Die Stadtbewohner oder vom Zusammenleben auf grossen Flächen
Stadtlandschaft Schweiz. Die beiden Metropolenräume Genf und Zürich bedecken einen Grossteil der Schweiz. Knapp 75 Prozent der Bevölkerung der Schweiz leben in Städten und Agglomerationen.
Meret Ernst, geboren 1966, Dr. phil., Kunsthistorikerin, Vizepräsidentin der Swiss Design Association, Fachhochschulrätin des Kantons Zürich, seit 2003 Redaktorin für Kultur und Design bei Hochparterre – Zeitschrift für Architektur und Design. Meret Ernst hat eine Tochter und lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Cigar: Wie wohnen wir heute in den Städten?
Meret Ernst: Städte entstanden über lange Zeit, und es gab dabei unterschiedliche Bedürfnisse. Diese verändern sich ständig. Der Anteil Wohnfläche pro Person zum Beispiel hat sich in den letzten Jahren permanent vergrössert. Vor fünfzig Jahren wohnte man dichter. So sind die Wohnungsgrundrisse grösser geworden, und mit dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs erhöhte sich die ökonomische Attraktivität des Stadtzentrums.
Die Agglomeration gehört bei uns beinahe zur Stadt. Was ist das Besondere an diesen Wohnquartieren?
Ernst: In der Hochkonjunktur der Siebzigerjahre war die Bevölkerungszahl der Städte rückläufig, weil viele aufs Land, in die Agglomeration, zogen. Seit 1990 wird in Zürich das S-Bahn-Netz ausgebaut – eine Erfolgsgeschichte. Mit der Erschliessung ergaben sich bestimmte bevorzugte Lagen. Heute ist es möglich, halbwegs im Grünen zu wohnen und einen kurzen Weg in die Stadt zu haben. Es entstanden die Pendlerbewegungen.
Der moderne Mensch ist ein Städter. Genauer ein Vorstädter?
Ernst: Viele Leute sind darauf angewiesen zu pendeln, weil ihr Wohnort und ihr Arbeitsort nicht mehr beieinander liegen.
Eine andere, auch eher neue Variante ist es, den Arbeitsplatz zuhause zu haben.
Ernst: Das ist abhängig von den Arbeitsmodellen, die den Arbeitnehmern angeboten werden. Es gibt bei Banken, Versicherungen und grossen internationalen Unternehmen die Möglichkeit, einen Teil der Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Man arbeitet von unterwegs, von zuhause, dank Internet ist das möglich. Aber Untersuchungen belegen, dass die Arbeitnehmer quasi andocken müssen. Mindestens zwei Tage pro Woche – das ist die Formel, die ausprobiert wird. Ab einer bestimmten Kaderstufe sitzen Mitarbeitende zwischen 50 und 60 Prozent ihrer Arbeitszeit nicht an ihrem Arbeitsplatz. Die Unternehmen kalkulieren genau: Neben den Lohnkosten bilden die Arbeitsplatzkosten den zweithöchsten Kostenfaktor in Dienstleistungsunternehmungen. Desksharing und flexible Arbeitsmodelle sind so gesehen sinnvoll.
Sollte dann ein Unternehmer vielleicht sogar einen Anteil an die Miete bezahlen, wenn sein Angestellter zuhause arbeitet?
Ernst: Infrastrukturkosten werden tatsächlich privatisiert und gehen zu Lasten des Arbeitnehmers. Die Argumentation der Arbeitgeber läuft aber anders. Wenn ich mir neue Bürokonzepte einer Grossbank anschaue, vermittelt diese damit Flexibilität, einen Arbeitsplatz und Arbeitszeitmodelle, die besser auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer eingehen. Man kann an einem schönen Wochentag etwa segeln gehen und am verregneten Wochenende zuhause arbeiten, die Kinder nach der Schule sehen und sich dafür am Abend noch mal einloggen – das klingt auf den ersten Blick nicht schlecht. Doch dahinter stehen stets auch ökonomische Überlegungen.
Werden die Innenstädte zu Andockstellen neuer Arbeitskonzepte?
Ernst: Es gibt schöne alte Häuser in den Innenstädten, die nicht länger bewohnt werden, sondern längst als Arztpraxen, Kanzleien oder Anwaltsbüros dienen. Die Nutzungskonzepte dieser Gebäude haben sich geändert. Gebäude in diesen Lagen sind teuer, und ein Unternehmen kann es sich eher leisten, die hohen Mieten oder Kaufpreise zu bezahlen. Aber wenn wir von grossen Unternehmen sprechen, bauen diese in der Vorstadt eigene, grosse Bürogebäude. Die kleinräumigen Strukturen der Innenstadt genügen nicht, wenn ein Unternehmen
ein paar tausend Mitarbeiter hat. Übrig bleibt der Hauptsitz an der Bahnhofstrasse, doch die Angestellten haben ihren Arbeitsplatz in Opfikon-Glattbrugg.
Working Ghetto. Nachts hat es dort nur noch ein paar Sicherheitsbeamte. Gewohnt wird da nicht.
Ernst: Genau. Das kulturelle Leben spielt sich nicht dort ab, sondern in der Stadt. Sie erfüllt Zentrumsfunktionen, die deshalb auch so heissen. Verwaltung, Schulen und Universitäten, Schauspielhaus, Opernhaus, Kinos, Kunsthaus, Museen. Nicht zu vergessen die Einkaufsmöglichkeiten.
Sihlcity in Zürich eröffnete im März 2007, als Beispiel moderner Zentrumsfunktion also?
Ernst: Mit diesem Anspruch ist es angetreten. Alles, was eine Stadt braucht, gibt es dort, so der Werbeclaim. Inklusive Parkhaus. Interessant ist, dass dieses Zentrum an einem Standort entstanden ist, an dem sich früher die produzierende Industrie befand. Man hat einen in sich geschlossenen, begrenzten Bereich geschaffen.
Einen Konsumtempel, der Ausdruck ist hier wohl angebracht. Und in der Agglo gibt es keine Läden mehr?
Ernst: Das ist vielleicht etwas überspitzt formuliert, aber der Tendenz nach richtig. Historisch gesehen steckt dahinter die Idee der funktionsaufgeteilten Stadt. Das geht zurück auf Le Corbusiers Visionen einer modernen Stadt. Hier arbeiten, da Unterhaltung, dort wohnen.
Geschichtlich gesehen sind das keine sehr alten Ideen?
Ernst: Nein, das ist das Denken des zwanzigsten Jahrhunderts. Doch heute weiss man: Eine solche Aufteilung bringt neue Probleme mit sich. Allein um den Verkehr zu organisieren, braucht es enorme Flächen.
Nun leben wir in diesen Strukturen. Und jetzt werden sie wieder hinterfragt.
Ernst: Das Konzept der funktionalen Trennung ist bereits vor vierzig Jahren kritisiert worden. Das war die Zeit, in der die Probleme der anonymen Schlafstädte offensichtlich wurden, der grossen Blocksiedlungen mit allen ihren sozialen Konflikten.
Es hat auch etwas Unschönes. Der Traum ist doch, dass man etwas von allem hat. Den Kindergarten, den Einkaufsladen, das Restaurant, die Grünanlage ...
Ernst: Das sind die attraktiven Quartiere. Gute Durchmischung lautet das Schlagwort der letzten zwanzig Jahre. Wohnen und Arbeiten wird kombiniert. Aber auch Altersgruppen und soziale Schichten sollen miteinander leben.
Ist denn diese Trennung nach Funktionen ein umkehrbarer Prozess?
Ernst: Die Tendenz geht dahin. Es ist letztlich nicht sinnvoll, wenn die halbe Wohnbevölkerung der Schweiz jeden Tag mit der S-Bahn oder mit dem Auto am Morgen weg und abends wieder zurück fährt.
Weniger Mobilität? Dann sind wir wieder beim Arbeitsplatz zuhause.
Ernst: Nicht nur für Bürokonzepte gewinnen Arbeitsmodelle der Kreativszene an Attraktivität. Also Arbeitsformen, die nicht mehr zwischen Leben und Arbeiten trennen und in denen dank der Informations- und Kommunikationstechnologie ständig und überall gearbeitet werden kann. Dazu zählen vor allem gestalterische Berufe; Grafikerinnen, Journalisten, Webdesigner, Künstlerinnen. Das sind meistens selbstständig Erwerbende oder Mikrounternehmen, die meist unter prekären wirtschaftlichen Bedingungen produzieren. Dafür geniessen sie einen hohen Grad an Freiheit und Autonomie. Das erfordert natürlich eine höhere persönliche Disziplin, ein ganz anderes Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen. Solche Modelle sind attraktiv, nicht nur für die Kreativwirtschaft, zu der die potente Werbe- und Musikindustrie, Medien, kulturelle Institutionen oder Verlage gehören. In der Wissensgesellschaft, in der wir leben, zählen sich inzwischen sogar die Banken dazu.
Gehören dazu auch andere Wohnstrukturen, etwa die oft erwähnten städtischen Singlehaushalte?
Ernst: Nicht nur die. Ich sehe das als eine Ausdifferenzierung von Wohnmodellen. Dafür gibt es unterschiedliche gesellschaftliche Gründe. Neue Arbeitsmodelle sind das eine. Daneben gibt es andere: Die Menschen werden älter, Frauen sind längst nicht mehr auf das männliche Familienoberhaupt, den Ernährer, angewiesen, Patchwork-Familien erfordern neue Wohnmodelle.
Und dazu braucht es andere Wohnformen?
Ernst: Man braucht die richtigen Räume dazu. Bereits gibt es städtische Wohnsiedlungen, in denen alternative Wohnformen ausprobiert werden können. Die Grundrisse der Wohnung sind so angelegt, dass die einzelnen Zimmer auch als eigene Einheiten funktionieren. Man kann zwei Wohnungen zu grossen Wohngemeinschaften verbinden oder wieder in kleinere Einheiten aufteilen.
Die gesellschaftliche Entwicklung verändert den Grundriss.
Ernst: Ja. Unsere Bedürfnisse sind anders als die unserer Eltern.
Also gibt es eine ganze Reihe offener Wünsche. Wohnen und Arbeiten in der Stadt, Durchmischung und mehr Platz. Günstig auch noch. Tja.
Ernst: Wir leben in einer liberalen Gesellschaft und hätten Mühe damit, wenn der Staat alleiniger Grundeigentümer wäre wie in China. Aber es ist wichtig, dass die öffentliche Hand diesen Markt reguliert. Sonst ist die gute Durchmischung nicht erreichbar. Das heisst für mich, dass die Stadt Wohnbauförderung betreiben soll – zum Nutzen der Gemeinschaft.
Wie entwickelt sich die Wohnlandschaft in der Stadt, wenn man den Mechanismen des Immobilienmarktes freien Lauf lässt?
Ernst: Die Attraktivität eines Wohnviertels zerfällt, wenn die Preise so hoch werden, dass eine Durchmischung illusorisch ist. Ich erinnere mich an die Diskussionen rund um die Umnutzung des Löwenbräuareals: Zuerst geht die Industrie raus, dann kommt die Kultur rein. Dann verdrängen Besserverdienende die sozial und wirtschaftlich Schwächeren in die Aussenquartiere – ein typischer Fall von Gentrification. Kultur als Vorreiter erobert wenig attraktive Standorte, und die Kreativen, denen persönliche Autonomie wichtiger als Luxus ist, werden wieder an unattraktive, aber günstige Wohnlagen verdrängt. So vergrössert sich das Zentrum. Im Fall des Löwenbräuareals in Zürich haben sich die Schreckensszenarien, die 1995 an die Wand gemalt wurden, erfüllt. Allerdings nicht im befürchteten Ausmass.
Trotzdem ist die Entwicklung so, wie Sie es eben beschrieben haben. Wohnen in der Stadt wird immer teurer. Wohin mit den sozial und wirtschaftlich Schwächeren – ab in die Agglos?
Ernst: Auch in den Wohnsiedlungen am Stadtrand wird heute sozial bewusster gebaut. Der Unterschied zwischen Stadt, Agglomeration und Land ist nicht mehr so ohne weiteres zu erkennen – eine Fahrt mit der Tramlinie 10 vom Hauptbahnhof an den Flughafen Zürich Kloten und durchs Glatttal zurück in die Stadt führt das anschaulich vor Augen. Die Definition, was Stadt ist und wie wir wohnen sollen, wird laufend diskutiert. Klar ist, dass die Zukunft der Menschen in den Städten liegt.
Ausgabe 2/2011
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