Eine Zigarre für den Steppenwolf

Matthias Martens

«Ein Haus ohne Bücher ist arm,
auch wenn schöne Teppiche
seine Böden und kostbare Tapeten
und Bilder die Wände bedecken.»
Hermann Hesse

Sehr geehrter und von mir bewunderter Herr Hermann Hesse, ich habe Ihren Traktat, bei dessen Erwähnung die Speerspitze unserer zukünftigen Literaten im damaligen Leistungskurs ein heiliges Leuchten in den jungen Augen bekam, wirklich gelesen. Im Bus nach München, im Zug nach Bari und auf der Fähre nach Athen. Dreimal. Danach wanderte der «Steppenwolf» allerdings für sechs lange Wochen immer weiter nach unten in meinem Rucksack. Dort, verknautscht und mit ausgelaufenem Samoswein getränkt, bekam das blaue Suhrkampbüchlein wenigstens die Patina, die es verdient hatte, so, als hätte ich das ganze Buch mehrfach verschlungen und auf Antiparos unter kiffenden Israelis rezitiert oder auf Ios mit barbusigen Schwedinnen diskutiert. Nach drei durchaus ernsthaften Anläufen aber hatte ich aufgegeben, und diese Kapitulation bescherte mir ein veritabel schlechtes Gewissen, welches allerdings wunderbar verstaut war, im hintersten Winkel meines von Ouzo, Retsina, der prallen Sonne und den erwähnten Schwedinnen gezartmarterten Jünglingenhirns. Nun mag die Lektüre über einen unglücklichen, schizoiden Nerd, der sich an seinem fünfzigsten Geburtstag selbst töten möchte, nur bedingt in den ersten Sommerurlaub ohne Eltern passen, als die grössten Lebensprobleme hiessen, Geld zu wechseln, Kleidung zu waschen und frühmorgens nicht vom Strandwächter vertrieben zu werden.

Trotzdem fühlte ich mich, als hätte ich Sie, dessen Werk ich damals kaum kannte, nicht genug wertgeschätzt, mich nicht genug angestrengt. Denn auch «Siddhartha» und «Narziss und Goldmund» kamen für mich erst viel später und waren federleicht zu lesen, als habe der Steppenwolf sie vorgekaut. Es war, als wollte es mir nicht gelingen, mich auf Harry Haller und seine vielschichtige persönliche Not zu konzentrieren. Und doch glaubte ich, dass Sie mir etwas vermitteln wollten, mir, nicht dem Leistungskurs und nicht dem Rest Ihrer glühenden Anhängerschar. Die Beatgeneration hatte Sie zum Halbgott erklärt, eine Rockband sich nach Ihnen benannt, und ich war nicht in der Lage, dieses Buch in der Hängematte zu lesen? Literarisches Versagen in der Ägäis – oder scheiterte die Transzendenz am Sonnenbrand? Es war einfach die Unlust, an die eigene Situation zu Hause zu denken. Zwar war ich weit davon entfernt, mich aufhängen zu wollen, doch hatte ich es mir für mein letztes gymnasiales Jahr als Untermieter bei einem älteren Fräulein gemütlich gemacht, was sich als recht unkommode Wohnentscheidung herausstellen sollte. So brachte ich es nicht fertig, weiterzulesen, und verpasste bei schönstem Sonnenschein den lachenden Mozart und die Liebesspiele von Harry, Maria, Hermine und Pablo sowie den Maskenball, der in Harrys Erlösung gipfelt. Vor allem verpasste ich aber ein wunderbar geschriebenes Buch mit einer vornehmen und doch wilden Sprache, bunten, grellen Wortbildern und der grandiosen Wahrheit, dass niemand auf der Welt nur eine Persönlichkeit hat, sondern jeder Mensch seiner eigenen Vielschichtigkeit ausgeliefert ist.

Noch heute denke ich, wenn ich an Sie denke, auch an Harry Haller und Hermine, und auch immer an diesen Urlaub auf den Kykladen. Und automatisch an die Grünpflanzen im Treppenhaus. Der zerrissene Mensch bleibt regelmässig stehen, nimmt den Geruch des frisch geputzten Treppenhauses und die sorgsam gepflegten Pflanzen – eine Azalee und eine Araukarie mit polierten Blättern – wahr. Er wohnt zur Untermiete bei einer ehrbaren bürgerlichen Frau, die nichts weiss von seinen wölfischen Instinkten und seinen menschlichen Umtrieben, verachtet sich und schämt sich dafür, sie zu täuschen. Seine Flucht aus dieser Welt ist von Selbstmitleid gezeichnet und wird von groteskem Humor begleitet, der sich final als Heilmittel erweist. Sie, Herr Hesse, haben vor dem Steppenwolf in Tübingen, Basel und Bern und danach am Comer See gelebt. Azaleen, wohin man blickt. Während Ihrer vielen Aufenthalte in Heilanstalten und Sanatorien, Ihrer Arbeit in Bibliotheken und Ämtern dürften Ihnen viele Grünpflanzen begegnet sein, stille Zeugen der bürgerlichen Ordnung. Im Steppenwolf stehen diese gepflegten unnützen Staubfänger für die Sehnsucht nach dieser Ordnung, der häuslichen Ruhe und Sicherheit vor allem, was draussen in der Welt lockt und bedroht, giert und lebt und geifert und lacht. Harry bleibt im Treppenhaus stehen und ruht sich aus, ein Innehalten des Getriebenen. Ich war in Griechenland und machte Pause von Grünpflanzen und Ordnung. Keine Zeit, kein Platz, keine Lust, so sehr mich Ihre Geschichte interessierte.

Ich habe den Steppenwolf dann auf der Rückfahrt von Patras nach Ancona gelesen, bei rauer See und Regen. Der Sommer war vorüber und ich war voller düsterer Gedanken an das letzte Schuljahr und an mein kleines Zimmer bei der gutmütigen Vermieterin. Seitdem liebe ich Hermann Hesse und habe Probleme mit Grünpflanzen, ausser mit Tabakpflanzen, sie brauchen wenig Pflege, geschweige denn einen Topf, werden übermannsgross, und vor allem stehen sie nie auf Absätzen in wohlriechenden Treppenhäusern, in die man selbst nicht hingehört.

Ausgabe 2/2011

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