Der Smoking
Es gibt Gründe, warum beim Mann von Welt ein Smoking im Kleiderschrank hängt. Eine Hommage an einen Anzug, der nach edlen Zigarren und gutem Cognac riecht.
Es gibt zweckmässige Kleidung.
Ein Tarnanzug, zum Beispiel, ist eindeutig zugeordnet, auch der Blaumann des Automechanikers, im Ferrarifall rot, die schwarze Tracht des Kaminfegers oder Schürze des Bäckers. Diese Kleidungsstücke sind im Laufe der Jahrzehnte vielleicht modernisiert worden, doch sie sind sich im Wesentlichen gleich geblieben. Ausgerichtet nach Zweckmässigkeit. Arbeitsmonturen. Der Eleganzfaktor blieb dabei dem Zufall überlassen. Es gibt Kleidung, die den Rang einer Person hervorhebt. So etwa die Uniform eines Generals, eines Kapitäns, die Gewänder der kirchlichen Würdenträger, der Dienstanzug eines Bahnhofvorstehers oder eines Polizisten. Auch diese Monturen sind kaum dem Diktat der Mode unterworfen. Es gibt Kleidung, welche die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder sozialen Gruppe ausdrückt, der gestreifte Anzug des Sträflings, die Tracht der Appenzeller, der Anorak des Eskimos, Jägerloden und Gesellentracht. Auch hier gilt das Diktat der Modemacher und Marken weniger. Im Grunde genommen genügt die aufgezählte Garderobe für den täglichen Bedarf. Ergänzt noch durch ein Pyjama oder ein «gäbiges» Nachthemd, vielleicht noch eine Zipfelmütze, wenn’s draussen kalt ist und am Schlafzimmerfenster die Eisblumen wachsen. Und doch braucht man(n) einen Smoking.
Auftritt
Er wird auch der kleine Gesellschaftsanzug genannt. Über den grossen machen wir uns dann Gedanken, wenn wir jemals einen brauchen sollten. Etwa beim Staatsbankett mit Königin Elisabeth und dem amerikanischen Präsidenten. Für diesmal tut’s der kleine.
Der Smoking ist der klassische Abendanzug für den Mann. Er bildet eine Brücke zwischen dem Privaten und dem Offiziellen. Im Smoking ist man gut angezogen, doch man bleibt ein Mensch und ist nicht nur Teil eines Zeremoniells.
In seinen Anfängen war der Smoking nichts weiter als eine Jacke oder ein Seidenmantel. Dieses Kleidungsstück warf man sich über, wenn man mit den Herren im Herrenzimmer eine Zigarre rauchte. Man wollte damit die Damen vor dem strengen Geruch schützen. Die Handlung eines Gentlemans. Herrenzimmer findet man heute kaum mehr. Der Smoking hat hingegen eine lange, bis heute andauernde Karriere gemacht. In der heutigen Form ist der Smoking rund 150 Jahre alt, eine englische Erfindung. Der Prince of Wales, der spätere Edward VII – «Gentlemen, sie dürfen rauchen» –, liess sich von seinem Schneider an der Savile Row einen Anzug entwerfen, den er zu weniger formellen Abendanlässen tragen konnte. Dieser Anzug beruhte auf den ursprünglichen, bequem geschnittenen Smoking-Jacken. Später wurde der Name Smoking gebräuchlich, man trug ihn in Männergesellschaft, im Klub oder bei Einladungen im eigenen Haus. Mit der Zeit entwickelte sich ein fester Dresscode, eben der «Kleine», im Gegensatz zum «Grossen», der bei offiziellen Feiern getragenen Kleidung. Der Smoking war eine Alternative zum Frack. In Nordamerika wurde der Smoking bald übernommen von den wohlhabenden Unternehmern, die ihn auf ihren Bällen trugen. Im Haus im Tuxedo Park von Pierre Lorillard, einem reichen Tabakerben tanzte man im Smoking, der später in Amerika den Namen Tuxedo annehmen sollte. 1890 dann die «Zulassung» des Tuxedos im ersten Rang der Metropolitan Opera in New York.
Bis dahin war der Smoking ein Kleidungsstück, welches im Haus, zu privaten Anlässen und in Männerklubs getragen wurde. Bei offiziellen Auftritten trug man dies- und jenseits des Atlantiks einen Frack. Mit der Zeit wurden Herrenabende und Besuche in Klubs, Restaurants oder Spielkasinos smokingtaug
lich. Dem Anzug blieb jedoch etwas leicht Zwielichtiges anhaften, im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist ein Fauxpas zur Hochzeitsgesellschaft, am heiterhellen Tag im Smoking zu erscheinen. Der Smoking scheut das Tageslicht.
Das Habitat
In den eleganten Restaurants und den Kaffeehäusern der Welt gibt es für den Kellner wenig Alternativen. Man trägt den Smoking allenfalls noch mit einem weissen Sakko. Dazu wird auch mal eine Krawatte anstelle der Fliege geduldet. Wer in ein Lokal geht, wo Kellner und Kellnerinnen in tadellose Tuxedos gekleidet sind, so gesehen in New Orleans, wird sich selbst auch Mühe geben, seine Garderobe in Ordnung zu halten, und das Resultat ist ein gepflegtes Restaurant mit gepflegten Gästen. Der elegant gekleidete Ober, der die Gäste herzlich begrüsst, den Stuhl für die Dame bereitstellt und unauffällig geduldig wartet, bevor er die Bestellung aufnimmt, ist hohe Schule und durch nichts zu ersetzen. Auch ist die Präsenz und Bedeutung eines Croupiers am Roulettetisch durch den Smoking effizient unterstrichen.
Ein weiteres Beispiel, wie der Smoking sich als Berufskleidung im Laufe der Jahrzehnte seinen Platz erobert hat, ist in der Welt der Big Bands und Jazzmusiker zu finden. Pianisten, welche klassische Klavierkonzerte vortragen, stecken bis heute im Frack. Doch Louis Armstrong trompetete und sang im Tuxedo. Unterhaltungsbands sind es, die den Smoking bis heute tragen und sie unterstreichen damit die leichte Frivolität, die ihn umgibt.
Der Smoking wird auch von James Bond getragen. Wer könnte sich James Bond im Frack vorstellen? Gerade weil sich der Smoking in der Nacht und in unterschiedlichster Gesellschaft bewegt, ist er ein Kleidungsstück, welches keineswegs steif oder formell daherkommt. Trotzdem, wer einen Smoking trägt, zeigt, heute noch viel ausgeprägter als früher, dass er sich etwas überlegt hat. Die Frau im Abendkleid, farbig, verspielt, elegant und erotisch, wird in ihrer Schönheit unterstrichen, wenn ihr Begleiter im Smoking steckt. Seine zeitlose und doch legere Eleganz bildet den bewundernden, festlichen Rahmen für sie. Ob es nun ein Ball, eine Opernpremiere oder eine Einladung zum Besuch im Yachtclub von Monaco ist, der Smoking ist immer ein Kompliment an die Begleitung, in der man erscheint, und an den Anlass, den man besucht. Er ist kein steifer Galaanzug, im Smoking darf man auch Twist tanzen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen und, falls man sich dabei das Revers nicht bekleckert, Currywurst essen. Man wird dabei auffallen, aber man kann es tun.
Überhaupt ist es ein Vergnügen, im Smoking Dinge zu tun, die einer allzu feierlichen Stimmung eher trotzen. Etwa in einer Silvesternacht einen Schneemann bauen oder im Hochsommer damit vom 10-Meter-Turm springen. Bisher noch nie gesehen ist auch der Wehrmann, der seine Schiesspflicht am obligatorischen 300-Meter-Stand im Tuxedo absolvierte. So betrachtet ist der Smoking auch kein Statussymbol.
Obwohl ... erst wenn man die Form kennt und beherrscht, ist es erlaubt, sich darüber hinwegzusetzen.
Der beschriebene Smoking.
Das Gewand besteht aus mehreren Teilen. Die Hose ist mit einem Längsstreifen aus Seide der gleichen Farbe aussen verziert. Diesen Streifen nennt man Galon. Die Hose hat keine Aufschläge und keine Gürtelschleifen, sie hält durch einen Gummizug (moderne Variante) oder wird mit innen angeknöpften Hosenträgern an Ort und Stelle gehalten. Das Hemd ist entweder mit einem klassischen Stehkragen (Vatermörder) oder einem kleinen Stehkragen mit abgeschrägten Spitzen versehen. Die Hemdbrust lässt einige Freiheiten zu, längs oder quer gefältelt, völlig glatt, auch Rüschen sind erlaubt. Das Hemd sollte weiss sein, darf allenfalls einen leichten, elfenbeinernen Ton haben. Manschettenknöpfe sind erlaubt, bitte schlicht. Das klassische Smokingjacket ist ein einreihiger, auch zweireihige sind ab und zu gesehen worden, Sakko ohne Rückenschlitz und nur ein Knopf. Die Aufschläge sind mit Seidensatin besetzt. Die Taschen haben keine Klappen. Die Knöpfe am Ärmel und an der Vorderseite sind ebenfalls mit Seidensatin eingekleidet. Ein Einstecktuch, Pochette, in der Farbe des Hemdes kann, muss aber nicht getragen werden. Zum einreihigen Sakko muss ein Kummerbund aus Seidensatin getragen werden, um den Hosenbund zu verdecken. Dieser Kummerbund kann auch durch eine Weste ersetzt werden. Zum zweireihigen Sakko braucht es keinen Kummerbund, da dieser nicht aufgeknöpft wird.
Es führt kein Weg an hochglänzenden, schwarzen Leder- oder Lackschuhen vorbei. Schwarze kniehohe Socken sind selbstverständlich, alles andere ist lächerlich. Bei übergeschlagenen Beinen darf keine haarige Haut der Wade zu sehen sein. (Igitt!) Mit Schmuck sollten vor allem jüngere Männer zurückhaltend sein. Zum Smoking trägt man keine Armbanduhr. Ausser man ist Kellner. Jüngere Männer sollten höchstens einen Ehering tragen, älteren Männern sind Ringe erlaubt, doch nicht mehr als zwei. Eine Krawattennadel oder – spange ist akzeptiert. Orden, Ordensspangen und Auszeichnungen gehören nicht zu einem Smoking. Die Ausnahme sind diplomatische Empfänge. Der Smoking ist meist schwarz. Seltener Mitternachtsblau. Man trägt eine Fliege. Hier kann sich die Kreativität frei entfalten, gepunktet, gestreift, in verschiedenen Farben.
Die Grenzen des Erlaubten und des Verbotenen sind fliessend. Wer eine Fliege mit Madonnas Hintern drauf trägt, wird Anstoss erregen. Doch man kann ihn deswegen nicht aus dem Saal weisen. Sollte es ihnen trotzdem passieren, so ist es die Ausnahme, welche bekanntlich … Grundsätzlich ist Vorsicht geboten, auffallen ist nicht statthaft.
Bunte Smokings sind Sachen für Unterhaltungsartisten oder Clowns und fallen nicht in die gleiche Kategorie.
Der Vollständigkeit halber sei es noch erwähnt: Es gibt den Smoking auch für Frauen in einer beinahe gleichen, zeitlosen Variante. Er nennt sich schlicht «Le smoking» und ist unter dieser Bezeichnung auch im Angebot des Hauses Yves Saint Laurent zu finden.
Kein Smoking?
Dann kaufen Sie sich einen. Bei allen gängigen Herrenausstattern werden welche angeboten. Ab 500 Franken sind Sie dabei. Oder einen handgefertigten Brioni-Smoking ab ca. 13 000 Franken.
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Ausgabe 4/2010
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