Mode: Das bewegte Leben der Unbeweglichen

Wie der Mensch aus Fleisch und Blut der Dekorationspuppe Leben gab und es ihr wieder genommen hat, weil er selbst nicht echt sein will.

Yvonne Kunz

Samstagmorgen auf der exklusivsten Einkaufsmeile Europas. An der Zürcher Bahnhofstrasse ist alles bereit für die Show. Teure Pelze werden gezeigt, schlichter Chic und glänzende Partyfummel. Eine alltägliche Modenschau in einer verkehrten Welt. Nicht die Models, sondern die Betrachter werden über diesen gepflasterten Catwalk der Eitelkeiten wandeln. Hinter Glas die Models: Steife Grazien, die mit leerem Blick ins Nichts starren, unterkühlte Schönheiten, festgefroren in ihren Posen. Ihre Attitüde steht der verächtlichen Überheblichkeit ihrer fleischlichen Kolleginnen in nichts nach. Dennoch wird die Leistung der Kunststoffmodels kaum je in Bildbänden und auf Titelseiten gefeiert. Ihre klinische Schönheit wird eher ignoriert als honoriert, was sie ja eigentlich zu idealen Models macht: Sie sind formvollendete Kleiderständer.

Diese Kunstgeschöpfe haben ganz andere Zeiten erlebt. Ihren ersten fulminanten Auftritt auf der Weltbühne erlebten sie an der Weltausstellung 1900: Neue Kreaturen mit Haut aus feinstem Wachs begeisterten die Besucher. Dank einem unsichtbaren Mechanismus bewegten sie gar Kopf und Augen. Im Salon fächelte sich eine Dame Luft zu, vor einem Spiegel puderte sich eine andere die Nase. Nicht nur das gemeine Volk war hingerissen – auch Dichter und Künstler waren verführt. Der Romancier Emile Zola huldigte sie in seinem Roman «Paradies der Damen» mit dem opulenten Satz: «Über dem runden Busen der Schaufensterpuppen bauschte sich der Stoff, die kräftigen Hüften hoben die Zartheit der Taille stärker hervor … und die Spiegel zu beiden Seiten des Schaufensters reflektierten und vervielfachten sie ins Endlose in einem wohl berechneten Spiel, bevölkerten die Strasse mit diesen schönen, verkäuflichen Frauen.»

Bis sie zu solchen Ehren kam, musste sie allerdings auch unten durch. Am Anfang ihrer Karriere war die Dekorationspuppe eine kopflose Halbfigur. Als 1750 in den Schneidereien von Paris die mutmasslich erste Büste hergestellt wurde, hatte diese keinerlei Ähnlichkeit mit einem menschlichen Mannequin; sie war ein simples Weidengeflecht. Erst um 1880 erhielt sie Beine aus Pappmachee und Stoff und machte ihre ersten Schritte in Richtung Menschlichkeit. Damit sie auch sah, wohin sie trippelte, hatte sie einen Wachskopf bekommen.

Doch ihr Aufstieg nahm mit der Erfindung des elektrischen Stroms gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein jähes Ende: Im gleissenden Scheinwerferlicht der Schaufenster von Paris über London nach New York schmolz ihre hart erarbeitete Schönheit buchstäblich dahin. Abhilfe leistete erst eine Mixtur aus Gips und Gelatine und mit der Entwicklung von Kunststoff startete sie endgültig durch. Heute ist die Schöpfung der künstlichen Menschlichkeit ein anspruchsvolles Kunsthandwerk. Während ganze Heere von Stylisten den Menschen-Models das Leben mit unwirklicher Perfektion aus dem Gesicht pinseln, tun Bildhauer, Graveure, Lackierer und Koloristen ihr Bestes, den leblosen Masken der Schaufensterpuppen etwas Leben einzuhauchen. Ihre Augen etwa stammen aus Airbrushpistolen; Schicht um Schicht wird aufgespritzt, bis man den Puppen durch Seidenwimpern tief in die Augen schauen kann. Und wenn man genau hinsieht, blitzt da gar die eine oder andere Klarlack-Träne auf. Um einen möglichst realistischen Blick zu erlangen, wird der Lack so aufgetragen, dass Lichtreflexe entstehen.

Selbstredend gehen auch die Kunststoff-Damen mit der Mode – sind gerade Brünetten en vogue, kriegen sie Braun in den schönsten Nuancen aufs Haupt gezaubert. Entsprechend verändern sich auch Make-up und Hautfarbe, deshalb bieten die Hersteller bis zu zehn verschiedene Töne an. Aber damit nicht genug. Das Aussehen der Puppen orientiert sich an den Helden und Heldinnen der jeweiligen Zeit. Heute sind es Promis und Models, einst waren es Marie Antoinette oder Antoine de Saint-Exupéry oder Josephine Baker. Für eine Weile durften dann auch Durchschnittstypen Kleider präsentieren. Der bierbäuchige Arbeiter und die vollbusige Landschönheit standen ebenso in den Warenhäusern herum wie die lächelnde Hausfrau in Küchenschürze und der Alltag-Elvis mit Tolle und unverschämtem Grinsen.

Ab den Siebzigerjahren wurden die Puppen reihenweise zum Leben erweckt. Im Song «Schaufensterpuppen» der deutschen Pioniere der elektronischen Musik, Kraftwerk, erwachen sie aus ihrer Starre, treten ihr Schaufenster ein und gehen in der Disco tanzen. Der Dichter Eugen Flammer starrt in einem seiner Texte eine Plastikfrau an, bis sie lebendig wird. Ende der Achtzigerjahre setzte dann auch Hollywood mit der Komödie «Mannequin» der Schaufensterpuppe ein Denkmal: Kim Catrall, heute bekannt als männerfressender Vamp Samantha aus «Sex and the City», gibt darin die Puppe Emmy, die nachts aus ihrer Starre erwacht und sich mit dem Schaufensterdekorateur vergnügt. Im Finish des Films darf dieser ihr dann sogar das Leben retten.

Solche der Wirklichkeit nachempfundenen Charaktertypen sind ausser Mode geraten, das Lachen ist ihnen wieder vergangen und das Leben wurde ihnen wieder abgewöhnt. Bereits in den Neunzigerjahren kam der Backlash mit voller Wucht: Transparente Plexiglasfiguren setzten neue Trends und kopflose Puppen sind bis heute hoch im Kurs. Die bittere Ironie der Geschichte ist nun, dass der echte Mensch seinen Mitstreitern aus Plastik das Leben wieder nahm, das er ihnen gegeben hat. Stattdessen zwingt er seinen Körper zu zunehmend unwirklicherer Schönheit und opfert seine Natürlichkeit der Mode. Indem er sich den Speck vom Po saugen, die Nase modellieren und die Brüste vergrössern lässt, seine Haare verlängert, die Zähne bleicht und das Alter besiegt, ist er selbst zur Puppe geworden.

Ausgabe 4/2010

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