondern in harter Knochenarbeit an Frau und Hund gebracht werden müssen.

Jessica Fritz

Priscilla Averbuck stellt sich sofort in Pose, erspäht sie eine Kamera. Gekonnt stemmt sie den Arm in die Hüfte, beugt ein Bein vors andere und schwingt den Kopf nach hinten. Sie steht gerne im Rampenlicht und mimt die Rolle der Diva, obwohl ihre Freundin beim nachmittäglichen Kaffee die Nase abschätzig über ihr Outfit gerümpft hat. «Das sieht billig aus, Priscilla». Sei aber im Trend, hat Averbuck gekontert. Man müsse schliesslich mit der Mode gehen. Um die Taille trägt sie einen beigefarbenen Gürtel aus feinem Leder – aus der eigenen Kollektion. Für 60 bis 100 Dollar verkauft sie ihre Fabrikate an ausgewählte Geschäfte in Nordamerika, welche die Stücke für 150 bis 250 Dollar weiterverkaufen. Zu ihren besten Zeiten waren Averbucks Gürtel und Accessoires bei Saks und Henri Bendel an der 5th Avenue in New York erhältlich oder in Boutiquen in Aspen und Beaver Creek, Colorado sowie Palm Beach, Florida. Diese Zeiten sind vorbei, mit einem 150-Dollar-Gurt dümpelt man höchstens noch im Mittelmass. Doch Priscillas Selbstsicherheit ist ungebrochen, immerhin kann sie ihr Leben damit bestreiten, auch wenn sie den Gürtel enger schnallen musste.

Zurzeit pendelt Priscilla zwischen Boston und New York und versucht ihre Kollektionen an Geschäfte zu verkaufen. Eine Knochenarbeit, die sie sich nicht anmerken lässt. Priscilla Averbuck will eine Dame von Welt sein, sie liebt es schick und distinguiert. Während wir im Hotel Carlyle an der 5th Avenue Bordeaux trinken, gibt sie Sätze von sich wie etwa «voilà, isn’t this dining room magnifique». Hier residiert sie, solange sie in Manhattan weilt. Immer, auch wenn sie den letzten Cent dafür ausgeben müsste. Mit dabei hat sie eine Auswahl ihrer Gürtel sowie ein Exemplar ihrer neusten Schöpfung: einen Leinenhalter für Hunde. Preis: 50 bis 75 Dollar. «Heutzutage muss man erfinderisch sein und Marktlücken erkennen.»

Die Branche leidet unter der Wirtschaftskrise. Das ist vor allem für selbständige Designer, die ohne Agent und Werbefirma im Rücken arbeiten, schwierig. Averbuck vermarktet sich selbst. Für einen Leon Verres, der bloss Aufsehen erregen wolle, hat sie wenig übrig. «Reine PR», betitelt Averbuck seine provokative «F*ck»-Kampagne, auch wenn sie die Verachtung gegenüber Modezarin Anna Wintour durchaus nachempfinden kann. «Die Frau behandelt ihre Mitmenschen ohne Respekt, aber in diesem Geschäft braucht es eine gewisse Rücksichtslosigkeit.»

Priscilla Averbuck wusste bereits als Kind genau, was sie anziehen wollte. «Ich hasste es, wenn meine Mutter mir die Kleider parat legte.» Alles musste passen – von der Socke bis hin zum Haarband. Schon immer hatte sie ein Flair für Farben und Textilien, sah im Geiste, wie Kleider zu kombinieren waren. Die Stars und Sternchen am Filmhimmel beeindruckten sie, der Eleganz einer Coco Chanel hat sie früh nachgeeifert. Mit ihren zwei Brüdern wuchs Averbuck in Boston auf, das damals noch einer verschlafenen Provinzstadt glich. Sie konnte es deshalb kaum erwarten, mit 19 Jahren ihre Freundin zu besuchen, die nach Mailand ausgewandert war. Für sechs Monate lebte sie in Italien und reiste durch die Nachbarländer. Ein einschneidendes Erlebnis, das die Amerikanerin veränderte. Die Kultiviertheit der Europäer begeisterte sie, die Architektur und der Bildungsstatus imponierten ihr. «Ich habe dort auch meine Vorliebe für Antiquitäten entdeckt», erzählt sie.

Zurück in Massachusetts beendete Priscilla das College, studierte kurze Zeit Politologie und chinesische Geschichte in New York City und tanzte nebenbei Ballett. Mit zwanzig lernte sie ihren Mann kennen, heiratete und wurde kurz darauf schwanger. Zuerst kommt Sohn Alexander, fünf Jahre später Tochter Samantha zur Welt. Priscilla kochte, schmiss den Haushalt und merkte bald, dass dies nicht ihre Bestimmung sein konnte. Mit ihrem Gatten hatte sie vor allem eins gemeinsam: Die Vorliebe für noble Yachten und teure Autos. «Das war’s auch schon», sagt sie rückblickend, und trennte sich bald vom Vater ihrer Kinder. Auch wenn sie damit ihr privilegiertes Leben aufgab. Plötzlich die alleinige Verantwortung für sich und die Kinder zu haben, bedeutete auch, dass sie arbeiten musste. Erst wirkte sie als Einkäuferin für Kleidergeschäfte, bis sie schliesslich zwei eigene Boutiquen eröffnete. Der Film «Die Hexen von Eastwick» wurde 1984 in der Gegend gedreht und brachte Averbuck etwas Popularität. «Meine Schaufenster erschienen in einer Szene, und ich musste sie entsprechend dekorieren.» Somit konnte sie ihre Kreativität begrenzt ausleben, doch es brannte ihr unter den Nägeln, selbst zu entwerfen. Mit dreissig Jahren wechselte sie ohne Ausbildung ins Designgeschäft. «In Boston konnte ich mir dies nicht vorstellen.» Im Fashionmekka New York sah sie mehr Chance, und zog mit ihrer Tochter nach Manhattan. Priscilla entwirft vor allem Accessoires. Sie sind «the frosting on a cake» – die Verzierung, welche die Torte zum Glänzen bringt. «Ein Schal, Gürtel oder eine Handtasche sind das Etikett einer Frau», sagt Averbuck. Ein kleines Detail wie etwa eine Blume auf dem Hut oder eine Brosche im Haar könne das Erscheinungsbild ändern.

Sie entwarf dergleichen, aber auch Tischdeko – vom Serviettenhalter bis zum Glasuntersatz. «Mit Fell wollte ich nie arbeiten», erklärt Averbuck, doch Tiermuster faszinierten sie. Ihre Arbeit fand Anklang, und das renommierte Haus Saks nahm der Designerin ihre Produkte ab. Weitere Interessenten bissen an, schliesslich fanden Averbucks Fabrikate Absatz in ganz Amerika sowie Kanada. Gleichzeitig zog Priscilla in ein Apartment am Südende des Central Parks und lernte den Elsässer Leon kennen und lieben. Mit ihm verbrachte sie 15 Jahre, reiste mindestens viermal jährlich nach Europa, lernte Französisch, Spanisch und ein paar Brocken Italienisch. Die Winterferien verbrachte das Paar in St. Moritz, Priscilla ist eine leidenschaftliche Skifahrerin. Und auch Zürich hat sie in bester Erinnerung. «Im Baur au Lac haben wir hervorragend diniert», schwärmt sie. Der Rehrücken bleibt unvergessen, ebenso die weissen Handschuhe, in denen der Kellner ihn servierte. Danach genoss sie eine kubanische Zigarre. Geschmaucht hat sie nur in Europa. «In den USA habe ich nie Zigarre geraucht, erst recht keine kubanische», lacht sie.

Durch Leon knüpfte Priscilla Beziehungen zum Herausgeber des ehemaligen deutschen Modeblatts Textil Mitteilungen und publizierte fortan eine eigene Kolumne über die New Yorker Fashion-Szene. Sie hatte ihr gehobenes Leben zurück, sogar weitgehend selbst erarbeitet. Doch Leon gehörte der alten Garde an, der Patron drang immer mehr in ihm durch, engte Priscilla zu sehr ein. Bis sie ihn verliess. «Zwanzig Jahre Altersunterschied sind zu viel», beendet sie dieses Kapitel in ihrem Leben und nippt am Rotwein. Über einen Liebhaber, der ebenfalls im Modegeschäft tätig war, entdeckte sie vor fünf Jahren eine Fabrikationsstätte in Vancouver, die seither Priscillas Lederwaren produziert. Sie zog selbst vor Ort, gab ihre Wohnung im Herzen Manhattans auf. «Das war ein Fehler», bereut sie. Ein Domizil an dieser Lage sei heute unerschwinglich. Und an der Westküste Kanadas habe es ihr überhaupt nicht gefallen. Dort lebe man bezüglich Fashion im Steinzeitalter. Auch das kulturelle Angebot sei wahnsinnig klein. «Die stellen bloss langweiligen Eskimokram aus.» Erst vor ein paar Monaten ist sie zurück in ihre Heimat gekehrt. «Boston hat sich über die Jahre hinweg gemausert», stellt sie fest und überlegt, sich dort niederzulassen. Sohn Alexander lebt noch immer in der Stadt, die zu den ältesten in ganz Amerika gehört. Tochter Samantha hingegen ist in New York geblieben. Priscilla befindet sich im Wandel, hängt derweil in der Schwebe. Aber Veränderungen bringen Neues; die Designerin ist voller Tatendrang.

Ihre beiden Pudel hatten ihr den Anstoss gegeben, Hundemode zu entwerfen. Ein erster Versuch ist allerdings gescheitert. «Produziere nie in China, ohne einen Agenten dort zu haben oder selbst vor Ort zu sein», mahnt sie mit erhobenem Zeigefinger. Die im fernen Osten bestellten und in Amerika bereits verkauften Hundetrikots seien nie angekommen. Welch «faux pas» für die Dame von Welt. «I had to keep it quiet for a while», sie sei deshalb etwas untergetaucht, gesteht sie. Doch mittlerweile ist Gras darüber gewachsen, und Priscilla kursiert mit ihren Leinenhaltern von einem Tiergeschäft zum nächsten. Eine Rackerei, aber Averbuck ist eine Meisterin im Präsentieren. Wenn es einen auch dünkt, dass es ihr wichtiger ist, selbst eine gute Falle im Scheinwerferlicht abzugeben.

Kürzlich hat ausserdem ein Kosmetikunternehmen bei ihr angeklopft und möchte, dass sie Haarbänder entwirft, die anschliessend in Wellnessanlagen verkauft werden. Prima, der Haarschmuck ist im Trend und darf zurzeit auf keinem Haupt eines Hollywoodstars fehlen. «Nicht die schicken», winkt Priscilla ab und erklärt beinahe flüsternd, dass es sich um gewöhnliche Bänder handle, welche die Mähne beim Sport zurückhalten sollen. Aber auch Kleinvieh macht Mist, und ihr Aufenthalt im «Carlyle» will schliesslich bezahlt werden.

Ausgabe 4/2010

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