ProCigar - die Wurzeln eines Festivals
Die Tabakindustrie feiert sich selbst und lädt dazu Aficionados aus der ganzen Welt ein. Warum sie das Recht haben zu feiern und worum es geht. Cigar besucht die Dominikanische Republik und erfährt – zwischen Spanferkel und Cuba Libre – so einiges.
Vom Anfang
Irgendwann ... Der Begriff ist diesmal ganz eng zu sehen, auch wenn ein
paar wenige der Mannschaft wussten, dass es der 12. Oktober 1492 war.
Nach einer mühseligen, angstbefrachteten, nicht enden wollenden Reise
stiegen am Horizont die blaugrün bewaldeten Hügel aus dem Atlantik. Die
Bahamas. Und mit der seither vorherrschenden Arroganz des weissen Mannes
«entdeckten» ein paar hellhäutige, bärtige Fremdlinge eine ganze «neue»
Welt. Sie wurden freundlich empfangen, und die dort ansässigen Menschen
beschenkten die Ankömmlinge unter anderem auch mit getrockneten
Tabakblättern. Damit wussten diese nicht viel anzufangen. Erst als ein
paar Matrosen sahen, wie Einheimische solche Blätter zusammenrollten und
anzündeten, kam der Aha-Effekt. Tabak trinken, nannte man diese
Angewohnheit, und man lernte es schnell. Die weiteren Erfahrungen,
welche die freundlichen Einheimischen machten, endeten im grössten
Genozid der Geschichte der Menschheit. Jedoch überlebte unter anderem
diese neu erworbene Fähigkeit des Tabaktrinkens. Die Pflanze breitete
sich innert kürzester Zeit in der ganzen Welt aus. Der geografische,
tatsächliche Ursprung des Tabaks dürfte sich irgendwo auf den
Hochplateaus der Anden finden, zwischen Bolivien und Peru, und die
Pflanze kam bereits auf präkolumbianischen Handelswegen, vermutlich via
Venezuela, in die Karibik. Verwendet wurde der Tabak als Medizin- und
Ritualpflanze, wurde geraucht, geschnupft, zu Waschungen in Wasser
eingelegt und als Verband über Wunden gebunden. Historisch gesehen ist
es eine Tatsache, dass der erste, in unserem Sinn kommerziell verwertete
Tabak in der Karibik angebaut wurde. Auf Hispañola, wie der früher
gebräuchliche Name der Insel lautete, auf der sich heute die
Dominikanische Republik und Haiti befinden. Und auf Kuba. Vergeblich
versuchten die Spanier ein paar Jahre lang das Monopol zu halten. Heute
wird Tabak praktisch in allen Ländern der Welt angebaut, in denen es das
Klima erlaubt. Die Tabakpflanze stammt, gleich der Kartoffel, dem Mais
sowie anderen Früchten und Gewächsen, auch aus dem Gemüsekorb der Neuen
Welt. Sie hat sich als ungeheuer anpassungsfähig erwiesen.
Tabakindustrie heute
In seiner Ansprache zur Eröffnung des vierten ProCigar-Festivals in
Santiago de los Caballeros im Herzen des Hochlandes der Dominikanischen
Republik erinnerte Hendrik Kelner an diese historische Vorlage. Kelner
ist Präsident von ProCigar, dem Verband der dominikanischen
Tabakmanufakturen. Er machte mit Stolz darauf aufmerksam, dass man heute
mit dem Bewusstsein, die Welthauptstadt des Tabaks zu sein, auf diese
Vorgeschichte zurückblicke. In der Tat. Die Tabakindustrie in der
Dominikanischen Republik ist im Inselstaat die grösste Arbeitgeberin,
die Pflanzungen sind das landesweit wichtigste Agrarprodukt, die
Tabakexporte die höchste Einnahmequelle und die Erzeugnisse weltweit
wegen ihrer Qualität und Vielfalt berühmt. Kelner: «Der Tag, an dem die
Tabakernte in der Dominikanischen Republik eingebracht wird, ist
Weihnachten.» Kein Wunder bei einem Exportumsatz mit Tabakwaren im Wert
von 320 Millionen US-Dollar pro Jahr. Weihnachten feiern rund 65 000
Bauern und Angestellte der Tabakindustrie. Zentrum all dieser tabakären
Aktivitäten ist die Universitätsstadt Santiago im nördlichen Hochland
der Dominikanischen Republik, 1495 von Christoph Kolumbus eigenhändig
gegründet. Wenn auch die Stadt selbst nicht dem ästhetischen Empfinden
eines modernen Städtebauers genügt, die Umgebung tut das auf jeden Fall.
Grosszügige Täler, bewaldete Berge, gepflegte Dörfer und
Tabakpflanzungen. Das legendäre Cibao-Gebiet, in dem erstklassige Tabake
angebaut werden, befindet sich hier. Seitentäler werden erschlossen.
Kelner spricht denn eben auch von der «Welthauptstadt des Tabaks».
Die neue Ära
Das 19. Jahrhundert wurde mit Kriegen und Gemetzeln vergeudet. Kuba
baute in dieser Zeit seine Vorreiterrolle in der Zigarrenindustrie
weiter aus. Nachdem jedoch Fidel und Che 1959 in Habana einmarschiert
waren, brach eine neue Ära an. Die kubanischen Hersteller, die sich
nicht mit dem neuen Regime arrangieren konnten oder wollten, wurden zum
Teil vertrieben oder hauten einfach ab. Sie gingen damals nicht in die
Dominikanische Republik. Die politischen Verhältnisse in Santo Domingo
waren ihnen zu instabil. Man ging nach Nicaragua, nach Spanien. Dort –
unter Somoza oder Franco – wehte ein ähnlicher Wind. Das politische
Klima war verwandt mit jenem, das sie in etwas anderer Form unter
Batista in Kuba gekannt hatten. Und da es ihr Beruf war, Zigarren zu
machen, blieben sie dabei. Plötzlich gab es zum Beispiel Zigarren von
den Kanarischen Inseln. Der Handel mit Tabak umspannte die ganze Welt.
Auf den Kanaren gab es keinen Tabak, also importierte man ihn, aus
Honduras, aus Nicaragua, aus dem fernen Sumatra, aus Kamerun und auch
aus der Dominikanischen Republik. Die fertigen Raucherwaren wurden in
die USA und aufs europäische Festland geliefert. In Jamaica entstand die
Macanudo. In Nicaragua liess sich Arthuro Fuentes nieder. Und dann
veränderte sich Spanien zur Demokratie, Nicaragua wurde sozialistisch
und versank in einem blutigen Bürgerkrieg, Kuba beherrschte den
europäischen Markt. In den USA, wo sich wegen des Embargos keine
Zigarren von dort erwerben liessen, rauchte man, was man kriegen konnte.
In der Dominikanischen Republik hatte 1965 eine militärische
Intervention der USA den Vormarsch der revolutionären
Kräfte gestoppt und ein marktfreundliches Regime installiert. Die
Verhältnisse waren stabil. In den Boomjahren der späten Achtziger, das
Ende des kalten Krieges zeichnete sich ab und die Freihandelszone beider
Amerika war am Horizont aufgetaucht, kamen grosse Unternehmen auf die
Insel. Es ging nicht zuletzt darum, weiterhin zu günstigen Preisen
produzieren zu können. Die zum Altadis-Konzern gehörende Tabacalera
Garcia, heute die weltgrösste Zigarrenfabrik, wurde 1993 in La Romana
gegründet. Sie ist heute einer der wichtigsten Arbeitgeber der
Dominikanischen Republik. Jährlich werden dort zehn Millionen
Premium-Zigarren hergestellt. 2004 trat die Dominikanische Republik per
Volksentscheid dem Freihandelsabkommen CAFTA (Central America Free Trade
Agreement) bei. Somit wurden bestimmte Exporte in die USA erst möglich.
General Cigars kam von Jamaica in die Dominikanische Republik,
Consolidated Cigars liess sich in der Freihandelszone nieder. Davidoff
überwarf sich mit den Funktionären von Cubatabac und kam bereits 1990.
Nicht wenige der alten Herren jener Zigarrengeneration, die als letzte
noch in Kuba geboren war, fanden in der Dominikanischen Republik eine
neue Heimat. Richtig in Gang kam die Produktion eigentlich erst wieder
von 1990 bis 1995. Hier in der Gegend von Santiago und in den
fruchtbaren Gegenden am Fuss der Berge liessen sich die Exilanten aus
den Tabakregionen nieder, und heute kann man mit der Organisation von
ProCigar, einer Vereinigung von unabhängigen Produzenten der
Dominikanischen Republik, mit Recht sagen, dass Santiago de los
Caballeros, wohlgemerkt immer noch etwa gleichauf mit Havana, die
bedeutendste Stadt im Tabakgeschäft geworden ist.
Tabak im Blut
Nur wenige Menschen sind mit dieser Entwicklung vertrauter als Hendrik
Kelner. Er stammt aus einer Familie von Tabakhändlern, die in den
späten Fünfzigerjahren von Holland in die Dominikanische Republik
einwanderte. Keine Pflanzer, sondern Tabakhändler. Sie finanzierten
Bauern mit Krediten, kauften und handelten mit der Rohware. Der Vater
und drei Onkel waren in diesem Geschäft, einer in Indonesien, ein
anderer in Paraguay. Hendriks Kinder, er hat sechs davon, sind jetzt die
dritte Generation. Sein Vater wollte allerdings etwas anderes aus ihm
machen, der Markt war schwierig. Der junge Hendrik studierte erst mal
Wirtschaft in Mexiko. Doch der Tabak war ihm wichtiger als alle
Ökonomie. 1993 wurde er Präsident der neu gegründeten Gruppe ProCigar.
Kelner ist auch heute noch Präsident. Er gilt als einer der führenden
Tabakexperten der Welt. Trotzdem hat er nie eine «eigene» Zigarre auf
den Markt gebracht. Er entschied sich für die «handwerkliche» Seite.
Für die Produktion. Sein Name ist verknüpft mit einigen der bekanntesten
und besten Premium-Zigarren, die es gibt: Griffin, Avo, Troja und
weitere mehr. Seit 1998 ist er Direktor der drei Davidoff-Fabriken in
der Dominikanischen Republik. Sein jüngstes Werk, die Puro de Oro, eine
aus rein dominikanischen Tabaken hergestellte Puro, ist vom Anbau bis
zur Fertigung ein überzeugendes Meisterwerk (siehe Cigar 2 / 2010).
«Unsere» Davidoff
Die Davidoff Group ist nicht das grösste, aber mit Sicherheit das
internationalste Mitglied der ProCigar-Vereinigung. Ausserdem sind die
Plantagen und Fabriken von Davidoff beispielhaft dafür, wie sich die
Tabakwelt weiterentwickelt. Es wird geforscht. Kreuzungen werden mit
neueren Kreuzungen gekreuzt. Kelner: «Es ist eine Lotterie, man muss
Papa und Mama kennen, aber letztendlich ist es ein Geduldspiel.» In
jeder Blüte hat es rund 1000 Samen. «Wir kreuzen, pflanzen an, dann
schaut man sich die Resultate an.» Die Blattgrösse, wie sich die Venen
orientieren, wie widerstandsfähig die Pflanze ist. Dazwischen heisst es
warten, warten und nochmals warten. Drei Jahre dauert es, bis eine neue
Samenkreuzung testreif ist, das heisst, mal in grösserem Mass ausgesät
und geerntet werden kann. Dann wird wieder gewartet, getrocknet,
fermentiert und so weiter. Und nach weiteren zwei Jahren weiss man etwas
über den Geschmack. Mit diesen Samen macht man weiter. Von jeder Ernte
sind 25 Prozent wieder anders, diese werden ausgeschieden, bis man zum
Samen kommt, der gleichbleibende Resultate zeigt ... Das kann bis zu
fünf Jahre dauern.
Das sind dann sieben Generationen der Pflanze unter kontrollierten Bedingungen. Jedes Jahr ist verschieden, mal
gibt es mehr, mal weniger Sonne, Regen, Wind, das wird alles
berücksichtigt. Es dauert also recht lange, bis sich ein Mann wie Kelner
dazu entschliesst: «Den Samen dieser Pflanze nehme ich.» Seit 17 Jahren
ist die Dominikanische Republik in diesen Dingen massgebend.
Ein Fest, ein rauschendes
Eine etwas lange Einleitung zum Bericht über ein Zigarrenreisli, mag
sich jetzt der eine oder andere Leser denken. Mitnichten. Ich denke, es
ist wichtig zu wissen, warum das ProCigar ein Ereignis der Superlative
in der Zigarrenwelt ist. Benji Menendez und Avo Uvezian waren die
Grandseigneurs unter den Gastgebern, Hendrik Kelner war die Legende
hinter der Puro de Oro. Jimenez, Avo, Macanudo, Aurora, Griffins
Fonseca, Quesada – um nur ein paar der wichtigeren Brands zu nennen.
Dann die Dominikanische Republik; Ausgaben von Montecristo, H. Upmann,
Partagas, Romeo y Julieta. Vertreter aus Politik und Wirtschaft,
Showstars der Dominikanischen Republik. Man liess es krachen. Drei Tage
in Santiago mit Essen, Trinken, Feiern, mit lauter Musik und gutem
Essen, tagsüber Exkursionen, Fabrikbesuche, Plantagengänge und vieles
mehr. Geraucht werden durfte immer. Im Bus, im Restaurant, im Hotel, am
Strand. Zwischendurch spielten die Golfspieler Golf und die
Nichtschwimmer spielten Cocktailbar bis zum Abwinken. Geschlafen wurde
wenig, es gab zu viel zu sehen und zu erleben. Und die Teilnehmer: Schön
zu sehen, wie sie sich nicht nur auf die Insider, Händler und
Hersteller, gemischt mit ein paar ausgesuchten Journalisten,
beschränkten. International.
21 Nationalitäten waren unter den rund 400 Teilnehmern der Reise
vertreten. Nicht wenige wahre Aficionados liessen es sich etwas kosten,
für einmal ganz nahe heranzugehen. Und zu feiern verstehen sie, die
Geniesser der Tabakwelt. Man feierte sich selbst, und wenn auch die eine
oder andere Musik etwas leiser gestellt hätte sein können, so war es
doch eine Genussreise, um nicht sogar von einem Genussabenteuer zu
sprechen. Schön auch das Fähnlein der aufrechten Eidgenossen, die
Davidoff’-sche Geniesserschar, die sich schon fast exotisch und recht
unschweizerisch dem amerikanischen (Nord und Süd) Lärmpegel anpasste.
Lernen, nicht zuletzt, tat man viel. Tastingworkshops wurden besucht.
Die haitianischen Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Feldern, die Roller
und Fermentierer in den Hallen zeigten eindringlich, dass auch bei den
grossen Herstellern keine Zigarren an den Bäumen wachsen, sondern vor
allem dafür gearbeitet werden muss.
Schlusswort
Hendrik Kelner: «Es gibt kein nachhaltiges, wirksames ökonomisches
Modell ohne soziale Verantwortung. Die Familie der Tabaceros ist kein
leeres Wort. Ein Unternehmer, der dieses Bewusstsein nicht hat, wird
hier, und anderswo, scheitern. Das Produkt ist immer ein gemeinsames.
Ich bin ein Aficionado. Es gibt wohl wenige Produkte, die sich mehr mit
einer Persönlichkeit verknüpfen. Das kann auch ein Land sein. Wie die
Dominikanische Republik. Wie Kuba. Wir von ProCigar bauen an unserer
Vision. Ich habe daran geglaubt, dafür geschwitzt, geschuftet, mein
Schicksal damit verknüpft. Das ist sichtbar, auch für den Konsumenten.
Man kann es schmecken.»
www.procigar.org
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