Ein Vaterleben

Von den Männern zwischen 35 und 40 Jahren ist mehr als ein Drittel kinderlos.

David Höner

Der eigentliche, zentrale Moment ist der, wenn ihm seine Frau oder Freundin mitteilt: «Ich bin schwanger.» Die Nachricht betrifft nur sie zwei, die zukünftige Mutter und ihn, den ab sofort werdenden Vater.

Nennen wir ihn Franz. Er ist es, der jetzt emotional gepackt ist, der seine Frau umarmt. Denn plötzlich ist sie, warum nicht Susanne, seine Frau. Nicht mehr die Freundin, plötzlich ist sie die Frau, die sein Kind in sich trägt. Er sucht nach Worten, tanzt vielleicht herum, ist sichtlich bewegt. Und mit Sicherheit ist es privat, intim, zweisam. Ganz egal, wie gut er sich darauf vorbereitet hatte, ganz egal, ob der künftige Vaterstatus sorgfältig geplant war oder unverhofft in sein Leben trat, ganz egal, ob der Bescheid erwünscht, erhofft oder befürchtet wurde. Das ist nicht der Anlass, sich in die Kneipe zu stürzen: «He, alle mal herhören ...» Nach aussen hin gibt er sich erst mal schweigsam. Nur zögernd teilt er sich der Welt mit, erstmals erwähnt er die Nachricht in der Familie, im engeren Kreis seiner Freunde. Es wird ihm erst jetzt richtig klar, dass es von nun an ein grösseres Wir geben wird. Zukunfts- und Karriereplanung werden neu überdacht. Und ahnungsvoll sieht der werdende Vater Franz gewisse Felle davonschwimmen. Die Teilnahme an Gleitschirmflugwettbewerben, zum Beispiel. «Ich wäre sooo froh, wenn du damit aufhören würdest, gerade gestern stand wieder in der Zeitung ...» Der gewünschte Oldtimer, ach, was hat er sich darauf gefreut, muss nüchternen Überlegungen weichen. Familienkutsche, Kindersitz, er studiert schon mal die betreffenden Angebote, während sie tatsächlich mit wachsendem Bauch die Angebote für Umstandsmode in einschlägigen Zeitschriften mit gerunzelter Stirn betrachtet. Und natürlich stimmt es jetzt mit der dunklen Schokolade, mit den sauren Gurken und den zu teilenden Stimmungsschwankungen. Das Glas Wein zum Abendessen verschwindet ersatzlos. Vom Zigarrenrauch spricht man noch nicht mal. Es werden einsame Abende auf dem Balkon. Nicht ohne Ängste. Natürlich will man jetzt mitdenken, mitteilen. Namensdiskussionen: «Guck mal hier auf der Echographie ... ist das jetzt ...?» Die Wohnsituation wird kritisch betrachtet. Altbau, vierter Stock, ohne Lift? «Aber die Aussicht.» Er geht allein in die Stammkneipe: «Geh nur, ich bin etwas müde, grüss mir die Jungs.» Dort kommt es zu «lustigen» Geschenken; Ohrenstöpsel, Nasenklemmen. «Hohoho! Jetzt fängt der Ernst des Lebens an.» Er kommt früh nach Hause. Vor den trauten Gesprächen, die die werdende Mutter führt, mit Freundinnen oder neuen Bekannten aus dem Schwangerschaftsturnen, flüchtet er in den Bastelkeller, bastelt sich etwas zusammen. Ein Kinderbettchen soll es werden, Überraschung. Die Zeit verfliegt, eben waren es noch Monate. «Es hat sich bewegt, spürst dus?» Plötzlich Wochen, an einer Hand abzuzählen, Tage, in denen eine gepackte Tasche im Flur steht. «Schatz, ich glaube, es ist so weit!» «Taxi!»

Der frisch- bis ganz gebackene Vater

Der eigentliche Vorgang des Gebärens wird den Vätern, welche Anstrengungen sie auch immer unternehmen werden, für immer ein Geheimnis bleiben. Ausser man(n) ist Gynäkologe. Selbst eine Hausgeburt ändert nichts an dieser Tatsache, dass es ausser der vielzitierten Tätigkeiten – Wasser heiss machen, Händchen halten und mitfiebernde Solidarität an den Tag legen – nicht viel zu tun gibt. Trotzdem ist die Anwesenheit des Vaters mittlerweile fast überall möglich und willkommen. Franz geht mit. Natürlich.

Wenn die Arbeit getan und das Neugeborene versorgt ist und die Mutter im wohlverdienten, postnatalen Erholungsschlaf schlummert, darf es dann endlich sein. Jetzt stürmt der nicht mehr werdende, sondern frischgebackene Vater in die Stammkneipe. «Hoch die Tassen, her mit der Zigarre, Brüder eingeschenkt, alles war, ist und wird gut.» Gratulationen werden entgegengenommen, die Anspannungen der letzten Wochen fallen weg, und es herrscht erst mal die grosse Vaterfreude. 

Doch bald nehmen die angedachten Veränderungen im Haushalt konkret Form und Gestalt an. Das neue Familien­mitglied beansprucht jetzt seinen Platz, ist physisch und psychisch präsent in den täglichen Abläufen. Wenn sich nun die Kleinfamilie ebenfalls im Umbruch befindet, wenn die Vaterrolle nicht unzweideutig patriarchalisch ­besetzt ist, wird es, je nach Stimmung und Bereitschaft des frischgebackenen Vaters, erfreulich oder aber bedrohlich. Entweder man lernt es mit Vergnügen, das Wickeln, das nächtliche Spazierengehen mit dem mehr oder weniger friedlichen Nachwuchs, das Zubereiten von Karottenpüree und Fläschchen, und man ist bereit, die freie Zeit dafür zu verwenden, Mutterpflichten zu übernehmen, zu kochen und zu waschen, oder nicht. Franz macht mit. Die so entstehende Verbindung ist einmalig. Im Leben eines Vaters wird sich diese Gelegenheit nicht mehr ergeben. So werden von Anfang an die Bande zwischen ­Vater und Kind fest geknüpft, zum ­gegenseitigen Verständnis und Vergnügen. Doch aufgepasst. Ein stillender ­Vater ward noch nie gesehen, und das Verlangen des Kleinstkindes nach der mütterlichen Nähe lässt sich, ob glattrasiert oder mit Schnurrbart, väterlicherseits nicht erfüllen. Zudem sind die pränatalen Verhältnisse nicht einfach wieder herstellbar. Der Platz im Bett muss öfters geteilt werden, die Nacht­ruhe mag zu kurz kommen. Das Mutter- und Hausfrauensyndrom, nämlich die komplette Usurpation der eigenen Person von dem kleinen Wesen, droht. Langgehegte Freundschaften können kaum mehr gepflegt werden. Tatsache ist, dass man mit Kleinkind zum Paria der Spassgesellschaft wird. Der Satz «geh nur und grüss mir die Jungs» bleibt ungehört, ist nicht mehr Bestandteil des mütterlichen Repertoires. Die Anforderungen an Beruf und Freizeit werden zurückgestellt, das sinnliche Eheleben rutscht in die zweite Linie. Und es kostet Geld. Die Rolle des Versorgers ist, nebst all den anderen Pflichten, auch gefragt.

Ratschläge von Schwiegereltern, Freunden oder Internetratgebern sind eine Sache, die andere ist es, den gemeinsamen Weg zu finden. Nicht selten wird der Weg nach der Geburt des ersten Kindes ein steiniger. Nie war der frischgebackene Vater anfälliger für die Verlockungen der vergangenen Zeit. Auch Franz fällt es schwer, die «männlichen» Privilegien loszulassen. Und just in dieser Zeit wachsen die beruflichen Anforderungen, der nächste Schritt auf der Karriereleiter könnte erklommen werden. Da schwirrt ihm der Kopf, und zuhause entspannen kann er kaum. ­Susanne: «Jetzt bist du mal dran, Schatz, ich bin völlig fertig. Vielleicht ist es Fieber? Der Fiebermesser ist irgendwo, im Badezimmer oder auf dem Nachttisch?  Und irgendetwas ist kaputt mit dem Geschirrspüler. Schaust du mal?» Doch es geht, und bald hört Franz das erste Mal, wies Papa sagt, und ­Riesenfreude herrscht.

Hinten sitzt Max, der Vierjährige im Kindersitz. In der Hand hält er etwas, was kleine, silberne, erbsengrosse Kügelchen verschiesst. Vorne sitzt Kim, schon grosse sieben Jahre alt, voller Mitteilungsdrang darüber, was heute in der Schule passiert ist. Er hat erst Kim aus der Schule, dann Max aus der Tagesstätte abgeholt. Beim Bäcker noch schnell ein Brot, und das geht ja nun an der Tankstelle, Salat, Gemüse und eine Tiefkühllasagne. Jetzt schiesst etwas Glänzendes durch den Wagen, prallt ab am Rückspiegel, trifft Kim, die ihm – man steht an der roten Ampel – den gezeichneten Nikolaus – oder ist es der Osterhase? – vor die Nase hält. Kim dreht sich um, entwindet Max das, was schiesst. Max brüllt, Kim keift, es wird grün. Er fährt den Wagen in die Garage. Eine Stunde später am Küchentisch, die Lasagne ist verteilt, gegessen, der Salat ruht noch in der Tüte. Max schläft im Kindersitz, Kim zeichnet, während der nun schon gutgebackene, hemdsärmelige Vater den Kids aus der NZZ vorliest. Gourmetkritik, und etwas aus der Wirtschaft. Als Susanne kommt, scheucht sie alle ins Bett. 

Erziehungswissenschaftlerin Jeannette Abel: Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und sich den neuen Anforderungen der Gesellschaft stellen. Väter im Alter von 27 bis 37 Jahren wurden befragt. Sie haben eine alltäg­lichere und intensivere Beziehung zu ihren Kindern, als dies noch bei ihren eigenen Vätern der Fall war. Bei der Umsetzung der neuen Vater­rolle gibt es jedoch deutliche Unterschiede, wie stark die tatsächliche Gestaltung den neuen Rollenerwartungen entspricht. «Die Männer haben nur die Chance, ­ihre gewünschte Vaterrolle einzunehmen, wenn die Mütter auch bereit sind, Verantwortung abzugeben», so Abel. «Eine neue Vaterrolle bedingt auch eine neue Mutterrolle.»

Der gestandene Vater

Susanne kommt spät von der Arbeit. Sie ist neuerdings wieder zwei Tage die Woche in ihrem angestammten Job als Hotelfachfrau tätig. Das geht, weil er nach langen Diskussionen sein Pensum, Karriereschritt rückwärts und logischerweise Lohneinbusse, im Architekturbüro auf 80 Prozent reduziert hat. Doch man hat es im Griff, und die Familie ist so arbeitstechnisch gut aufgeteilt. Schliesslich steht sie zuoberst auf der Prioritätenliste. Und gerade angedacht ist es, dass Vater Franz sich in den nächsten Jahren gar komplett aus dem angestammten Beruf verabschieden könnte. Nach einer Lern- und Übergangszeit könnte er den Hotel- und Restaurationsbetrieb der Schwiegereltern übernehmen. Natürlich zusammen mit Susanne.

Franz wird mehr Vater, als ihm lieb ist. Er wagt den Sprung. Gibt das Bauen erst mal auf. Zwar wird ihm der Umbau des veralteten Betriebs der Schwiegereltern getreu übergeben: «Du bist ja Architekt, Franz, du wirst schon wissen, was zu tun ist.» Doch genauso übergibt ihm die jetzt neu noch an der Hotelfachschule Abendkurse belegende Susanne die Familienverantwortung. Das Hausfrauensyndrom beginnt bald an Franz zu nagen. Wenn der Vaterstolz auch nicht nachgelassen hat, so ist er, der jetzt beruflich auf dem Abstellgleis vor sich hin dümpelt, nicht mehr in den gesellschaftlichen Rahmen eingepasst. Lob erhält er von der Frauenseite, nicht ganz ohne Häme wird ihm attestiert, ein vorzüglicher Koch und Hausmann zu sein. Susanne geht im Job auf, plant gar ein neues Wellness- und Spahotel, sitzt im Gemeinderat, der die Tourismuskonzepte neu schmiedet. Franz, gerade vierzig Jahre alt geworden, wäscht und putzt zuhause, bügeln verweigert er, und als er eine Freundin findet, die ihm erlaubt, in ihrem Wohnzimmer ab und zu eine Zigarre zu rauchen, ist sie da, die Affäre.

Midlifecrisis: In der «Mitte des Lebens» treffen einerseits häufig belastende Lebensereignisse (eingeschränkte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, Trennungs- und Verlusterfahrungen, siehe unten) zusammen. Die meisten Fremdgänger sind in der Altersgruppe der 40- bis 54-Jährigen zu finden (30 Prozent).

Jetzt ist von Trennung die Rede. 

Die halbwüchsigen Kinder: «Papi, wie kannst du nur ...?» Und Susanne: «Ich arbeite und arbeite, und dann so etwas ... Das ist ja wohl der Gipfel ... mit dem Geld, das ich verdiene, lädst du die Schlampe auch noch zum Abendessen ein. So etwas muss ich mir nicht bieten lassen.» Franz zieht aus. Er bleibt zwar in der Nähe, aber erst mal sind Tisch und Bett getrennt. Die Kinder hängen an ihm, und er verbringt nach wie vor viel Zeit mit ihnen, vor allem Max leidet ­unter der Trennung. Kim hat sich eher auf die Seite der Mutter geschlagen und straft ihn mit milder Verachtung. «Ihr seid halt Weicheier, ihr Männer.» Dann wäre es so weit. Das Wellness-, Spa- und Urlaubshotel «Edelweiss» mit Gourmetrestaurant, die Hypotheken mit Susannes und Franz’ Unterschriften, steht für Susannes Übernahme bereit. Der Immer-noch-Schwiegervater, mittlerweile 70, mit einer Brissago im Mundwinkel zu Besuch bei Franz: «Redet doch zusammen, Hergott nochmal, sturi Sieche!» 

Wiedervereint gehts in den nächsten Lebensabschnitt. Ein neuer Anfang geht einher mit der wild auflodernden Pubertät Kims. Schliesslich, vor der versammelten Familienfront, an der Papa und Mama Einheit demonstrieren und Max grinst, wird Kim ins Leben hinaus entlassen. Au-pair in Kanada. Max will Koch werden. Recht ist es den Eltern. Sie haben sich wieder gefunden, der ­gegenseitige Respekt ist wieder vorhanden. Ja, es darf auch mal über die Zwischenliebhaber und Affären gelacht werden. Der Laden läuft. Franz als Gastgeber und Hotelier ist etwas anderes als Franz als Hausfrau. Gemeinsam können sie die Anforderungen meistern, Max eine gute Lehrstelle besorgen, und als Kim die Eltern mit einem Mail zum Weihnachtsfest überrascht mit der Nachricht, sie sei schwanger, besteigt man nach den Feiertagen gemeinsam den Flieger nach Vancouver.

Der Grossvater

Dort ist nun der väterliche Zuspruch gefragt, Mutters «Wie kannst du nur!?» kommt weniger gut an. Vater und Tochter spazieren mit blauen Nasenspitzen und Hand in Hand der Pazifikküste entlang. Das gemeinsame Besäufnis mit Jean Baptiste, dem jungen Seemann, den sich Kim als Erzeuger des Familienzuwachses ausgesucht hat, findet ohne Kim und Susanne statt. Die angebotene Zigarre nimmt der Schwiegersohn in spe auf jeden Fall an. Man wird sehen. Kim ist bereit, nach Hause zu kommen. So ganz allein will sie doch nicht in Vancouver bleiben, Jean Baptiste ist mehr auf See als daheim und scheint immerhin neugierig auf den Schweizer Kurort, der ihm von Franz aufs Lebendigste geschildert wurde. «Das hast du gut gemacht», sagt Susanne im Flieger zu ihrem Franz, der zufrieden die Hände über dem Bauchansatz verschränkt und sich von der Stewardess eine ­«Bloody Mary» servieren lässt.

Noch ein paar Mal schlingert das Familienschiffchen, und entweder Susanne oder Franz sind im Obligo, die Sache gemeinsam oder im Alleingang zu regeln. Jean Baptiste ward nicht mehr gesehen, doch Kim und die kleine erste Enkelin wachsen in Sommer- und Wintersaison in den Bergen auf. Enkel gibts bald noch mehr, und wenn das Familienkonzept von Kim auch nicht identisch ist mit den Vorgaben von Franz und Susanne, so werden die Kleinen freudig begrüsst. Wie gewünscht übernimmt Max die Geschäfte – und die junge Assistentin des Vaters gleich mit. Auch er wird Vater.

Fast kommt es Grossvater Franz so vor, als ob die glücklichste Zeit seines Lebens diejenige sei, in der er sich, ohne grosse Ansprüche, mit den Enkeln und der betagten Susanne auf den Spazierwegen seiner Wahlheimat in den Bergen herumtreibt.

Als dann der grosse Gleichmacher eines Abends durch die Tür tritt und ihm die letzte Cohiba aus der Hand nimmt, denkt er noch: «War doch gut so, hat mir gefallen.»

Die Lebenserwartung liegt heute bei Männern bei 77 Jahren.

«Unserem lieben Vater, Grossvater, Ehemann und Freund Franz, 

der nach einem erfüllten Leben unvermutet entschlafen ist, in Liebe und Dankbarkeit.

Nach der Beerdigung laden wir zu seinem Gedenken auf einen Umtrunk im Edelweiss.


Die Hinterbliebenen»  

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