Essay: Den Vater im Sinn

Juri Sternburg ist 27 Jahre alt und lebt in Berlin-Kreuzberg. Bereits als jungen Burschen
zog es ihn zum Theater: Als Dreizehnjähriger wirkte er in verschiedenen Produktionen in Berlin mit, wenig später begann er, sich intensiv mit Graffitikunst und Street Art zu beschäftigen. Er absolvierte Praktika und Hospitanzen im Bereich Bühnenbild und arbeitete beispielsweise am Deutschen Theater in Almaty, Kasachstan. Zudem schreibt Juri Sternburg: 2007 entstand seine erste einaktige Auftragsarbeit «Sechs Quadratmeter Chrom» für das Trockenschwimmer-Festival in Berlin. Zeitgleich begann er, für die «taz» zu schreiben. Seither werden seine Kolumnen und Artikel im Kulturteil regelmässig publiziert. Es folgte sein erstes Hörspiel «Türsteher», das im SWR im März 2010 zu hören war. Letztes Jahr war er mit seinem ersten Theaterstück «Der Penner ist schon wieder woanders» für den Jurypreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert; die Jury entschied sich, den Preis unter den fünf Nominierten aufzuteilen. Dieses Jahr ist Juri Sternburg für den Stückemarkt Berlin nominiert.
Es ist kein besonderer Tag, ganz im Gegenteil. Müsste ich die übermässig
helle Zeitspanne, die meist nach der Nacht auftaucht, mit einem Musiker
vergleichen, und dafür gibt es bis auf den Unterhaltungsfaktor keinen
besonderen Grund, so wäre dieser Tag wohl Phil Collins. Oder Lionel
Richie. Der Zahnarztbesuch war harmloser als erwartet, die Rechnungen
stapeln sich auf dem Tisch, der MP3-Player dröhnt in den Ohren. Eine
meiner Lieblingsbands tönt gerade «Ich sehe dabei zu, wie der Suff mich
entstellt, Vater wer bist du, Mutter gib Geld!», und der kurze Sprint
auf dem Bahnhof (ich hatte mal wieder kein Ticket) hat meine
Lebensgeister geweckt. Jemand spricht mich an, er hält eine Infomappe in
der Hand, es geht wohl um die Haltungsbedingungen von kirgisischen
Kampfhähnen. Normalerweise müsste ich ihm erklären, dass ich
Hahnenkämpfe äusserst amüsant finde und in Kasachstan sogar mal einen
sehr sympathischen kirgisischen Hahnenkampftrainer kennen lernte. Aber
erstens bin ich aufgrund der mich verfolgenden Kontrolleure etwas unter
Zeitdruck und zweitens hab ich das gar nicht nötig. Denn meine riesigen
Kopfhörer signalisieren ihm deutlich, was ich von seinem plumpen
Konversationsversuch halte. Glücklich, dass mich der imaginäre Schutz in
Form von Schallwellen vor der Aussenwelt und somit vor überflüssigen
Fragen schützt, stürze ich schweissüberströmt und nach Luft japsend aus
dem Bahnhof.
Fragende Blicke überall. So langsam komme ich nämlich in das Alter, in
dem man mir Fragen stellt. Nicht mehr die üblichen Fragen über das Was
und Wo, über das oberflächliche Befinden oder den anhand eines
Bankkontos zu definierenden Status. Auch nichts Belustigendes wie:
«Können Einzelgänger auch alleinstehend sein?» Vielmehr scheint der
Zyklus der sinnsuchenden Alles- und Nichtskönner angebrochen zu sein, so
wie ich es einer bin. Mit dem kontinuierlichen Verstreichen der Zeit
gehen die das Wieso betreffenden Fragen anscheinend automatisch einher,
und meine Wenigkeit scheint als internationaler Sammelpunkt der
unendlich Wissbegierigen zu fungieren. Mich fragt man. Als ob ich
überhaupt irgendetwas wüsste. Als ob ich in der Lage wäre, mir selber
Fragen über das Warum und Wieso zu beantworten, geschweige denn das
Wieso irgendwelcher anderer Menschen. Ich bin ja schon mit den
alltäglichen Nebensächlichkeiten überfordert, wie zum Beispiel den
Fragen: Wer ist diese Frau da neben mir? Warum will sie nicht, dass ich
diese merkwürdige Tagesdecke auch nachts benutze? Was ist der
Unterschied zwischen einem Dekokissen und einem Kopfkissen? Wie werde
ich diese Frau wieder los? Oder auch einfach nur: Warum bezahle ich
eine Krankenversicherung, wenn ich dann den Zahnarzt noch mal bezahlen
muss?
Und nun, seit kurzem, beginnen die Menschen in meinem Umfeld auch noch,
Ratschläge einzufordern, Lebenserfahrung geltend machen zu wollen. Sie
wünschen aus dem Erfahrungspool zu schöpfen, den ich ihrer Meinung nach
aufgefüllt haben müsste. Dabei bin ich vom Erwachsenwerden so weit
entfernt wie Whitney Houston von einem erfolgreichen Comeback. Was
allein durch den letzten Satz bewiesen sein dürfte. Dieses Gefühl wird
nirgends so deutlich wie im eigenen Elternhaus. «Das Beste am
Älterwerden ist die Tatsache, dass die Füsse zwar nicht mehr wachsen,
aber die Turnschuhsammlung um so mehr», lallte mir mal jemand zu, und
ich fand das Argument einleuchtend. Natürlich erfährt man im Laufe der
Jahre einige Tipps und Tricks, bewältigt Trips und Ticks, aber von einer
Vorbildfunktion oder gar einem eloquenten Ratgeber kann keine Rede
sein. Für so etwas gibt es doch Eltern. Mütter. Väter. Und so jemand
kann und möchte ich definitiv nicht sein. Aber das liegt wohl in der
Natur der Sache.
Womit das zusammenhängt und warum diese Menschen sich einbilden, ich
wäre ihr Ansprechpartner (in jedweden Dingen), ist mir schleierhaft.
Schliesslich biete ich meine Dienste weder offensiv an noch habe ich ein
Schild mit meinen Öffnungszeiten um den Hals hängen. Es gibt keinen
ersichtlichen Grund für meine Beliebtheit in Sachen Lebensberatung. Ich
habe kein Haus. Keine Kinder. Kein Sparbuch. Keinen Nobelpreis. Ich bin
nicht ihr Vater, geschweige denn ihre Mutter. Man könnte doch annehmen,
dass meine Mitmenschen meine völlige Ratlosigkeit das Leben betreffend
weitaus stärker spüren als ich selbst. Aber dem scheint nicht so.
Wenn ich früher ein Anliegen hatte oder es eine Wissenslücke zu füllen
galt, ging ich zu meinen Eltern. Da beide selten als Einheit fungierten,
sondern immer das Gegenteil des anderen propagierten, gab es immer
mindestens zwei mögliche Antworten. Meine Mutter erklärte mir so
einiges, nur mit meinem ursprünglichen Gesuch hatte dies meist wenig zu
tun. Sie nahm gerne die ein oder andere Abzweigung, verlor sich in ihren
eigenen Gedanken oder Theorien und endete bei einem interessanten, aber
für die ursprüngliche Frage und die umstehenden Zuhörer vollkommen
unerheblichen Thema. Fragte ich zum Beispiel «Wo wachsen Purzelbäume?»
konnte sie schnell bei der Definition von siamesischen Zwillingen landen
und
mit dem Hinweis «Und über solche macht man sich nicht lustig, auch
nicht, wenn sie schon getrennt wurden, das kannst du dir ein für allemal
hinter die Ohren schreiben!» enden. Wenn mich ihre Antworten nicht
befriedigten, rannte ich ihr so lange hinterher, bis sie ihrerseits mit
den Nerven am Ende war. Ich höre zwar immer wieder, dass ich eigentlich
ein braver Junge war, doch ich weiss um meine eigene Ungezähmtheit, man
könnte mich wohl in die Kategorie Kaspar Hauser einordnen. Rein absurd
betrachtet zumindest. Dafür fing ich mir zwar die ein oder andere
Ohrfeige ein, aber was soll ich mich aufregen, immerhin habe ich ihre
Haut mehr verletzt als sie die meine. Mein Vater hingegen glänzte mit
präzisen Ausführungen, Verweisen auf Sekundärliteratur und aus dem Leben
gegriffenen Beispielen, die die theoretischen Ausführungen praktisch
untermauerten. Man musste allerdings Zeit mitbringen. Wer wenig Zeit
hatte oder eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne, wer nur eines
oberflächlichen Überblicks bedurfte, der war fehl am Platz und wurde
umgehend des Feldes verwiesen. Das war manchmal anstrengend, gerade in
den Phasen der Pubertät, aber im Endeffekt doch immer die ehrlichste
Lösung. Aber zuallererst stellte er eine natürliche Autorität dar.
Sämtliche Beobachtungen, ob in den eigenen vier Wänden oder auf der
Strasse, liessen mich zu dem Ergebnis kommen, dass er in jeder Situation
wusste, was zu tun ist. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich selber
das Gefühl habe, dies nie zu wissen. Wahrscheinlich ist es aber das
Natürlichste der Welt, so muss es zumindest sein, sage ich mir.
Ich presse mich an eine Wand, um kurz durchzuatmen und eine Zigarette zu
rauchen, was im Endeffekt aufs Gleiche hinauskommt. Selbstverständlich
führt der Weg zur Selbsterkenntnis über den eigenen Vater, aber was
bringt es, jemanden beurteilen zu wollen, der allein durch die
automatische Nähe und Geborgenheit, die man empfindet, vollkommen
wertungslos als unumstössliche Institution gilt. Wie nähert man sich
einer solchen Institution objektiv?
Wenn mein Vater ein Saal wäre, würde das Ganze so aussehen: Die Tür ist
zwar schwer und gross, lässt sich aber beizeiten problemlos öffnen. Der
erste Schritt fällt relativ leicht, ein Stück roter Samtteppich lädt
ein, auf ihm zu schreiten. Links und rechts bestimmen meterhohe
Bücherwände den ersten Eindruck; alte und grosse Bücher, teilweise
staubig, teilweise abgenutzt vom vielen Lesen. In der Mitte des Raums
steht ein Billardtisch, die an den Seiten aufgestellten Ritterrüstungen
betrachten sich gegenseitig, einvernehmlich schweigend. Ein Kind läuft
auf einen grossen Ohrensessel zu, Zigarrenqualm wabert durch die Luft,
die zu stellende Frage auf einem kleinen Stück Pergament
niedergeschrieben, bleibt es vor dem Sessel stehen und wartet auf
Antworten. Das hätten Sie wohl gerne! Diese äusserst kitschige
Beschreibung eines Herrensalons entspricht natürlich in keinster Weise
meinen Eindrücken, aber allein die Tatsache, dass Sie für eine Sekunde
daran geglaubt haben, erfreut mich ungemein. Schliesslich zeugt es
davon, dass auch Sie gerne dem Klischee erliegen, tatsächlich gedacht
haben, ich hätte eine Selbsttherapie verfasst, und den einfachen Wegen
nicht abgeneigt sind.
Doch so einfach ist es nicht, so einfach ist es nie. Wenn ich überhaupt
einen Saal beschreiben müsste, so wäre es einer, dessen Ende und Anfang
ich nicht erkennen kann, dessen verworrene Gänge undurchdringbar sind.
Denn das Begreifen des Lebens liegt mir nicht nur unglaublich fern, ich
vermeide es beinahe. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, bin ich mir
sicher, dass mein Vater auf gar keinen Fall eine allwissende und über
allen Dingen stehende Persönlichkeit gewesen sein kann, als ich geboren
wurde. Das beweisen allein die Erfahrungen, die ich mit dem Leben
gemacht habe. Niemand weiss immer, was zu tun ist. Trotzdem gibt es
Personen, von denen man dies annimmt, zumindest bei den ersten Treffen.
Das ist einer der feinen Unterschiede. Wie oft hat man sich Hals über
Kopf verschossen, um nach kurzer Zeit festzustellen, dass man sich einem
Augenblick oder einem herbeigesehnten Moment hingegeben hat. Wie oft
war man begeistert von der Vielfältigkeit seines Gesprächspartners, um
nach wenigen Wochen entnervt festzustellen, dass dieser sich thematisch
im Kreis dreht. Die meisten Menschen verlieren ihre Aura im alltäglichen
Kontakt. Diese Schutzhülle aus Eleganz und Überlegenheit, die sie
umgibt, bröckelt mit jeder Sekunde, in der sie mich an ihrem Privatleben
teilhaben lassen. Nur bei ganz besonderen Menschen und bei den eigenen
Eltern bleibt diese Aura im Idealfall erhalten.
Das ist eventuell ein gewisser Fortschritt, denke ich mir, während ich
eilig an dem Zigarettenstummel ziehe, der mir noch geblieben ist.
Immerhin habe ich aus meinen eigenen Erfahrungen einen logischen Schluss
gezogen, das grenzt schon fast an Eloquenz und könnte eine Vorstufe zum
Erwachsenwerden darstellen. Vielleicht ist es aber auch nur eine
vorübergehende Verwirrtheit – wobei Scott Fitzgerald sagte: «Intelligenz
ist die Fähigkeit, zwei
einander widersprechende Gedanken gleichzeitig im Kopf zu haben.» Was er
über vier oder fünf sich widersprechende Gedanken gesagt hat, ist
leider nicht überliefert. Und so stehe ich wieder am Anfang, mit dem
Gefühl, einer Vorbildfunktion nicht gerecht zu werden. Wem ich ein
Vorbild sein soll, ist die Frage. Wofür ich ein Vorbild sein soll. Wem
diese vorbildliche Haltung nützen würde. Im Endeffekt nur mir selber.
Ich müsste eigentlich einen Umweg über eine Nebenstrasse gehen, um den
Blicken der immer noch wütenden Kontrolleure zu entgehen, doch ich bin
spät dran. Also ziehe ich mir die Mütze ins Gesicht und gehe den
direkten Weg zu meiner Wohnung. Nur noch wenige Meter. Dann erwischt es
mich. Ich werde entdeckt und mitgenommen, beschimpft und ausgefragt,
aber was habe ich auch anderes erwartet. Mir fällt einer dieser
Ratschläge ein, die mir mein Vater mit auf den Weg gab und die zum
Kotzen wahr sind: «Wenn du heute den leichten Weg wählst, hast du morgen
den weitaus schwierigeren vor dir!»
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