Ein Idol, das mein Vater sein könnte

Matthias Martens

And here you are
Away from us all
And all you’ve got is champagne
And tea for two
And so it goes
On with the show
And I hope all your dreams come true
Bring back the good old days
In time ... always in your time

aus VALKERIE
David Surkamp


Keine Angst vor alten Helden!

Neulich habe ich ein Jugendidol von
mir auf der Toilette getroffen. Der Klassiker am Pissoir. Ohne hingucken, aber immerhin mit Unterhaltung. Weil man auf der Toilette aber niemandem ernsthaft eine Zigarre verpassen kann, muss ich David Surkamp unbedingt wieder sehen. Wir haben auch eine Verabredung: nächstes Jahr.

Jeopardy: Die Antwort ist «David Surkamp». Die Frage lautet: «Wer ist der Sänger der Kultband Pavlov’s Dog aus den Siebzigern, der durch seine Falsettstimme bekannt wurde?» Nicht einmal mein Freund Paul, der Sänger, kann «Teach me a song and I’ll dance for you» nachsingen, sogar bei «Late November» wirds schwer. «I’ll bring you home gold nuggets in the spring ...» geht. Sehr schön. David ­Surkamp gründete die Band in meinem Geburtsjahr 1972. 1975 kam das erste Album «Pampered Menial» heraus, und wie in kaltes Wasser springt man bei den ersten Klängen von «Julia» mitten in die Musik hinein, die einen bis zum letzten Akkord nicht mehr loslässt.

Ich habe Pavlov’s Dog erst in den Achtzigern kennengelernt und bis heute immer ­irgendwo präsent. «Pampered Menial», das Nachfolgealbum «At the Sound of the Bell» waren Kult, verrucht und sind untrennbar mit einigen meiner ersten Raucherlebnissen verbunden, nein keine Zigarren, die lässt man nicht zu den Klängen einer Rockgitarre und einer ­halluzinogenen Orgel kreisen. Teppich vor den Fenstern, Zivildienstleistende, Internatsschüler, Hippiemädchen, naja fast ...

Erst dachten wir, der Sänger wäre eine Frau, bei den Texten? Dann fanden wir heraus, ein Mann war der Sänger mit dieser Wahnsinnsstimme. Man munkelte Helium und das klang ein wenig nach Heroin, und schon war der Sänger mit der schönen Stimme drogenabhängig, na, das passte ja wieder, und kurz danach war er tot, munkelte man. Begriffe wie «half-breed cowboy» oder «Natchez trace» gab das Dictionary nicht her und wir mussten den Englischlehrer fragen, der mich bei Vokabeln aus der Rocky Horror Picture Show schon fragte, was denn meine momentane Lektüre wäre. Gar nicht so verkehrt, wenn David Surkamp seine Texte nicht gesungen, sondern als Gedichte veröffentlicht hätte, wäre er ein Dichter gewesen. Dann hätte ich aber seine Worte und später ihn selbst nicht kennen gelernt, denn lesen war nicht angesagt in den Achtzigern, schon gar nicht Lyrik.
Die Musik ist und bleibt gut, zu der Violine in «Episode» kann man wunderbar eine schöne Frau verführen, zu «Gold Nuggets» jemanden vermissen. Zu den Klängen von «Theme from Subway Sue» kann man grandios verlassen werden und jemanden lächelnd gehen lassen. Um sich für die nächste Liebe fit zu ­halten, empfehle ich zwischen den ­Zigarren zu «She breaks like a morning sky» zu laufen. Wenn man auf der Autobahn nicht zu schnell fahren will, empfehle ich alle fünf Alben, das letzte ganz besonders. «Echo and Boo» mit ­einer grossartigen Version von «Oh Suzanna».

Ich wusste lange nicht, ob die Band noch tourt, und immer wieder werde ich mit dem Gerücht des toten Sängers überrascht. Er lebt, denn Tote geben keine Konzerte und gehen danach nicht ganz selbstverständlich mit einem Teil der Zuschauer auf die Toi­lette. Muss man aber wahrscheinlich, wenn man vor 50 bis 80 Menschen spielt. Dafür dass Pavlov’s Dog damals die teuerste Band war, die als Einsteiger bei ABC Records unterschrieb, ist das nicht umwerfend, aber David Surkamp scheint keine Probleme damit zu haben. Die Band ist verjüngt und erfrischend anzusehen, Rotfuchs am Bass und ein Gitarrist, der glaubt, so cool zu sein, wie er sich benimmt, yeah. Begnadete Violinistin, tougher Drummer und Davids Frau als zweite Stimme. «I don’t do so good without you» singt sie.

«Julia», «Suzanna», «Angeline», «Jenny» und «Ava Gardener’s Bust» singt er. Es ist alles okay im Rockbusiness. Nur sympathischer. Ich hatte den Rest meiner
geliebten Fonseca No. 1 im Mund und ein tolles Veilchen unter dem linken ­Auge. David fragte mich urinierend,
ob ich ­einen Fight gehabt hätte. Was tun? Ich log und bejahte. «Only was hit ­once ... should see the other guy.» Er
sinnierte: «Well guy it’s okay to get hit, where I come from – know I’m coming from St. Louis – we are allowed to wear guns.» Ich weiss nicht genau, was er meinte. So konnte ich nur erwidern «Well, thought you’re a poet.» «Yes I am ... Poets love guns and girls.» Erinnerte mich an ein Zitat von Jean-Luc Godard: «Alles, was man für einen
Film braucht, ist ein Revolver und ein Mädchen.» Er hatte keine Zeit für eine Zigarre. Schade, wir haben uns für nach dem Konzert seiner Tournee 2012 verab­redet. Ich muss unbedingt rausfinden, welche Knarre er bevorzugt und welche Zigarren. Wo krieg ich nur 2012 schon wieder ein Veilchen her?

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