Ein fabelhafter Fluchtort
Siehst Du keinen Ausweg mehr, träumst nur noch davon, jemand besseres zu sein, dann kenne ich einen Fluchtort für Dich. Er heisst Tanzfläche», singt Madonna in ihrer Single «Vogue». Das Video zum Song, in edlem Schwarz-Weiss gedreht, ist eine Hommage an die Filme und Fotographien des Goldenen Zeitalters von Hollywood. Viele der Nahaufnahmen sind Nachbildungen bekannter Portraits von Marilyn Monroe, Greta Garbo, Jean Harlow oder Marlene Dietrich. Schön choreographiert sind auch die Tanzsequenzen: Rasante Serien von markanten Posen, wie man sie bei Models während eines Shoots sieht, auffällige Armbewegungen und Schwindel erregende Spins. Eine 360°-Schau von Stil, Mode und lasziver Lebenslust. «Du bist ein Superstar», konstatiert Madonna und jeder Zuhörer denkt, er sei persönlich angesprochen. «Yes, that’s who you are», insistiert der singende Superstar noch einmal.
Im selben Jahr, 1990, sorgte der Dokumentarfilm «Paris is burning» von Jenny Livingstone über die so genannte New Yorker «Ballroom-Szene» für Aufsehen. In eineinhalb Stunden sieht man, woher die Inspiration zu Madonnas Hit rührte: aus der afroamerikanischen, homosexuellen Subkultur – einer Sub-Subkultur sozusagen. «An einen Ball zu gehen, ist wie in eine Wunderwelt einzutauchen. Du gehst da rein und es ist 100 Prozent o.k., schwul zu sein, das ist sonst nicht so», meint ein Mann mit schickem Schnauz in schwarzem Leder ganz zu Beginn des Films. An diesen glitzernden Veranstaltungen konnten homosexuelle Männer und Frauen sein, was sie wollten. Über Jahrzehnte saugte die Bewegung popkulturelle Strömungen auf und spitzte sie zu, spielte deren jeweilige Facetten durch. Lange waren die Transvestiten die Ballroom-Queens, die in den verschiedenen Show-Wettbewerben dominierten. In den 60ern wollten sie alle Las Vegas’ Showgirls sein, in den 70ern waren Monroe und Co. die Vorbilder, dann TV-Stars wie Joan Collins mit ihrer Verkörperung der Alexis in «Denver Clan». Als Ende der Achtziger die Ära der Supermodels dämmerte, eiferte man der ersten Modelikone Iman nach. Aber auch für jene, die keinen Gefallen am Sich-Aufdonnern hatten, gab es immer mehr Kategorien: «Landmädchen», «Schuljunge», «Homo», «Militär» oder «Executive». Über die Jahre entwickelte sich ein eigener Tanzstil: «Vogueing». In den entsprechenden Wettbewerben, ähnlich den bekannteren Breakdance Battles, versuchen sich die Tänzer in Sachen Artistik auszustechen – und natürlich in Sachen Stil. Und der ist den typischen Posen der Modebibel «Vogue» nachempfunden.
Die kulturelle Momentaufnahme zwischen den Klammern von Dokfilm und Popvideo vermittelte den Eindruck, die Ballwelt wäre vergänglich. In Tat und Wahrheit waren Madonnas Video und Livingstons Film lediglich kurze Zwischenhalte in einem kulturellen Kontinuum, liebevolle aber voyeuristische Blicke in eine Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurück reicht und auch im 21. noch auftrumpft. Nicht nur in New York; in den ganzen Vereinigten Staaten werden Bars, Freimaurerlogen und weitere unmögliche Lokalitäten regelmässig zu Ballrooms. New Yorks Kulturmagazin «Village Voice» widmete sich unlängst dem Thema und berichtete von einem Ball, bei dem sich verschiedene «Houses», so etwas wie schwule Streetgangs aus New York, Milwaukee, Detroit, Gary, Atlanta und Los Angeles massen.
Traditionelle Transvestiten sind an solchen Events derzeit eher selten anzutreffen. Mit dem Triumphzug des Hiphop wurden Perlen, Perücken und Pailletten eingemottet. Die Ballroom-Szene ist derzeit dabei, der Destruktion der Geschlechterstereotypen einen weiteren, irrwitzigen Twist zu verpassen: Feminine Typen stylen sich als Gangsters und Rowdys. Männer also, die sich als Männer verkleiden. Die cartooneske Männlichkeit des Hiphop fordern Karikatur und Kritik der Ballroom-Kids ja auch förmlich heraus. Sie parodieren machoide Rapper wie Jay-Z zu seiner eigenen Musik und «voguen» akrobatischer und origineller denn je. Frauen-«Houses» in superlarger Hiphop-Uniform machen wiederum die Jungs mit entnervender Kaltschnäuzigkeit platt. All dies ist doch einigermassen überraschend und sehr wohltuend im derzeit homophobischen gesellschaftlichen Klima. In den USA sickert der «New Ballroom» bereits in die Mainstreamkultur durch. Bleibt nur noch zu hoffen, dass der Trend schon bald über den grossen Teich schwappt. Ob wir uns auch dieses Mal auf Madonna verlassen können?
Ausgabe 4/2010
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