Kuba: Das real existierende Paradies des Zigarrenrauchers
Eindrücke aus Villa San Cristóbal de La Habana vom 13. Festival del Habano: Geschäft und Glorie der Zigarre, des Tabaks und der schillerndsten Stadt der Karibik, der Hauptstadt Kubas.
Auf einer fernen Insel
La Habana hat was von jemandem, der in einer durchaus ernstgemeinten Angelegenheit vor unterdrücktem Vergnügen das Lachen kaum zurückhalten kann. Oder von einer schönen Señora, die auf dem Stuhl sitzt und beim offiziellen Staatsbankett mit den Füssen unruhig hin und her tippelt, weil draussen in der Stadt, aus einer Strassenkneipe, der Rhythmus der kubanischen Combo durch die Nacht schallt. Oder von ihr, die sich gleichzeitig beklagt über das unerträgliche Verhalten eines Verkehrspolizisten, der gerade einen Strafzettel schreibt, und derweil die Augen ungeniert über dessen straffen Hintern in der grünen Drillichhose streifen lässt.
Habana ist Aufbegehren und Trauer, Sinnlichkeit und Laster, Schlampe, Dame und Diva, ungestüme Jugend und gelassenes Alter zugleich.
2010 konsumierten die Aficionados für 368 Millionen US-Dollar Havanna-Zigarren. Nachdem in den letzten Jahren ein stetiger Absatzrückgang zu beklagen war, stieg der Gesamtumsatz 2010 um zwei Prozent. Und das, obwohl man in europäischen Ländern starke Umsatzeinbussen hinnehmen musste. Alleine in Spanien ging der Verkauf von Habanos um rund 20 Prozent zurück. Verantwortlich dafür sind die zahlreichen neu in Kraft getretenen Rauchverbote in der EU. Dank den rasant wachsenden Märkten in Asien wurden weltweit mehr kubanische Premiumzigarren verkauft. In China wurden letztes Jahr mehr Habanos geraucht als in Deutschland. Laut Habanos S.A. liegt China neuerdings auf Platz drei, nach Spanien und Frankreich.
Ein frühlingshafter Zauber liegt im Februar über der Stadt. Der warme Wind durchlüftet die Tage, und am Abend senkt sich eine angenehme Frische auf die Strassen und Gassen. Es ist freilich ein Klima, in das sich zu verlieben es niemandem schwerfällt, so wie das Sichverlieben irgendwie zum kubanischen Alltag gehört. In die leicht prahlerische Architektur, in den Rum mit Cola, in die schwingenden Röcke, die wohlschmeckenden Zigarren, die übergrossen, uralten Strassenkreuzer. Verliebtsein in die Stadt selbst, in deren Bewohner, in das beständige Schwingen einer Lebensart, die sich, trotz Armut und verordnetem Sozialismus, die Freude am Leben nicht nehmen lässt.
Wo das Geheimnis der kubanischen Lebensfreude liegt, ist schwierig zu eruieren. Am ehesten ist es wohl die ungebremste Vermischung von Kulturen und Typen, von fröhlichem, romantischem Katholizismus mit afrikanischen Geistern, von karibischer Zärtlichkeit mit spanischer Leidenschaft. Von welchem Standpunkt man Kuba auch immer betrachtet, es ist eine ganz besondere Gesellschaft mit besonderen Gewohnheiten.
Lob der Arbeit
Zu diesen Besonderheiten gehört der kubanische Tabak. Der beste der Welt. Unbestritten. Klima, Boden und Sonne, Wind, Regen und die Mentalität der Bauern ergeben zusammen die Zauberformel. Oft kopiert, nie erreicht. Die verschiedenen Regionen, in denen die Tabakpflanzen wachsen, und die langjährige Erfahrung, wie die Blätter geerntet, getrocknet, fermentiert, sortiert, gemischt und am Ende gerollt werden, haben nicht ihresgleichen. Nirgends auf der Welt. Es geht nicht um sorgfältige Technik, das «Laissez-faire» ist genauso wichtig. Es geht nicht um Produktion um jeden Preis, die Fabriken sind nicht modern und die Arbeitsbedingungen hart. Doch stehen die quasi beamteten Zigarrenroller im letzten real existierenden, sozialistischen Arbeiterparadies der Welt nicht wirklich unter Zeitdruck. Und es klappt auch nicht immer. Aber wenn dann.
Die 166-jährige Zigarrenmanufaktur Partagás ist nach wie vor einer der Vorzeigebetriebe der kubanischen Zigarrenproduktion. Der ehrwürdige Bau, zentral gelegen und von Touristen umlagert, neben dem Capitol. Dort kann sich der Besucher vergewissern, dass sich an der Handarbeit und Sorgfalt, mit der die Puros hergestellt werden, bis heute nicht viel geändert hat. Täglich werden zirka 25 000 Zigarren von 700 Mitarbeitern gerollt und verpackt. Bei Partagás existiert auch noch die
alte Tradition, dass eine Vorleserin in den Arbeitsräumen für die Unterhaltung der Rollerinnen und Roller zuständig ist. Nachrichten, ein Roman, das Neuste von gestern, morgen und heute von Fidel und den Líderes der Partido Comunista de Cuba, PCC.
Es gibt für den Zigarrenraucher selten etwas, was einer geschmacklich gut ausbalancierten, perfekt gereiften, meisterhaft gerollten kubanischen Zigarre das Wasser – oder den Rum – reichen könnte. Und wenn diese Zigarre dann noch an ihrem Ursprungsort, in Habana, geraucht wird, ist das Zigarrenraucherglück komplett und zur Vollkommenheit fehlt nichts. So einfach ist das.
Das gesellschaftliche Ereignis
Und um diesen Moment des vollkommenen Genusses geht es am Festival del Habano in Kuba. Und eigentlich nur darum. Es wird viel Brimborium darum herum inszeniert. Ganze Theater werden mit Kultur, Tanz, Musik gefüllt, das marmorne Opernhaus von kolonialer Pracht brummt vor Wonne und wird von innen heraus eingenebelt. Elegante Frauen stehen neben nicht minder eleganten Herren vor reichhaltigen Buffets. Rauchen. Combos spielen, Gläser klingen. Das Rahmenprogramm kann sich sehen lassen.
Das Empfangsspektakel. Im ehrwürdigen Gran Teatro de La Habana. Purzelvoll bitteschön, und die Sitze mit rotem Plüsch bezogen. Vorher nichts, kein «Salzstängeli» und auch keinen Cocktail. Dann gute zwei Stunden Programm. Exzellent mit Grammygewinnerkompositionen von Leo Brouwer, mit Modern Dance und einer zeitgenössisch-jazzigen Version des Concierto de Aranjuez. Sehr schön alles. Dazwischen kreisen dreidimensional die Zigarren durchs altehrwürdige Theater, fechten die Montecristos Degen-Luftkämpfe. Der Zuhörer und Betrachter rutscht immer schräger auf dem Plüschsitz, dem links eine Stütze fehlt und dessen Sitzfläche langsam die Vertikale sucht. Kunstgenuss versus Sitzkomfort. Danach der Versuch, die tausendköpfige Menge durch den schmalen Eingang in die Oper zu schleusen. Mit Geduld gehts. Und mittendrin im Rahmenprogramm steht der Aficionado, hörend und
staunend.
Zur Erinnerung: Im Jahr 2000 wurde die Habanos S. A., eine Schwesterfirma der Cubatabaco, zu 50 Prozent von Altadis, dem spanisch-französischen Tabakkonzern, übernommen. So konnte Altadis direkten Einfluss auf die Habanos S. A. und Cubatabaco nehmen. Das bedeutet, dass der Kampf um die Aufteilung des globalen Marktes für kubanische Zigarren bereits seit mehr als zehn Jahren im Gang ist. Die Aufhebung des US-Handelsembargos ist überfällig. Auch wichtig zu wissen: 2008 wurden Altadis und damit auch die Anteile von Habanos S.A. durch die britische Imperial Tobacco für über 16 Milliarden Euro übernommen.
Plaudereien
Trotzdem. Am Festival del Habano sind die Zigarren Mittelpunkt. Sie lassen sich feiern. Sozusagen im Familienkreise. Da sind sie nun einmal alle zusammen, die Cohibas und Partagás, die Gloria Cubanas und die H. Upmanns und all die anderen, die vielen Väter, Mütter, Schwestern, Cousinen, Onkel und Schwager, Nichten, Enkel, ja Urenkel, Grosseltern und die Tanten und ihre Stieftöchter. Die ganze, grosse Verwandtschaft. Von den Kleinsten bis zu den Grössten, alle Formate und in allen Stärken und Farben trifft man sich in diesen fünf Tagen mit den aus der ganzen Welt angereisten Freunden. Alte Gerüchte und Geschichten können aufgewärmt werden. Man hört ja so einiges, hat auch schon Nachrichten aus den verbotenen USA, wo auch noch Verwandte wohnen, ja dort unter den althergebrachten Namen auch tabakieren. Am nobelsten gebärdet sich die Dame Cohiba.
«Die sollte doch aber gerade am sozialistischsten sein. Ohne die Barbudos hätte es sie nie gegeben», flüstert Punch seinem Nachbar Montecristo zu.
Und hinter ihnen räuspert sich Opa Bolivar. «Ob Mafia oder Revoluzzer, wir sind die Gleichen geblieben, nicht wahr meine Herren?»
Ach, der Glanz vergangener Zeiten, verlorener Glorie.
«Früher soll es besser gewesen sein?»
«Warum auch nicht, früher war es ja auch besser. Die Jugend, pah …!»
«Haben Sie die neue Partagás No. 5 gesehen, klein, dünn und kurz?»
«Wie bitte?»
«Aber von exzellenter Würze, meine Herren, geradezu aussergewöhnlich.»
«Aber den Vogel schiesst ja wohl die neue Cañonazo ab, diese Cohiba-Leute sind ja alle grössenwahnsinnig, sechzehneinhalb Zentimeter lang …!»
«Psssscht, da kommt sie ... schäkert schon wieder mit dem jungen Montecristo herum ... dabei ist er kleiner als sie.»
«Immerhin auch stolze 156.»
«Es kommt nicht auf die Länge an.»
«Worauf denn?»
«Auf die Dicke. Am besten lang und anständig dick, so wie die Partagás No 5. Auch ganz schick, und ebenso frisch.»
«Meine Güte, wenn man euch so hört, ihr benehmt euch unsozialistisch. Ewiggestrig wie ihr seid, bewundert ihr immer noch die imperiale Vitola der Zigarre.»
«Vitola ... meine Fresse ... die sieht einfach geil aus.»
«Ach halt du die Klappe … Prolo!»
«Immer noch hier, immer noch Hasta la victoria siempre! Genosse Che rauchte H. Upmann.»
«Blödsinn, er rauchte Hoyo de Monterrey!»
«Ach, seid doch still, ich kannte ihn gut, er rauchte Romeo y Julietas.»
«Für die Fotos vielleicht, ansonsten rauchte er, was es gab, der war nicht so versnobt wie ihr.»
So und anders werden die jüngsten Errungenschaften und Entdeckungen misstrauisch begutachtet, angetestet, geliebt oder verworfen.
Galaabend
Freunde. Jetzt kommt die Noche der Noches für uns alle. «Die Internationale erkämpft das Menschenrecht zu rauchen.» Für alle Delegationen, für die Chinesen wie für die Franzosen, die Eng- und Estländer, die Inder und Kroaten, für die Russen und für die Deutschen, die Japaner und für das mittlerweile konsolidierte Deutschschweizer Grüppchen. Schon die Anfahrt dauerte lange, der Einlass auch. Man findet sich an Tischen mit Tischen daneben. Viele Tische, viele Stühle, ein Gewühle. Unüberschaubar die Halle. Landen hier Flugzeuge? Smoking neben Abendkleid und Abendkleid neben Smoking. Weit weg füllt sich die Bühne. Ein ganzes Sinfonieorchester, eine vielköpfige Salsaband, Legenden treten singend auf,
das ganze Tropicana-Ensemble wirbelt. Wohlchoreografiert schwingen Arme und züchtig Beine. Wirklich wahr, das Ende der Halle ist von blossem Auge nicht mehr zu erkennen. Ein feiner, blauer Dunst begrenzt die Sicht.
Sichtbar allerdings, fast könnte man sagen leider, sind die sechs Humidore, die nach dem Essen versteigert werden. Schreckliche Kunstwerke. Doch das Essen ist üppig und die Versteigerung bringt 887 000 Euro, das sind achtundachtundsieben mit drei Nullen. Alleine der Cohibaschrank, natürlich voll mit Puros, zog irgendjemandem 450 000 aus der Tasche. Zugunsten des nationalen Gesundheitssystems. Impresionante. Zum «Hombre del Habano 2010» wurde der deutsche Zigarrenfachhändler und Autor Dr. Maximilian Herzog («Der kleine Herzog») gewählt. Cigar gratuliert.
Nichts zu erfahren war an der Pressekonferenz aus Anlass des 13. Festivals del Habano zum Stand der internen Untersuchungen, in deren Verlauf vor einigen Monaten der Vizepräsident der Habanos S.A., Manuel Garcia, verhaftet wurde. Laut Ana Lopez, der Direktorin für Marketing, sind die Ermittlungen noch im Gang. Die eigentliche Arbeit von Habanos S.A. wird dadurch nicht beeinträchtigt. Im letzten Jahr wurden weltweit 15 neue Geschäftsstellen eröffnet. Insgesamt sind es heute 142 Casas del Habano.
Am nächsten Tag, im Flieger auf dem Weg nach Europa, beginnt die Erinnerung bereits zu verblassen. Wie bei einem Traum, einer Begegnung mit einer anderen Welt in einem aussergewöhnlichen Wunderland, das sich langsam wieder in Rauch auflöst. Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Jahr in Habana.
Neulancierte kubanische Puros 2011
Montecristo No. 2 Gran Reserva Cosecha 2005, Pirámides, Ring: 52, Länge: 156 mm
Partagás Serie E No. 2, Duke, Ring: 54, Länge: 140 mm
Partagás Serie D No. 5, Ring: 50, Länge: 110 mm
H. Upmann Half Corona, Ring: 44, Länge: 90 mm
Cohiba 1966 Edición Limitada 2011, Cañonazo, Ring: 52, Länge: 166 mm
Hoyo de Monterrey Short Hoyo Pirámides Edición Limitada 2011, Forum, Ring: 46, Länge: 135 mm
Ramón Allones Allones Extra Edición Limitada 2011, Franciscos, Ring: 44, Länge: 143 mm
Der genaue Zeitpunkt, ab wann diese Zigarren 2011 auf dem Markt sind, ist noch nicht bekannt. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Tabakhändler.
Ausgabe 2/2011
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