ProCigar - die Wurzeln eines Festivals

Die Tabakindustrie feiert sich selbst und lädt dazu Aficionados aus der ganzen Welt ein. Warum sie das Recht haben zu feiern und worum es geht. Cigar besucht die Dominikanische Republik und erfährt – zwischen Spanferkel und Cuba Libre – so einiges.

David Höner

Vom Anfang
Irgendwann ... Der Begriff ist diesmal ganz eng zu sehen, auch wenn ein paar wenige der Mannschaft wussten, dass es der 12. Oktober 1492 war. Nach einer mühseligen, angstbefrachteten, nicht enden wollenden Reise stiegen am Horizont die blaugrün bewaldeten Hügel aus dem Atlantik. Die Bahamas. Und mit der seither vorherrschenden Arroganz des weissen Mannes «entdeckten» ein paar hellhäutige, bärtige Fremdlinge eine ganze «neue» Welt. Sie wurden freundlich empfangen, und die dort ansässigen Menschen beschenkten die Ankömmlinge unter anderem auch mit getrockneten Tabakblättern. Damit wussten diese nicht viel anzufangen. Erst als ein paar Matrosen sahen, wie Einheimische solche Blätter zusammenrollten und anzündeten, kam der Aha-Effekt. Tabak trinken, nannte man diese Angewohnheit, und man lernte es schnell. Die weiteren Erfahrungen, welche die freund­lichen Einheimischen machten, endeten im grössten Genozid der Geschichte der Menschheit. Jedoch überlebte unter anderem diese neu erworbene Fähigkeit des Tabaktrinkens. Die Pflanze breitete sich innert kürzester Zeit in der ganzen Welt aus. Der geografische, tatsächliche Ursprung des Tabaks dürfte sich irgendwo auf den Hochplateaus der Anden finden, zwischen Bolivien und Peru, und die Pflanze kam bereits auf präkolumbianischen Handelswegen, vermutlich via Venezuela, in die Karibik. Verwendet wurde der Tabak als Medizin- und Ritualpflanze, wurde geraucht, geschnupft, zu Waschungen in Wasser eingelegt und als Verband über Wunden gebunden. Historisch gesehen ist es eine Tatsache, dass der erste, in unserem Sinn kommerziell verwertete Tabak in der Karibik angebaut wurde. Auf Hispañola, wie der früher gebräuchliche Name der Insel lautete, auf der sich heute die Dominikanische Republik und Haiti befinden. Und auf Kuba. Vergeblich versuchten die Spanier ein paar Jahre lang das Monopol zu halten. Heute wird Tabak praktisch in allen Ländern der Welt angebaut, in denen es das Klima erlaubt. Die Tabakpflanze stammt, gleich der Kartoffel, dem Mais sowie anderen Früchten und Gewächsen, auch aus dem Gemüsekorb der Neuen Welt. Sie hat sich als ungeheuer anpassungsfähig erwiesen.

Tabakindustrie heute
In seiner Ansprache zur Eröffnung des vierten ProCigar-Festivals in Santiago de los Caballeros im Herzen des Hochlandes der Dominikanischen Republik erinnerte Hendrik Kelner an diese historische Vorlage. Kelner ist Präsident von ProCigar, dem Verband der dominikanischen Tabakmanufakturen. Er machte mit Stolz darauf aufmerksam, dass man heute mit dem Bewusstsein, die Welthauptstadt des Tabaks zu sein, auf diese Vorgeschichte zurückblicke. In der Tat. Die Tabakindustrie in der Dominikanischen Republik ist im Inselstaat die grösste Arbeitgeberin, die Pflanzungen sind das landesweit wichtigste Agrarprodukt, die Tabakexporte die höchste Einnahmequelle und die Erzeugnisse weltweit wegen ihrer Qualität und Vielfalt berühmt. Kelner: «Der Tag, an dem die Tabakernte in der Dominikanischen Republik eingebracht wird, ist Weihnachten.» Kein Wunder bei einem Exportumsatz mit Tabakwaren im Wert von 320 Millionen US-Dollar pro Jahr. Weihnachten feiern rund 65 000 Bauern und Angestellte der Tabakindustrie. Zentrum all dieser tabakären Aktivitäten ist die Universitätsstadt Santiago im nördlichen Hochland der Dominikanischen Republik, 1495 von Christoph Kolumbus eigenhändig gegründet. Wenn auch die Stadt selbst nicht dem ästhetischen Empfinden eines modernen Städtebauers genügt, die Umgebung tut das auf jeden Fall. Grosszügige Täler, bewaldete Berge, gepflegte Dörfer und Tabakpflanzungen. Das legendäre Cibao-Gebiet, in dem erstklassige Tabake angebaut werden, befindet sich hier. Seitentäler werden erschlossen. Kelner spricht denn eben auch von der «Welthauptstadt des Tabaks».

Die neue Ära
Das 19. Jahrhundert wurde mit Kriegen und Gemetzeln vergeudet. Kuba baute in dieser Zeit seine Vorreiterrolle in der Zigarrenindustrie weiter aus. Nachdem jedoch Fidel und Che 1959 in Habana einmarschiert waren, brach eine neue Ära an. Die kubanischen Hersteller, die sich nicht mit dem neuen Regime arrangieren konnten oder wollten, wurden zum Teil vertrieben oder hauten einfach ab. Sie gingen damals nicht in die Dominikanische Republik. Die politischen Verhältnisse in Santo Domingo waren ihnen zu instabil. Man ging nach Nicaragua, nach Spanien. Dort – unter Somoza oder Franco – wehte ein ähnlicher Wind. Das politische Klima war verwandt mit jenem, das sie in etwas anderer Form unter Batista in Kuba gekannt hatten. Und da es ihr Beruf war, Zigarren zu machen, blieben sie dabei. Plötzlich gab es zum Beispiel Zigarren von den Kanarischen Inseln. Der Handel mit Tabak umspannte die ganze Welt. Auf den Kanaren gab es keinen Tabak, also importierte man ihn, aus Honduras, aus Nicaragua, aus dem fernen Sumatra, aus Kamerun und auch aus der Dominikanischen Republik. Die fertigen Raucherwaren wurden in die USA und aufs europäische Festland geliefert. In Jamaica entstand die Macanudo. In Nicaragua liess sich Arthuro Fuentes nieder. Und dann veränderte sich Spanien zur Demokratie, Nicaragua wurde sozialistisch und versank in einem blutigen Bürgerkrieg, Kuba beherrschte den europäischen Markt. In den USA, wo sich wegen des Embargos keine Zigarren von dort erwerben liessen, rauchte man, was man kriegen konnte. In der Dominikanischen Republik hatte 1965 eine militärische Intervention der USA den Vormarsch der revolutionären
Kräfte gestoppt und ein marktfreund­liches Regime installiert. Die Verhältnisse waren stabil. In den Boomjahren der späten Achtziger, das Ende des kalten Krieges zeichnete sich ab und die Freihandelszone beider Amerika war am Horizont aufgetaucht, kamen grosse Unternehmen auf die Insel. Es ging nicht zuletzt darum, weiterhin zu günstigen Preisen produzieren zu können. Die zum Altadis-Konzern gehörende ­Tabacalera Garcia, heute die weltgrösste Zigarrenfabrik, wurde 1993 in La ­Romana gegründet. Sie ist heute einer der wichtigsten Arbeitgeber der Dominikanischen Republik. Jährlich werden dort zehn Millionen Premium-Zigarren hergestellt. 2004 trat die Dominikanische Republik per Volksentscheid dem Freihandelsabkommen CAFTA (Central America Free Trade Agreement) bei. Somit wurden bestimmte Exporte in die USA erst möglich. General Cigars kam von Jamaica in die Dominikanische Republik, Consolidated Cigars liess sich in der Freihandelszone nieder. Davidoff überwarf sich mit den Funktionären von ­Cubatabac und kam bereits 1990. Nicht wenige der alten Herren jener ­Zigarrengeneration, die als letzte noch in Kuba geboren war, fanden in der ­Dominikanischen Republik eine neue Heimat. Richtig in Gang kam die Produktion ­eigentlich erst wieder von 1990 bis 1995. Hier in der Gegend von Santiago und in den fruchtbaren Gegenden am Fuss der ­Berge liessen sich die Exilanten aus den Tabakregionen nieder, und heute kann man mit der Organisation von ProCigar, einer Vereinigung von ­unabhängigen Produzenten der Dominikanischen Republik, mit Recht sagen, dass Santiago de los Caballeros, wohl­gemerkt immer noch etwa gleichauf mit Havana, die ­bedeutendste Stadt im Tabakgeschäft geworden ist.

Tabak im Blut
Nur wenige Menschen sind mit dieser Entwicklung vertrauter als Hendrik ­Kelner. Er stammt aus einer Familie von Tabakhändlern, die in den späten Fünfzigerjahren von Holland in die Dominikanische Republik einwanderte. Keine Pflanzer, sondern Tabakhändler. Sie finanzierten Bauern mit Krediten, kauften und handelten mit der Rohware. Der Vater und drei Onkel waren in diesem Geschäft, einer in Indonesien, ein anderer in Paraguay. Hendriks Kinder, er hat sechs davon, sind jetzt die dritte Generation. Sein Vater wollte allerdings etwas anderes aus ihm machen, der Markt war schwierig. Der junge Hendrik studierte erst mal Wirtschaft in Mexiko. Doch der Tabak war ihm wichtiger als alle Ökonomie. 1993 wurde er Präsident der neu gegründeten Gruppe ProCigar. Kelner ist auch heute noch Präsident. Er gilt als einer der führenden Tabakex­perten der Welt. Trotzdem hat er nie ­eine «eigene» Zigarre auf den Markt ­gebracht. Er entschied sich für die «handwerkliche» Seite. Für die Produktion. Sein Name ist verknüpft mit einigen der bekanntesten und besten Premium-Zigarren, die es gibt: Griffin, Avo, Troja und weitere mehr. Seit 1998 ist er Direktor der drei Davidoff-Fabriken in der Dominikanischen Republik. Sein jüngstes Werk, die Puro de Oro, eine aus rein dominikanischen Tabaken hergestellte Puro, ist vom Anbau bis zur Fertigung ein überzeugendes Meisterwerk (siehe Cigar 2 / 2010).

«Unsere» Davidoff
Die Davidoff Group ist nicht das grösste, aber mit Sicherheit das internationalste Mitglied der ProCigar-Vereinigung. Ausserdem sind die Plantagen und Fabriken von Davidoff beispielhaft dafür, wie sich die Tabakwelt weiterentwickelt. Es wird geforscht. Kreuzungen werden mit neueren Kreuzungen gekreuzt. Kelner: «Es ist eine Lotterie, man muss Papa und Mama kennen, aber letztendlich ist es ein Geduldspiel.» In jeder Blüte hat es rund 1000 Samen. «Wir kreuzen, pflanzen an, dann schaut man sich die Resultate an.» Die Blattgrösse, wie sich die Venen orientieren, wie widerstandsfähig die Pflanze ist. Dazwischen heisst es warten, warten und nochmals warten. Drei Jahre dauert es, bis eine neue Samenkreuzung testreif ist, das heisst, mal in grösserem Mass ausgesät und geerntet werden kann. Dann wird wieder gewartet, getrocknet, fermentiert und so weiter. Und nach weiteren zwei Jahren weiss man etwas über den Geschmack. Mit diesen Samen macht man weiter. Von jeder Ernte sind 25 Prozent wieder anders, diese werden ausgeschieden, bis man zum Samen kommt, der gleichbleibende Resultate zeigt ... Das kann bis zu fünf Jahre dauern.

Das sind dann sieben Generationen der Pflanze unter kontrollierten Bedingungen. Jedes Jahr ist verschieden, mal
gibt es mehr, mal weniger Sonne, Regen, Wind, das wird alles berücksichtigt. Es dauert also recht lange, bis sich ein Mann wie Kelner dazu entschliesst: «Den Samen dieser Pflanze nehme ich.» Seit 17 Jahren ist die Dominikanische Republik in diesen Dingen massgebend.

Ein Fest, ein rauschendes
Eine etwas lange Einleitung zum Bericht über ein Zigarrenreisli, mag sich jetzt der eine oder andere Leser denken. Mitnichten. Ich denke, es ist wichtig zu wissen, warum das ProCigar ein Ereignis der Superlative in der Zigarrenwelt ist. Benji Menendez und Avo Uvezian waren die Grandseigneurs unter den Gastgebern, Hendrik Kelner war die Legende hinter der Puro de Oro. Jimenez, Avo, Macanudo, Aurora, Griffins Fonseca, Quesada – um nur ein paar der wichtigeren Brands zu nennen. Dann die Dominikanische Republik; Ausgaben von Montecristo, H. Upmann, Partagas, Romeo y Julieta. Vertreter aus Politik und Wirtschaft, Showstars der Dominikanischen Republik. Man liess es krachen. Drei Tage in Santiago mit Essen, Trinken, Feiern, mit lauter Musik und gutem Essen, tagsüber Exkursionen, Fabrikbesuche, Plantagengänge und vieles mehr. Geraucht werden durfte immer. Im Bus, im Restaurant, im ­Hotel, am Strand. Zwischendurch spielten die Golfspieler Golf und die Nichtschwimmer spielten Cocktailbar bis zum Abwinken. Geschlafen wurde wenig, es gab zu viel zu sehen und zu erleben. Und die Teilnehmer: Schön zu sehen, wie sie sich nicht nur auf die Insider, Händler und Hersteller, gemischt mit ein paar ausgesuchten Journalisten, beschränkten. International.

21 Nationalitäten waren unter den rund 400 Teilnehmern der Reise vertreten. Nicht wenige wahre Aficionados liessen es sich etwas kosten, für einmal ganz nahe heranzugehen. Und zu feiern verstehen sie, die Geniesser der Tabakwelt. Man feierte sich selbst, und wenn auch die eine oder andere Musik etwas leiser gestellt hätte sein können, so war es doch eine Genussreise, um nicht sogar von einem Genussabenteuer zu sprechen. Schön auch das Fähnlein der aufrechten Eidgenossen, die Davidoff’-sche Geniesserschar, die sich schon fast exotisch und recht unschweizerisch dem amerikanischen (Nord und Süd) Lärmpegel anpasste. Lernen, nicht zuletzt, tat man viel. Tastingworkshops wurden besucht. Die haitianischen Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Feldern, die Roller und Fermentierer in den Hallen zeigten eindringlich, dass auch bei den grossen Herstellern keine Zigarren an den Bäumen wachsen, sondern vor allem dafür gearbeitet werden muss.

Schlusswort
Hendrik Kelner: «Es gibt kein nachhal­tiges, wirksames ökonomisches Modell ohne soziale Verantwortung. Die Familie der Tabaceros ist kein leeres Wort. Ein Unternehmer, der dieses Bewusstsein nicht hat, wird hier, und anderswo, scheitern. Das Produkt ist immer ein gemeinsames. Ich bin ein Aficionado. Es gibt wohl wenige Produkte, die sich mehr mit einer Persönlichkeit verknüpfen. Das kann auch ein Land sein. Wie die Dominikanische Republik. Wie Kuba. Wir von ProCigar bauen an unserer Vision. Ich habe daran geglaubt, dafür geschwitzt, geschuftet, mein Schicksal damit verknüpft. Das ist sichtbar, auch für den Konsumenten. Man kann es schmecken.»

www.procigar.org

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