Der kinderlose Vater

Der Abt vertritt im Kloster die Stelle Christi. Muss er zurechtweisen, handle er klug und gehe nicht zu weit, sonst könnte das Gefäss zerbrechen. Stets rechne er mit seiner eigenen Zerbrechlichkeit, er denke daran, dass man das geknickte Rohr nicht zerbrechen darf. Er sei nicht stürmisch, nicht ängstlich, nicht masslos, nicht eifersüchtig und nicht allzu argwöhnisch, sonst kommt er nie zur Ruh. (Aus der Regel des heiligen Benedikt)

Tobias Hüberli

Cigar: Abt Daniel, erzählen Sie mir von Ihrem Vater.
Abt Daniel: Alle Schönbächler sind ursprünglich von Einsiedeln, mein Vater war noch dort geboren. Am Sihlsee gibt es eine Postautohaltestelle mit dem Namen Schönbächli. Mein Urgrossvater war Politiker und Förster, mein Grossvater war auch Förster und kam nach Winterthur. Mein Vater machte eine Schreinerlehre, aber in den Dreissigerjahren gab es wenig Arbeit, darum ging er zur Bahn. Er wurde Bahnbeamter
im Güterbahnhof. Wir waren vier Kinder im Haushalt. Es war eine Arbeiterfamilie. Der Vater arbeitete zum grösseren Teil in Nachtschichten. Aber er war sehr unkom­pliziert. Wir mussten als Kind nicht besonders ruhig sein, wenn er tagsüber schlief. Die Mutter machte Hausarbeit, sie war Schneiderin. Wenn sie arbeitete und der Vater morgens zuhause war, kochte er für uns. Wir hatten in der Familie damals schon eine Arbeitsteilung, die man heute für modern hält.

Wie war der Vater?
Abt Daniel: Er war kein Patriarch. Er war ein gutmütiger Mensch, der seine Verpflichtungen wahrnahm. Er war Turner und Schwinger, hatte einen Kasten voller Kränze, ein Kleiner, Dicker, Zäher, sagten sie. Wir lebten damals in der Diaspora. Wenn eine Schulklasse 45 Kinder hatte, waren davon vielleicht nur vier oder fünf aus katholischen Familien.

Die Religion stiftete die Identität?
Abt Daniel: Die Trennung war klar, soziologisch nennt man das, eine «versäulte Gesellschaft». Als Katholiken in Winterthur ­kamen wir uns wie die zweite Garnitur vor. Als Kind begriffen wir beispielsweise nie, warum wir die Fasnacht nicht mitmachen konnten. Die Zürcher Fasnacht liegt in der katholischen Fastenzeit. In der Familie meines Vaters hatte es ­immer schon geistliche Berufungen gegeben. Ein Onkel des Vaters war ­Pfarrer in der Innerschweiz. Eine Tante Ordensfrau. Ein ­Bruder meines Vaters war Benediktinermönch. Die Religion wurde bei uns zuhause praktiziert.

Wann haben Sie sich entschieden, einen geistlichen Beruf zu er­greifen?
Abt Daniel: Das kann man so nicht sagen. Früher war es in dieser sozialen Schicht undenkbar, das Gymnasium zu machen, wenn man nicht diesen Weg gehen wollte. Es war ein archaisches Muster. Wer auf das Gymnasium ging, wurde Pfarrer, das war die Erwartungshaltung, auch wenn sie nicht ­ausgesprochen wurde. Ich konnte das Gymnasium machen, aber natürlich nicht in Winterthur. Man sagte mir, wenn du als Katholik in Winterthur das Gymnasium machst, fällst du entweder durch oder du bist am Ende nicht mehr katholisch. Mein Onkel war damals schon im Kloster Disentis, das war natürlich ein Bezugspunkt, darum kam ich in die dortige Klosterschule.

Sie waren 21 Jahre alt, als Sie dem Kloster Disentis beitraten.
Abt Daniel: Ich beendete die Matura 1962. Danach besuchte ich das Priesterseminar in Chur, wusste aber bereits, dass ich nach Disentis zurückkehren würde. 1963 trat ich bei den ­Benediktinern ein. Kaum hatte ich mich angemeldet, wurde mein Onkel Abt im Kloster. Das war für mich kein Vorteil, denn wenn es bei meinem Onkel etwas nicht gab, dann war das Nepotismus.

Seit 2000 sind Sie selber Abt. Der Hausvater des Klosters, wie ­definieren Sie diese Vaterrolle?
Abt Daniel: Wir leben nach der Regel des heiligen Benedikt, dort gibt es zwei Kapitel über den Abt. Das Wort Abt stammt vom ­griechischen Abba ab und bedeutet Vater. Der Abt ist im ­Kloster der Stellvertreter Christi, er muss so leben, dass seine Brüder in ihm Christus sehen können. Das ist keine ­Arroganz, sondern eine Herausforderung. Ich gebe mir Mühe, so zu sein, wie Christus mit seinen Jüngern war.

Was bedeutet das konkret?
Abt Daniel: Der Abt muss in erster Linie ein geistlicher Vater sein. Benedikt beschreibt ihn als Seelenleiter. Der Abt muss seine Mitbrüder fördern. Die Starken fordern und die Schwachen ermutigen. Ein Mönch in einem Kloster sollte nur ein Ziel haben: nämlich Gott zu suchen. Und der Abt muss die Bedingungen dafür schaffen. Die Benediktiner haben eine ­familiäre Struktur. Man meint oft, dass der Orden eine weltweite Organisation ist, so wie ein Personalverband, in dem man Leute hin- und herschieben kann. Aber dem ist nicht so. Wenn ein Benediktinermönch sein Versprechen abgibt, dann nur für ein bestimmtes Kloster, in dem er auch bleibt. Das unterscheidet uns von einem Betrieb. Wenn dort einer nicht spurt, dann ist er sofort draussen. Das gibt es bei uns nicht.

Wie ist das Zusammenleben geregelt?
Abt Daniel: Man rühmt die Regel des heiligen Benedikt als überraschend demokratisch. Aber das ist sie nicht im modernen Sinne. Es gibt kein Lobbyieren vor einer Wahl und es gibt auch keine Mehrheitsbeschlüsse. Die Regel besagt, dass der Abt alle anhören soll. Auch die Jüngeren, denn oft gibt Gott einem Jüngeren einen Rat. Und dann soll der Abt vor Gott überlegen und entscheiden. In den heutigen Klöstern ist es aber schon so, dass man gewisse Fragestellungen abhängig macht von der Abstimmung. Wir sind sozusagen demokratischer im modernen Sinne geworden.

Wie hat sich die Rolle des Abtes innerhalb der Klöster ver­ändert?
Abt Daniel: Man sieht eine Veränderung. Im ursprünglichen Sinn hat der Abt nicht einfach einen Job. Er ist Abt und erhält eine Weihe. Darum wurde er auch auf Lebenszeit gewählt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gilt für Bischöfe eine Altersgrenze von 75 Jahren. Dies hat man auch auf die Äbte übertragen. Bei den Schweizer Benediktinern liegt die Altersgrenze noch bei 75 Jahren, in Deutschland und Österreich aber bei 70 Jahren. Immer öfters wird ein Abt auch auf Zeit gewählt. Abt Martin von Einsiedeln beispielsweise ist auf zwölf Jahre gewählt. So verwandelt sich das Bild des Abtes mehr und mehr in eine Funktion.

Was Sie bedauern?
Abt Daniel: Es geht eine spirituelle Dimension verloren. Der Abt ist nicht einfach ein Funktionär. Aber es zeigt sich, dass Äbte, die zurücktreten, die Insignien des Abtes ablegen und zurück in die Reihe der Mönche treten. Ich habe im Haus noch meinen Vorgänger, der ist 85 Jahre alt. Und er ist erkennbar als Altabt. Das finde ich richtiger.

Wie ist Ihr Verständnis von einem Vaterbild?
Abt Daniel: Eigentlich weiss jeder Mensch, was ein Vater und was eine Mutter ist. Nur diskutiert man an diesen Rollen ­herum. Aber das Ursprünglichste ist: Die Mutter hält das Kind in den Armen, der Vater nimmt das Kind an der Hand und führt es. Der Vater hat die Aufgabe, ein Kind in die Welt zu begleiten, hinaus aus der Familie. Ein Vater sollte führen. Das ist mir wieder aufgefallen, als die chilenischen Bergarbeiter eingesperrt waren. Wenn es dort keine starke Vaterfigur gegeben hätte, wäre es nicht gut herausgekommen. Einer musste die Führungsrolle übernehmen und klare Grenzen setzen. Die Kumpels diskutierten ja bereits, wen man als Erstes aufessen wolle.

Ein solches Vaterbild wird stark diskutiert und gilt wohl nicht mehr als zeitgemäss.
Abt Daniel: Natürlich wird das diskutiert. Aber wenn es darauf ankommt, funktioniert so eine Vaterrolle nach wie vor. In ­Chile in der Grube hat es funktioniert.

Wie entschärfen Sie Spannungen unter den Mönchen?
Abt Daniel: Vielleicht zu wenig. Ein Hauptproblem in unserer Zeit ist, dass man sich nicht zugehörig fühlt. Ich sage immer, ein Kloster ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Bei uns gibt es jedoch Mitbrüder, die irgendwie nicht dazugehören. «Aber ihr könnt mich ja nicht rauswerfen», sagen sie. Dafür machen sie knurrend auf Opposition. Laut Benedikt muss der Abt auf den Einzelnen eingehen, ihn je nachdem fordern, strafen oder gütig begleiten. Er kann verschiedene «Medikamente» an­wenden wie ein weiser Arzt, Ermahnungen, Ermutigungen, Trost, sein eigenes Vorbild, das Gebet. Der allerletzte Schritt ist der Ausschluss. Ein Abt muss nicht zu jedem Bruder den gleichen Zugang haben, das geht gar nicht.

Waren Sie als Abt auch schon überfordert?
Abt Daniel: Das gibt es auch. Ich bin jetzt bald 70 Jahre alt und weiss inzwischen, wo meine Kindheitsmuster liegen. Zum Beispiel wenn man von mir Sachen verlangt, die ich gar nicht lösen kann.

Waren Sie in Ihrer Kindheit mit unlösbaren Aufgaben kon­frontiert?
Abt Daniel: Das ist sicher so. Einmal lief ich sogar von zuhause fort. Mein Vater fuhr mir mit dem Velo hinterher. Er hatte ­etwas auf dem Gepäckträger und sagte mir, ich solle das der Grossmutter bringen, die auf der anderen Seite der Stadt wohnte. Ich brachte das Paket und kehrte nach Hause zurück und war wieder aufgenommen. Später sagte mir ein Psychologe, dass mein Vater damals falsch gehandelt hätte, weil er ­meine Gefühle nicht ernst genommen habe. Ich habe dies nicht so empfunden.

Wie setzte Ihr Vater die Grenzen?
Abt Daniel: Es gab Regeln, und wer die nicht respektierte, wurde bestraft. Dazu gehörten auch Schläge. Heute würde so ein Vater auf Missbrauch eingeklagt. Wir haben den Vater in seiner Funktion aber akzeptiert. Wir wussten, dass wir die Strafe verdient hatten.

Trotz der Schläge?
Abt Daniel: Es gab dort etwas Mysteriöses. Mein Vater wurde in seiner Familie nie geschlagen. Es war also nicht die Idee des Vaters, uns Kinder zu bestrafen, sondern die Idee der Mutter. Sie übertrug aber diese Aufgabe dem Vater. Schön ­biblisch: Wer seinen Sohn liebt, der schlägt ihn. Wenn ich jetzt zurückdenke, tut mir der Vater leid, wenn er müde von der Arbeit zurückkam, musste er noch diesen Pflichten nachkommen. Was er dann aber auch vehement machte. Ich wollte immer zäh sein und sagte, ich schreie ganz sicher nicht, er schlug aber so lange, bis ich heulte. Mein Bruder heulte immer schon von Anfang an und bekam so weniger Schläge. Aber keiner von uns Kindern war auf den Vater zornig, weil wir genau wussten, dass er nicht im Affekt schlug. Wir wussten immer, wofür wir die Strafe bekommen haben.

Sie haben nicht unter den Schlägen gelitten?
Abt Daniel: Ich hatte gelernt: C’est la vie, die Welt ist so ein­gerichtet. Das waren die Spielregeln, daran hielt man sich. Wo kämen wir denn sonst hin.

Wie ist Ihre Vorstellung von Erziehung?
Abt Daniel: Wer keine Grenzen setzt, der kommt seinen Er­ziehungspflichten nicht nach. Wie man diese setzt, das ist von Kultur zu ­Kultur unterschiedlich. Es ist für ein Kind auch imponierend, wenn es Grenzen und Regeln gibt. Aber sie müssen gerecht sein. Es muss feste Spielregeln geben. Man darf nicht will­kürlich handeln.

Schläge gehören nicht mehr in moderne Erziehungsmodelle, bedauern Sie das?
Abt Daniel: Ich bedauere alles, was man übertreibt. Es gibt sehr grosse kulturelle Unterschiede diesbezüglich. Italienische Kinder dürfen vielleicht lauter sein als Schweizer Kinder, aber die Mama hat trotzdem eine sehr lockere Hand. Ich denke, es kommt sehr viel mehr auf die Intention hinter den Schlägen an. Ein Kind ist sehr sensibel und spürt sofort, ob sich jemand an ihm rächt. Früher mussten die 13-jährigen Buben den ­ganzen Sommer alleine auf die Alp. Die Frage ist, was Härte ist. ­Irgendwo braucht es sie. Benedikt sagt dazu: Die einen brauchen Härte und müssen gefordert werden. Abhärtung, um weiterzukommen. Es gibt aber andere, die würden daran zerbrechen, die müssen anders weitergebracht werden. Man muss dem Menschen gerecht werden in seiner Wesensart.

Die Öffentlichkeit reagiert sensibel, im Besonderen bezüglich grenzwertigen Erziehungsmethoden in Klöstern oder deren Schulen.
Abt Daniel: Wir haben durch die öffentliche Diskussion gelernt, haben Unrecht erkannt und sind vorsichtiger geworden. Die Werte haben sich verschoben, was positiv ist. Dass wir im Kloster jedem Verdacht auf Gewalt, sei das sexueller oder ­gewalttätiger Natur, über mehrere Jahrzehnte zurück nach­gehen und eine öffentliche Auslegeordnung machen sollen, kann mutig und ehrlich sein oder aber auch übertrieben. Auf jeden Fall wurde die Tabuisierung aufgehoben, und das ist gut.

Ist Gott eine Vaterfigur?
Abt Daniel: Das haben wir als Kinder so mitbekommen, der Vater im Himmel mit einem langen Bart. In der Regel des ­Benedikt kommt Gott als Vaterbild aber kaum vor. Benedikt ist ganz auf Christus ausgerichtet. Man kann sich von Gott kein Bild machen, Christus aber ist uns «gleich» geworden, und er hat uns Kunde gebracht vom Vater im Himmel. Es gibt in der Bibel sehr viele Urbilder von väterlicher Führung. Die Engel transformierten sich in der Renaissance zu Eroten und in der Barockzeit zu niedlichen Putten, sie können aber eigentlich als sehr väterliche Figuren gelesen werden. Ich bete zu einem Vater im Himmel, denke dabei aber nicht an einen «Manoggel» mit weissem Bart, sondern an einen Schöpfergott, der uns liebt und begleitet und doch immerzu ein Geheimnis bleibt.



Abt Daniel Schönbächler, geboren 1942, wuchs in Winterthur in einer katholischen Familie auf. Von 1955 bis 1962 absolvierte er das Gymnasium an der Klosterschule Disentis. 1963 trat er, als 21-Jähriger, den Benediktinern des Klosters Disentis bei. Er studierte Theologie, Germanistik und Kunstgeschichte. Seit 2000 steht er dem Kloster als Abt vor. Das Kloster Disentis ist 1400 Jahre alt, zurzeit wohnen dort 30 Mönche. Im Kloster ist Rauchen verboten. Nicht ganz alle Mönche halten sich jedoch an das Verbot.

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